{"id":15370,"date":"2026-05-09T21:57:21","date_gmt":"2026-05-09T21:57:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15370\/"},"modified":"2026-05-09T21:57:21","modified_gmt":"2026-05-09T21:57:21","slug":"soldatenfamilien-spueren-das-schweigen-der-juntas-im-sahel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15370\/","title":{"rendered":"Soldatenfamilien sp\u00fcren das Schweigen der Juntas im Sahel"},"content":{"rendered":"<p>Fast zwei Jahre ist es her, dass Saratou vom Tod ihres Sohnes, eines\u00a0Soldaten in der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/niger\/t-18137154\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nigrischen<\/a> Armee, erfuhr. Doch der Schmerz bleibt. &#8222;Der Tod l\u00e4sst sich nicht aufl\u00f6sen&#8220;, sagt die Frau, als wir sie in Nigers Hauptstadt Niamey treffen. Zu dem Zeitpunkt liegt die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/putsch-im-niger-eine-antwort-und-viele-offene-fragen\/a-66378317\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Macht\u00fcbernahme der Milit\u00e4rjunta um Abdourahamane Tiani<\/a> wenige Monate zur\u00fcck. Saratou, die wir aus Sicherheitsgr\u00fcnden nur beim Vornamen nennen,\u00a0sitzt in einem Hof, ein Foto ihres Sohnes in der Hand. &#8222;Unsere Gedanken sind immer bei unseren Verstorbenen.&#8220;<\/p>\n<p>Dazu kommt die tiefe Ersch\u00fctterung \u00fcber das, was ihr in jenen Tagen widerfahren ist. In den sozialen Netzwerken erfuhr Saratou Ende September 2023 vom Angriff auf eine Einheit in Kandadji. Damals war auch ihr Sohn, der seit gerade sieben Monaten in der Armee war, in dieser Ortschaft\u00a0rund 200 Kilometer nordwestlich von Niamey stationiert. Saratou versuchte, herauszufinden, ob er zu den zw\u00f6lf get\u00f6teten Soldaten geh\u00f6rte. Schlie\u00dflich best\u00e4tigte ein Freund ihres Sohnes das Unfassbare.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der Frau ihres Sohnes machte sich Saratou auf nach Kandadji, um das Grab zu besuchen. Vor Ort stellte sich heraus, dass seine Beisetzung noch bevorstand. Doch die Frauen wurden abgewiesen: &#8222;Wir haben nichts gesehen. Seine Frau hat alles versucht, um wenigstens seine Leiche zu sehen, aber sie wurde von den Verantwortlichen des Lagers Kandadji daran gehindert.&#8220; In der Trauer und Entt\u00e4uschung\u00a0erlitt die Frau, die im zweiten Monat schwanger war, eine Fehlgeburt.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr nach Niamey gestaltete sich schwierig. Geld hatten sie nicht, das ausstehende Gehalt ihres Sohnes war ihnen noch nicht ausgezahlt worden. Schlie\u00dflich organisierten dessen Freunde eine Sammelaktion, um auszuhelfen. Eine Woche nach ihrer R\u00fcckkehr sei das letzte Gehalt ihres Sohnes per Geldtransfer \u00fcberwiesen worden, erz\u00e4hlt Saratou. Seitdem hat sie keine Neuigkeiten. Bis heute hat sich kein Vertreter von Armee oder Regierung bei ihr blicken lassen.<\/p>\n<p>T\u00f6dlicher Terrorismus<\/p>\n<p>F\u00fcr Seidik Abba, den Vorsitzenden der Denkfabrik CIRES (Internationales Zentrum f\u00fcr Reflexionen und Studien \u00fcber die Sahelzone), ist Saratous Geschichte\u00a0kein Einzelfall: &#8222;Die Familien erfahren oft \u00fcber die Medien oder soziale Netzwerke vom Tod ihrer Angeh\u00f6rigen. Es gibt keinen direkten Kanal oder Mechanismus, um die Familien fr\u00fchzeitig zu informieren&#8220;, kritisiert Abba im DW-Gespr\u00e4ch. Er fordert, diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen &#8211; und verweist darauf, dass in anderen L\u00e4ndern zum Teil Verteidigungsminister oder gar Regierungschefs pers\u00f6nlich kondolierten.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"56117529\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/56117529_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Zwei M\u00e4nner halten ein Banner mit der nigrischen Fahne und einer franz\u00f6sischen Aufschrift, die Ruhe in Frieden und ewige Dankbarkeit des Vaterlands verhei\u00dft\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Den &#8222;Dank des Vaterlandes&#8220; (wie hier bei einem Gedenken 2019) w\u00fcrden manche Angeh\u00f6rige nigrischer Soldaten gerne deutlicher sp\u00fcrenBild: Boureima Hama\/AFP<\/p>\n<p>Im Jahr 2024 war