{"id":15406,"date":"2026-05-10T00:49:17","date_gmt":"2026-05-10T00:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15406\/"},"modified":"2026-05-10T00:49:17","modified_gmt":"2026-05-10T00:49:17","slug":"algerien-aus-krankenakte-abgeschrieben-tageszeitung-junge-welt-27-04-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15406\/","title":{"rendered":"Algerien: Aus Krankenakte abgeschrieben, Tageszeitung junge Welt, 27.04.2026"},"content":{"rendered":"<p>Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der seit zwei Jahren in Frankreich lebt und <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/512682.literatur-auf-sand-gebaut.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">f\u00fcr seinen Roman \u00bbHuris\u00ab den Prix Goncourt erhielt<\/a>, sagte einmal in einem Interview: \u00bbDie Schriftsteller halten der Wirklichkeit den Spiegel vor, eine andere Schuld haben sie nicht.\u00ab Aber so einfach ist es nicht. Weil er eine Akte aus den Patientendateien seiner als Psychiaterin t\u00e4tigen Ehefrau zur Grundlage des Romans gemacht hatte, wurde er am 21. April von einem Gericht im algerischen Oran zu einer dreij\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafe und zur Zahlung von f\u00fcnf Millionen Dinar verurteilt \u2013 umgerechnet etwa 30.000 Euro. Als Schmerzensgeld kommt sie Saada Arbane zugute, die mit einer Traumatherapie f\u00fcr Terroropfer des B\u00fcrgerkriegs (1992\u20132002) behandelt wurde \u2013 und zwar von Daouds Ehefrau, die sich in Frankreich Aicha Dehdouh nennt.<\/p>\n<p>Wie durch ein Wunder hatte Arbane als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige einen Angriff islamistischer Extremisten \u00fcberlebt, die ihr die Kehle durchtrennten. Au\u00dfer Kernpunkten ihrer Leidensgeschichte hat Daoud real vorhandene Tattoos im Roman beschrieben wie auch ein in Algerien einmaliges Atemger\u00e4t, das Arbane lebenslang tragen muss. Um zu verhindern, dass sie mit Daouds Heldin Aube identifiziert wird, h\u00e4tten solche Details leicht durch andere ersetzt werden k\u00f6nnen. Unverst\u00e4ndlich ist auch, wieso er den realen Friseursalon Arbanes \u00fcbernahm und in ein Etablissement umdeutete, in dem auch Prostitution vermittelt wird. Saada Arbane hatte auf Anfragen, ob ihre Geschichte in einem Roman verwendet werden k\u00f6nne, immer negativ geantwortet, und zwar auch dann, wenn sie an k\u00fcnftigen Filmrechten beteiligt werde. In der Universit\u00e4tsklinik von Oran ist ihre Krankenakte verschwunden. Die Klage bezieht sie auch auf Dehdouh.<\/p>\n<p>Der Prozess fand in Abwesenheit des Paares statt. W\u00e4hrend die Begr\u00fcndung des Urteils noch nicht ver\u00f6ffentlicht war, verbreitete Daoud in franz\u00f6sischen Medien, dass es rein politisch motiviert sei und sich auf das Gesetz zur nationalen Vers\u00f6hnung von 2005 beziehe, das die freie Rede \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg stark einschr\u00e4nkt. Die eigentliche, eine gravierende Verletzung von Pers\u00f6nlichkeitsrechten betreffende Anklage lie\u00df er unerw\u00e4hnt. Offenbar ist er um sein Ansehen als politischer Fl\u00fcchtling und Autor besorgt. Bedauerlich ist, dass Algerien diesen Schriftsteller verloren hat, der sich mit schlampigem Arbeiten bei seinem Roman \u00bbHuris\u00ab verrannt hat, nachdem er mit mehreren hervorragenden Romanen und zahlreichen gesellschaftskritischen Kolumnen in Algerien selbst brilliert hatte. Sollte eine von Saada Arbane auch in Frankreich gegen Daoud angestrengte Klage Erfolg haben, muss er wom\u00f6glich die Aberkennung des Prix Goncourt f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Dass die Verletzung von Pers\u00f6nlichkeitsrechten auch im europ\u00e4ischen Recht keine Bagatelle darstellt, zeigt der vergleichbare Fall, den Maxim Biller mit seinem 2003 bei Kiepenheuer und Witsch erschienenen Roman \u00bbEsra\u00ab erlebte. Weil seine ehemalige Freundin vor Gericht glaubhaft machte, dass Biller sowohl ihre Mutter als auch sie selbst erkennbar dargestellt und intime Details aus ihrem Sexualleben preisgegeben hatte, musste die Auslieferung des Romans gestoppt werden. 2008 wurden Biller und sein Verlag sogar zur Zahlung eines Schmerzensgelds von 50.000 Euro verurteilt, was jedoch ein Jahr sp\u00e4ter durch ein Revisionsverfahren abgewendet wurde. Der Roman allerdings durfte und darf auch weiterhin nicht verkauft werden \u2013 ein aussagekr\u00e4ftiger Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Kunstfreiheit und Pers\u00f6nlichkeitsrechten.<\/p>\n<p>Dass literarische Auseinandersetzungen mit den Grausamkeiten des \u00bbschwarzen Jahrzehnts\u00ab \u2013 wie der B\u00fcrgerkrieg offiziell hei\u00dft \u2013 in Algerien prinzipiell m\u00f6glich sind, zeigen die B\u00fccher von Yasmina Khadra, die ebenfalls, in Frankreich gedruckt, in Algerien vertrieben und sogar ausgezeichnet wurden. Auch Daouds B\u00fccher und die von Boualem Sansal sind im dortigen Buchhandel disponibel. Dass sie Schwierigkeiten haben, einen Verlag zu finden, h\u00e4ngt mit der st\u00e4ndig schrumpfenden frankophonen Leserschaft zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der seit zwei Jahren in Frankreich lebt und f\u00fcr seinen Roman \u00bbHuris\u00ab den&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":15407,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[93,92,7051,451,331,1731],"class_list":{"0":"post-15406","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-algerien","8":"tag-algeria","9":"tag-algerien","10":"tag-belletristik","11":"tag-buergerkrieg","12":"tag-frankreich","13":"tag-literatur"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116547535692374355","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15406"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15406\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15407"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}