{"id":13983,"date":"2026-05-05T13:46:08","date_gmt":"2026-05-05T13:46:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13983\/"},"modified":"2026-05-05T13:46:08","modified_gmt":"2026-05-05T13:46:08","slug":"sudan-minutenlang-schlagen-die-kaempfer-auf-den-kraeftigen-koerper-des-wrestlers-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/13983\/","title":{"rendered":"Sudan: Minutenlang schlagen die K\u00e4mpfer auf den kr\u00e4ftigen K\u00f6rper des Wrestlers ein"},"content":{"rendered":"<p>Der Krieg hat den Sudan tief gespalten und in eine humanit\u00e4re Katastrophe gef\u00fchrt. Auch Wrestler Ali Adam h\u00e4tte fast sein Leben verloren, wurde wochenlang gefoltert. Jetzt k\u00e4mpft er wieder \u2013 und soll den Menschen ein St\u00fcck Normalit\u00e4t zur\u00fcckzubringen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Sie stellen immer wieder dieselben Fragen. Wo die anderen Truppen seien, wollen die Folterer der RSF-Miliz wissen, wo die anderen Spione. Sie verd\u00e4chtigen den Wrestler, Soldat ihres Kriegsgegners zu sein \u2013 der sudanesischen Armee. Doch seine Antworten bleiben gleich: Er sei Wrestler, habe in seinem Leben nie etwas mit dem Milit\u00e4r zu tun gehabt.<\/p>\n<p>Minutenlang schlagen die K\u00e4mpfer der Miliz auf den kr\u00e4ftigen K\u00f6rper von Ali Adam, 28, ein, stechen mit Messern in ihn, hungern ihn aus. Immer dieselben Fragen, als g\u00e4be es nur eine Wahrheit, die sie h\u00f6ren wollen, und unendlich viele Wege, sie aus einem K\u00f6rper herauszuzwingen. Dann lassen sie ihn in einem stickigen Raum zur\u00fcck. Bis zur n\u00e4chsten Folter.<\/p>\n<p>21 Tage geht das so. Bis zum Beginn des Krieges im Sudan vor drei Jahren ist Adam einer der besten und kr\u00e4ftigsten Wrestler des Landes. Jetzt bekommt er pro Tag einige Bohnen, etwas Brot und ein paar Tassen Wasser. Tag und Nacht verschwimmen. Er verliert elf Kilogramm \u2013 und reihenweise Freunde, Mitgefangene. Sie liegen neben ihm, irgendwann reagieren sie nicht mehr, sterben einen stillen Tod.<\/p>\n<p>Ali erz\u00e4hlt von diesen schrecklichen Tagen \u00fcberraschend ruhig. Er hat nicht geglaubt, dass er noch einmal hier stehen w\u00fcrde, ein Jahr nach der R\u00fcckeroberung von Khartum und der benachbarten Industriestadt Bahri durch die Armee, seiner Befreiung und wohl auch Rettung vor dem Tod. Der seit nunmehr drei Jahren andauernde Krieg w\u00fctet in anderen Landesteilen unvermindert weiter, er hat sich zur gr\u00f6\u00dften humanit\u00e4ren Katastrophe der Welt ausgeweitet \u2013 \u00fcber 25 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen, elf Millionen wurden vertrieben, Zehntausende starben. Doch immerhin in Bahri f\u00fchlt es sich wieder ein wenig nach seinem alten Leben an. Am Nachmittag steht sein erster gro\u00dfer Kampf seit Kriegsbeginn an. Er kehrt in den Ring zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bruder bringt ihm Linsen, Brot, Wasser<\/p>\n<p>Ali sitzt auf seinem Bett, das er wie jeden Morgen fein s\u00e4uberlich gemacht hat. Wie alles in dem Zimmer mit den unverputzten W\u00e4nden, das er so rein wie m\u00f6glich h\u00e4lt. In einem Regal liegen sechs Medaillen, Kante an Kante gestapelt. Die beiden goldenen Pokale f\u00fcr den Gewinn der Regionalmeisterschaften sind frisch poliert. \u201eIch mag es gerne ordentlich\u201c, sagt er l\u00e4chelnd. Neun Quadratmeter Ordnung inmitten des Chaos, das auf unabsehbare Zeit \u00fcber dem Sudan liegt.<\/p>\n<p>In diesem Raum hat er sich nach seiner Haft erholt, mit Essen, mit Schlaf, mit Zeit. Sein Bruder brachte ihm Linsen, Brot, Wasser. Vier Tage lang, sagt er, habe er kaum etwas anderes getan als zu essen und zu schlafen, bis der K\u00f6rper langsam die ersten Kr\u00e4fte zur\u00fcckgewann. Nach einigen Wochen begann Adam wieder zu trainieren.