{"id":16935,"date":"2026-05-14T07:51:12","date_gmt":"2026-05-14T07:51:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/16935\/"},"modified":"2026-05-14T07:51:12","modified_gmt":"2026-05-14T07:51:12","slug":"helfer-verschleiern-ihr-geschaeftsmodell-die-sprach-maskerade-der-entwicklungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/16935\/","title":{"rendered":"Helfer verschleiern ihr Gesch\u00e4ftsmodell &#8211; Die Sprach-Maskerade der Entwicklungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Der einst einflussreiche deutsche Journalist und Humanist Rupert Neudeck (1939\u20132016) kritisierte bei unseren Treffen immer wieder die Sprache der etablierten Entwicklungshilfe. Sie diene nur der Selbsterhaltung der eigenen B\u00fcrokratie, statt L\u00f6sungen zu benennen. Er bezeichnete die Entwicklungspolitik, die immer neue F\u00fcrsorgeversprechen gebe, als \u201ekrank\u201c und forderte, Korruption und das Versagen der Helfer offen anzusprechen. Die Sprache diene als Maskerade, die das grandios gescheiterte System der westlichen Entwicklungspolitik kaschieren sollte. Das Geld versickere ohne Wirkung. Helfen k\u00f6nne sich die Dritte Welt nur selbst. Neudeck hat viele Punkte aufgegriffen, die bis heute im Argen liegen. Dass Rupert Neudeck, noch heute verehrt wird, liegt auch daran, dass er zeit seines Lebens unbequem blieb und sagte, dass Hilfe nur dann gut sei, wenn der Westen sich \u00fcberfl\u00fcssig mache. Hilfe d\u00fcrfe niemals Dauerzustand sein.<\/p>\n<p>Die Kritik von Neudeck hat wenig gefruchtet. Milliarden versickern weiter im Sand. Das System \u201everdient\u201c an sich selbst und ist weitgehend immun gegen Kritik. Die Besitzstandswahrung betrifft Zehntausende Angestellte und Unternehmen im Norden, f\u00fcr die \u201eEntwicklung\u201c ein stabiles Gesch\u00e4ftsmodell ist, das von der Fortexistenz der Probleme lebt. Rupert Neudecks \u201eradikaler Pragmatismus\u201c scheiterte, weil er ein Angriff auf den Berufsstand des hoch bezahlten \u201eHelfers\u201c war. Sein Ansatz, mit minimalen Kosten und ohne teure Verwaltung direkt zu helfen, bedrohte die Existenzberechtigung dieser Apparate. Ferner hebelte Neudecks Forderung, Hilfe an harte Bedingungen zu kn\u00fcpfen oder sie direkt an der Basis zu leisten, die Kontrolle der korrupten \u201eEliten\u201c aus. Seine damalige Kritik kann ich im Grunde unver\u00e4ndert wiederholen. Von Ver\u00e4nderungen, die dringend n\u00f6tig w\u00e4ren, ist weiterhin nichts zu erkennen.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/nach-trumps-usaid-sparkurs-machtige-helfer\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/USAID.png\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>In allen L\u00e4ndern, in denen ich t\u00e4tig war, hatten wir M\u00fche, \u00fcberhaupt gen\u00fcgend sinnvolle Projekte zu finden, um die Mittel loszuwerden. Der systemimmanente Druck innerhalb des Bundesministeriums f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Durchf\u00fchrungsorganisationen wie der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr internationale Zusammenarbeit (GIZ), bereitgestellte Budgets bis zum Jahresende \u201eabflie\u00dfen\u201c zu lassen, f\u00fchrt oft dazu, dass wenig sinnvolle Projekte weiter unterst\u00fctzt werden, nur um die Mittel auszusch\u00f6pfen. Die Milliardensummen sind zu einem Zwangskorsett geworden. Jeder, der in der Entwicklungshilfe t\u00e4tig ist, kennt das \u201eDezemberfieber\u201c, das hei\u00dft, die Mittel m\u00fcssen \u2013 um jeden Preis \u2013 verausgabt werden. Ein gutes Medikament gegen dieses Fieber w\u00e4re die R\u00fcckgabe der nicht verbrauchten Steuergelder. Aber es wird nach dem Kartoffel-Theorem gehandelt: \u201eWas auf den Tisch steht, wird gegessen.