{"id":14070,"date":"2026-05-05T18:02:21","date_gmt":"2026-05-05T18:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14070\/"},"modified":"2026-05-05T18:02:21","modified_gmt":"2026-05-05T18:02:21","slug":"krieg-im-sudan-sudans-vergessenes-leid-leben-im-stillstand-nach-der-flucht-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14070\/","title":{"rendered":"Krieg im Sudan: Sudans vergessenes Leid: Leben im Stillstand nach der Flucht &#8211; Politik"},"content":{"rendered":"<p>Viele Jungen \u00fcberlegen bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren, ob sie nicht den gef\u00e4hrlichen Weg nach Libyen und \u00fcber das Meer versuchen sollen. &#8222;Ich will nach Brasilien, um meine Familie unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen&#8220;, erz\u00e4hlt ein Junge, auch wenn er nicht recht wei\u00df, wo Brasilien eigentlich ist.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl, festzuh\u00e4ngen, w\u00e4hrend anderswo das Leben weitergeht, kennt Azraa Mustafa nur zu gut. Die zierliche junge Frau koordiniert die Arbeit im Schutzort. Die Arbeit mit den Kindern macht ihr Freude, doch ihre eigentlichen Zukunftsvorstellungen sehen anders aus. &#8222;Ich habe drei Jahre lang Medizin studiert, doch durch den Krieg musste ich das Studium unterbrechen.&#8220; Inzwischen frage sie sich, ob ihr Weg je wieder an eine Universit\u00e4t und zu ihrem Traumberuf als \u00c4rztin f\u00fchrt. &#8222;Wir sind die M\u00fctter von morgen. Wie sollen wir f\u00fcr unsere Familien sorgen, wenn wir keinen Beruf lernen k\u00f6nnen?&#8220; fragt sie.<\/p>\n<p> &#8222;Nach drei Monaten habe ich meiner Mutter gesagt, was passiert ist&#8220; <\/p>\n<p>Ihrer Familie helfen \u2013 das wollte auch die 17 Jahre alte Wahiba, die ihr vier Monate altes Baby im Arm wiegt. Ihr Vater wurde im Krieg get\u00f6tet, der \u00e4ltere Bruder verletzt und ist nicht arbeitsf\u00e4hig. Wahiba suchte sich deshalb Arbeit in Adr\u00e9, formte Lehmziegel \u2013 eine Arbeit, die vor allem von Frauen gemacht wird. Doch dann kam der Tag, an dem ihr zwei maskierte M\u00e4nner auflauerten, sie in ein leerstehendes Geb\u00e4ude verschleppten.<\/p>\n<p>Sie warfen ihr einen Sack \u00fcber den Kopf, vergewaltigten sie stundenlang. Irgendwann verlor Wahiba ihr Zeitgef\u00fchl, wie sie erz\u00e4hlt. Am n\u00e4chsten Tag setzten die T\u00e4ter sie auf der Stra\u00dfe aus. Wahiba schwieg. Wie viele junge Frauen aus einer konservativen Gesellschaft war sie nicht aufgekl\u00e4rt worden. Als ihre Periode ausblieb, wusste sie die Zeichen einer Schwangerschaft nicht zu deuten. &#8222;Nach drei Monaten habe ich meiner Mutter gesagt, was passiert ist&#8220;, erz\u00e4hlt sie. &#8222;Sie sagte, warum bist du nicht sofort zu mir gekommen?&#8220; Es war zu sp\u00e4t, etwas gegen die Schwangerschaft zu unternehmen.<\/p>\n<p>Wahibas Mutter steht fest an der Seite ihrer Tochter, doch sexuelle Gewalt ist im Sudan stark mit Stigma verbunden. &#8222;Mein Onkel sagte, ich geh\u00f6re nicht mehr zur Familie. Meine Cousins haben meine Kleider vor die H\u00fctte geworfen&#8220;, sagt Wahiba mit leiser Stimme. &#8222;Aber dann hat der Sheik ihnen gesagt, dass sie mir Unrecht tun und mich nicht so behandeln d\u00fcrfen.&#8220;<\/p>\n<p> Schweigen und Stigma durchbrechen <\/p>\n<p>Der Sheik, das ist Ousman Yacoub Osman, der Chef der Fl\u00fcchtlingsselbstverwaltung. Doch vor allem sind es die Frauen in Abouteng\u00e9, die St\u00e4rke und Solidarit\u00e4t zeigen, die Mauer des Schweigens durchbrechen und deutlich machen wollen, dass es nicht die \u00dcberlebenden sexueller Gewalt sind, die sich sch\u00e4men m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Yeman Mohamat Ramadan etwa geh\u00f6rt dem Komitee &#8222;genderbasierte Gewalt&#8220; an, das unter dem Motto &#8222;Keine Gewalt&#8220; aufkl\u00e4rt, \u00dcbergriffe und Risiken identifiziert. Etwa, dass Frauen und M\u00e4dchen nicht alleine das Lager verlassen sollen, um Feuerholz zu suchen, sondern stets in kleinen Gruppen.