{"id":17073,"date":"2026-05-14T21:09:08","date_gmt":"2026-05-14T21:09:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/17073\/"},"modified":"2026-05-14T21:09:08","modified_gmt":"2026-05-14T21:09:08","slug":"jungle-world-sudan-voelkermord-ohne-gebrauchswert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/17073\/","title":{"rendered":"jungle.world &#8211; Sudan: V\u00f6lkermord ohne Gebrauchswert"},"content":{"rendered":"<p>Warum der Sudan in der deutschen linken \u00d6ffentlichkeit (und der restlichen auch) kaum z\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Im Sudan geschieht, was politische \u00d6ffentlichkeiten angeblich nicht mehr \u00fcbersehen k\u00f6nnen: Massaker, ethnische S\u00e4uberungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Hunger als Waffe. UN-Ermittler sprechen von \u201e<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/cpqw74d81jqo\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kennzeichen eines V\u00f6lkermords<\/a>\u201c, die US Regierung vom \u201e<a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/articles\/c8j9j72lvdvo\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">V\u00f6lkermord an der nicht-arabischen Bev\u00f6lkerung Darfurs<\/a>\u201c. Nicholas Kristof nennt den Sudan in der\u00a0New York Times\u00a0vom 30. August 2025 \u201e<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wohl die schlimmste humanit\u00e4re Krise der Welt<\/a>\u201c. Rund\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">25 Millionen Menschen seien von extremem Hunger<\/a>\u00a0betroffen, mindestens zw\u00f6lf Millionen vertrieben, die Zahl der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/12\/24\/opinion\/sudan-genocide.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Toten werde auf \u00fcber 400.000<\/a>\u00a0gesch\u00e4tzt. Das sind Zahlen, die in einer funktionierenden moralischen \u00d6ffentlichkeit nicht erst interpretiert werden m\u00fcssten. Sie m\u00fcssten gen\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Sie gen\u00fcgen nicht.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan hat in Deutschland kein gro\u00dfes Publikum. Er hat Hilfswerke, Fachleute, gelegentliche Meldungen und die \u00fcbliche internationale Grammatik der Besorgnis. Er hat keine moralische Dauersendung. Keine Campus-Mode. Keine linke Ritualsprache. Keine Demonstrations\u00f6konomie. Kein Milieu, das sich \u00fcber seine Haltung zum Sudan selbst erkennt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das ist erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Denn es geht nicht darum, Gaza gegen Sudan auszuspielen. Kristof schreibt ausdr\u00fccklich, \u201e<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">keine der beiden Krisen solle als Ablenkung von der anderen betrachtet werden<\/a>\u201e. Man k\u00f6nne \u00fcber das Leid in Gaza und im Sudan zugleich entsetzt sein. Der Satz klingt banal. Gerade deshalb trifft er. Offenbar ist die westliche Emp\u00f6rung kein Muskel, der durch Gebrauch st\u00e4rker wird, sondern ein Konto, von dem manche Opfer nicht abheben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wenn die Wirklichkeit falsch besetzt ist<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das Schweigen zum Sudan l\u00e4sst sich bequem erkl\u00e4ren: Afrika sei weit weg, der Konflikt un\u00fcbersichtlich, die Medien \u00fcberlastet, die \u00d6ffentlichkeit ersch\u00f6pft. Alles richtig, alles unzureichend. Denn die \u00d6ffentlichkeit ist nicht immer ersch\u00f6pft. Sie kann sehr wach sein, wenn der Stoff stimmt.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan liefert aber keinen Stoff, der sich leicht in die gewohnte linke Dramaturgie f\u00fcgt. Dort treten arabisch dominierte Milizen nicht als Opfer westlicher Gewalt auf, sondern als T\u00e4ter gegen schwarze, nicht-arabische Bev\u00f6lkerungsgruppen. Die Rapid Support Forces, hervorgegangen aus den\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Janjaweed\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Janjaweed-Milizen<\/a>, werden als Hauptakteur schwerster Verbrechen beschrieben. Kristof berichtet von einer Frau, deren Dorf \u00fcberfallen wurde: M\u00e4nner und Jungen seien aufgereiht und get\u00f6tet, Frauen und M\u00e4dchen vergewaltigt worden. Der Satz eines Milizenf\u00fchrers, den sie zitiert, braucht keine Kommentarschicht: \u201e<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wir wollen keine Schwarzen sehen.