{"id":13314,"date":"2026-05-03T14:45:20","date_gmt":"2026-05-03T14:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13314\/"},"modified":"2026-05-03T14:45:20","modified_gmt":"2026-05-03T14:45:20","slug":"warum-ruanda-fluechtlinge-willkommen-heisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13314\/","title":{"rendered":"Warum Ruanda Fl\u00fcchtlinge willkommen hei\u00dft"},"content":{"rendered":"<p>Der deutsche Oppositionspolitiker Jens Spahn von der Mitte-Rechts-Partei CDU hat in einem Zeitungsinterview mal wieder eine nicht ganz neue Idee ins Spiel gebracht: Deutschland k\u00f6nnte Migranten nach <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ruanda\/t-17548117\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ruanda<\/a> schicken, wo sie ein Asylverfahren bek\u00e4men &#8211; \u00e4hnlich wie das etwa Gro\u00dfbritannien vorgeschlagen hat. Die Antwort von Regierungsseite kam prompt: &#8222;Kindlich naiv&#8220; nannte Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock die Idee am Montag w\u00e4hrend eines Besuchs in Ruanda.<\/p>\n<p>Aber der Vorschlag zeigt einmal mehr, wie sich die Idee zunehmend verfestigt, Aufnahmeverfahren f\u00fcr Asylsuchende aus Europa auszulagern. Und er belegt Ruandas erfolgreiche Bem\u00fchungen, sich als sicherer Hafen f\u00fcr Asylsuchende zu inszenieren. Aber wie ist die Situation im Land wirklich? Ein \u00dcberblick.<\/p>\n<p>Wie funktioniert Ruandas Regierung?<\/p>\n<p>Seit 2000 hei\u00dft Ruandas Pr\u00e4sident Paul Kagame. De facto regieren er und seine Ruandische Patriotische Front (RPF) das kleine ostafrikanische Land seit dem Ende des V\u00f6lkermords von 1994. Auf dem Papier ist Ruanda eine Mehrparteien-Demokratie. Doch politische Beobachter wie auch die US-Entwicklungsagentur USAID weisen darauf hin, dass eine Opposition &#8222;nicht vorhanden&#8220; sei.<\/p>\n<p>Dreimal schon haben Ruanderinnen und Ruander Kagame zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Die j\u00fcngste <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/kommentar-paul-kagame-bleibt-demokratie-als-fassade-in-ruanda\/a-39966247\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wahl gewann er 2017<\/a> mit 99 Prozent der Stimmen.\u00a0Jedes Mal gab es ernst zu nehmende Kritik: Die Rede war von Wahlf\u00e4lschung und Einsch\u00fcchterung.<\/p>\n<p>Das Projekt &#8222;Varieties of Democracy&#8220;, eine internationale Datenplattform zu Demokratie, stuft Ruanda als &#8222;Wahlautokratie&#8220; ein. Beim <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/freedomhouse.org\/report\/freedom-world\" title=\"Externer Link \u2014 &quot;Freedom in the World&quot;-Bericht von 2023\">&#8222;Freedom in the World&#8220;-Bericht von 2023<\/a> bekommt das Land nur acht von 40 m\u00f6glichen Punkten in der Kategorie politische Rechte.<\/p>\n<p>Welche Rechte und Freiheiten haben Menschen in Ruanda?<\/p>\n<p>Ruanda hat internationale und regionale Menschenrechtsvertr\u00e4ge unterzeichnet, diese sind auch in seine Verfassung und nationale Gesetze eingeflossen. Aber Beobachter haben immer wieder schwerwiegende Menschenrechtsprobleme in Ruanda festgestellt. Sie\u00a0berichten von au\u00dfergerichtlichen Hinrichtungen, Folter und dem Verschwinden von Systemkritikern.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"65503421\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/65503421_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Unbefestigte Stra\u00dfe zwischen gr\u00fcn bewachsenen H\u00fcgeln, auf der Stra\u00dfe tragen Frauen Lasten auf den K\u00f6pfen\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Immer noch lebt rund die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung unterhalb der ArmutsgrenzeBild: Vito Finocchiaro\/ZUMAPRESS\/picture alliance<\/p>\n<p>Auch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist de facto eingeschr\u00e4nkt. Durch die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen herrscht eine &#8222;Kultur der Intoleranz gegen\u00fcber abweichenden Meinungen&#8220;, wie die Menschenrechtsorganisation <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2022\/03\/16\/rwanda-wave-free-speech-prosecutions\" title=\"Externer Link \u2014 Human Rights Watch\">Human Rights Watch<\/a>\u00a0feststellt. Und die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) setzt Ruanda in ihrem aktuellen <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/rsf.org\/en\/country\/rwanda\" title=\"Externer Link \u2014 Pressefreiheitsindex\">Pressefreiheitsindex<\/a>\u00a0nur auf Platz 131 von 180. Begr\u00fcndung: &#8222;Von Jahrzehnten der Unterdr\u00fcckung gebeutelt, ist die ruandische Medienlandschaft eine der \u00e4rmsten in Afrika.