{"id":15524,"date":"2026-05-10T11:19:56","date_gmt":"2026-05-10T11:19:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15524\/"},"modified":"2026-05-10T11:19:56","modified_gmt":"2026-05-10T11:19:56","slug":"sport-als-selbstbehauptung-ddr-vertragsarbeiter-raus-aus-der-tristesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/15524\/","title":{"rendered":"Sport als Selbstbehauptung \u2013 DDR-Vertragsarbeiter: Raus aus der Tristesse"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313758\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/313758.jpeg\" alt=\"Den Vertragsarbeitern in der DDR wurde der Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft absichtlich erschwert. Ein Ausweg waren eigene Sportteams und selbstorganisierte Turniere.\"\/><\/p>\n<p>Den Vertragsarbeitern in der DDR wurde der Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft absichtlich erschwert. Ein Ausweg waren eigene Sportteams und selbstorganisierte Turniere.<\/p>\n<p>Foto: imago\/Matthias Rietschel<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfen Hoffnungen landet Ibraimo Alberto 1981 auf dem Flughafen Sch\u00f6nefeld. Er m\u00f6chte seine Heimat <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193530.mosambik-ausbau-zur-fossilen-festung.html?sstr=mosambik\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mosambik<\/a> hinter sich lassen, ein Land, das gezeichnet ist von B\u00fcrgerkrieg und Ungleichheit. Alberto will sich in der DDR ein neues Leben aufbauen. Vielleicht mit einem Studium der Sportwissenschaften, vielleicht mit einem B\u00fcrojob. Das hatte man ihm zumindest in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p>Doch Ibraimo Alberto wird als <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192757.chemnitz-pham-phi-son-erhaelt-aufenthaltserlaubnis-nach-odyssee.html?sstr=vertragsarbeiter\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vertragsarbeiter<\/a> einem \u00bbVolkseigenen Betrieb\u00ab zugewiesen, einem Fleischkombinat. Er muss tote Tiere transportieren, in langen, eint\u00f6nigen Schichten. Mit Kollegen teilt er sich eine enge Unterkunft. Was ihm Ablenkung bietet? \u00bbVon Anfang an haben wir Fu\u00dfball gespielt\u00ab, sagt Alberto. \u00bbDas war unser Highlight.\u00ab<\/p>\n<p>Die Geschichte des Rassismus im Sport wird in der Regel aus westdeutscher Perspektive erz\u00e4hlt. In der DDR war die marode Wirtschaft auf mehr als 90\u2009000 Vertragsarbeiter angewiesen. Sie kamen aus Mosambik, Angola oder Vietnam. Der Alltag war von Isolation und Rassismus gepr\u00e4gt. Was Ablenkung bot? Der Sport.<\/p>\n<p>Trainingsspiele gegen Vereinsmannschaften<\/p>\n<p>Ibraimo Alberto war bei seiner Ankunft in Ostberlin noch keine 20\u2005Jahre alt. Er wollte sich einem lokalen Verein anschlie\u00dfen, aber afrikanische Vertragsarbeiter waren dort nicht willkommen. Sie sollten arbeiten und dann irgendwann wieder nach Hause fliegen.<\/p>\n<p>In Mosambik, im S\u00fcden Afrikas, hatte Alberto selbst Fu\u00dfballspiele organisiert. Daran kn\u00fcpfte er <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1194497.mein-land-will-nicht-verschwinden-film-ueber-die-ddr-der-osten-das-schwierige-kind.html?sstr=ostberlin\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">in der DDR<\/a> an. Er ging auf andere Arbeiter zu. Sie trafen sich zum Training und gr\u00fcndeten eine eigene Fu\u00dfballliga. F\u00fcr eine finanzielle Unterst\u00fctzung sprach er bei Betrieben und Sparkassen vor. \u00bbWir haben uns dann T-Shirts fertigen lassen. Die Mannschaft unseres Fleischkombinats wurde sogar in der Zeitung erw\u00e4hnt.\u00ab<\/p>\n<p>Das Engagement von Ibraimo Alberto sprach sich herum. Mit einer Auswahl mosambikanischer Arbeiter bestritt er Trainingsspiele gegen Vereinsmannschaften der DDR. Sie reisten nach Leipzig, Dresden oder Wismar. \u00bbViele Leute haben uns untersch\u00e4tzt\u00ab, sagt Alberto. \u00bbAber wir hatten ein gutes Team. Einige von uns hatten in Mosambik in der ersten Liga gespielt.\u00ab<\/p>\n<p>Kontrollen der Staatssicherheit in den Wohnheimen<\/p>\n<p>Spiele wie diese waren H\u00f6hepunkte f\u00fcr die Vertragsarbeiter. Im Alltag mussten sie oft gesundheitsgef\u00e4hrdende Aufgaben verrichten. Sie mussten ihre P\u00e4sse abgeben und Anteile ihres Lohnes an die heimischen Regierungen abf\u00fchren. \u00bbEs ist ihnen nur so viel Deutsch beigebracht worden, wie n\u00f6tig war\u00ab, sagt der Historiker Patrice Poutrus, der das Thema erforscht. \u00bbEs war nicht vorgesehen, dass es so etwas gibt wie partnerschaftliche Beziehungen zu Deutschen.\u00ab In einigen F\u00e4llen wurden schwangere Vertragsarbeiterinnen sogar zur Abtreibung gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>In der DDR-Propaganda galt die Vertragsarbeit als solidarische Hilfe f\u00fcr die \u00bbBruderstaaten\u00ab. Tats\u00e4chlich aber sollten Kontrollen in den Wohnheimen und die Staatssicherheit einen intensiven Kontakt zwischen Vertragsarbeitern und DDR-B\u00fcrgern erschweren. Ibraimo Alberto hielt sich an die Regeln, denn er wollte nicht zur\u00fcck ins kriegsgeplagte Mosambik. \u00bbWenn einer zu viel Theater gemacht hat, dann haben sie ihn zur\u00fcckgeschickt\u00ab, sagt er. \u00bbDann kam er in Mosambik gleich in die Armee.