&#8220;<\/p>\n<p>Es gibt keine systematische Bestandsaufnahme, was die Milliarden an Steuergeldern tats\u00e4chlich bewirkt haben. Stattdessen wird der Erfolg meist rein quantitativ an der H\u00f6he der ausgezahlten Summen gemessen, nicht an der realen Verbesserung der Lebenssituation der Menschen vor Ort. Ein erheblicher Teil der Mittel versandet zudem in der deutschen Verwaltung und bei Beratern.<\/p>\n<p>Afrikas Elendsklischees verkaufen sich zu gut<\/p>\n<p>Das konstruierte Bild vom hilfsbed\u00fcrftigen Afrika ist ein Produkt des politischen Lobbyismus \u201eF\u00fcr Afrika\u201c (White Saviorism = wei\u00dfe Retter). Deshalb weiterhin ein \u201eBusiness der Barmherzigkeit\u201c?\u00a0<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/moralische-aufladung-warum-die-entwicklungshilfe-grundlegend-uberpruft-werden-muss-\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/504901568.jpg\" width=\"434\" height=\"289\" alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Nein, wir m\u00fcssen etwas ganz anderes machen, vor allem nicht mehr \u00fcber die Mehrzahl der 55 L\u00e4nder irgendetwas ausgie\u00dfen. Ein Gesamtkonzept von Kairo bis Pretoria macht wenig Sinn. Es m\u00fcssen differenzierte L\u00e4nder- und regionsspezifische Antworten entwickelt werden. F\u00fcr alle L\u00e4nder gilt, dass Hilfe nur dort nicht verschwendet wird, wo ein gutes staatliches Umfeld und ein stabiles Rechtssystem vorhanden sind. Es ist naiv zu glauben, dass an die Regierungen verteilte Hilfsgelder notwendig den Menschen zugutekommen. Ist ein politisches System berechenbar, wie z.B. in Mauritius, Ruanda, Senegal, Benin oder Botswana, spielt der Privatsektor \u00a0eine aktive Rolle. Ausl\u00e4ndische Investoren kommen und bringen das Land \u00f6konomisch in Schwung. Der Kontinent braucht eine eigenverantwortliche Wirtschaftspolitik. Weiterverarbeitende Produkte und echte Industrien brauchen die L\u00e4nder. Eigeninitiative muss mehr als bisher belohnt werden. Mit Krediten aus Risikokapital, die an Bedingungen gekn\u00fcpft werden.<\/p>\n<p>Nachstehend einige der durch h\u00e4ufigen Gebrauch abgenutzten W\u00f6rter (Fassaden-Rhetorik), die auf dem Papier gut klingen und als Rechtfertigung gegen\u00fcber dem Steuerzahler dienen, aber in der Praxis \u00a0auf die harten Realit\u00e4ten sto\u00dfen.\u00a0<\/p>\n<p>Good Governance<\/p>\n<p>Die meisten L\u00e4nder in Afrika werden miserabel regiert. Oft fehlt es an einem gerechten Steuersystem. Eine Rechenschaftspflicht (accountability) der Regierungen, unabh\u00e4ngige Parlamente und eine Gerichtsbarkeit gibt es kaum in einem Staat. Es fehlt an Gemeinwohlorientierung. Die Folgen sind fatal. Noch gibt es viele Entscheidungstr\u00e4ger in Afrika, die nicht das karge Leben ihrer Mitmenschen kennen. Dieses ist von Erniedrigung, Entbehrung und harter Arbeit gekennzeichnet. Machteliten handeln eher im Eigeninteresse, statt das Gemeinwohl zu f\u00f6rdern. Deshalb flie\u00dft das Geld aus Rohstoffen nicht in gute Stra\u00dfen, in die Strom- und Wasserversorgung, in die Landwirtschaft und