{"id":14941,"date":"2026-05-08T04:19:27","date_gmt":"2026-05-08T04:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14941\/"},"modified":"2026-05-08T04:19:27","modified_gmt":"2026-05-08T04:19:27","slug":"die-farce-der-praesidentschaftswahl-in-guinea-juntachef-laesst-sich-waehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/14941\/","title":{"rendered":"Die Farce der Pr\u00e4sident\u00adschaftswahl in Guinea: Juntachef l\u00e4sst sich w\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p>Paris. Vom Interimspr\u00e4sidenten zum Pr\u00e4sidenten: Das ist der j\u00fcngste politische Schritt des Milit\u00e4rmachthabers Mamady Doumbouya in der westafrikanischen Republik Guinea. Er hatte Anfang September<a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/37\/willkommener-sturz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> 2021 als Oberst und Kommandant einer Eliteeinheit der Armee, des Groupement des forces sp\u00e9ciales, an einem Putsch gegen den damaligen Pr\u00e4sidenten Alpha Cond\u00e9 teilgenommen<\/a> und amtierte seit dem 17.\u2009September jenes Jahres als Interimspr\u00e4sident des Landes. Am 28.\u2009Dezember fand die Pr\u00e4sidentschaftswahl statt, die Ergebnisse wurden am Silvestertag verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Nach offiziellen Angaben stimmten \u00fcber 86,7\u00a0Prozent f\u00fcr Doumbouya. Dem 41j\u00e4hrigen steht nun eine siebenj\u00e4hrige Amtszeit offen, an deren Ende ihm die Verfassung von 2020 noch eine weitere Amtszeit erm\u00f6glicht. Dass die Wahl frei, fair und transparent gewesen w\u00e4re, glaubt indessen niemand. Oppositionelle, die Doumbouya h\u00e4tten gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen, wurden vor der Wahl inhaftiert oder ins Exil gezwungen. Weder der mittlerweile 87j\u00e4hrige gest\u00fcrzte Staatspr\u00e4sident Cond\u00e9\u00a0\u2013 er lebte von 2022 bis 2024 im Exil in Ankara und Istanbul, seither ist sein Aufenthaltsort unklar\u00a0\u2013 noch der langj\u00e4hrige parlamentarische Oppositionsf\u00fchrer, der 73j\u00e4hrige Cellou Dalein Diallo von der Partei UFDG (Union der demokratischen Kr\u00e4fte Guineas), konnten an der Wahl teilnehmen. Diallo h\u00e4lt sich mal in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, mal in Abidjan in der C\u00f4te d\u2019Ivoire auf.<\/p>\n<p>Die seit 2021 amtierende Milit\u00e4rregierung des Nationalkomitees f\u00fcr die Sammlung (der Nation) und Entwicklung (CNRD) hat seit einiger Zeit die Repression um ein Vielfaches intensiviert. \u00dcber 20 Journalisten wurden festgenommen, drei inhaftiert. Der Web-Journalist Habib Marouane Camara \u00bbverschwand\u00ab bereits am 3.\u2009Dezember 2024 spurlos. Im Mai desselben Jahres waren vier Radio- und zwei Fernsehsender verboten und geschlossen worden.<\/p>\n<p>Die oppositionelle UFDG, die seit August einem Bet\u00e4tigungsverbot unterliegt, beklagte, ihre Parteifunktion\u00e4rin N\u00e9n\u00e9 Oussou Diallo sei am 9.\u2009Januar von Uniformierten entf\u00fchrt worden.<\/p>\n<p>Die oppositionelle, mehrheitlich von Angeh\u00f6rigen der Bev\u00f6lkerungsgruppe der Peul unterst\u00fctzte UFDG, die seit August einem Bet\u00e4tigungsverbot unterliegt, beklagte j\u00fcngst das ebenfalls spurlose \u00bbVerschwinden\u00ab der Parteifunktion\u00e4rin N\u00e9n\u00e9 Oussou Diallo. Diese sei am 9.\u2009Januar von Uniformierten an ihrem Wohnsitz entf\u00fchrt worden. Selbst das Menschenrechtsb\u00fcro der Vereinten Nationen hatte zwei Tage vor dem Wahltermin eine solche Praxis des \u00bbVerschwindenlassens\u00ab unter Verweis auf den K\u00fcnstler und Oppositionellen Elie Kamano\u00a0\u2013 von ihm gibt es seit dem 16.\u2009November kein Lebenszeichen\u00a0\u2013 und andere F\u00e4lle in einem Kommuniqu\u00e9 kritisiert.