{"id":13139,"date":"2026-05-02T21:06:30","date_gmt":"2026-05-02T21:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13139\/"},"modified":"2026-05-02T21:06:30","modified_gmt":"2026-05-02T21:06:30","slug":"arbitration-schiedsanwaeltin-trainiert-juristen-in-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13139\/","title":{"rendered":"Arbitration: Schiedsanw\u00e4ltin trainiert Juristen in Afrika"},"content":{"rendered":"<p>Ronja von Poschinger-Camphausen ist seit eineinhalb Jahren Anw\u00e4ltin in Hamburg \u2013 und Trainerin f\u00fcr Schiedsgerichtsbarkeit in afrikanischen L\u00e4ndern. Im Interview erz\u00e4hlt sie, was die Juristen unterscheidet und welches Potenzial Afrika hat.<\/p>\n<p>LTO: Frau von Poschinger-Camphausen, Sie sind jetzt seit gut einem Jahr Associate bei RSM Ebner Stolz in Hamburg mit dem Schwerpunkt Arbitration, aber auch Trainerin f\u00fcr Schiedsgerichtsbarkeit in afrikanischen L\u00e4ndern. Wie kam es dazu?<\/p>\n<p>Ronja von Poschinger-Camphausen: Ich war schon immer sehr international interessiert. In der Schule habe ich jeden Sch\u00fcleraustausch mitgenommen, ich war in den USA, habe aber auch mal ein Jahr in China verbracht. Wenn man seine gewohnte Umgebung verl\u00e4sst, kann man sich selbst viel besser reflektieren und wachsen.\u00a0<\/p>\n<p>Ich habe das Gl\u00fcck, dass ich bei RSM von Anfang an viele Freiheiten hatte, meine eigenen Bereiche zu schaffen. Ich habe mich auf die internationale Schiedsgerichtsbarkeit spezialisiert und bin auch in verschiedenen Netzwerken aktiv, unter anderem im Hamburg Arbitration Circle. Der Verein setzt sich f\u00fcr die F\u00f6rderung der Schiedsgerichtsbarkeit ein.\u00a0<\/p>\n<p>Bei einer Veranstaltung vor einiger Zeit hat mir jemand von der African-German Arbitration Cooperation (AfGAC) erz\u00e4hlt, und dass sich gerade niemand findet, der sich aktiv darum k\u00fcmmern will, weil es nat\u00fcrlich viel Zeit kostet. Es ging darum, das internationale Verst\u00e4ndnis zu f\u00f6rdern, Mechanismen zur Streitbeilegung zu schaffen und eine deutsch-afrikanische Zusammenarbeit auf Augenh\u00f6he zu etablieren. Das hat mich direkt angesprochen.<\/p>\n<p>&#8222;Afrika ist ein absoluter Zukunftsmarkt mit vielen Chancen&#8220;<\/p>\n<p>Wie kann man sich die Ausgangssituation in den afrikanischen Staaten vorstellen?<\/p>\n<p>In Deutschland haben wir etablierte Schiedsgerichtsbarkeitsinstitutionen und Verfahren, die sehr gut funktionieren und f\u00fcr viele Unternehmen eine echte Alternative zur staatlichen Prozessf\u00fchrung sind. In vielen afrikanischen Staaten entsteht diese Struktur gerade erst, nur in manchen afrikanischen L\u00e4ndern gibt es schon etwas mehr, auf das man aufbauen kann.\u00a0<\/p>\n<p>Afrika ist ein absoluter Zukunftsmarkt mit vielen Chancen, und China, die Emirate und die T\u00fcrkei investieren auch schon. Deutsche Unternehmen sind bislang aber noch zur\u00fcckhaltend. Aus meiner Sicht wird so Potenzial verschenkt.\u00a0<\/p>\n<p>Wieso sind deutsche Unternehmen so zur\u00fcckhaltend \u2013 und was k\u00f6nnte die Schiedsgerichtsbarkeit daran \u00e4ndern?<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist die Rechtsunsicherheit ein wesentlicher Faktor. Afrika ist ein Kontinent mit 54 sehr unterschiedlichen L\u00e4ndern, gerade was das Rechtsstaatsniveau und das Vertrauen in staatliche Systeme angeht.