in saubere St\u00e4dte. Selbst in wohlhabenden L\u00e4ndern wie dem Kongo, Gabun, \u00c4quatorialguinea, Angola, Nigeria leben die meisten Menschen in bitterer Armut. Letztere werden gerne der F\u00fcrsorge der Industriel\u00e4nder \u00fcberantwortet, und unsere Politiker machen das Spiel mit. Das ist m\u00f6glich, weil nicht nur deutsche Medien Selbstzensur aus\u00fcben in der beunruhigend paternalistischen Auffassung, die Steuerzahler k\u00f6nnten wom\u00f6glich zu gut informiert werden, was die Einm\u00fctigkeit bei einer &#8222;hehren Sache&#8220; durch Sachkenntnis st\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/innenpolitik\/deutsche-entwicklungshilfe-die-moralische-machete-unrwa-svenja-schulze\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/124778707_0.jpg\" width=\"434\" height=\"289\" alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Eigenverantwortung (Ownership)<\/p>\n<p>Die Weltbank hatte schon vor Jahren angemahnt, dass die Nehmerl\u00e4nder vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz umsteigen sollten. Das ist nie geschehen. James Shikwati aus Kenia \u00fcbt schonungslose Kritik: \u201eWer Afrika helfen will, darf kein Geld geben\u201c, und der ugandische Journalist Andrew Mwenda sagt: \u201eDer Grund f\u00fcr die anhaltende Armut ist die Entwicklungshilfe selbst.\u201c Der verstorbene ghanaische \u00d6konom George Ayittey hat die \u00fcberalterten, korrupten und beh\u00e4bigen Machthaber \u2013 wie in Uganda, Kamerun, \u00c4quatorialguinea \u2013 als \u201eNilpferd-Generation\u201c bezeichnet. Sie l\u00e4gen tr\u00e4ge im Schlamm und weigerten sich, den Status quo zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Subsidiarit\u00e4tsprinzip<\/p>\n<p>Kaum ein Grundsatz wird in der Entwicklungspolitik so sehr missachtet wie dieses Prinzip. Von Oswald von Nell-Breuning stammt der Satz: \u201eHilfe zu Selbsthilfe hat den Vorzug, den anderen nicht als Objekt zu behandeln, sondern ihn als Subjekt zu achten, das sich selbst an der zu l\u00f6senden Aufgabe beteiligen will, die es allein zu bew\u00e4ltigen vermag.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Es darf nicht weiter so bleiben, dass wir die Handelnden sind, egal in welchem Bereich.<\/p>\n<p>Wir haben unglaubliche Abh\u00e4ngigkeiten geschaffen \u00a0und das ist unverantwortlich. Das theoretische Versprechen, die Eigenst\u00e4ndigkeit der Staaten zu f\u00f6rdern, wird in der Praxis der gro\u00dfen Hilfsprogramme oft ignoriert und durch falsche Anreize ins Gegenteil verkehrt. Beispiel: Es werden Projekte umgesetzt, nur um Budgets zu rechtfertigen, auch wenn vor Ort kein Bedarf besteht. So stabilisiert die \u201eHilfe\u201c den Status quo und verhindert politische Reformen, die f\u00fcr echte subsidi\u00e4re Strukturen n\u00f6tig w\u00e4ren. Der Erfolg von Hilfe sollte nicht mehr daran gemessen werden, wie viel Geld ausgegeben wurde, sondern an den messbaren Verbesserungen vor Ort.\u00a0<\/p>\n<p>Auf Augenh\u00f6he<\/p>\n<p>Der Westen gibt seit 60 Jahren das Geld und bestimmt, welche Konzepte umgesetzt werden. Dadurch werden die Betroffenen zu Almosenempf\u00e4ngern degradiert. Dies erstickt Eigeninitiative und f\u00fchrt dazu, dass lokale Partner eher Projekte im Sinne der Geber umsetzten, um Gelder zu erhalten. \u00a0Die Verkn\u00fcpfung von Finanzhilfen mit westlichen Gesellschaftsidealen (\u00d6ko-Experimente, LGBTQ-Rechte, strikte Gender-Quoten) wird als Arroganz und Bevormundung empfunden. Afrikaner haben andere Sorgen, als die \u00fcber Jahre hinweg gehypten Utopien der Klimarettung. Unsere Energiewende macht keiner auf der Welt nach. Sie erkennen die simulierte Moral.