<\/p>\n<p>Wenn ihn die Menschen beim Joggen sahen, jubelten sie ihm zu. Wrestling war eine Erinnerung an Zeiten, als man ungeachtet der ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit zusammenkam. Die paramilit\u00e4rische Gruppe RSF (Rapid Support Forces) rekrutiert sich vor allem aus vier arabisch gepr\u00e4gten Ethnien. Der Krieg hat den Sudan tiefer gespalten denn je.<\/p>\n<p>Beim Wrestling hatte man diese schon vorher un\u00fcbersehbaren Gr\u00e4ben immer ein wenig vergessen k\u00f6nnen. Wie wohl sonst nur beim Fu\u00dfball, doch die lokale Liga ruht weiterhin. F\u00fchrende Teams wie Al-Hilal und Al-Merreikh sind gefl\u00fcchtet, haben zun\u00e4chst in der Liga Mauretaniens gespielt und treten nun in der von Ruanda an. Wohl auch deshalb riefen die Menschen Adam zu: \u201eWann k\u00e4mpft ihr endlich wieder?\u201c<\/p>\n<p>Auch der Wrestler hat diesen Tag herbeigesehnt, seine Gefangenschaft mit Erinnerungen an seine K\u00e4mpfe \u00fcberstanden. Er hat zu seiner furchterregenden Statur zur\u00fcckgefunden, muskul\u00f6s, \u00fcber 90 Kilogramm, mit riesigen H\u00e4nden. Und doch wirkt Adam, wie er da auf dem Bett sitzt, verwundbar, der Blick nerv\u00f6s, die Stimme zu ruhig f\u00fcr den einst gef\u00fcrchtetsten Wrestler der Stadt.<\/p>\n<p>Die Mittagshitze ist vorbei, und es ist Zeit zum Aufbruch. Er f\u00e4hrt mit seinem Motorrad, nicht wie fr\u00fcher nur einige Stra\u00dfen weiter zum Haj-Yousif-Stadion, wo ihm einst Tausende zujubelten. Es ist noch nicht vollst\u00e4ndig repariert nach den Zerst\u00f6rungen. Die R\u00e4nge sind gepl\u00fcndert, Sitze herausgerissen, Kabel aus den W\u00e4nden gezogen. Stattdessen f\u00e4hrt er zu einem unscheinbaren Feld am Rande von Bahri, umgeben von ein paar H\u00fctten.<\/p>\n<p>Die Kordofan-Region, Epizentrum des Wrestlings<\/p>\n<p>Den Ring formen in der Abendd\u00e4mmerung Hunderte Menschen, sie sitzen auf Plastikst\u00fchlen auf dem ausgetrockneten Lehmboden. Eine Trommel setzt rhythmisch ein, so wie immer bei Wrestling-K\u00e4mpfen. Doch es klingt, als verk\u00fcnde sie die R\u00fcckkehr von etwas Leben in die Nachbarschaft, w\u00e4hrend in der N\u00e4he R\u00e4umungskommandos nach von der RSF hinterlassenen Landminen suchen.<\/p>\n<p>Am Rand der Menge begr\u00fc\u00dft Adam seinen Trainer Ahadii, von dem er so viel gelernt hat und der fr\u00fcher auch ein gefeierter Wrestler war. Und auch er wurde von der RSF gefoltert, tagelang, wie so viele Menschen, die irgendwie in der \u00d6ffentlichkeit stehen. Der K\u00f6rper des 45-J\u00e4hrigen ist weniger massiv als der des J\u00fcngeren, doch kaum einer beherrscht die Technik dieses Sports so gut wie er. Er stammt aus der Kordofan-Region, die fr\u00fcher als Epizentrum des Wrestlings und heute als eines des Krieges bekannt ist.<\/p>\n<p>Adam sagt, Ahadii k\u00f6nne viel besser als er erkl\u00e4ren, was Wrestling f\u00fcr den Sudan bedeute. Und die Erz\u00e4hlungen \u00fcber seinen geliebten Sport brechen aus dem Trainer tats\u00e4chlich regelrecht hervor. Der Krieg hat ihm tiefe Falten in das Gesicht gemei\u00dfelt, er will ihn f\u00fcr einige Stunden hinter sich lassen. Also erz\u00e4hlt er von seiner Jugend.<\/p>\n<p>Als er zw\u00f6lf war, hat er mit seinem Vater die Ziegen geh\u00fctet. Ahadii zog damals in den Nuba-Bergen von Dorf zu Dorf \u2013 und sah die ersten K\u00e4mpfe. Zur Erntezeit treten ganze D\u00f6rfer gegeneinander an, schicken ihre st\u00e4rksten M\u00e4nner, ihre Hoffnungstr\u00e4ger. \u201eVon da an habe ich keinen Kampf mehr verpasst, von dem ich geh\u00f6rt habe\u201c, sagt Ahadii. \u201eManchmal habe ich sogar die Ziegen zur\u00fcckgelassen und musste sie danach suchen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWichtig f\u00fcr die Menschen, dass Wrestling wieder beginnt\u201c <\/p>\n<p>Und er k\u00e4mpfte mit, lernte die Griffe und die Taktik von seinem Vater. Und nat\u00fcrlich die Rituale: das Einreiben der Haut mit Erde, das Trommeln, die feierliche Ank\u00fcndigung der K\u00e4mpfer. Und die Ber\u00fchrung des Bodens, bevor er auf den Gegner losgeht, als Zeichen der Verbindung zur Erde. \u201eWenn ich an meine Jugend denke, dann denke ich an diese K\u00e4mpfe mit meinen Freunden in den D\u00f6rfern\u201c, sagt Ahadii, \u201eund an die gr\u00fcnen Felder dahinter, auf denen das Vieh weidet.