<\/a>\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Hier st\u00f6rt nicht nur die Grausamkeit. Hier st\u00f6rt die Rollenverteilung.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Ein Teil linker Weltdeutung lebt von einer Ordnung, in der der Westen handelt und der globale S\u00fcden leidet. Diese Ordnung ist nicht aus der Luft gegriffen; sie hat Geschichte, Blut und Aktenordner. Aber sie wird falsch, wenn sie zur Schablone wird. Dann pr\u00fcft man nicht mehr, wer was tut, sondern ob der T\u00e4ter ins Formular passt. Im Sudan passt er schlecht.\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Ein totes Kind im Sudan ist nicht weniger tot als ein totes Kind in Gaza. Man muss diesen Satz schreiben, weil die \u00f6ffentliche Reaktion das Gegenteil nahelegt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Arabische Akteure erscheinen in Teilen linker Wahrnehmung vor allem als Kolonialisierte, Gedem\u00fctigte, Bombardierte, Ausgegrenzte. Das kann stimmen. Es stimmt nur nicht immer. Im Sudan treten arabisch gepr\u00e4gte Milizen als Herren \u00fcber Leben und Tod auf. Sie verfolgen Menschen, weil diese als schwarz, fremd, nicht-arabisch gelten. Wer dann schweigt, sch\u00fctzt nicht die Komplexit\u00e4t. Er sch\u00fctzt seine Vereinfachung.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Nat\u00fcrlich ist \u201edie Linke\u201c kein Block, und nat\u00fcrlich gibt es linke Stimmen, die die Verbrechen im Sudan benennen. Aber politische Milieus erkennt man nicht nur daran, was sie sagen. Man erkennt sie auch daran, was sie nicht in Bewegung setzt. Sudan setzt wenig in Bewegung.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das ist der Befund.<\/p>\n<p>Die Karriere der selektiven Emp\u00f6rung<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\"><a href=\"https:\/\/quillette.com\/2026\/02\/21\/silence-on-sudan-universities-palestine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Steven Strauss beschreibt in\u00a0Quillette\u00a0vom 21. Februar 2026<\/a>\u00a0ein Muster westlicher Universit\u00e4ten: Israel steht im Zentrum von Protesten, Boykotten und moralischer Selbstvergewisserung; die Vereinigten Arabischen Emirate, die Unterst\u00fctzer der RSF, bleiben weitgehend verschont. Strauss nennt Beispiele: Trinity College Dublin, NYU Abu Dhabi, akademische Geldstr\u00f6me aus den Emiraten, Stiftungen, Professuren, Campusbeziehungen. Die Pointe ist nicht fein, aber wirksam: Gegen Israel protestiert man auf dem Campus. Gegen Abu Dhabi protestiert man besser nicht dort, wo das Geld wohnt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das ist keine Entschuldigung Israels, keine Relativierung Gazas, kein billiger \u201eWhataboutism\u201c. Es ist der Hinweis auf eine moralische Buchf\u00fchrung, die sich gern universal nennt und erstaunlich genaue Gesch\u00e4ftszeiten hat.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Wer Menschenrechte meint, muss sie \u00fcberall meinen, auch wenn sie nicht mehr nur zu lang gepflegten Beziehungen im eigenen Lager passen. Wer Antirassismus meint, muss ihn dort meinen, wenn nicht-arabische afrikanische Gemeinschaften wie Masalit, Fur, Zaghawa und Kanabi von arabisch dominierten Milizen und der arabisch dominierten Regierungsarmee verfolgt werden. Wer Antikolonialismus meint, muss ihn dort meinen, wo arabische regionale M\u00e4chte Krieg finanzieren und nicht-arabische afrikanische Gemeinschaften zum Ziel ethnischer S\u00e4uberungen werden. Sonst ist die Haltung kein Universalismus, sondern eine Art politischer Kundenservice.