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/entwicklungshilfe-der-westen-und-der-anti-westen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/404029078.jpg\" width=\"434\" height=\"289\" alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>In der staatlichen Hilfe wird seit Jahren statt von Entwicklungshilfe von \u201eZusammenarbeit\u201c gesprochen. Dabei wird behauptet, dass Entwicklungsziele und Hilfe partnerschaftlich festgelegt, gemeinsam geplant und durchgef\u00fchrt werden. Au\u00dferdem wird vorgegaukelt, dass \u201ein vielen F\u00e4llen sich das Nehmerland an der Finanzierung der Programme beteiligt\u201c. Aber vor den Regierungsverhandlungen schreiben die Experten auf, was die afrikanischen Regierungen erbitten sollen. Zu den Verhandlungen werden dann von deutscher Seite die fertigen Protokolle mitgebracht, in denen dann noch marginale \u00c4nderungen m\u00f6glich sind. Das ist in Wirklichkeit keine Zusammenarbeit. Von einer solchen k\u00f6nnte man nur sprechen, wenn die Geber-Nehmer-Mentalit\u00e4t abgel\u00f6st w\u00fcrde von einer Grundhaltung partnerschaftlicher Zusammenarbeit, die auf Initiative und Eigenverantwortung der Beteiligten in Afrika setzt. Jeder, der in Afrika gearbeitet hat, wei\u00df, dass die Beteiligungen zwar im Vertrag stehen, aber nie ernsthaft eingefordert werden. Die GIZ \u00fcbernimmt die Kosten letztlich komplett, um den \u201eMittelabfluss\u201c nicht zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Hilfe zur Selbsthilfe<\/p>\n<p>Wozu gibt es das Berufsbild des Entwicklungshelfers? Weil wir uns nie wieder entbehrlich machen wollen. Die Entwicklungshelfer haben lange so getan, als k\u00f6nnten sie immer alle Probleme l\u00f6sen. Dadurch verloren viele Menschen den Sinn f\u00fcr Eigenverantwortung, und der vielfach abgenutzte Slogan \u201eHilfe zur Selbsthilfe\u201c wird zur hohlen Phrase. Welche Hilfsorganisation hat sich schon einmal Gedanken dar\u00fcber gemacht, in einem \u00fcberschaubaren Zeitraum nicht mehr zu existieren?\u00a0<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten wird Entwicklungspolitik mit einem gigantischen Personal- und Finanzeinsatz betrieben. Trotzdem werden die Minimalziele nicht einmal ann\u00e4hernd erreicht. L\u00e4nder wie Ruanda, Botswana, Mauritius oder Ghana zeigen, dass sie mit eigener Kraft vorankommen. Dauerhilfe aus dem Ausland dagegen zementiert die Abh\u00e4ngigkeit der Regierungen und verlangsamt eine nachhaltige Entwicklung. Warum reden wir den Afrikanern immer wieder ein, dass sie ihre Probleme nicht selbst l\u00f6sen k\u00f6nnen? Es scheint schwer zu sein, die Menschen einfach ihren eigenen Ideen zu \u00fcberlassen.\u00a0<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/entwicklungspolitik-die-zukunft-europas-wird-in-afrika-entschieden\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Afrika .png\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"Eine Giraffe steht vor den Toren der kenianischen Hauptstadt Nairobi im goldenen Gras \/ Prof.\u2009Dr.