{"id":1560,"date":"2026-04-18T16:57:52","date_gmt":"2026-04-18T16:57:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/1560\/"},"modified":"2026-04-18T16:57:52","modified_gmt":"2026-04-18T16:57:52","slug":"genozidgedenken-in-namibia-das-ewige-warten-auf-einsicht-aus-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/1560\/","title":{"rendered":"Genozidgedenken in Namibia: Das ewige Warten auf Einsicht aus Deutschland"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Es war ein warmer Morgen im Khomashochland von Namibia. Alte Aktivisten der Volksgruppen der Herero und Nama standen feierlich vor Kerzenreihen. Es war der erste nationale <a href=\"https:\/\/taz.de\/Namibia-gedenkt-des-Voelkermords\/!6090823\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">V\u00f6lkermordgedenktag in Namibia<\/a>, am 28. Mai vergangenen Jahres, eingerichtet zum Jahrestag der Schlie\u00dfung der deutschen Konzentrationslager im ehemaligen Deutsch-S\u00fcdwestafrika im Jahr 1908 nach dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V%C3%B6lkermord_an_den_Herero_und_Nama\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">V\u00f6lkermord<\/a> vier Jahre zuvor.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">In diesen Tagen wird auch des Beginns des Aufstands der Herero und Nama gegen die Deutschen gedacht. Und jedes Gedenken in Namibia ruft nicht nur die damaligen Ereignisse in Erinnerung, sondern erinnert auch daran, dass die Nachfahren der Opfer immer noch darauf warten, dass Deutschland seine wiederholten Versprechen erf\u00fcllt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Am 11. und 12. Januar 1904 hatte der Aufstand der Herero gegen die deutschen Siedler in der damaligen Kolonie begonnen, den die deutsche Armee unter General Lothar von Trotha in den folgenden vier Jahren brutal niederschlug. Sein ber\u00fcchtigter \u201eVernichtungsbefehl\u201c (\u201eInnerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen\u201c) trieb Zehntausende Menschen in die lebensfeindliche W\u00fcste Kalahari, wo sie verhungerten und verdursteten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Dazu kamen systematische Hinrichtungen und Zwangsarbeit \u2013 nach Ansicht von Historikern der erste V\u00f6lkermord des 20. Jahrhunderts. Sch\u00e4tzungsweise 65.000 Herero und 10.000 Nama \u2013 jeweils bis zu 80 und 50 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung der beiden Volksgruppen \u2013 kamen ums Leben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">\u201eUnsere Erwartungen an Gerechtigkeit sind noch nicht erf\u00fcllt\u201c, sagt Herero-Aktivist Israel Kaunatjike, Gr\u00fcnder der Kampagne \u201eNo Amnesty on Genocide\u201c. \u201eUnsere Vorfahren wurden abgeschlachtet, Land wurde gestohlen, und jetzt warten wir.\u201c<\/p>\n<p>      Deutschland bietet blo\u00df Entwicklungshilfe an<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Nach Jahrzehnten des Herumdrucksens erkannte Deutschland die kolonialen Massaker 2021 endlich als Genozid an, wenn auch nicht im juristischen Sinne. In einer <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kolonialverbrechen-an-Herero-und-Nama\/!5775510\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201egemeinsamen Erkl\u00e4rung\u201c mit der Regierung Namibias<\/a> gestand die deutsche Bundesregierung, dass deutsche Truppen damals genozidale Gewalt ver\u00fcbt h\u00e4tten, und verpflichtete sich zur Zahlung von 1,1 Milliarden Euro \u00fcber einen Zeitraum von 30 Jahren f\u00fcr die Entwicklung der Regionen, wo die Nachfahren der Herero- und Nama-Opfer heute leben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"8\">Deutsche Amtstr\u00e4ger pr\u00e4sentierten dies als eine Geste der Vers\u00f6hnung, nicht als eine rechtlich definierte Reparationszahlung. Der damalige SPD-Au\u00dfenminister Heiko Maas, eine Schl\u00fcsselfigur der Verhandlungen, bat um Vergebung und erkl\u00e4rte: \u201eWir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive waren: ein V\u00f6lkermord.\u201c Aber das Ausw\u00e4rtige Amt pr\u00e4zisierte: \u201eRechtliche Anspr\u00fcche auf Entsch\u00e4digung lassen sich daraus nicht ableiten.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Kritiker sagen, Reparationen und Entwicklungshilfe sind zwei verschiedene Dinge, und zwar nicht nur sprachlich. Anders als bei den Opfern des Holocausts an den europ\u00e4ischen Juden wird im Falle der Herero und Nama der Begriff \u201eReparationen\u201c oder \u201eWiedergutmachung\u201c von deutscher Seite vermieden, um keinen Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr Forderungen aus anderen ehemaligen deutschen Kolonien zu schaffen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Dazu kommt: Bis heute sind keine Zahlungen oder auch nur detaillierte Umsetzungspl\u00e4ne auf der Grundlage der \u201eGemeinsamen Erkl\u00e4rung\u201c erfolgt. Erst im Dezember 2025 stellte ein Bericht fest, dass noch keine Gelder an die Opfer geflossen sind. Das liegt laut Analysten an b\u00fcrokratischen und politischen H\u00fcrden auf beiden Seiten und am deutschen Beharren darauf, dass das Geld nicht als Entsch\u00e4digung zu werten ist. In Namibia stie\u00df das Verhandlungsergebnis mit Deutschland auf breite Kritik, Nachfahren der Opfer reichten Klage ein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"11\">\u201eEntwicklungsprojekte sind vielen Namibiern willkommen, aber sie erf\u00fcllen nicht die Forderungen nach Gerechtigkeit f\u00fcr den V\u00f6lkermord an sich\u201c, sagt John Nakuta, Menschenrechtsjurist an der University of Namibia.