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan ist nicht unsichtbar, weil niemand hinsieht. Er ist unsichtbar, weil zu viele ahnen, dass Hinsehen Folgen h\u00e4tte: f\u00fcr die eigene Sprache, die eigenen B\u00fcndnisse und das gute Gef\u00fchl, auf der richtigen Seite zu stehen.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan zeigt, wie selektive Emp\u00f6rung entsteht. Nicht durch eine geheime Verschw\u00f6rung, sondern durch Gewohnheit. Gaza ist historisch, moralisch und politisch aufgeladen. Jeder Satz dazu hat ein Publikum, einen Gegner, eine Funktion. Sudan dagegen ist schwerer zu besetzen. Dort k\u00e4mpfen die sudanesische Armee und die RSF, beide\u00a0<a href=\"https:\/\/theconversation.com\/peace-in-sudan-depends-on-justice-for-the-darfur-genocide-205690\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">auf Ideologien der arabischen Vorherrschaft basieren<\/a>d, beide mit Verbrechen gegen ethnische, nicht arabische Minderheiten belastet. Hinzu kommen die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland, Iran, Saudi-Arabien und andere Interessen. Das ergibt keine gute Parole.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Aber Menschen sterben nicht weniger, weil ihre M\u00f6rder schwerer zu erkl\u00e4ren sind.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Blog \u201a<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Von Tunis nach Teheran\u2018\u00a0schreibt am 11. Mai 2026<\/a>, Sudan sei kein \u201evergessener Krieg\u201c. \u201eVergessen wird nur, was einmal Aufmerksamkeit hatte. Sudan hingegen existiert im westlichen Bewusstsein vor allem als akustische Kulisse humanit\u00e4rer Hilflosigkeit: Hungersnot, Milizen, Fluchtbewegungen, irgendein UN-Appell. Afrika eben.\u201c\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Dieser Satz ist bitter, weil er beschreibt, wie eine ganze Weltregion in der westlichen Wahrnehmung zur Sammelmappe wird. Man legt dort alles ab, was schrecklich ist, aber nicht st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Diplomatie der folgenlosen S\u00e4tze<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die internationale Politik hat f\u00fcr solche F\u00e4lle eine Sprache erfunden, in der jedes Wort korrekt ist und nichts geschieht. Der Sicherheitsrat ist \u201e<a href=\"https:\/\/press.un.org\/en\/2026\/sc16304.doc.htm\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zutiefst besorgt<\/a>\u201c. Die internationale Gemeinschaft \u201e<a href=\"https:\/\/press.un.org\/en\/2026\/sc16304.doc.htm\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">fordert Zugang<\/a>\u201c. Staaten \u201ebekr\u00e4ftigen\u201c ihre Verpflichtungen. Am Ende liegt der Text sauber auf dem Tisch und der Krieg geht weiter.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Kristof beschreibt diesen Widerspruch scharf: In den USA herrsche partei\u00fcbergreifende Einigkeit, dass im Sudan V\u00f6lkermord und Hungersnot stattfinden \u2014 und offenbar partei\u00fcbergreifende Einigkeit, wenig dagegen zu tun. Die Biden-Regierung sei zu passiv gewesen, die Trump-Regierung ebenso. Gleichg\u00fcltigkeit entsteht nicht immer aus Streit. Sie kann auch Konsens sein.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die UN erkl\u00e4rte einst eine \u201eSchutzverantwortung\u201c f\u00fcr Zivilist*innen, die Gr\u00e4ueltaten erleiden. Im Sudan klingt diese Formel wie ein Schild an einer geschlossenen Beh\u00f6rde. Man wei\u00df, was geschieht. Man hat Begriffe, Berichte, Zeugen und Zahlen. Was fehlt, ist nicht Kenntnis, sondern Konsequenz.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Cindy McCain, die Exekutivdirektorin des Weltern\u00e4hrungsprogramms, wird bei Kristof mit dem Satz zitiert: \u201e<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wir werden daran gehindert, die Hungernden zu erreichen \u2013 und daf\u00fcr angegriffen, dass wir es versuchen.<\/a>\u201c Drei Lastwagen mit Nahrungsmittelhilfe seien durch Drohnenangriffe zerst\u00f6rt worden. Das ist die Realit\u00e4t hinter dem Wort \u201ehumanit\u00e4rer Zugang\u201c: Wer Brot bringt, wird beschossen.