\u2009Stefan Liebing \" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Warum findet keine B\u00fcrgerbeteiligung bereits in der fr\u00fchen Planungsphase statt? Warum werden dann nicht alle Argumente transparent dokumentiert? Es geht nie um einen offenen Austausch von \u00dcberlegungen, um das Falsifizieren von Ideen durch die Praxis, wie es Karl Popper forderte. Antwort aus der Praxis: Die Geber und die afrikanischen Regierungen in der Hauptstadt treten oft als \u201eallwissende Wohlt\u00e4ter\u201c auf. Wenn Betroffene aus ihrer Lebensrealit\u00e4t \u00a0argumentieren, dass ein Projekt am Bedarf vorbeigeht, wird dies als Undankbarkeit oder mit mangelndem technischen Verst\u00e4ndnis abgetan. Der herrschaftsfreie Diskurs (nach J\u00fcrgen Habermas) ist der nat\u00fcrliche Feind jeder Machtabsicherung.<\/p>\n<p>Nachhaltige Entwicklung<\/p>\n<p>Nachhaltig ist kein gesch\u00fctzter Begriff. Alles ist nachhaltig. Man best\u00e4tigt sich gegenseitig in der moralischen Marschrichtung. Die inflation\u00e4re Verwendung des Begriffs \u201eNachhaltigkeit\u201c verliert st\u00e4ndig an Bedeutung. Es ist zu einem gedankenlosen, inhaltsleeren Allerwelts-Schlagwort zur Vernebelung von Interessen geworden. Der Begriff wird als umweltfreundlich missbraucht, um den wahren ideologischen und politischen Nutzen zu verdecken. Ich empfehle allen, die diesen Ausdruck f\u00fcr ihre Zwecke instrumentalisieren, zu misstrauen, z.B. den vom BMZ mit 43 Millionen gef\u00f6rderten \u201ekonsumkritischen Stadtg\u00e4ngen\u201c in Deutschland, oft mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und fairem Handel. Diese fragw\u00fcrdige Art \u201eentwicklungspolitischer Bildungsarbeit\u201c, schadet den Entwicklungsl\u00e4ndern, da sie wieder einmal aus einer privilegierten Position heraus formuliert wird, ohne die lokalen Bed\u00fcrfnisse z.B. in Afrika ausreichend zu ber\u00fccksichtigen. Konsumkritik, die zu Boykotten f\u00fchrt, wird die Exportchancen von L\u00e4ndern verschlechtern, die auf den Export von landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen \u00a0angewiesen sind.<\/p>\n<p>Ein Hindernis f\u00fcr einen gesteigerten Export durch afrikanische Unternehmen, zum Beispiel nach Deutschland, sind sowohl andere Qualit\u00e4tsvorstellungen, als auch die Beanstandung von Arbeitsbedingungen und mangelnden Umweltschutzes durch ausl\u00e4ndische Nichtregierungsorganisationen. Boykottaufrufe gegen Produkte wegen \u2013 nach westlichen Vorstellungen \u2013 unw\u00fcrdiger Arbeitsbedingungen sind nicht unproblematisch. Es macht nicht immer Sinn, unsere Vorstellungen durchsetzen zu wollen. Vielen Kritikern fehlen genaue Kenntnisse der Lebenswirklichkeit vor Ort. Keinen Job zu haben, ist auf dem Kontinent das Hauptrisiko f\u00fcr Armut. Wer Armut bek\u00e4mpfen will, muss Arbeit schaffen. Oftmals ist die Arbeit in der Landwirtschaft die einzige Chance, Hunger und bedrohlicher Armut zu entkommen. Wer die Bedingungen etwa in der Avocado- oder Blumen-Produktion anprangert, trifft oft die Falschen und verschreckt ausl\u00e4ndische Investoren.