\u00a0<\/p>\n<p>Die Schiedsgerichtsbarkeit k\u00f6nnte dabei helfen, sich von den staatlichen Strukturen zu l\u00f6sen. Die Parteien sind freier, Institutionen zu schaffen, und k\u00f6nnen den Schiedsort und die Schiedsrichter w\u00e4hlen. Und einer der gr\u00f6\u00dften Vorteile ist die internationale Vollstreckbarkeit: Schiedsspr\u00fcche k\u00f6nnen zumindest in den 172 Vertragsstaaten des New Yorker \u00dcbereinkommens vollstreckt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Wir arbeiten als Co-Trainer mit Juristen aus Kenia zusammen&#8220;<\/p>\n<p>Was machen Sie als Trainerin f\u00fcr Schiedsgerichtsbarkeit?<\/p>\n<p>Die AfGAC veranstaltet regelm\u00e4\u00dfig Konferenzen in verschiedenen afrikanischen Staaten, zuletzt war ich im M\u00e4rz in Nairobi auf einer Konferenz mit etwa 150 Teilnehmern. Die Zielgruppe des Programms sind Juristen aller Art, also nicht nur Anw\u00e4lte, sondern auch etwa Unternehmensjuristen, Richter und Studierende. Bei den Konferenzen halten internationale Schiedsrechtler Vortr\u00e4ge, anschlie\u00dfend wird diskutiert und die Teilnehmer erarbeiten gemeinsam Themen. Das Programm ist also gerade nicht so aufgebaut, dass man als deutscher Jurist nach Kenia f\u00e4hrt und den Menschen von unserer Schiedsgerichtsbarkeit erz\u00e4hlt, damit sie etwas lernen k\u00f6nnen. Das f\u00e4nde ich schrecklich. Es ist vielmehr eine Art Tandemprinzip. Man arbeitet mit verschiedenen Juristen, meistens Anw\u00e4lten, zusammen und ist dann Co-Trainer.\u00a0<\/p>\n<p>&#8222;In Afrika ist es normal, mit Ende 20 ein gestandener Jurist zu sein&#8220;<\/p>\n<p>Welche Erfahrungen haben Sie in Kenia gemacht?<\/p>\n<p>Am spannendsten fand ich, dass ich als &#8222;junge Frau&#8220; im Litigation-Bereich gar nicht aufgefallen bin \u2013 das kenne ich aus Deutschland anders, wenn ich mich vor Gericht gegen die etablierten Anw\u00e4lte beweisen muss. Afrika insgesamt hat eine sehr junge Bev\u00f6lkerung. Dort ist es absolut normal, mit Ende 20, Anfang 30 ein gestandener Jurist zu sein. Niemand ist auf die Idee gekommen, mich als jung und damit unerfahren anzusehen, sondern es war von Anfang an ein Austausch auf Augenh\u00f6he.\u00a0<\/p>\n<p>Und ich habe unfassbar viele starke und selbstbewusste Frauen kennengelernt, die auch selbst Raum einfordern. Das fand ich sehr beeindruckend. Viele Frauen, die einen Vortrag gehalten haben, haben sich zwischendurch einfach jemanden aus dem Publikum herausgepickt und nach seiner Meinung gefragt. Das ist in Deutschland anders \u2013 aber ich fand es sehr erfrischend und habe mich nach wenigen Tagen daran gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Welche weiteren gro\u00dfen Unterschiede zu deutschen Juristen haben Sie festgestellt?<\/p>\n<p>Die Menschen in Nairobi sind spontaner, alles ist nicht so geplant und durchstrukturiert wie in Deutschland \u2013 aber es gibt keinerlei Qualit\u00e4tseinbu\u00dfen. Sehr beeindruckend und mitrei\u00dfend fand ich auch die Zukunftsgewandtheit der Menschen. Wenn man in Kenia mit den Juristen diskutiert, merkt man sofort, warum sie Anw\u00e4lte sind. Sie m\u00f6chten dort wirklich ein System aufbauen.\u00a0<\/p>\n<p>Und die Menschen haben ein viel gr\u00f6\u00dferes kollektives Bewusstsein als in Deutschland. Zum Beispiel habe ich vor einer Studierendengruppe zwei Vortr\u00e4ge gehalten. Immer, wenn sie merkten, dass manche unkonzentriert wurden, haben sie diese Leute mit kleinen Spielen, die man vielleicht noch aus der Schule kennt, wieder zur\u00fcckgeholt. Davon k\u00f6nnen wir auch noch viel lernen.<\/p>\n<p>&#8222;Nach eineinhalb Jahren schon mindestens 100 m\u00fcndliche Verhandlungen&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Wie sieht Ihr Job aus, wenn Sie nicht gerade in Nairobi unterwegs sind?