{"id":14747,"date":"2026-05-07T14:21:29","date_gmt":"2026-05-07T14:21:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14747\/"},"modified":"2026-05-07T14:21:29","modified_gmt":"2026-05-07T14:21:29","slug":"genozid-in-namibia-so-dachte-der-erste-deutsche-voelkermoerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14747\/","title":{"rendered":"Genozid in Namibia: So dachte der erste deutsche V\u00f6lkerm\u00f6rder"},"content":{"rendered":"<p>Im August 1904 schien die milit\u00e4rische Lage f\u00fcr die deutschen Truppen g\u00fcnstig: Zu Beginn des Jahres hatte sich das Volk der OvaHerero mir ihrem Anf\u00fchrer Samuel Maharero im Zentrum des Landes gegen die Kolonialherren erhoben. Nachdem die deutschen Truppen anf\u00e4nglich \u00fcberrascht wurden, konnten sie mit Verst\u00e4rkung aus der Heimat die OvaHerero zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Tausende Krieger zogen sich mit ihren Familien und Rinderherden an den Waterberg zur\u00fcck, wo die deutsche Armee, unter Befehl des neu eingesetzten Oberbefehlshabers Lothar von Trotha, am 11. August zum Angriff ansetzte.<\/p>\n<p>Die Mission war f\u00fcr das deutsche Milit\u00e4r ein Fehlschlag. Die OvaHerero konnten unter gro\u00dfen Verlusten aus der Umzingelung in die anliegende Halb-W\u00fcste Omaheke fliehen. Dorthin setzten ihnen die Kolonialtruppen nach und schnitten sie von den Zug\u00e4ngen zum Wasser ab. Ein gro\u00dfer Teil der OvaHerero verhungerte und verdurstete oder starb in den folgenden Jahren in Konzentrationslagern. So fanden nach Sch\u00e4tzungen des Historikers Horst Drechsler circa 60.000 OvaHerero den Tod \u2013 etwa vier F\u00fcnftel des Volkes. Gegen Ende des Jahres ging das Morden mit einem Feldzug gegen den Volksstamm der Nama weiter.<\/p>\n<p>In den (seri\u00f6sen) Geschichtswissenschaften ist unumstritten, dass deutsche Truppen damals einen Genozid begingen. Historiker wie Drechsler und Helmut Bley sprachen schon in den 1960ern von V\u00f6lkermord. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema fand ab den 1990er Jahren statt, nachdem die Archive in der fr\u00fcheren DDR und in Namibia allgemein zug\u00e4nglich wurden. Doch erst 2021 erkannte die BRD den V\u00f6lkermord als solchen an und vereinbarte Zahlungen an Namibia zur Wiedergutmachung in H\u00f6he von 1,1 Milliarden Euro. Nachkommen der OvaHerero und Nama kritisieren, dass nur auf zwischenstaatlicher Ebene verhandelt wurde und sie selbst nicht einbezogen wurden.<\/p>\n<p>Tageb\u00fccher Lothar von Trotha als neue Quelle<\/p>\n<p>Dies zeigt, dass die Erinnerung und Aufarbeitung des V\u00f6lkermordes nach \u00fcber 100 Jahren noch immer gro\u00dfe L\u00fccken aufweist. Eine wertvolle neue Quelle soll diese Debatte ab kommendem Jahr bereichern: Die Historiker Dr. Andreas Eckl und Dr. Dr. Matthias H\u00e4ussler von der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum editieren, gef\u00f6rdert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Tageb\u00fccher von Trotha aus seiner Zeit als Oberbefehlshaber 1904\/05. Daf\u00fcr arbeiten sie sich derzeit durch die ann\u00e4hernd 900 Seiten z\u00e4hlenden Hefte mit teils schwer entzifferbarer Handschrift. Bisher waren sie in Privatbesitz der Familie von Trotha. Diese zeigte, laut H\u00e4ussler, \u201eeine gro\u00dfe Aufgeschlossenheit, ihre Geschichte aufzuarbeiten und die Tageb\u00fccher der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen.\u201c<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1792\" class=\"size-medium wp-image-46935\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/trotha-12-2-scaled.jpg\"   alt=\"Deutsche Offiziere 1904 in Deutsch-S\u00fcdwestafrika\"\/><\/p>\n<p>Lothar von Trotha: Wunschkandidat des Kaisers<\/p>\n<p>Die Aufzeichnungen von Trothas beginnen mit seiner Abreise aus Deutschland 1904. Die hochrangigen Milit\u00e4rs und Reichskanzler Bernhard von B\u00fclow wollen von Trotha eigentlich nicht als Oberkommandanten sehen. Milit\u00e4risch g\u00e4be es geeignetere Kandidaten, zudem gilt er als Eigenbr\u00f6tler, der sich mit niemandem so recht versteht. Dennoch h\u00e4lt Kaiser Wilhelm II offenbar gro\u00dfe St\u00fccke auf ihn. Von Trotha stammt aus dem Uradel mit besten Beziehungen ins preu\u00dfische K\u00f6nigshaus, er hat bereits 1894 bis 1897 Kolonialerfahrung in Deutsch-Ostafrika gesammelt, sowie bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China 1901 eine Brigade befehligt.