&#8220;<\/p>\n<p>Ist Ruanda wirtschaftlich erfolgreich?<\/p>\n<p>Paul Kagame \u00fcbernahm 1994 ein Land, das von 100 Tagen Gewalt zerrissen war: W\u00e4hrend des V\u00f6lkermords waren eine Million ethnische Tutsi und moderate Hutu ermordet worden. Auch die Wirtschaft lag danach am Boden. Diese st\u00fctzt sich bis heute auf Selbstversorgung in der Landwirtschaft.\u00a0Nennenswerte Rohstoffvorkommen hat das &#8222;Land der tausend H\u00fcgel&#8220; im Gegensatz zu einigen Nachbarl\u00e4ndern nicht.<\/p>\n<p>Dennoch gelang es Kagame mit seinem Reformwillen, dem\u00a0Land wirtschaftliches\u00a0Wachstum\u00a0zu bringen und &#8211; der Weltbank zufolge &#8211; &#8222;bedeutende Verbesserungen&#8220; der Lebensbedingungen zu erzielen. Das Bruttoinlandsprodukt ist zwischen 2000 und 2020 um 142 Prozent angewachsen.\u00a02016\/2017 lebten nur noch 52 Prozent der Bev\u00f6lkerung unter der Armutsgrenze. Die M\u00fctter- und S\u00e4uglingssterblichkeit ist drastisch zur\u00fcckgegangen. Heute sticht die Lebenserwartung in dem 13-Millionen-Einwohner-Land als eine der h\u00f6chsten in Subsahara-Afrika heraus.<\/p>\n<p>Daneben z\u00e4hlt Ruanda heute zu den am wenigsten korrupten L\u00e4ndern Afrikas. Als guter Standort, um Gesch\u00e4fte zu machen, belegt das Land den zweiten Platz auf dem Kontinent. In\u00a0der internationalen Rangfolge hat Ruanda im vergangenen\u00a0Jahrzehnt 100 Pl\u00e4tze gutgemacht.\u00a0<\/p>\n<p>Mit Blick auf private Investitionen liegt Ruanda allerdings unter dem Durchschnitt der afrikanischen L\u00e4nder mit niedrigem Einkommen: Hier wirken sich der niedrige Bildungsgrad, die hohen Energiepreise und die Lage des Binnenlandes ohne direkten Zugang zum Meer negativ aus.<\/p>\n<p>Warum ist Ruanda bei Geldgebern im Westen so beliebt?<\/p>\n<p>Als stabiles Land mit geringer Korruption wurde Ruanda <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/die-liebesbeziehung-des-westens-mit-ruanda\/a-65000766\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zum Liebling der Entwicklungshilfe<\/a>: Jahr f\u00fcr Jahr empf\u00e4ngt es rund eine Milliarde US-Dollar (920 Millionen Euro). Kein anderes ostafrikanisches Land bekommt so hohe Pro-Kopf-Hilfen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"67763166\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/67763166_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Stadtansicht mit verschiedenen Geb\u00e4uden in Kigali\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Kigali gilt als saubere, ruhige und sichere StadtBild: Pond5 Images\/imago images<\/p>\n<p>&#8222;Wenn man sich die sauberen Stra\u00dfen und schicken Geb\u00e4ude ansieht, vermittelt das Land\u00a0einen Eindruck von effektiv genutzter Entwicklungshilfe&#8220;, sagt Toni Haastrup, Leiterin des Fachbereichs Globale Politik an der Universit\u00e4t von Manchester. Doch diese Rechnung funktioniere nur, wenn man Frieden und Sicherheit, Ruandas regionale Rolle und Menschenrechte au\u00dfer Acht lasse.<\/p>\n<p>Wie leben Gefl\u00fcchtete in Ruanda?<\/p>\n<p>Fast 135.000 Fl\u00fcchtlinge leben in Ruanda. Die meisten von ihnen kommen aus den Nachbarl\u00e4ndern <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/burundi\/t-18429579\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Burundi<\/a> und <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/demokratische-republik-kongo\/t-18054927\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der Demokratischen Republik Kongo<\/a>. In Ruanda m\u00fcssen sie &#8211; anders als in vielen anderen L\u00e4ndern &#8211; nicht in Camps wohnen, k\u00f6nnen sich frei bewegen und d\u00fcrfen arbeiten, Besitz haben, Unternehmen anmelden oder Bankkonten er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>So kommt ein aktueller Bericht von der Organisation Refugees International zu dem Schluss, dass Ruandas Fl\u00fcchtlingspolitik der &#8222;wirtschaftlichen Inklusion&#8220; anderen L\u00e4ndern in Ostafrika und dar\u00fcber hinaus zum Vorbild dienen k\u00f6nne. Nichtsdestotrotz sehen sich Migranten in Ruanda Benachteiligung und Diskriminierung ausgesetzt, oft sind sie arm.