{"id":12829,"date":"2026-05-01T19:06:41","date_gmt":"2026-05-01T19:06:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12829\/"},"modified":"2026-05-01T19:06:41","modified_gmt":"2026-05-01T19:06:41","slug":"schriftstellerin-tsitsi-dangarembga-in-simbabwe-einst-verhaftet-jetzt-lehrt-sie-in-augsburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12829\/","title":{"rendered":"Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga: In Simbabwe einst verhaftet, jetzt lehrt sie in Augsburg"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Frau Dangarembga, 2021 wurden sie in ihrem Heimatland Simbabwe verhaftet. Vorwurf: \u00f6ffentlicher Anstiftung zur Gewalt. Dabei hatten sie bei einem Protest, einer Demo gegen die Korruption im Land, nur ein Pappschild hochgehalten: \u201eWir wollen bessere Verh\u00e4ltnisse\u201c. Wie sicher f\u00fchlen Sie sich heute, in ihrem eigenen Land?<br \/>TSITSI DANGAREMBGA: Der Prozess hat bis September 2022 gedauert, damals hat mich das Gericht schuldig gesprochen. Das Urteil wurde dan erst im Mai 2023 wieder aufgehoben. Es war eine sehr lange, harte Zeit, durch dieses Verfahren zu gehen. Wenn man in solche Verstrickungen verwickelt ist, im Konflikt mit seinem eigenen Staat, f\u00fchlt man sich nat\u00fcrlich unsicher. Meine Situation ist aber keine besondere: Die Lage in Simbabwe ist heute weiter kritisch und ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung f\u00fchlt diese Unsicherheit, meine Angst l\u00f6st sich in der Angst der anderen auf. Wenn ein Land eine Dauerkrise durchlebt, so wie Simbabwe, ist es schwierig, ein Gef\u00fchl von Sicherheit zu entwickeln. Und das ist ein Grund, warum Sie mich heute hier in Deutschland erleben. Ich muss reisen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Andere Menschen in Simbabwe haben diese Chance nicht.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sie bezeichnen sich selbst als \u201eexistential refugee\u201c, als Existenz-Fl\u00fcchtling. Was meinen Sie damit?<br \/>DANGAREMBGA: Ein Fl\u00fcchtling ist jemand, der versucht, einen Ort von Frieden und Sicherheit zu finden, wo er als Mensch leben kann und nicht als Objekt gilt, das gejagt und gehetzt wird. Auch wenn meine Lebensumst\u00e4nde nicht so stark von offensichtlichen Problemen gepr\u00e4gt sind, zum Beispiel Krieg, gibt es da ein anderes Niveau im Leben, auf dem ich Angstfreiheit suche. Auf meinem Feld, der Kunst, ist das aber besonders schwer. Die Normen der Industrie bestimmen Kr\u00e4fte, die nur das repr\u00e4sentieren wollen, was ihrer Gewohnheit entspricht. Das bedeutet: Es wird f\u00fcr mich als Frau aus Afrika schwierig, Kunst zu produzieren, mein Leben damit zu verdienen. Und das liegt daran, wer ich bin. An all den Puzzleteilen, die mich zu dem Menschen machen, der ich bin.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Sie Menschen erreichen und bewegen k\u00f6nnen mit Geschichten. Insbesondere: Ihren Geschichten?<br \/>DANGAREMBGA: Wenn ich schreibe, hoffe ich auf ein Publikum. Ich glaube aber immer noch nicht so ganz daran, dass es wirklich ein Publikum f\u00fcr meine Kunst gibt, sogar heute noch nicht, wenn ich zum Beispiel als Regisseurin einen neuen Film beginne. Was mir die Kraft gegeben hat, trotzdem zu schreiben, war die Literatur, die ich als Studentin an der Universit\u00e4t in Simbabwe kennengelernt habe. Afroamerikanische Frauen begannen damals gro\u00dfe Literatur zu schreiben. Toni Morrison, oder auch Maya Angelou, Alice Walker. Ich erinnere mich noch, wie ich \u201eSehr blaue Augen\u201c von Toni Morrison las. Darin geht es um ein junges, schwarzes M\u00e4dchen, das sich unwohl f\u00fchlt, weil alle anderen so anders aussehen als es selbst. Und das war mir vertraut, das war f\u00fcr mich eine Offenbarung. Wow! Es ist also m\u00f6glich, \u00fcber diese Erfahrung zu schreiben. Und von Toni Morrison habe ich gelernt, was Schreiben auch bedeutet: sich auflehnen gegen alles, was uns zum Schweigen bringen will.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sie waren die erste weibliche Romanautorin Simbabwes, die so einen gro\u00dfen Erfolg feiern konnte. Ist das eine spezielle Position, die sie im Literaturbetrieb einnehmen, zwischen afrikanischem und europ\u00e4ischem Literaturbetrieb? Vielleicht sogar eine Au\u00dfenseiter-Rolle?