<\/p>\n<p> Es mangelt an fast allem <\/p>\n<p>Doch nicht alle Probleme lassen sich durch Gespr\u00e4che l\u00f6sen. Abouteng\u00e9 gilt im Vergleich zu den weiter im Hinterland gelegenen Lagern als gut ausgestattet. Dabei mangelt es nicht nur an Schulen. Die internationalen Hilfsk\u00fcrzungen machen sich auch hier bemerkbar. Wasser- und Lebensmittelrationen sind geschrumpft. Viele Frauen und \u00e4ltere M\u00e4dchen klagen, dass es viel zu wenig Hygieneprodukte gibt. Ein M\u00e4dchen in der Grundschule erz\u00e4hlt mit leiser Stimme, dass es sich eine Schuluniform w\u00fcnscht, wie sie die Sch\u00fcler der regul\u00e4ren Schulen in der Stadt haben. &#8222;Ich habe doch nur ein einziges Kleid&#8220;, sagt sie und streicht \u00fcber den sauberen, aber abgetragenen Stoff.<\/p>\n<p>Die Lehrer der Schule wissen selbst nicht, wie sie den Kindern Zuversicht vermitteln sollen angesichts eines Krieges, der nun in sein viertes Jahr geht. Jeder, der in Abouteng\u00e9 lebt, hat jemanden verloren. Und die Nachrichten \u00fcber die K\u00e4mpfe und Angriffe wie im vergangenen Jahr gegen die belagerte Stadt Al-Faschir und das Fl\u00fcchtlingslager Samsam oder nun in Kordofan wecken schlimme Erinnerungen und Alptr\u00e4ume.<\/p>\n<p>&#8222;Es muss Gerechtigkeit geben&#8220;, sagt Gamar Khatir Yaya, einer der Lehrer. Einst arbeitete der Mann im langen wei\u00dfen Gewand im Erziehungsministerium. &#8222;Der Internationale Strafgerichtshof muss ermitteln und die T\u00e4ter zur Verantwortung ziehen.&#8220;<\/p>\n<p> Zwischen Hoffen und Bangen am Grenz\u00fcbergang <\/p>\n<p>Noch ganz frisch sind die Erinnerungen bei den Menschen, die auf dem Gel\u00e4nde des Roten Kreuzes am Grenz\u00fcbergang Adr\u00e9 unter B\u00e4umen auf Strohmatten sitzen, die wenigen Habseligkeiten um sich verteilt. Viele wirken ersch\u00f6pft, gezeichnet von den Strapazen der Reise und den Erlebnissen.<\/p>\n<p>Eine Frau, die mit ihren Kindern und ihrer Schwester aus West-Darfur gekommen ist, schwankt zwischen Hoffen und Bangen. &#8222;Ich hoffe, hier ist es besser f\u00fcr uns&#8220;, sagt sie. &#8222;Aber meine Eltern sind noch im Sudan. Wenn wir hier einen Ort zum Bleiben finden, will ich zur\u00fcck und sie zu uns holen.&#8220; Sie streicht ihrem kleinen Sohn \u00fcber den Kopf. &#8222;Die Kinder schreien nachts im Schlaf. Ich hoffe, hier kommen sie zur Ruhe.&#8220;<\/p>\n<p> &#8222;Ich habe keine Wahl. Der Krieg l\u00e4sst mir keine.&#8220; <\/p>\n<p>Eine verh\u00e4rmt aussehende Frau greift in den kleinen Plastiksack auf ihrem Scho\u00df und zieht eine kleine Metallsch\u00fcssel f\u00fcr Wasser oder Essen heraus. &#8222;Das ist alles, was sie uns gelassen haben&#8220;, sagt sie bitter. Sie kommt aus Al-Faschir, hinter ihr liegt eine Odyssee aus Hunger, Gewaltszenen und Stra\u00dfen voller Leichen. Nun hofft sie, im Tschad Hilfe f\u00fcr ihren Mann zu finden, der nach einer Schussverletzung seine linke K\u00f6rperh\u00e4lfte nur m\u00fchsam bewegen kann.<\/p>\n<p>Ein alter Mann, der in den vergangenen Jahren immer wieder auf der Flucht war, z\u00e4hlt die Stationen auf: &#8222;Samsam, Al-Faschir, Tawila.&#8220; Es sind Namen, die f\u00fcr einige der schlimmsten Orte des Krieges stehen. Wehm\u00fctig blickt er auf den Sendeturm wenige hundert Meter entfernt, schon auf der sudanesischen Seite. &#8222;Es gibt keinen besseren Platz, als im eigenen Land zu sein&#8220;, sagt er. &#8222;Aber ich habe keine Wahl. Der Krieg l\u00e4sst mir keine.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Viele Jungen \u00fcberlegen bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren, ob sie nicht den gef\u00e4hrlichen Weg nach&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14071,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[235],"tags":[1682,2008,1481,168,2243,267,364],"class_list":{"0":"post-14070","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-sudan","8":"tag-fluechtlinge","9":"tag-hilfsorganisation","10":"tag-konflikte","11":"tag-krieg","12":"tag-nopw","13":"tag-sudan","14":"tag-tschad"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116523286099581404","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14070"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14070\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14071"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}