<\/p>\n<p>Unterdessen kn\u00fcpfte die Putschistenregierung symbolisch an das erste Regime Guineas nach der Entkolonisierung von Frankreich an: die Diktatur von Ahmed S\u00e9kou Tour\u00e9, der das Land von der durch eine Volksabstimmung erzielten Unabh\u00e4ngigkeit 1958 bis zu seinem Tod 1984 als Staatspr\u00e4sident regiert und nach Erreichen der Unabh\u00e4ngigkeit den Bruch mit Frankreich organisiert hatte. Verf\u00fcgte sein Regime in den Anfangsjahren auch international \u00fcber einiges Prestige, steigerte es sich im Laufe der sechziger und siebziger Jahre in eine Paranoia \u00fcber tats\u00e4chliche und vermeintliche Widersacher hinein, gegen die es immer r\u00fccksichtsloser vorging. Unter Doumbouya wurde S\u00e9kou Tour\u00e9s Familie dessen Residenz, die sich zuvor in staatlicher Hand befunden hatte und in ein Museum umgewandelt worden war, als Wohnsitz zur\u00fcckgegeben. Zugleich versuchte die Junta, das \u00fcberaus zweifelhafte Prestige der Familie wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Doch trotz seines offiziell verk\u00fcndeten Wahltriumphs konnte Doumbouya sich allem Anschein nach nicht in der Sonne des Erfolgs r\u00e4keln. In dem am 28.\u2009November er\u00f6ffneten Wahlkampf war er kaum aufgetaucht, sein Sieg schien ja auch von vornherein so gut wie gesichert. Ger\u00fcchte \u00fcber eine Vergiftung machten die Runde. Am Morgen des Wahltags wurden Schusswechsel mit einer meuternden Armeeeinheit vermeldet, die aus Angeh\u00f6rigen der Region Waldguinea besteht; Doumbouya hingegen kommt aus der Gegend um Kankan im Osten des Landes und privilegiert diese Region. Sein Auftritt und seine Rede zum Amtsantritt nach Verk\u00fcndung der Ergebnisse wirkten eher farblos.<\/p>\n<p>Rivalit\u00e4ten innerhalb der Armee<\/p>\n<p>In der Armee scheint es mehrere rivalisierende Clans zu geben. Und Frankreich, das trotz Doumbouyas Gerede \u00fcber die \u00bbWiederherstellung nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t\u00ab und seiner Absage an die fr\u00fcheren Kolonialm\u00e4chte de facto sch\u00fctzend seine Hand \u00fcber ihn hielt, scheint sich von ihm abzuwenden; darauf weist insbesondere der auf franz\u00f6sisch-afrikanische Angelegenheiten spezialisierte Journalist und Buchautor Thomas Dietrich hin.<\/p>\n<p>Doumbouya war \u00fcber mehrere Jahre zun\u00e4chst in milit\u00e4rischer Ausbildung in Frankreich und von 2009 bis 2012 Unteroffizier bei der franz\u00f6sischen Fremdenlegion. Im Jahr 2020 teilte er in einem Video mit, die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft innezuhaben; diese k\u00f6nnte ihm wegen seiner milit\u00e4rischen Karriere im Dienst Frankreichs verliehen worden sein, aber auch aufgrund seiner Ehe mit einer franz\u00f6sischen Staatsb\u00fcrgerin: Seit 2011 ist er mit der aus der N\u00e4he von Valence stammenden franz\u00f6sischen Gendarmeriebeamtin Lauriane Darboux-Doumbouya verheiratet.<\/p>\n<p>Doch die Regierung in Paris scheint, so behauptet es jedenfalls Dietrich, dem neuen Pr\u00e4sidenten mit zweifelhafter Legitimation inzwischen andere Gew\u00e4hrsleute ihrer Interessen in Guinea vorzuziehen, darunter den Oberkommandierenden der Gendarmerie, Balla Samoura. Dieser ist in Unterdr\u00fcckungs- und Folterpraktiken verwickelt, weswegen nicht Kritik am repressiven Verhalten des guineischen Staatsapparats hinter dem mutma\u00dflichen franz\u00f6sischen Politikwechsel stecken d\u00fcrfte. Dietrich vermutet, die Rivalit\u00e4ten innerhalb der Armee k\u00f6nnten dazu f\u00fchren, dass sich, etwa durch Druck auf Doumbouya oder einen Putsch gegen ihn, eine Fraktion durchsetzen k\u00f6nnte, die eine Ann\u00e4herung an die Allianz der Staaten des Sahel (AES) vertritt. <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/31\/russland-sahel-die-juntas-brauchen-soeldner\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die drei L\u00e4nder Mali, Burkina Faso und Niger werden wie Guinea von Milit\u00e4rjuntas regiert, die sich seit 2022 verst\u00e4rkt von Frankreich ab- und Russland zuwenden<\/a>.<\/p>\n<p>Vielleicht erscheint Doumbouya Frankreich nicht mehr vertrauensw\u00fcrdig, weil er auch politische Kontakte in die USA kn\u00fcpfte. Zudem projektiert seine Regierung ein ehrgeiziges Entwicklungsvorhaben unter dem Namen \u00bbSimandou 2040\u00ab, das vor allem auf einem gro\u00dfangelegten Ausbau von Bergbauprojekten beruht, unter anderem dank chinesischer Investitionen. Umweltschutzorganisationen wie Climate Rights International weisen auf die zu erwartenden \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den hin.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Paris. 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