<br \/>DANGAREMBGA: Was mich wirklich aufrecht h\u00e4lt, ist die Unterst\u00fctzung und die Neugier, die mir der afrikanische Kontinent entgegenbringt. Zum Beispiel im Gespr\u00e4ch mit Menschen aus S\u00fcdafrika, oder aus Kenia. In Simbabwe ist die Kunstszene nicht besonders lebendig, aber selbst dort sp\u00fcre ich, dass es wichtig ist, was ich in der Literatur schaffe, f\u00fcr die Menschen um mich herum. Das l\u00e4sst mich weitermachen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    In <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/augsburg\/\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Augsburg<\/a> sind sie jetzt Gastdozentin an der Universit\u00e4t. In ihren Vorlesungen sprechen sie dar\u00fcber, wie der Kolonialismus bis heute das Verh\u00e4ltnis zwischen Afrika und Europa pr\u00e4gt. Und dabei f\u00e4llt ein spezieller Begriff: Meta-Kolonialismus. Was bedeutet das, in Ihren eigenen Worten?<br \/>DANGAREMBGA: Meta-Kolonialismus, das beschreibt ein Ph\u00e4nomen auf dem afrikanischen Kontinent: Neu, lokale Machteliten kapern die alten Strukturen von ehemaligen Kolonialm\u00e4chten, um sie dann aber nur in ihrem eigenen Interesse auszunutzen, auf Kosten der Bev\u00f6lkerung, der Menschen im Land.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Ein Beispiel?<br \/>DANGAREMBGA: Zum Beispiel in Simbabwe. Dort haben wir eine Befreiungsbewegung erlebt, die einen starken R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung hatte. Dann aber hat die Bewegung die Macht der Institutionen und der Staatsstrukturen genutzt, um sich im weltweiten Handel selbst zu bereichern. Und wir wissen ja, wie die globale Wirtschaft heute funktioniert, und was sie gepr\u00e4gt hat: Es begann mit den europ\u00e4ischen \u201eEntdeckungsreisen\u201c nach Afrika, der Besitzergreifung von Land und Ressourcen. Die neuen Eliten entwickeln diese Ziele und Strukturen nur weiter. Deswegen \u201eMeta\u201c-Kolonialismus.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Augsburg ist die Stadt der Fugger und Welser. Beide Handelsfamilien waren zur Zeit der ersten europ\u00e4ischen Entdeckungsreisen schon unfassbar reich und auch selbst beteiligt am Dreieckshandel mit Afrika. Dabei wurden Menschen zur Ware, Jahrhunderte lang.<br \/>DANGAREMBGA: Wissen Sie, wie das in der Geschichtsschreibung \u00fcbert\u00fcncht wird? Kennen Sie die Geschichte von August Sabac el Cher? Er war Sohn eine nubischen Scheich-Dynastie und einer der fr\u00fchen afrikanischen Menschen in Deutschland, im 19. Jahrhundert. Man erz\u00e4hlt sich, dass er als Geschenk einem preu\u00dfischen Adeligen \u00fcberreicht wurde. Das klingt noch relativ harmlos. Aber wichtig w\u00e4re doch zu fragen: Wie konnte es so weit kommen, dass ein Menschenleben ein \u201eGeschenk\u201c sein kann? Wie kam dieser Adelige in den Besitz eines anderen Menschen? Was wir da in der Nacherz\u00e4hlung erleben, ist oft bewusste Falschdarstellung.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Zur Zeit von Jakob Fugger lag die Macht, nicht nur die finanzielle, in der Hand von wenigen, wei\u00dfen M\u00e4nner. Und heute &#8230;? Steuern wir wieder auf eine \u00e4hnliche Zeit zu?<br \/>DANGAREMBGA: Absolut. Deswegen erleben wir heute auch so einen harten Widerstand gegen soziale Bewegungen, die f\u00fcr Gleichheit k\u00e4mpfen, verschiedene Arten von demografischer Gleichheit. Das begann schon im 13. Jahrhundert mit der Lehre der christlichen Kirchen: Sie predigten als christliches Recht und als christliche Pflicht den absoluten Besitz, das war die Grundlage f\u00fcr die Eroberungen in Afrika. Und dahin steuern wir wieder: Wenige Menschen behaupten, sie h\u00e4tten das absolute Recht.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Was k\u00f6nnen wir als Europ\u00e4er lernen, aus der komplizierten gemeinsamen Geschichte mit dem Kontinent Afrika?<br \/>DANGAREMBGA: Alles h\u00e4ngt davon ab, was wir wirklich wollen. Manche Menschen sind ja sehr gl\u00fccklich, so wie die Verh\u00e4ltnisse nun einmal so sind. Aber wenn wir finden, dass sich etwas \u00e4ndern muss, k\u00f6nnen wir die Art \u00e4ndern, wie wir handeln. Jedes Individuum ist ein Produkt seiner Kultur. Aber wer einen inneren Antrieb sp\u00fcrt, dass sich etwas \u00e4ndern muss, ist schon an dem Punkt, damit zu beginnen.\n  <\/p>\n<p>    Zur Person<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Tsitsi Dangarembga, geboren 1959 im heutigen Simbabwe, ist Autorin und Filmemacherin. Sie gilt als bedeutende Regisseurin des j\u00fcngeren\u00a0afrikanischen Kinos, wurde bekannt durch ihren Roman \u201eAufbrechen\u201c\u00a0und gewann 2021 den\u00a0Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Aktuell ist sie Gastdozentin am Jakob-Fugger-Zentrum der Universit\u00e4t Augsburg und h\u00e4lt am 5. Juni 2025, 18.30 Uhr, ihren n\u00e4chsten Vortrag im Rokokosaal der Regierung von Schwaben.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frau Dangarembga, 2021 wurden sie in ihrem Heimatland Simbabwe verhaftet. Vorwurf: \u00f6ffentlicher Anstiftung zur Gewalt. 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