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die deutsche \u00d6ffentlichkeit \u00fcbernimmt oft den Ton der Institutionen. Sie nennt das Leid \u201edramatisch\u201c, die Lage \u201eun\u00fcbersichtlich\u201c, die Entwicklung \u201ebesorgniserregend\u201c. Solche W\u00f6rter sind nicht falsch. Aber sie behandeln Gewalt wie Wetterereignisse.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan ist kein Naturereignis. Der Krieg wird gef\u00fchrt, finanziert, bewaffnet und blockiert. Menschen hungern, weil Hilfe verhindert wird. Vergewaltigungen als Kriegswaffe sind keine Begleiterscheinung, sondern Methode. Wer das nur humanit\u00e4r nennt, macht Politik unsichtbar.<\/p>\n<p>Die bequeme Un\u00fcbersichtlichkeit<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Nat\u00fcrlich ist der Sudan kompliziert. Aber Komplexit\u00e4t ist kein Freispruch. Sie verpflichtet zur genaueren Analyse, nicht zur moralischen Abmeldung.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">\u00d6ffentliche Debatten verlangen einfache T\u00e4ter, klare Fronten, brauchbare Symbole. Wo diese fehlen, schrumpft die Aufmerksamkeit. Die RSF begehen laut den vorliegenden Artikeln schwerste Verbrechen. Auch die sudanesische Armee steht unter Verdacht, ethnisch motivierte Gewalt zu verantworten. \u201a Von Tunis nach Teheran \u2018\u00a0<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">verweist auf Recherchen zu \u00dcbergriffen auf Kanabi-Gemeinschaften in Al-Jazira und Sennar<\/a>.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das erschwert die Parole, nicht die Verurteilung.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Man kann sagen: Die RSF tragen f\u00fcr bestimmte Gr\u00e4ueltaten besondere Verantwortung, ohne die Armee reinzuwaschen. Man kann sagen: Die Rolle der Emirate geh\u00f6rt untersucht und politisch beantwortet. Man kann also denken. Es ist nur anstrengender als Rufen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Besonders auff\u00e4llig ist das Schweigen, weil der Sudan genau jene Themen b\u00fcndelt, die linke \u00d6ffentlichkeiten sonst zu Recht ernst nehmen: Rassismus, Kolonialgeschichte, sexualisierte Gewalt, Vertreibung, Hunger, autorit\u00e4re Gewalt und internationale Waffenstr\u00f6me.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die deutsche Linke m\u00fcsste gerade darin ge\u00fcbt sein. Sie hat eine lange Tradition, Herrschaft nicht nur dort zu erkennen, wo sie westliche Uniformen tr\u00e4gt. Oder sollte sie haben. Wenn sie aber beim Sudan verstummt, weil der T\u00e4ter nicht in das bekannte antiimperialistische Theater passt, dann liegt der Fehler nicht beim Sudan.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Dann liegt er im hauseigenen politischen Theater.<\/p>\n<p>Opfer mit und ohne B\u00fchne<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die Frage ist nicht, warum Gaza Aufmerksamkeit bekommt. Diese Aufmerksamkeit kann berechtigt sein. Die Frage ist, warum der Sudan daneben kaum z\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Strauss formuliert zugespitzt, das \u201e<a href=\"https:\/\/quillette.com\/2026\/02\/21\/silence-on-sudan-universities-palestine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leben schwarzer Afrikaner<\/a>\u201c rufe nicht dieselbe moralische Dringlichkeit hervor wie das\u00a0<a href=\"https:\/\/quillette.com\/2026\/02\/21\/silence-on-sudan-universities-palestine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leben der Pal\u00e4stinenser<\/a>. Der Artikel \u201eDie unsichtbaren Toten des Sudan\u201c spricht von einer \u201e<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hierarchie des Leidens<\/a>\u201c. Er beschreibt eine \u00d6ffentlichkeit, in der Opfer vor ihrer Wahrnehmung politisch sortiert werden.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Ein totes Kind im Sudan ist nicht weniger tot als ein totes Kind in Gaza. Man muss diesen Satz schreiben, weil die \u00f6ffentliche Reaktion das Gegenteil nahelegt. Leid konkurriert nicht von selbst. Es wird in Konkurrenz gesetzt. Manche Opfer passen besser zur Selbstbeschreibung derer, die sie beklagen.