\u00a0<\/p>\n<p>Empowerment<\/p>\n<p>Mit diesem gerne gebrauchten Schlagwort wird eine partnerschaftliche \u00a0Zusammenarbeit suggeriert, w\u00e4hrend die Kluft zwischen dem wohlmeinenden Geber und benachteiligten Bev\u00f6lkerungsgruppen oft bestehen bleibt. Das w\u00fcrde sich nur \u00e4ndern, wenn Entscheidungsbefugnisse und Budgets direkt in die H\u00e4nde lokaler Gemeinschaften wandern w\u00fcrden. Das k\u00f6nnte die Menschen bef\u00e4higen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Echtes Empowerment w\u00fcrde bedeuten, dass gut bezahlte Entwicklungshelfer sich mittelfristig \u00fcberfl\u00fcssig machen w\u00fcrden, weil eine lokale Fachkraft (die Gegebenheiten vor Ort besser kennt) \u00a0die Aufgabe \u00fcbernehmen k\u00f6nnte. Das k\u00f6nnte Karriere\u00e4ngste bei westlichen Beratern ausl\u00f6sen. Wenn sich das Konzept durchsetzen sollte, werden tausende von Berufsentwicklungshelfern nicht mehr ben\u00f6tigt. Deshalb sind Projekte oft so aufwendig gestaltet (fremde Priorit\u00e4ten, wie Genderanalysen, CO\u2082-Bilanz und hunderte Seiten Dokumentation), dass sie ohne Expertise der ausl\u00e4ndischen Berater kaum zu bew\u00e4ltigen sind. Das sichert Folgeauftr\u00e4ge<\/p>\n<p>Chancenkontinent<\/p>\n<p>Deutsche Politiker werden nicht m\u00fcde, immer wieder \u00fcber den \u201eChancen-Kontinent-Afrika\u201c und \u00fcber die vielen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die deutsche Wirtschaft auf einem wirtschaftlich prosperierenden Kontinent zu sprechen (zuletzt Au\u00dfenminister Wadephul im Januar 2026 in Kenia). Derzeit betr\u00e4gt der Anteil afrikanischer Staaten am Welthandel 2,3 Prozent, obwohl auf dem Kontinent 17 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung leben. Davon konzentriert sich der Gro\u00dfteil des Exports auf Rohstoffe.\u00a0<\/p>\n<p>Viele afrikanische \u00d6konomien bleiben einerseits auf den Export von Rohstoffen fokussiert und andererseits auf die wenig produktive Landwirtschaft und informelle Dienstleistungen. Die Hoffnung, dass Handelsliberalisierung zu Industrialisierung und dem Aufbau von Wertsch\u00f6pfungsketten auf dem Kontinent f\u00fchrt, scheint von Wunschdenken gepr\u00e4gt. Auch wird immer noch der Verkauf von illegal gef\u00f6rderten Rohstoffen, die durch Kinderarbeit abgebaut werden, nicht erschwert. Die Scheu, sich der Wahrheit zu stellen, ist unter den Verantwortlichen noch immer gro\u00df. Konkret sind das: politische Instabilit\u00e4t, zu hohe verwaltungstechnische H\u00fcrden, Kriminalit\u00e4t, Korruption, fehlende Fachkr\u00e4fte, schlecht gepflegte Stra\u00dfennetze, unzuverl\u00e4ssige Stromversorgung und die Verl\u00e4sslichkeit lokaler Partner.<\/p>\n<p>Was daraus zu folgern ist<\/p>\n<p>60 Jahre Entwicklungshilfe haben keine sp\u00fcrbare Verbesserung in der Lebenssituation der Menschen in Afrika gebracht. Bei meinen \u00c4u\u00dferungen habe ich Afrika im Blick, wo das meiste Geld hingeht. \u00a0Ich kann haupts\u00e4chlich nur \u00fcber Afrika reden, von anderen Entwicklungsregionen \u00a0dieser Welt \u2013 au\u00dfer Armenien \u2013 verstehe ich weniger. Radikal versagt hat die Entwicklungshilfe vor allem f\u00fcr Afrika. Diese Helferei hat weitgehend auf dem Kontinent nichts gebracht. Die staatliche Betreuungsindustrie war nie erfolgreich, weil sie indirekt korrupte Systeme und Regierungen unterst\u00fctzt.\u00a0<\/p>\n<p>Man wei\u00df seit Jahrzehnten, dass Geld nicht gleichbedeutend mit mehr Entwicklung ist. Diese Gleichung ist nicht aufgegangen, dennoch beherrscht sie bis heute die Entwicklungspolitik. \u00a0Kosten und Erfolge stehen in keinem vertretbaren Verh\u00e4ltnis zueinander. Diese vielen Milliarden haben h\u00e4ufig geschadet, weil so die eigene Verantwortung und der Gestaltungswille der afrikanischen Regierungen unterentwickelt bleiben. Aufgaben, die der Staat eigentlich zu erf\u00fcllen hat, m\u00fcssen kaum noch von ihm wahrgenommen werden. Was haben die Asiaten besser gemacht? Sie hatten viele entwicklungsorientierte Regierungen. Sie waren allerdings sogenannte Entwicklungsautokratien. Die Qualit\u00e4t der Staatsf\u00fchrung und die Strategie f\u00fchrten zu rasantem Wirtschaftswachstum (S\u00fcdkorea, Taiwan, Singapur, China), w\u00e4hrend viele Diktaturen in Afrika in Stagnation, Korruption und Konflikten endeten.