<\/p>\n<p>Dass von Trotha in Deutsch-S\u00fcdwestafrika ein Au\u00dfenseiter ist, spielt ihm m\u00f6glicherweise in die Karten: Nach zwei Jahrzehnten des deutschen Kolonialismus \u00fcbt der Gouverneur Theodor von Leutwein seine Macht mit einem Filz von pers\u00f6nlichen Beziehungen und Abh\u00e4ngigkeiten aus, sowohl in der eigenen Kolonialb\u00fcrokratie, als auch gegen\u00fcber den ans\u00e4ssigen Stammesf\u00fcrsten. Nachdem im Januar 1904 der Aufstand der OvaHerero ausbricht, sucht Leutwein trotz aller milit\u00e4rischen H\u00e4rten und willk\u00fcrlichen Grausamkeiten nach wie vor eine Verhandlungsl\u00f6sung mit den OvaHerero. Damit soll nun Schluss sein. Der Kaiser weist von Trotha vor dessen Abreise in einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch an, den Aufstand \u201emit allen Mitteln\u201c niederzuschlagen. Er soll ein Exempel statuieren und den Feind vernichten, damit es niemand mehr wagt, sich den Deutschen zu widersetzen.<\/p>\n<p>Zu Beginn seiner Reise sind die Tagebucheintr\u00e4ge noch voller Zuversicht, seine Mission zur Zufriedenheit des Kaisers erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Von Trotha geht streng nach milit\u00e4rtaktischem Lehrbuch vor: vorr\u00fccken, einkreisen, schlagen. Doch schon bald geraten seine Pl\u00e4ne durcheinander, wie Matthias H\u00e4ussler darlegt: \u201eMan k\u00f6nnte annehmen, es w\u00e4re ein Feldzug aus einem Guss, mit einer Kolonialmacht mit unglaublichem milit\u00e4rischem und wirtschaftlichem Potenzial und ein paar tausend Gegnern mit schlechten Gewehren, die Subsistenzwirtschaft betrieben. Aber die deutschen Truppen sto\u00dfen auf so massive Schwierigkeiten vor Ort, dass die Pl\u00e4ne scheitern. Das kann man aus den Tageb\u00fcchern lesen.\u201c<\/p>\n<p>Von Trothas habe als Oberkommandant den Anspruch, immer die Kontrolle \u00fcber alles zu haben, wie Andreas Eckl beschreibt: \u201eDoch letztlich muss er in den Tageb\u00fcchern vor allem das notieren, was nicht klappt: Untergebene halten sich nicht an Befehle, Nachrichten kommen nicht an oder sind in sich widerspr\u00fcchlich, die Truppe steht ohne Nachschub da, Soldaten werden krank.\u201c St\u00e4ndig muss er seine Pl\u00e4ne umwerfen. Nach der Schlacht am Waterberg l\u00e4uft von Trothas Vorhaben immer mehr aus dem Ruder. Die Schuld am Scheitern gibt er anderen. Der Batallionskommandeur Hermann von der Heyde warnt von Trotha vor der Schlacht sogar noch, dass der Angriffsplan nicht aufgehen w\u00fcrde, weil seine Abteilung zu klein und der Boden zu sandig w\u00e4re. Von Trotha h\u00f6rt nicht auf ihn. Stattdessen bezeichnet er von der Heyde in seinem Tagebuch als \u201eSchei\u00dfkerl\u201c und stellt ihn vor ein Kriegsgericht \u2013 obwohl er genau wei\u00df, dass von der Heyde recht hat. \u201eVon Trotha war ein Narzisst, der die Schuld immer bei anderen suchte\u201c, so H\u00e4ussler.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"719\" class=\"size-medium wp-image-46936\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1200px-hereroandnamaprisoners.jpg\"   alt=\"Herero in Kriegsgefangenschaft 1904\"\/><\/p>\n<p>Tagebuch eines V\u00f6lkerm\u00f6rders: \u201eAlles wird totgeschossen, basta.\u201c<\/p>\n<p>Direkt nach der Schlacht am Warterberg nehmen die deutschen Truppen die Verfolgung der fl\u00fcchtigen OvaHerero auf. Doch schon nach zw\u00f6lf Stunden m\u00fcssen sie abbrechen, weil Vorr\u00e4te und Wasser fehlen. Der bis dahin von den Deutschen strategisch geplante Feldzug entwickelt sich zu einer wochenlangen unkontrollierten Jagd. Von Trotha geht mit immer gr\u00f6\u00dferer Brutalit\u00e4t vor, was er auch in seinen Tageb\u00fcchern kraftvoll ausdr\u00fcckt: \u201e Alles wird totgeschossen, basta.