\u00a0Die gro\u00dfe Mehrheit (93 Prozent) lebt in Camps und ist auf eine d\u00fcrftige <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/www.wfp.org\/news\/wfp-increases-food-assistance-refugees-rwanda\" title=\"Externer Link \u2014 monatliche Hilfe von 10.000 Ruanda-Franc\">monatliche Hilfe von 10.000 Ruanda-Franc<\/a> (7,27 Euro) angewiesen.<\/p>\n<p>Das Leben in Ruanda sei hart, sagte der Burundier Kelly Nimubona der DW vergangenes Jahr: &#8222;Wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten, zweimal t\u00e4glich zu essen.&#8220; Eine Arbeit zu finden, sei schier unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Menschenrechtsorganisationen sehen neben der Armut auch Ruandas schlechte Menschenrechtslage als Problem\u00a0f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. In Gro\u00dfbritannien <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/oberstes-gericht-londons-asyl-pakt-mit-ruanda-rechtswidrig\/a-67405729\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">entschied das Oberste Gericht im November, dass Asylsuchende hier nicht sicher seien<\/a>.<\/p>\n<p>Warum inszeniert sich Ruanda als sicherer Hafen f\u00fcr internationale Gefl\u00fcchtete?<\/p>\n<p>F\u00fcr das internationale Fl\u00fcchtlingshilfswerk UNHCR ist Ruanda ein willkommener Partner: Erst vergangenen Monat nahm das Land ein neues Kontingent an Fl\u00fcchtlingen auf, die aus den umstrittenen libyschen Auffanglagern evakuiert worden waren. Das Land hatte sich in der Vergangenheit auch bereiterkl\u00e4rt, abgelehnte Asylsuchende aus Israel aufzunehmen &#8211; inzwischen wurde die\u00a0kontroverse Praktik gestoppt. Zu den j\u00fcngeren Partnerschaften geh\u00f6ren Abkommen mit Gro\u00dfbritannien und D\u00e4nemark, um die Aufnahme von Asylsuchenden zu pr\u00fcfen. Umgesetzt wurden die Deals aber noch nicht.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"67763406\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/67763406_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Menschen spielen auf einem Volleyballfeld\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Das Gashora Emergency Transit Centre wurde nach einer Vereinbarung mit dem UNHCR eingerichtet, um Asylsuchende aus Libyen umzusiedelnBild: SIMON WOHLFAHRT\/AFP<\/p>\n<p>Laut Yolande Makolo, Sprecherin der ruandischen Regierung, liegt die offene Fl\u00fcchtlingspolitik des Landes an der ruandischen Geschichte.\u00a0&#8222;Die Menschen in Ruanda wissen, was es hei\u00dft, unterwegs zu sein, vertrieben zu sein&#8220;, sagte\u00a0Makolo der lokalen <a rel=\"noopener follow nofollow\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" href=\"https:\/\/www.ktpress.rw\/2023\/11\/rwanda-remains-a-safe-place-for-refugees-asylum-seekers-govt-spokesperson\/\" title=\"Externer Link \u2014 Newsplattform KT Press\">Newsplattform KT Press<\/a>\u00a0zufolge im November.<\/p>\n<p>Die Geopolitikerin Toni Haastrup sieht hinter Ruandas Fl\u00fcchtlingspolitik hingegen eine Strategie: &#8222;Es ist ein Weg, Ruandas Ansehen in der internationalen Gemeinschaft zu erh\u00f6hen&#8220;, sagt sie der DW. &#8222;Wenn Ruanda all diese Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr Sie aufgenommen hat, werden Sie es nicht zurechtweisen.&#8220;<\/p>\n<p>Adaptiert aus dem Englischen von Philipp Sandner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der deutsche Oppositionspolitiker Jens Spahn von der Mitte-Rechts-Partei CDU hat in einem Zeitungsinterview mal wieder eine nicht ganz&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13315,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[403,404],"class_list":{"0":"post-13314","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ruanda","8":"tag-ruanda","9":"tag-rwanda"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116511186979809064","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13314","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13314"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13314\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13314"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13314"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13314"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}