<\/p>\n<p>      Nachfahren der \u00dcberlebenden f\u00fchlen sich ausgegrenzt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"13\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Anwaeltin-ueber-Abkommen-zum-Voelkermord\/!6076664\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Herero- und Nama-Gemeinschaften<\/a> sa\u00dfen nicht am Verhandlungstisch. Namibias Regierung sagte, sie verhandle im Namen all ihrer B\u00fcrger, aber die direkten Nachfahren der \u00dcberlebenden f\u00fchlten sich oft an den Rand gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"14\">Amnesty International kritisiert, dass die deutsche Regierung nicht direkt mit den betroffenen Gemeinschaften sprechen und sich nicht zu einer rechtlich bindenden Entsch\u00e4digungsverpflichtung bekennen will. \u201eEs kann keine echte Gerechtigkeit geben, wenn die Betroffenen aus den Gespr\u00e4chen ausgeschlossen sind.\u201c Deutschlands Umgang mit dem V\u00f6lkermord bleibe \u00fcber ein Jahrhundert sp\u00e4ter eine \u201eSchande\u201c, so Amnesty-Regionaldirektor Tigere Chagutah.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"15\">Die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Namibian_genocide_reparations\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Forderung nach Reparationen<\/a> umfasst Landrechte und die Restitution aller nach Europa gebrachten menschlichen \u00dcberreste der V\u00f6lkermordopfer. Entwicklungsprojekte von au\u00dfen hingegen werden eher als eine drohende Fortsetzung kolonialer Machtverh\u00e4ltnisse gesehen, die das seit der Kolonialzeit w\u00e4hrende Unrecht nicht adressiert.<\/p>\n<p>      Namibias neue Pr\u00e4sidentin will neu verhandeln<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"17\">Namibias Regierung unter der neugew\u00e4hlten Pr\u00e4sidentin <a href=\"https:\/\/taz.de\/Namibias-erste-Praesidentin\/!6050286\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Netumbo Nandi\u2011Ndaitwah<\/a> h\u00e4lt den Druck auf Berlin aufrecht, mehr zu tun als Symbolpolitik. Beim ersten offiziellen V\u00f6lkermordgedenktag 2025 <a href=\"https:\/\/www.namibia-botschaft.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Statement-by-Her-Excellency-Dr.-Netumbo-Nandi-Ndaitwah-President-of-the-Republic-of-Namibia-on-The-Occasion-of-The-Genocide-Remembrance-Day-Parliament-Gardens-Windhoek-28-May-2025.pdf\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">bekr\u00e4ftigte sie<\/a> das Bestreben der Regierung, die Verhandlungen weiterzuf\u00fchren, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht sei, das den V\u00f6lkermord anerkenne und Reparationen leiste. \u201eWir m\u00fcssen dabei bleiben, dass wir als Nation bis zum Endergebnis weiterk\u00e4mpfen\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"18\">Nandi-Ndaitwah hat sich optimistisch gezeigt, dass es bis 2026 eine neue Vereinbarung geben kann. Namibia erwarte von Deutschland nicht blo\u00df Entwicklungshilfe, sondern eine vollumf\u00e4ngliche Anerkennung, Entschuldigung und Entsch\u00e4digung, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Deutschland bleibt dabei, dass es keine Reparationen f\u00fcr koloniale Verbrechen geben kann, da die entsprechenden internationalen Rechtsbestimmungen damals noch nicht existiert h\u00e4tten und somit keine Rechtsverletzung vorliege, f\u00fcr die Entsch\u00e4digung zu leisten w\u00e4re. Der Ansatz, moralische statt juristische Verantwortung geltend zu machen und Vers\u00f6hnung anstelle von Wiedergutmachung zu leisten, soll es vermeiden, Forderungen aus weiteren L\u00e4ndern T\u00fcr und Tor zu \u00f6ffnen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"20\">Aber in Namibia werden die Forderungen nach Reparationen lauter und die Einm\u00fctigkeit in der Gesellschaft steigt und kann immer schwerer ignoriert werden. \u201eAnerkennung ist wichtig, aber Entsch\u00e4digung und Gerechtigkeit m\u00fcssen folgen\u201c, sagt Kaunatjike.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">Kann es Gerechtigkeit ohne Wiedergutmachung geben? Das ist die Frage, der sich beide Regierungen jetzt stellen m\u00fcssen. Tausenden Namibiern, deren Familien die Wunden der Zerst\u00f6rung von Leben, Land und Kultur in sich tragen, ist die Antwort klar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war ein warmer Morgen im Khomashochland von Namibia. 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