{"id":14714,"date":"2026-05-07T12:18:14","date_gmt":"2026-05-07T12:18:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14714\/"},"modified":"2026-05-07T12:18:14","modified_gmt":"2026-05-07T12:18:14","slug":"tunesien-migranten-deshalb-schwaermen-sie-von-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14714\/","title":{"rendered":"Tunesien-Migranten: Deshalb schw\u00e4rmen sie von der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>\u00abMachst du Witze?\u00bb, fragt Anwar (24) und zeigt mit der ausgestreckten Hand auf die rund 50 Menschen, die in der tunesischen K\u00fcstenstadt Sfax vor dem alten Stadttor sitzen. \u00abNat\u00fcrlich wollen alle weg hier, jeder Einzelne. In Tunesien gibt es f\u00fcr uns keine Zukunft.\u00bb<\/p>\n<p>Drei Jahre ging Anwar zur Schule, danach fand er keinen Job, hatte viel tote Zeit. Eine typische Biografie in Tunesien. Das Maghreb-Land verzeichnet rekordhohe Auswanderungsquoten, trotz Millionenhilfe f\u00fcr die Wirtschaftsentwicklung aus der Schweiz und der EU. Viele verlassen Tunesien illegal und landen als aussichtslose Asylbewerber in Europa, wo sie auff\u00e4llig oft straff\u00e4llig und renitent werden \u2013 auch in der Schweiz.<\/p>\n<p>\u00abVielleicht finde ich im Internet eine Europ\u00e4erin, die mich heiraten will\u00bb, sagt Anwar an diesem warmen Fr\u00fchlingsnachmittag in Sfax. \u00abSonst nehme ich das Schiff und mache die \u2039harka\u203a, die \u00dcberfahrt\u00bb, erz\u00e4hlt Anwar. \u00abAuch meine Eltern sagen, yalla, geh! In Europa ist es besser.\u00bb<\/p>\n<p>6000 Dinar, umgerechnet 1700 Franken, kostet die \u00dcberfahrt auf die italienische Insel Lampedusa mit einem Fl\u00fcchtlingsboot. Das weiss jeder hier. Mehr als jeder zehnte der 157&#8217;651 Fl\u00fcchtlinge, die 2023 per Boot nach Italien gekommen sind, ist Tunesier (nur aus Guinea str\u00f6men derzeit noch mehr Migranten nach Europa). Und: Die Schweiz ist hoch im Kurs bei den fluchtwilligen Tunesiern \u2013 aus einem ganz bestimmten Grund.<\/p>\n<p>\u00abBei euch kann man prima klauen und dealen\u00bb<\/p>\n<p>\u00abEure Gef\u00e4ngnisse sind so luxuri\u00f6s\u00bb, lacht Wajdi (17) und erz\u00e4hlt von seinen Freunden, die es schon bis in die Schweiz geschafft haben. Auch der junge Coiffeur will ins Land mit den \u00absch\u00f6nen Zellen\u00bb. Mit seinen Freunden sitzt er auf der staubigen Strasse vor dem C\u00e9sar Hair Style-Salon in Sfax. Der Herrenschnitt kostet drei Franken, doch Kunden sind weit und breit keine zu sehen. \u00abWenn ich da keinen Job als Coiffeur kriege, dann kann man ja bei euch prima klauen und dealen\u00bb, sagt Wajdi.<\/p>\n<p>Davon kann man gut leben. Und: Schweizer Gef\u00e4ngnisse geniessen in Tunesien einen guten Ruf. Das best\u00e4tigen zwei weitere junge M\u00e4nner, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen m\u00f6chten. Sie ziehen den helvetischen Knast der tunesischen Freiheit vor \u2013 ohne zu z\u00f6gern. In die Schweiz zum Klauen. Was soll schon passieren\u2026<\/p>\n<p>Der Polizei bescheren Migranten aus Tunesien und anderer Maghreb-Staaten hierzulande seit l\u00e4ngerem Kopfschmerzen. Maghrebiner sind die Hauptverantwortlichen f\u00fcr Diebst\u00e4hle aus Fahrzeugen, die sich im vergangenen Jahr schweizweit fast verdoppelt haben. Unter den Maghrebinern g\u00e4be es auff\u00e4llig viele Wiederholungst\u00e4ter, schreibt die Stadtpolizei Z\u00fcrich auf Anfrage. Sie seien im Kontakt mit der Polizei h\u00e4ufig \u00abfrech und vorlaut\u00bb, teilt die Kantonspolizei Bern mit. Die T\u00e4ter w\u00fcrden sich \u00aboft renitent verhalten und unsere Mitarbeitenden bedrohen oder angreifen\u00bb. Die mehrheitlich jungen M\u00e4nner w\u00fcssten, dass sie kaum etwas zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Deshalb fliehen die Tunesier in Scharen aus ihrer Heimat<\/p>\n<p>572 Tunesier haben in der Schweiz 2023 ein Asylgesuch gestellt, <a target=\"_blank\" class=\"Blink__StyledNextLink-sc-daa3c157-1 HTMLView__StyledBlink-sc-d754821-0 jUOfjV\" data-uuid-ui=\"20222022202220\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/www.sem.admin.ch\/dam\/sem\/de\/data\/publiservice\/statistik\/asylstatistik\/2022\/stat-jahr-2022-kommentar.pdf.download.pdf\/stat-jahr-2022-kommentar-d.pdf%20\">42 Prozent<\/a> mehr als noch im Vorjahr. Nur die Asylgesuche aus Marokko und der T\u00fcrkei sind noch st\u00e4rker angestiegen. Gesuche von Tunesiern sind praktisch aussichtslos. Nur rund ein Prozent haben \u00fcberhaupt eine Chance. Deshalb gibt es f\u00fcr Maghrebiner seit Januar 2024 schweizweit 24-Stunden-Schnellverfahren. Ein Versuch, die rasch wachsenden Gesuchszahlen in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Schweizer Versch\u00e4rfung hin oder her: Der gute Ruf unseres Landes (und seiner Gef\u00e4ngnisse), der Kontakt zu Tunesiern, die schon hier leben, und nicht zuletzt die schwierige Lage in der Heimat treiben die Menschen in Scharen aus dem an sich wundersch\u00f6nen Mittelmeerland. 