\u201c<\/p>\n<p>Adam h\u00f6rt ihm schweigend zu, manchmal huscht ein L\u00e4cheln \u00fcber sein Gesicht, manchmal steigen ihm Tr\u00e4nen hoch. Er ist hier in Bahri geboren, ein Stadtkind, hat alles von seinem Trainer gelernt. Seine Eltern waren einst wie so viele aus dem l\u00e4ndlichen Nord-Darfur auf der Suche nach Arbeit in die Gro\u00dfstadt gezogen. Dort ist Wrestling nicht so tief verankert wie in Kordofan, aber doch zunehmend popul\u00e4r, wie \u00fcberall im Land. Adam war bei seinen Besuchen ein Star, auch f\u00fcr seine Oma. Als sie vor zwei Jahren an einer chronischen Krankheit starb, konnte er nicht zur Beerdigung. \u201eDas wird f\u00fcr mich f\u00fcr immer ein Schmerz bleiben\u201c, sagt er. Darfur wird inzwischen komplett von der RSF kontrolliert, die dort einen V\u00f6lkermord an mehreren Ethnien ver\u00fcbt hat.<\/p>\n<p>Zuerst k\u00e4mpfen die Kinder, dann die Jugendlichen \u2013 und in der Abendd\u00e4mmerung tritt schlie\u00dflich Adam in die Mitte. Aus Lautsprechern t\u00f6nt Musik, doch die Zuschauer rufen seinen Namen lauter. Die Bewegungen des erfahrenen K\u00e4mpfers sind fast vorsichtig, als taste er sich noch immer in diese Welt zur\u00fcck. Anders als sein hoch aufgeschossener Kontrahent tritt er nicht mit nacktem Oberk\u00f6rper an, sondern tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Trikot. Seine Folterwunden darunter sind vernarbt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Adam mit seinem Gegner belauert, schaut am Rand Trainer Ahadii angespannt zu. \u201eEs ist so wichtig f\u00fcr die Menschen, dass Wrestling wieder beginnt.\u201c Er glaubt fest daran, dass der Sport die Menschen wieder ein St\u00fcck n\u00e4her zusammenbringen kann. RSF-Sympathisanten seien hier nat\u00fcrlich nicht willkommen. Gleichzeitig werde jedoch niemand aus den mit der RSF assoziierten ethnischen Gruppen unter Generalverdacht gestellt. \u201eJeder ist willkommen.\u201c So sei das immer gewesen.<\/p>\n<p>Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.<\/p>\n<p>Sein Sch\u00fctzling hat jetzt die Schwachstellen des Gegners identifiziert. Sie gehen im Kreis umeinander, die H\u00e4nde zucken nach vorne, finden kurz den K\u00f6rper des anderen, l\u00f6sen sich wieder. Ein erstes Tasten, noch kein Griff, der h\u00e4lt. Dann kommt der erste feste Kontakt. Eine Hand an der Schulter, die andere tiefer an der H\u00fcfte. Die K\u00f6rper gehen enger zusammen, Stirn an Stirn.<\/p>\n<p>Adam findet Halt, zieht, dreht, hebt. Der andere stemmt sich noch dagegen. Dann verliert er den Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Der Aufprall ist kurz und hart, Staub wirbelt auf. Adam bleibt oben, h\u00e4lt noch einen Moment, bis der Schiedsrichter den Sieg signalisiert. Dann l\u00f6st er sich.<\/p>\n<p>Die Spannung entl\u00e4dt sich. Adam rei\u00dft die Arme in die H\u00f6he, jemand ruft seinen Namen ins Mikrofon, Zuschauer werfen ihm Geldscheine zu. Sie sind kaum eine Mahlzeit wert, doch darum geht es in diesem Moment nicht.<\/p>\n<p>Die Menge l\u00f6st sich langsam auf, Adam klopft sich den Staub vom K\u00f6rper. Er sei noch nicht wieder der Alte, sagt er, \u201eaber heute ist ein guter Tag.\u201c Dann schwingt er sich auf sein Motorrad, mit dem er am n\u00e4chsten Tag wieder Passagiere transportieren wird. Vor dem Krieg verdiente er mehr als so mancher Fu\u00dfballstar des Landes. Diese Zeiten sind vorbei.<\/p>\n<p>Der RSF ist er entkommen. Dem \u00dcberlebenskampf nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Krieg hat den Sudan tief gespalten und in eine humanit\u00e4re Katastrophe gef\u00fchrt. 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