{"id":12938,"date":"2026-05-02T07:19:11","date_gmt":"2026-05-02T07:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12938\/"},"modified":"2026-05-02T07:19:11","modified_gmt":"2026-05-02T07:19:11","slug":"exiljournalist-aus-aethiopien-ich-will-keine-geschichte-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/12938\/","title":{"rendered":"Exiljournalist aus \u00c4thiopien: \u201eIch will keine Geschichte sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBMlw tspBMlx\">Es hatte monatelange Planung gekostet, in das Gebiet zu gelangen. Allein der letzte Abschnitt der Reise dauerte sieben Stunden zu Fu\u00df. Unter der F\u00fchrung eines einheimischen Schleppers \u00fcberquerten wir Fl\u00fcsse, wanderten durch D\u00f6rfer und erklommen H\u00fcgel und Berge. Ich wollte einen Kommandanten der Rebellen treffen, die in \u00c4thiopien gegen die Regierungstruppen k\u00e4mpfen, und mit Zivilisten sprechen, die unter der Kontrolle der Rebellen lebten. Als Journalist ist dieser Drang schwer zu ignorieren. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Als ich mit den Ergebnissen meiner Gespr\u00e4che von der Reise zur\u00fcckkehrte, war ich zufrieden. Ich dachte, ich h\u00e4tte meine Arbeit getan, und begann zu planen, wie ich die Geschichte erz\u00e4hlen w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Der Autor<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/amir-aman-kiyaro.jpeg\"   alt=\"That\u2019s me in the field working. This was in Tigray in February 2024.\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAViz\"\/><\/p>\n<p class=\"tspAEgr\"> \u00a9 privat <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Amir Aman Kiyaro ist ein \u00e4thiopischer Journalist, der derzeit in Hamburg lebt. Seit 2020 berichtet er \u00fcber Konflikte und humanit\u00e4re Krisen in ganz \u00c4thiopien, unter anderem f\u00fcr die Associated Press. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf sozialen, politischen und menschenrechtlichen Themen, oft aus Kriegsgebieten. F\u00fcr seine Berichterstattung wurde er international ausgezeichnet, unter anderem mit dem AP Gramling Award.<\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Am n\u00e4chsten Morgen klopfte es laut an der T\u00fcr. Drau\u00dfen standen mehrere bewaffnete Polizisten. Ein Toyota-Pickup, dessen Ladefl\u00e4che voll mit M\u00e4nnern und Ausr\u00fcstung war, stand an der Stra\u00dfe. Ein Kameramann filmte alles. Sie drangen ohne Durchsuchungsbefehl in meine Wohnung ein. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Alle in meiner Wohnung befindlichen Personen standen praktisch den ganzen Tag unter Hausarrest, w\u00e4hrend die Beamten jeden Winkel der Wohnung durchsuchten. Nachbarn wurden aus ihren Wohnungen gedr\u00e4ngt und ihre Telefone wurden beschlagnahmt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/region-tigray.jpeg\"   alt=\"Farmers and villagers gathered under the shade of a tree in Tigray on February 27, 2024.\" aria-labelledby=\"caption-15541698\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAViz\"\/> Dorfbewohner in der Region Tigray bei einer Versammlung. <\/p>\n<p class=\"tspAEgr\"> \u00a9 Amir Aman Kiyaro <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Meine Zehen schmerzten noch von dem langen Fu\u00dfmarsch zu den Rebellen, als ich mich pl\u00f6tzlich im Gef\u00e4ngnis wiederfand. Einige Wochen sp\u00e4ter sahen meine Familie und ein Gro\u00dfteil des Landes eine zehnmin\u00fctige Fernsehsendung \u00fcber mich. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">In der Sendung wurde behauptet, ich sei auf frischer Tat dabei erwischt worden, mit terroristischen Gruppen und Staatsfeinden zusammenzuarbeiten. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Ich war immer noch nicht offiziell wegen irgendetwas angeklagt worden. W\u00e4hrend ich im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, abgeschnitten von der Au\u00dfenwelt, sahen Millionen eine Sendung, die mich des Terrorismus bezichtigte. <\/p>\n<p>Projekt \u201eStimmen des Exils\u201c<\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit 2026 ver\u00f6ffentlichen wir Berichte von Exiljournalist:innen aus \u00c4thiopien, Iran, Russland, Afghanistan, Indien, Myanmar, der T\u00fcrkei, Belarus, Aserbaidschan und von der Krim. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Dieser Text ist Teil des Projekts \u201eStimmen des Exils\u201c von Tagesspiegel und K\u00f6rber-Stiftung. Alle Texte von Exiljournalist:innen aus diesem und fr\u00fcheren Projekten finden Sie auf <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/medien\/themen\/stimmen-des-exils\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">unserer Themenseite<\/a>. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Die\u00a0K\u00f6rber-Stiftung\u00a0engagiert\u00a0sich\u00a0auf\u00a0vielf\u00e4ltige\u00a0Weise\u00a0f\u00fcr Exiljournalist:innen, unter anderem mit\u00a0dem <a href=\"https:\/\/koerber-stiftung.de\/projekte\/exile-media-forum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">\u201eExile\u00a0Media\u00a0Forum<\/a>\u201c. Einmal im Jahr l\u00e4dt die Stiftung \u00fcber 150 Medienschaffende im Exil, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und von Hilfsorganisationen nach Hamburg ein, um Zukunftsfragen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Die Reaktion im Internet lie\u00df nicht lange auf sich warten. Einige Zuschauer glaubten der Propaganda und begannen, mich anzugreifen. \u201eEr sollte gesteinigt werden\u201c, lautete ein Kommentar. Andere sahen die Situation anders: \u201eEr hat getan, was ein Journalist tun sollte.\u201c <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Der Journalismus f\u00fchrte mich oft quer durch \u00c4thiopien, um \u00fcber Konflikte und humanit\u00e4re Krisen zu berichten. Krieg hat die Eigenschaft, alles in seinem Weg zu verschlingen, ganz gleich, welche Versprechen die Konfliktparteien auch immer geben m\u00f6gen. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/region-tigray-athopien.jpeg\"   alt=\"Amir Aman Kiyaro: Following the Tigray war, I met this mother in Tigray, in a place called Mai Mekeden, on February 26, 2024. She had come to ask a local leader for help, as she and her children had nothing to eat. Her face etched with worry as her children grew weak from malnutrition.\" aria-labelledby=\"caption-15541668\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAViz\"\/> Eine Frau in der Tigray Region, deren Kinder unterern\u00e4hrt sind. <\/p>\n<p class=\"tspAEgr\"> \u00a9 Amir Aman Kiyaro <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Ich sah die Folgen aus n\u00e4chster N\u00e4he: get\u00f6tete Zivilisten, misshandelte Frauen, zerst\u00f6rte H\u00e4user, hungernde Kinder \u2013 und die Berichterstattung \u00fcber diese Geschichten wurde als Verrat behandelt. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\"><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/nach-zwei-jahren-burgerkrieg-athiopiens-rebellen-geben-waffen-ab-9161334.html?icid=in-text-link_15475841\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Als 2020 der Krieg in Tigray ausbrach<\/a>, wurde die Berichterstattung dar\u00fcber und \u00fcber andere Konflikte fast so gef\u00e4hrlich wie die K\u00e4mpfe selbst. Dennoch versuchte ich, meine Arbeit fortzusetzen. Manchmal bedeutete das, Wege zu finden, um an Orte zu gelangen, die f\u00fcr andere schwer zug\u00e4nglich waren. Ich war \u00fcberzeugt, dass die Menschen wissen mussten, was in einem Land geschah, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/gestorben-in-bewaffneten-konflikten-zahl-der-toten-hat-sich-im-vergangenen-jahr-verdoppelt-9941940.html?icid=in-text-link_15475841\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">das von der Welt kaum beachtet wird<\/a>. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1777706350_907_region-tigray.jpeg\"   alt=\"Oromo Liberation Army (OLA) fighters. This picture was taken on November 27, 2021. I was arrested the next day. (Amir Aman Kiyaro, Exiljournalist aus \u00c4thiopien)\" aria-labelledby=\"caption-15541664\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAViz\"\/> K\u00e4mpfer der Oromo Liberation Army (OLA). Einen Tag nach dieser Aufnahme wurde der Autor verhaftet.  <\/p>\n<p class=\"tspAEgr\"> \u00a9 Amir Aman Kiyaro <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Seitdem hat sich \u00c4thiopien zu einem der f\u00fcr die Presse feindlichsten Umfelder Afrikas entwickelt. Organisationen wie \u201eReporter ohne Grenzen\u201c und das \u201eCommittee to Protect Journalists\u201c dokumentierten bis 2024 mindestens 92 Festnahmen von Medienmitarbeitern. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Lokale Gruppen sch\u00e4tzen, dass seit 2019 mehr als 200 Mal Journalisten verhaftet wurden. Lizenzen unabh\u00e4ngiger Medien werden weiterhin entzogen und Medienorganisationen zur Schlie\u00dfung gezwungen. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Ich geh\u00f6re zu denen, die das Land verlassen haben. Ich kam mit Unterst\u00fctzung der <a href=\"https:\/\/www.hamburger-stiftung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">Hamburger Stiftung f\u00fcr politisch Verfolgte<\/a> nach Deutschland, die meiner Familie und mir half, in einer schwierigen \u00dcbergangsphase Stabilit\u00e4t zu finden. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/amir-pic-copyright-amir-aman-kiyaro.jpeg\"   alt=\"Amir Aman Kiyaro bei der Arbeit in \u00c4thiopien, c: Amir Aman Kiyaro\" aria-labelledby=\"caption-15477051\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAViz\"\/> Amir Aman Kiyaro (von hinten) bei der Arbeit. <\/p>\n<p class=\"tspAEgr\"> \u00a9 Amir Aman Kiyaro <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Doch das Exil bringt eine andere Art von Herausforderung mit sich. Seit meiner Ankunft in Deutschland werde ich oft gebeten, dar\u00fcber zu sprechen, warum ich mein Land verlassen musste. Ich verstehe das Interesse und hoffe, dass es dazu beitr\u00e4gt, die Risiken zu veranschaulichen, denen \u00e4thiopische Journalisten weiterhin ausgesetzt sind. <\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Doch jedes Mal, wenn ich dar\u00fcber spreche, versp\u00fcre ich einen inneren Konflikt. Journalisten sind darauf ausgebildet, die Geschichten anderer zu erz\u00e4hlen. Das ist die Rolle, die wir w\u00e4hlen. Doch das Exil hat mich selbst zur Geschichte gemacht. Es ist eine wichtige Geschichte. Aber es ist auch die einzige Geschichte, die ich hier am h\u00e4ufigsten erz\u00e4hle. <\/p>\n<p>Mehr Texte von Exiljournalisten<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/exiljournalistin-aus-russland-freies-wort-aus-sibirien-15475943.html?icid=topic-list_15475841___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" data-hydrate-props=\"{&amp;escapedquot;element&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;type&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;relatedContent&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;fieldMap&amp;escapedquot;:{},&amp;escapedquot;relation&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;fields&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;isPaid&amp;escapedquot;:null},&amp;escapedquot;href&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;\/themenspeziale\/exiljournalistin-aus-russland-freies-wort-aus-sibirien-15475943.html&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;teaserTitle&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;kicker&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;Exiljournalistin aus Russland&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;headline&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;Freies Wort aus Sibirien&amp;escapedquot;},&amp;escapedquot;id&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;15475943&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;type&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;story&amp;escapedquot;},&amp;escapedquot;isPartOfList&amp;escapedquot;:true,&amp;escapedquot;topicListType&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;single-topic&amp;escapedquot;},&amp;escapedquot;showArrow&amp;escapedquot;:true}\" data-hydrate-slots=\"{&#039;default&#039;:[]}\" class=\"tspB9nt tspCBn0\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Exiljournalistin aus Russland Freies Wort aus Sibirien <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBMlw\">Ich f\u00fchle mich am meisten wie ich selbst, wenn ich wieder berichte und wenn ich nach neuen Geschichten suche, mit Menschen spreche und versuche, die Welt um mich herum zu verstehen. Nicht, wenn ich das Objekt der Geschichte bin, sondern wenn ich das tue, wozu Journalisten berufen sind. Zuh\u00f6ren, beobachten und die Geschichten anderer erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es hatte monatelange Planung gekostet, in das Gebiet zu gelangen. 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