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das ist der Punkt, an dem Moral in Milieulogik kippt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Wer sich \u00fcber Gaza emp\u00f6rt, kann recht haben. Wer \u00fcber den Sudan schweigt, kann trotzdem versagen. Politische Milieus w\u00e4hlen ihre Themen nicht zuf\u00e4llig. Der Sudan erkl\u00e4rt vielen wenig. Also verlangt er nach einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre L\u00fccken.<\/p>\n<p>Der Antirassismus und sein blinder Fleck<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Besonders auff\u00e4llig ist das Schweigen, weil der Sudan genau jene Themen b\u00fcndelt, die linke \u00d6ffentlichkeiten sonst zu Recht ernst nehmen: Rassismus, Kolonialgeschichte, sexualisierte Gewalt, Vertreibung, Hunger, autorit\u00e4re Gewalt und internationale Waffenstr\u00f6me.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die Gewalt richtet sich gegen nicht-arabische schwarze Gruppen wie Masalit, Zaghawa , Fur und Kanabi. \u201a Von Tunis nach Teheran \u2018\u00a0<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zitiert Aussagen wie: \u201eWenn wir Zaghawa finden, werden wir sie alle t\u00f6ten\u201c und \u201eWir wollen alles Schwarze aus Darfur tilgen.<\/a>\u201c Das benennt Vernichtungsabsicht nicht als Metapher, sondern als Programm.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Ein Antirassismus, der hier nicht reagiert, wird zur Haltung f\u00fcr passende F\u00e4lle. Zur Geste, die dort sicher ist, wo sie Applaus bringt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Gleichg\u00fcltigkeit entsteht aus Routinen, aus vertrauten Feindbildern und aus dem Unbehagen, das ein Fall erzeugt, wenn er die eigene Karte zerknittert.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan zerknittert diese Karte.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Er zeigt arabische T\u00e4ter, schwarze Opfer, Golfgeld aus den\u00a0<a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2025\/11\/07\/africa\/sudan-conflict-foreign-influence-intl-cmd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">VAR f\u00fcr die RSF<\/a>\u00a0und aus\u00a0<a href=\"https:\/\/hornreview.org\/2026\/01\/13\/how-saudi-arabia-is-reasserting-state-power-in-sudan-and-yemen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Saudi-Arabien f\u00fcr die SAF,<\/a>\u00a0westliche Zur\u00fcckhaltung und eine akademische \u00d6ffentlichkeit, die dort besonders mutig ist, wo Mut wenig kostet. Das ist kein Stoff f\u00fcr einfache Reinheit. Es ist Stoff f\u00fcr Analyse. Deshalb bleibt er oft liegen.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft mit der moralischen Sichtbarkeit<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\"><a href=\"https:\/\/quillette.com\/2026\/02\/21\/silence-on-sudan-universities-palestine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Strauss\u2019 Beispiele aus westlichen Universit\u00e4ten<\/a>\u00a0haben eine Bedeutung, die \u00fcber den Campus hinausgeht. Wenn Institutionen lautstark Verbindungen zu Israel problematisieren, aber ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten kaum antasten, zeigt sich eine politische \u00d6konomie der Emp\u00f6rung.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Geld beruhigt. Karriere beruhigt. Stiftungen beruhigen.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Man muss nicht behaupten, alle schwiegen aus Gier. Aber man darf fragen, warum moralische Dringlichkeit so oft dort endet, wo institutionelle Interessen beginnen. Der moralische Zeigefinger reist gern, aber nicht immer dorthin, wo die Rechnung bezahlt wird.