die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/sahelzone\/t-66161192\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sahelzone<\/a> laut dem Global Terrorism Index mit 3.885 von insgesamt 7.555 Todesf\u00e4llen das Epizentrum des weltweiten <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/terrorismus\/t-19135641\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Terrorismus<\/a>. Sch\u00e4tzungen zufolge k\u00f6nnte die Zahl jedoch deutlich h\u00f6her sein. Die Kernl\u00e4nder dieser Region &#8211; <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/mali-niger-und-burkina-faso-besiegeln-verteidigungsb\u00fcndnis\/a-66834476\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mali, Niger und Burkina Faso<\/a> &#8211; stehen seit einigen Jahren unter Milit\u00e4rregierungen. In diesen L\u00e4ndern ist es zurzeit schwer, an genaue Informationen zur Zahl der zivilen und milit\u00e4rischen Opfer zu kommen &#8211; <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/sahel-milit\u00e4rregierungen-unter-erfolgsdruck\/a-67095184\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden<\/a>, sagen Beobachter wie Seidik Abba: &#8222;Als die Milit\u00e4rregime die Macht \u00fcbernommen haben, haben sie dies mit der Verschlechterung der Sicherheitslage begr\u00fcndet&#8220;, sagt Abba. &#8222;Da ist es offensichtlich, dass es f\u00fcr sie unangebracht w\u00e4re, regelm\u00e4\u00dfig zu kommunizieren.\u00a0Denn wenn jeder Vorfall kommuniziert wird, w\u00fcrde dies in der \u00d6ffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass sich die Sicherheitslage nicht verbessert hat.&#8220;<\/p>\n<p>Die Kommunikationsstrategie der Sahelstaaten<\/p>\n<p>\u00dcber milit\u00e4rische Verluste zu berichten, w\u00fcrde bedeuten, ihre Misserfolge klar anzuerkennen, meint auch der togoische Analyst Emery Owolabi. Damit k\u00f6nnte die regierende Junta ihre Machtbasis gef\u00e4hrden: &#8222;In Kriegszeiten gibt es eine Kontrolle der Informationen.\u00a0Diese mangelnde Transparenz\u00a0zielt auch darauf ab, eine Demobilisierung oder Demotivierung der Truppen und der Bev\u00f6lkerung zu vermeiden. Die Bev\u00f6lkerung darf nicht durch die enormen Verluste psychologisch beeinflusst werden. Anstatt die Bev\u00f6lkerung hinter ihrer Armee zu vereinen, k\u00f6nnten diese Informationen zu einer Spaltung f\u00fchren.&#8220;<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"71543067\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/71543067_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Ein Mann in einer Menschenmenge h\u00e4lt ein Pappschild mit den Flaggen von Mali, Niger und Burkina Faso in die Luft; darunter das Akronym der der Allianz der Sahel-Staaten (AES)\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die &#8222;Allianz der Sahelstaaten&#8220; Mali, Niger, Burkina Faso ist 2025 weiter gro\u00df &#8211; vielleicht auch dank gesch\u00f6nter Statistiken?Bild: GOUSNO\/AFP via Getty Images<\/p>\n<p>Die DW versuchte, ein Interview mit dem im Niger regierenden Nationalrat f\u00fcr die Rettung des Vaterlands (CNSP) zu bekommen. Am Telefon verlangte die Pressestelle\u00a0eine schriftliche Anfrage &#8211; diese blieb jedoch bis zum Redaktionsschluss f\u00fcr diesen Artikel unbeantwortet. Doch ein Interview mit Nigers Verteidigungsminister Salifou Mody vom Januar im nationalen Fernsehen scheint die Einsch\u00e4tzung der Experten zu best\u00e4tigen. Mody beklagte darin\u00a0einen &#8222;Kommunikationskrieg, in dem alle Mittel eingesetzt werden, um nicht nur unsere Bev\u00f6lkerung und unsere Sicherheitskr\u00e4fte zu entmutigen, sondern auch nach au\u00dfen zu vermitteln, dass im Niger nichts funktioniert.&#8220; <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/russland-china-und-katar-verbreiten-fake-news-in-afrika-journalismus-und-desinformation\/a-70732746\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Auch in der Kritik: Westliche Medien<\/a>.