17&#8217;972 Tunesier haben im vergangenen Jahr laut der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration auf Fl\u00fcchtlingsbooten das Mittelmeer <a target=\"_blank\" class=\"Blink__StyledNextLink-sc-daa3c157-1 HTMLView__StyledBlink-sc-d754821-0 jUOfjV\" data-uuid-ui=\"20241020202020220202020\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/www.nrc.no\/feature\/2024\/10-things-you-should-know-about-the-Central-Mediterranean-migration-route\/#:~:text=Recent%20figures%20show%20that%20Tunisia,Frontex%2C%20the%20EU%20border%20agency\">\u00fcberquert<\/a>.<\/p>\n<p>Der tunesischen Regierung l\u00e4uft das Volk regelrecht davon. J\u00fcngst hat Tunis deshalb ein Besuchsverbot f\u00fcr die tunesischen Kerkenna-Inseln rund zehn Kilometer vor der K\u00fcste von Sfax erlassen. Auf die F\u00e4hre l\u00e4sst die Hafenpolizei nur noch ausl\u00e4ndische Touristen und Tunesier, die nachweisen k\u00f6nnen, dass sie auf Kerkenna ein Haus besitzen. Alle anderen stehen unter Generalverdacht, die Insel nur als Sprungbrett f\u00fcr die illegale Weiterreise nach Lampedusa zu missbrauchen.<\/p>\n<p>Es gibt wenig, was die Tunesier in ihrer Heimat h\u00e4lt. Nur knapp 300 Franken verdienen sie im Schnitt pro Monat, mehr als 40 Prozent der unter 25-J\u00e4hrigen sind arbeitslos. Es fehlt an vielem. Immer wieder gehen dem Land der Zucker und das Mehl aus. Oliven\u00f6l ist f\u00fcnfmal so teuer wie noch vor kurzem. Sogar die Bestechungsgelder f\u00fcr die Polizisten seien wegen der Inflation massiv h\u00f6her, klagen die Tunesier. Der Tourismus, von dem das Land jahrzehntelang gut gelebt hat, liegt nach der Pandemie und mehreren islamistischen Terroranschl\u00e4gen darnieder.<\/p>\n<p>Was n\u00fctzen die Schweizer Millionen f\u00fcr Tunesien?<\/p>\n<p>An der miserablen Lage haben auch die 101 Millionen Franken nicht viel ge\u00e4ndert, die die Schweiz zwischen 2021 und 2024 f\u00fcr Projekte zur St\u00e4rkung der Demokratie und zur F\u00f6rderung der Wirtschaft an Tunesien \u00fcberweisen liess. Das nordafrikanische Land ist aktuell sogar eines der Schwerpunktl\u00e4nder der Schweizer Entwicklungshilfe.<\/p>\n<p>Und: Es hat mit der Schweiz 2012 ein Migrationsabkommen unterzeichnet. Die Schweiz stellt f\u00fcr bis zu 150 Tunesier j\u00e4hrlich Visa f\u00fcr Arbeits- oder Studienaufenthalte aus. Im Gegenzug nimmt Tunesien abgewiesene Asylbewerber wieder auf. 451 Personen hat die Schweiz im Rahmen des Abkommens schon nach Tunesien abgeschoben, 402 gingen \u2013 Stand Ende 2023 \u2013 freiwillig zur\u00fcck. Die Schweiz bezahlt die Fl\u00fcge und \u00fcberweist den Ausreisenden einen Geldbetrag in ungenannter H\u00f6he als Starthilfe im Heimatland.<\/p>\n<p>Einen solchen Zustupf w\u00fcrde auch Murat (39) mit Handkuss nehmen. Er sitzt unten am Hafen von Sfax im Schatten der Palmen und wartet auf Kunden, die mit einem seiner drei Kinder-Elektro-Autos f\u00fcr ein paar Dinar ein paar Runden drehen wollen. Weg aber, das will Murat nicht \u2013 als einziger aller Tunesier, mit denen Blick vor Ort gesprochen hat. \u00abMein Bruder will gehen, viele Freunde wollen gehen. Ich versuche, sie daran zu hindern. Wer will, schafft es in Tunesien. Aber viele wollen lieber in Europa dealen oder klauen, statt hier hart zu arbeiten\u00bb, sagt Murat. Sterben werde er irgendwann, ob er nun in Sfax bleibe oder fortgehe. \u00abUnd bis dahin halte ich schon durch, al-Hamdu li-Llah.\u00bb<\/p>\n<p><img alt=\"Schlepper spricht \u00fcber das Millionengesch\u00e4ft\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Schlepper in Tunesien:Ein lukratives Millionengesch\u00e4ft<\/p>\n<p> Dieser Text wurde erstmals am 16. Mai 2024 publiziert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00abMachst du Witze?\u00bb, fragt Anwar (24) und zeigt mit der ausgestreckten Hand auf die rund 50 Menschen, die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14715,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[211,212],"class_list":{"0":"post-14714","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-tunesien","8":"tag-tunesien","9":"tag-tunisia"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116533258008437839","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14714"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14714\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}