\u201c Er l\u00e4sst die W\u00fcste abriegeln und alle bekannten Wasserstellen besetzen. In seinem Vernichtungsbefehl am 4. Oktober 1904 ruft er die OvaHerero auf, die deutschen Kolonialgebiete zu verlassen und droht ihnen: \u201eInnerhalb der Deutschen Grenze wird jeder OvaHerero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zur\u00fcck oder lasse auf sie schie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Im Dezember 1904 reicht es der milit\u00e4rischen und politischen F\u00fchrung in Berlin. Reichskanzler von B\u00fclow ist um den Ruf des Deutschen Reichs besorgt und kann den Kaiser schlie\u00dflich \u00fcberzeugen, den Vernichtungsbefehl zur\u00fcckzunehmen. Besser wird die Situation f\u00fcr die OvaHerero dadurch nicht: Tausende werden bis 1908 in Konzentrationslager gesteckt und gehen an den brutalen Bedingungen zugrunde. Von Trotha ist dennoch gekr\u00e4nkt, dass der Kaiser ihn fallen l\u00e4sst. In der Folge l\u00e4sst er seine Aufgaben als Oberkommandant immer weiter schleifen, wie H\u00e4ussler beschreibt: \u201eAn manchen Tagen interessiert er sich weit mehr f\u00fcr Zeitungsartikel \u00fcber ihn in der Heimat oder die Jagd und das Sammeln von Pflanzen und Insekten, als f\u00fcr die Kriegslage. Ihm scheint das auch ziemlich egal zu sein. Er sieht sich nur noch als S\u00fcndenbock und reagiert aus Trotz mit Apathie und Gleichg\u00fcltigkeit.\u201c Dennoch bleibt er bis November 1905 in seiner Position.<\/p>\n<p>Der Krieg gegen die Nama f\u00e4llt in die zweite H\u00e4lfte seiner Zeit in Deutsch-S\u00fcdwestafrika. Der Volksstamm ist bis Oktober 1904 noch mit den Deutschen verb\u00fcndet, doch die Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden wie die OvaHerero, l\u00e4sst sie zu den Waffen greifen. F\u00fcr milit\u00e4rische Planung interessiert sich von Trotha zu diesem Zeitpunkt nur noch am Rande. Die Durchf\u00fchrung des Feldzuges \u00fcberl\u00e4sst er im Wesentlichen seinem Stellvertreter Berthold Deimling, der mit gro\u00dfer Grausamkeit gegen die Nama vorgeht. Im Laufe des Krieges und der anschlie\u00dfenden Zeit in den Konzentrationslagern bis 1908 sterben 10.000 Mitglieder des Volkes der Nama. Mit dem Tod ihres Anf\u00fchrers Hendrik Witbooi bem\u00fcht sich ein Teil der Nama um Friedensverhandlungen. Diese Nachricht erreicht von Trotha bereits auf dem Marsch zum Schiff nach Deutschland \u2013 sie interessiert ihn da aber auch schon nicht mehr sonderlich. Am 10. November notiert er in seinem Tagebuch: \u201eIch gehe offenen Visieres hier aus dem beschissenen Lande.\u201c<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Heimat erwartet von Trotha viel Kritik. Er gilt als gescheiterter Feldherr, dem die Kontrolle \u00fcber die Lage entglitt. Doch beschr\u00e4nken sich diese Vorw\u00fcrfe meist auf seine Art der Kriegsf\u00fchrung, weniger auf das Ziel an sich \u2013 die Vernichtung der OvaHerero und Nama. Diese Gr\u00e4uel werden in der Literatur im wilhelminischen Reich als \u201eheldenhafte Taten\u201c beschrieben, so Andreas Eckl. \u201eEs gab kein Tabu. Die Grausamkeiten und Vernichtung waren gesellschaftlich akzeptiert und anerkannt.\u201c Berichte von Soldaten schildern die tagt\u00e4glichen Verbrechen schon vor dem Genozid. Hinrichtungen und Massaker geh\u00f6ren zum Normalzustand. Von Trotha hebt die Gewalt nur auf eine systematische Stufe. Seine Tageb\u00fccher k\u00f6nnen mehr \u00fcber das Wie und Warum verraten. Zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen sind sie daher von unsch\u00e4tzbarem Wert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1654\" height=\"2209\" class=\"size-medium wp-image-46937\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/trotha-34-6.jpg\"   alt=\"Portr\u00e4t von Lothar von Trotha\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im August 1904 schien die milit\u00e4rische Lage f\u00fcr die deutschen Truppen g\u00fcnstig: Zu Beginn des Jahres hatte sich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14748,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[414],"class_list":{"0":"post-14747","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-namibia","8":"tag-namibia"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116533741707326549","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14747"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14747\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}