<\/p>\n<p><a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/burkina-faso\/t-18030005\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Burkina Faso<\/a> bleibt mit mehr als 1500 Todesf\u00e4llen im Jahr 2024 das am st\u00e4rksten betroffene Land. Hier hat Junta-Chef Ibrahim Traor\u00e9 das <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/warum-burkina-faso-die-pressefreiheit-einschr\u00e4nkt\/a-68963167\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schweigen zum Dogma erhoben<\/a>: Laut dem Chef der Milit\u00e4rregierung w\u00fcrde die Bekanntgabe der Verluste der Armee und der Zivilbev\u00f6lkerung einer Propaganda f\u00fcr dschihadistische\u00a0Gruppen gleichkommen. So m\u00fcssen auch Journalisten mit Verhaftungen rechnen, wenn sie unbequeme Informationen weitergeben.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"63386472\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/63386472_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Uniformierte halten Portr\u00e4tfotos von Kameraden hoch\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Burkina Faso steht seit 2022 unter einer Milit\u00e4rregierung. Die Verluste waren seither besonders hoch: Hier eine Gedenkfeier wenige Tage nach dem MachtwechselBild: Vincent Bado\/REUTERS<\/p>\n<p>H\u00e9ni Nsaibia, Forscher bei ACLED, einer Organisation, die Daten zu Konflikten weltweit sammelt, beklagt einen Mangel an Transparenz: &#8222;Die offiziellen Zahlen sind &#8211;\u00a0sofern sie \u00fcberhaupt\u00a0ver\u00f6ffentlicht werden &#8211; oft unvollst\u00e4ndig und widerspr\u00fcchlich.&#8220; Nsaibia spricht von einem &#8222;Krieg der Narrative&#8220;: &#8222;Auf der einen Seite geben die Milit\u00e4rbeh\u00f6rden ihre Version der Ereignisse vor. Auf der anderen Seite verbreiten dschihadistische Gruppen\u00a0ihre eigenen, sorgf\u00e4ltig ausgearbeiteten Darstellungen.&#8220; Die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/wagner-in-afrika-vielseitig-aktiv-im-interesse-russlands\/a-70593166\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pr\u00e4senz russischer S\u00f6ldner<\/a> in Mali habe diese <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/wie-russland-die-\u00f6ffentliche-meinung-in-afrika-manipuliert\/a-71403464\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Undurchsichtigkeit noch verst\u00e4rkt<\/a>.<\/p>\n<p>Zeichen der Anerkennung &#8211; doch die L\u00fccke bleibt<\/p>\n<p>Jedoch gehen einzelne Beobachter davon aus, dass sich die Lage ver\u00e4ndert habe. Laut dem nigrischen Politologen Abdourahmane Alkassoum sind die nigrischen Beh\u00f6rden insbesondere angesichts des Drucks in den sozialen Netzwerken inzwischen transparenter geworden.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die Familie des 23-j\u00e4hrigen Moussa, der in den Monaten nach der Macht\u00fcbernahme im s\u00fcdostnigrischen\u00a0Diffa gefallen ist, hat der Verlust des Sohnes schmerzliche finanzielle Folgen. Moussa sei das &#8222;Fundament der Familie&#8220; gewesen, erz\u00e4hlt Mutter Habi, er habe die Schulgeb\u00fchren f\u00fcr die Geschwister \u00fcbernommen, Reis gekauft, Krankenhausrechnungen f\u00fcr den chronisch kranken Bruder bezahlt.<\/p>\n<p>Die Nachricht vom Tod des Soldaten bei einem Angriff der Terrormiliz <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/boko-haram\/t-17501736\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Boko Haram<\/a> bekam die Familie \u00fcber einen Freund. Immerhin bekamen sie einige Wochen darauf Besuch von einem Verantwortlichen der Pr\u00e4sidentengarde &#8211; und zun\u00e4chst gab es\u00a0Unterst\u00fctzung: &#8222;Einige Monate lang haben sie uns S\u00e4cke mit Reis geschickt, und wir haben auch eine Entsch\u00e4digungssumme\u00a0von 300.000 CFA-Francs (ca. 450 Euro)\u00a0erhalten.&#8220; Moussas Vater konnte auf eigene Kosten nach Diffa reisen, um das Grab seines Sohnes zu besuchen. Ein Video von der Beerdigung haben ihm Kameraden aus der Einheit seines Sohnes gezeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fast zwei Jahre ist es her, dass Saratou vom Tod ihres Sohnes, eines\u00a0Soldaten in der nigrischen Armee, erfuhr.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15371,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[243],"tags":[366],"class_list":{"0":"post-15370","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-niger","8":"tag-niger"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116546859350355177","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15370\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15371"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}