<\/p>\n<p>Als Anw\u00e4ltin f\u00fcr Litigation und Arbitration besch\u00e4ftigte ich mich mit Konfliktl\u00f6sung in s\u00e4mtlichen Bereichen mit wirtschaftlichem Bezug. Zum einen mache ich klassische Schreibtischarbeit, also verfasse Schrifts\u00e4tze und Klagen. Daneben \u2013 und das ist wahrscheinlich der Lieblingspart jedes Litigators \u2013 bin ich sehr oft vor Gericht. Ich habe mindestens zwei m\u00fcndliche Verhandlungen pro Woche. Gerade als Berufseinsteigerin ist das sehr hilfreich, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Wir betreuen auch viele Massenverfahren. Deshalb hatte ich schon mindestens 100 m\u00fcndliche Verhandlungen, auch wenn ich erst seit eineinhalb Jahren Anw\u00e4ltin bin.\u00a0<\/p>\n<p>Daneben besch\u00e4ftige ich mich viel mit Legal Tech und arbeite daran, die juristische Arbeit mithilfe von K\u00fcnstlicher Intelligent noch effizienter zu machen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich sch\u00e4tze die fachliche Streitkultur&#8220;<\/p>\n<p>Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spa\u00df?<\/p>\n<p>Zum einen auf jeden Fall die Vielf\u00e4ltigkeit der Themen, mit denen ich mich besch\u00e4ftige. Man muss sich immer wieder in neue, komplexe Sachverhalte einarbeiten und wird st\u00e4ndig mit neuen Problemen konfrontiert. Zum anderen mag ich, dass man auch als Berufseinsteiger schon viel Verantwortung \u00fcbernehmen kann. Und ich sch\u00e4tze die fachliche Streitkultur. Es ist mein Job, mich zielf\u00fchrend mit der Gegenseite zu streiten, danach w\u00fcnscht man sich aber einen sch\u00f6nen Feierabend. Ich glaube, von der Diskussionskultur kann man auch im Privatleben profitieren.<\/p>\n<p>Wann reisen Sie das n\u00e4chste Mal nach Afrika?<\/p>\n<p>Das steht noch nicht fest. Es kommt immer darauf an, welche F\u00f6rderungen wir bekommen, deshalb lebt man wie so oft in solchen Projekten von Jahr zu Jahr. Als Wunschziele habe ich Kairo und Kigali angegeben. Beides f\u00e4nde ich super spannend, \u00c4gypten ist nat\u00fcrlich ein Vorreiter in Afrika und Ruanda ist mit Sicherheit sehr anders gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Viel Erfolg weiterhin und vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/p>\n<p>Ronja von Poschinger-Camphausen ist seit Oktober 2024 Associate im Bereich Arbitration und Litigation bei RSM Ebner Stolz in Hamburg. Au\u00dferdem engagiert sie sich in der African-German Arbitration Cooperation und trainiert regelm\u00e4\u00dfig Juristen in afrikanischen L\u00e4ndern. Zuletzt war sie im M\u00e4rz 2025 in Kenia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ronja von Poschinger-Camphausen ist seit eineinhalb Jahren Anw\u00e4ltin in Hamburg \u2013 und Trainerin f\u00fcr Schiedsgerichtsbarkeit in afrikanischen L\u00e4ndern.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13140,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[29,302,1069,1072,1073,269,56,1067,1070,1068,1071],"class_list":{"0":"post-13139","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-afrika","8":"tag-afrika","9":"tag-aktuell","10":"tag-branchennews","11":"tag-gesetzgebung","12":"tag-justiz","13":"tag-nachrichten","14":"tag-news","15":"tag-recht","16":"tag-rechtsinformationen","17":"tag-rechtsnews","18":"tag-rechtsprechung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116507022670032795","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13139"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13139\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}