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/postkolonialismus-wie-man-judenhass-wegdefiniert\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/429155056.jpg\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"Vier bewaffnete M\u00e4nner sitzen auf der Ladefl\u00e4che eines wei\u00dfen Pickups auf einem Feldweg. Foto.\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Was haben die afrikanischen Staatsf\u00fchrer daraus gelernt? Sehr wenig, weil die allm\u00e4chtige Wohlt\u00e4tigkeitsindustrie in Afrika die Herrscher durch ausl\u00e4ndische Hilfsgelder finanzierte. W\u00e4hrend man in Asien gezwungen wurde, das Kapital selbst zu erwirtschaften, wurde Afrika in eine Alimentationsfalle gedr\u00e4ngt, was den Druck zur Eigenentwicklung nimmt und eine unproduktive Renten\u00f6konomie schafft.<\/p>\n<p>\u201eFollow the money\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Die internationale Hilfe-Industrie ist personell und finanziell so gigantisch, dass es schwer vorstellbar ist, wie sie auf ein vern\u00fcnftiges Ma\u00df zur\u00fcckgeschraubt werden kann. Die Entwicklungshilfe-B\u00fcrokratien sind eifers\u00fcchtig auf die Bewahrung des Helferwohlstandes bedacht. Die verausgabten Milliarden haben zweierlei Effekt. Sie erhalten den Status quo aufrecht. Es ist die Illusion, etwas Gutes getan zu haben.<\/p>\n<p>Aufgrund der schlechten Kassenlage fahren wir unsere heimische Infrastruktur weiter auf Verschlei\u00df. Dies sollte die Politiker zu der Einsicht bringen, dass es mit der Entwicklungspolitik nicht so weitergehen kann wie bisher. Kosten und Erfolge stehen in keinem vertretbaren Verh\u00e4ltnis zueinander. Es sollte keine Ewigkeitsentwicklung geben. \u00a0<\/p>\n<p>Der Hamburger Logistikunternehmer Thomas Hoyer bringt es auf den Punkt: \u201eDie meisten Politiker fliegen so hoch \u00fcber der Realit\u00e4t, dass ihnen die Menschen am Horizont alle n\u00e4her zu sein scheinen als die Deutschen unter ihnen. Man kann es auch \u201eVerletzung des Amtseids\u201c nennen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der einst einflussreiche deutsche Journalist und Humanist Rupert Neudeck (1939\u20132016) kritisierte bei unseren Treffen immer wieder die Sprache&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":16936,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[240],"tags":[29,360,7718,1259,675,3258,2180,138],"class_list":{"0":"post-16935","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-benin","8":"tag-afrika","9":"tag-benin","10":"tag-buerokratie","11":"tag-entwicklung","12":"tag-entwicklungshilfe","13":"tag-entwicklungspolitik","14":"tag-korruption","15":"tag-wirtschaft"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116571844325450125","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16935"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16935\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16936"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}