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Auch Medien folgen solchen Strukturen. Gaza liefert Klicks, Streit und Identifikation. Sudan liefert komplizierte Namen und Opfer ohne feste Adresse im westlichen Bewusstsein. Der Krieg hat, wie er Artikel \u201aDie unsichtbaren Toten des Sudan\u2018 schreibt, keinen \u201e<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">moralischen Marktwert<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft hier links?<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Was hei\u00dft links, wenn es beim Sudan kaum spricht?<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Links m\u00fcsste hei\u00dfen, Herrschaft nicht nur bei den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen zu suchen. Links m\u00fcsste hei\u00dfen, Opfer nicht nach politischer N\u00fctzlichkeit zu sortieren. Links m\u00fcsste hei\u00dfen, auch dann hinzusehen, wenn der T\u00e4ter nicht der Westen ist und das Opfer keine symbolische Dividende abwirft.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Das ist kein Ruf nach Ausgewogenheit. Es ist der Ruf nach Konsequenz.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Wer Menschenrechte nur gegen die Feinde des eigenen Milieus verteidigt, verteidigt sein Milieu. Wer \u201eNie wieder\u201c sagt, aber beim Sudan nur die Schultern hebt, sollte den Satz ehrlicherweise verk\u00fcrzen: Nie wieder, soweit es passt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Die Linke erhebt einen besonderen Anspruch. Darum f\u00e4llt ihr Schweigen dort besonders auf, wo Unterdr\u00fcckte keine passenden Unterdr\u00fccker haben.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan ist ein Testfall f\u00fcr diesen Anspruch.<\/p>\n<p>Die falsche Stille<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Was w\u00e4re zu tun? Niemand erwartet von deutschen Redaktionen, Parteien oder linken Gruppen, den Krieg im Sudan allein zu beenden. Aber man darf erwarten, dass sie ihn nicht wie eine Naturkatastrophe mit Milizen behandeln. Man darf erwarten, dass sie die Rolle externer Unterst\u00fctzer benennen. Man darf erwarten, dass sie ihre eigene Aufmerksamkeit pr\u00fcfen.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Kristof fordert\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/08\/30\/opinion\/sudan-genocide-famine.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Druck auf die Emirate, humanit\u00e4re Hilfe und politische Konsequenz<\/a>. \u201aVon Tunis nach Teheran\u2018 fordert, die\u00a0<a href=\"https:\/\/jungle.world\/blog\/von-tunis-nach-teheran\/2026\/05\/die-unsichtbaren-toten-des-sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Opfer nicht im Nebel der Komplexit\u00e4t verschwinden zu lassen<\/a>. Strauss fordert, gegen\u00fcber den VAE dieselben Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen wie gegen\u00fcber Israel. Das Schweigen ist nicht neutral. Es wirkt.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Es wirkt zugunsten der T\u00e4ter, der Finanziers und der bequemen Weltbilder.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Der Sudan ist nicht unsichtbar, weil niemand hinsieht. Er ist unsichtbar, weil zu viele ahnen, dass Hinsehen Folgen h\u00e4tte: f\u00fcr die eigene Sprache, die eigenen B\u00fcndnisse und das gute Gef\u00fchl, auf der richtigen Seite zu stehen.<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Am Ende bleibt eine Frage, die unangenehmer ist als jede Parole: Was ist eine politische Moral wert, die den V\u00f6lkermord erkennt, aber erst pr\u00fcft, ob der T\u00e4ter ins eigene Weltbild passt?<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-style:normal;font-variant:normal;font-weight:normal;letter-spacing:normal;line-height:150%;orphans:2;widows:2;\">Beitrag zuerst erschienen <a href=\"https:\/\/progressive-linke.de\/die-kolumne-der-voelkermord-ohne-gebrauchswert\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">bei der Progressiven Linken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"line-height:150%;margin-bottom:0cm;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum der Sudan in der deutschen linken \u00d6ffentlichkeit (und der restlichen auch) kaum z\u00e4hlt. 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