\u00ab<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313759\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/313759.jpeg\" alt=\"Ibraimo Alberto mit Fotos seiner Fu\u00dfballmannschaften in der DDR\"\/><\/p>\n<p>Ibraimo Alberto mit Fotos seiner Fu\u00dfballmannschaften in der DDR<\/p>\n<p>Foto: Ronny Blaschke<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte ausl\u00e4ndische Gruppe in der DDR, mit 60\u2009000 Arbeiterinnen und Arbeitern, stammte aus <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1177085.start-ups-vietnam-vom-truemmerfeld-zur-boomtown.html?sstr=vertragsarbeiter\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vietnam<\/a>. Hoang Van Thanh etwa kam 1988 nach Leipzig und wurde dort f\u00fcr eine Metallfabrik eingeteilt. Integrations- oder Sprachkurse wurden ihm nicht angeboten, sagt er: \u00bbWir wollten uns in der DDR eine neue Existenz aufbauen. Wir wollten von niemandem abh\u00e4ngig sein. Daher haben wir uns unauff\u00e4llig verhalten. Die vietnamesische Gemeinschaft hat uns Kraft gegeben.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Gemeinschaft interessierte sich auch f\u00fcr Fu\u00dfball. Nach und nach gr\u00fcndeten vietnamesische Arbeiter zwischen Ostsee und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1191037.zeitgeschichte-die-wiederbelebung-von-schacht.html?sstr=erzgebirge\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Erzgebirge<\/a> 16\u2005Mannschaften. Im Spielbetrieb der DDR waren sie nicht willkommen, deshalb organisierten sie eigene Turniere. Hoang Van Thanh, damals Anfang\u200520, k\u00fcmmerte sich um Pl\u00e4tze, Trikots und Reisebusse. Die vietnamesische Botschaft verbreitete die Informationen in ihrem Rundschreiben. \u00bbUnser Alltag war nicht leicht\u00ab, erinnert Hoang Van Thanh. \u00bbAber im Fu\u00dfball konnten wir unsere Gemeinschaft leben.\u00ab<\/p>\n<p>Rassismus und Abschiebedruck nach der Wiedervereinigung<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1194487.vertragsarbeiter-nach-der-einheit-kam-die-angst.html?sstr=vertragsarbeiter\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nach dem Mauerfall<\/a> verloren Zehntausende Vertragsarbeiter ihre Jobs und Unterk\u00fcnfte. Viele kehrten in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck. Die vietnamesische Regierung str\u00e4ubte sich dagegen und hoffte weiter auf Geld\u00fcberweisungen aus Deutschland. 20\u2009000 Vietnamesen blieben in der Bundesrepublik. Viele wurden Opfer von Angriffen und Rassismus, zum Beispiel im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, als mehrere hundert Menschen, darunter viele Rechtsextreme, tagelang ein Wohnheim f\u00fcr Asylbewerber attackierten \u2013 unter dem Applaus von Schaulustigen.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich lebten die ehemaligen Vertragsarbeitenden \u00fcber Jahre unter Abschiebedruck, sagt der in Ostberlin aufgewachsene Forscher Patrice Poutrus: \u00bbSie mussten ihre Existenz ebenfalls neu aufbauen wie alle Ostdeutschen. Und gleichzeitig mussten sie sich fragen, ob ihre ostdeutschen Mitmenschen nicht eventuell auch ihre rassistischen Feinde sind.\u00ab<\/p>\n<p>Heute kickt die zweite Generation mit<\/p>\n<p>Auch der langj\u00e4hrige Fu\u00dfballer Hoang Van Thanh blieb nach dem Mauerfall in Leipzig. Er baute ein Textilunternehmen auf und organisierte weiterhin Turniere f\u00fcr die deutsch-vietnamesische Community, bis heute. Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt er nun von den Kindern der einstigen Vertragsarbeiter, zu denen auch Bao Linh Huynh geh\u00f6rt. \u00bbDie zweite Generation ist in Deutschland aufgewachsen\u00ab, sagt die Dresdnerin. \u00bbMithilfe des Fu\u00dfballs k\u00f6nnen wir aber eine Verbindung zur vietnamesischen Kultur und zur Sprache schaffen.\u00ab<\/p>\n<p>Der in Mosambik aufgewachsene Ibraimo Alberto vertritt eine \u00e4hnliche Haltung. In den 90er Jahren war er auch ein erfolgreicher Boxer. Im brandenburgischen Schwedt absolvierte er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter. F\u00fcr einige Jahre lebte er dann in Karlsruhe. Doch inzwischen, mit\u200562, ist er wieder in Berlin. Lange arbeitete Alberto mit gefl\u00fcchteten Menschen. Er erz\u00e4hlte ihnen von seiner eigenen Geschichte, von der Ankunft und von Rassismus. Aber auch von der Selbstbehauptung, in der Sport von gro\u00dfer Bedeutung war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Den Vertragsarbeitern in der DDR wurde der Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft absichtlich erschwert. 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