{"id":17751,"date":"2026-05-16T16:19:14","date_gmt":"2026-05-16T16:19:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/17751\/"},"modified":"2026-05-16T16:19:14","modified_gmt":"2026-05-16T16:19:14","slug":"militaerputsch-in-gabun-die-politische-meinung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/17751\/","title":{"rendered":"Milit\u00e4rputsch in Gabun &#8211; Die Politische Meinung"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIch werde niemals zulassen, dass Ihr und unser Land, Gabun, zu Geiseln von Destabilisierungsversuchen werdet. Niemals[1].&#8220;<\/p>\n<p>So Pr\u00e4sident Ali-Ben Bongo Ondimba am 17. August 2023 in einer \u00f6ffentlichen Rede zum Unabh\u00e4ngigkeitstag Gabuns. Dreizehn Tage sp\u00e4ter steht er unter Hausarrest und versucht mit einer heimlich aufgenommenen Videobotschaft, die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr sich zu mobilisieren. Der Langzeitherrscher, dessen Familie das zentralafrikanische Land seit 1967 regiert, wirkt in dem Video verwirrt. Seine rechte Hand zittert, die Ger\u00fcchte \u00fcber eine Parkinson Erkrankung haben wieder Auftrieb. St\u00e4rke und Kontrolle strahlt der abgesetzte Pr\u00e4sident nicht aus.<\/p>\n<p>Das unterscheidet ihn von seinem Vater Omar Bongo. Der hatte w\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft die Z\u00fcgel stets fest in der Hand. 41 Jahre hielt er sich, auch durch franz\u00f6sische Hilfe, an der Macht. Ein Putsch gegen sein autorit\u00e4res Regime konnte mit milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung Frankreichs vereitelt werden. Seit 55 Jahren bestimmen Vater und Sohn Bongo die Geschicke Gabuns. Man kann also mit Fug und Recht von einer Familiendynastie sprechen.<\/p>\n<p>Wie schon w\u00e4hrend der Amtszeit seines Vaters wurde das Wahlsystem unter Ali-Ben Bongo Ondimba weiter ausgeh\u00f6hlt. Sp\u00e4testens nachdem er die zweite Wahl im Jahr 2005 mit 79,2 Prozent gewonnen hatte, dr\u00e4ngte sich der Eindruck auf, dass der Pr\u00e4sident seine Regierungszeit nach Belieben ausdehnt. Die Wahlen im August, die zu dem Putsch f\u00fchrten, waren noch fragw\u00fcrdiger: So wurde internationalen Wahlbeobachtern und Journalisten der Zugang zu den Wahlen untersagt. Noch gravierender war allerdings eine Wahlrechts\u00e4nderung: Jede Stimme f\u00fcr Bongo Ondimba wurde automatisch den Vertretern seiner Partei auf kommunaler und legislativer Ebene zugesprochen. Zuvor hatte man alle drei Stimmen getrennt abgegeben.\u00a0<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung be\u00e4ugte die Wahlen ohnehin kritisch. Bongo Ondimba ist weder in der Bev\u00f6lkerung noch bei den Milit\u00e4rs besonders beliebt. Schon 2019 hatte das Milit\u00e4r versucht, gegen die Regierung ihres Dauerherrschers zu putschen. Es scheiterte, weil man schlecht organisiert war und an den unausgereiften Umsturzpl\u00e4nen. Und doch zeigte der Putschversuch, dass die Herrschaft der Bongos zu br\u00f6ckeln und die Unzufriedenheit in der gabunischen Milit\u00e4relite zu steigen begann.<\/p>\n<p>Der August-Putsch unterschied sich vom ersten Umsturzversuch: Der Kreis der Beteiligten war offensichtlich sehr viel gr\u00f6\u00dfer. So erkennt man in dem Video, in dem die Putschisten ihre Macht\u00fcbernahme verk\u00fcnden, zwei Oberste, aber auch Vertreter der polizeilichen Sicherheitskr\u00e4fte. Die Unterst\u00fctzung der Putschisten durch das Milit\u00e4rs, aber auch die Bev\u00f6lkerung scheint gewachsen zu sein. Darauf verweist auch der Umstand, dass der Umsturz, bis auf kurze Meldungen schweren Artilleriefeuers in der Hauptstadt Libreville, unblutig verlief. Ben-Ali Bongo Ondimba konnte oder wollte keine milit\u00e4rische Auseinandersetzung mit den Milit\u00e4rs riskieren. Wobei man nicht wei\u00df, ob er \u00fcberhaupt noch \u00fcber die Mittel verf\u00fcgt h\u00e4tte, zum Gegenschlag auszuholen. Dass die Zustimmung auf Seiten der Putschisten ist, dokumentieren zahlreiche Videos und Augenzeugenberichte \u2013gabunische Soldaten werden von der Bev\u00f6lkerung beklatscht und gefeiert.<\/p>\n<p>Gabun ist Mitglied der OPEC und f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfter \u00d6lproduzent Afrikas. Das Land f\u00f6rdert 211.00 Barrel \u00d6l pro Tag[2]. Im vergangenen Jahr exportierte es \u00d6l im Wert von 6 Milliarden US-Dollar, vorzugsweise in den indo-pazifischen Raum[3]. Neben den reichen \u00d6lvorkommen ist Gabun ein wichtiger Produzent von Mangan und Uranium. Trotz der vielen Bodensch\u00e4tze ist die gabunische Wirtschaft in einem desolaten Zustand. Besonders die hohe Arbeitslosigkeit befeuert seit Jahren den Unmut der Bev\u00f6lkerung. Auch die allgegenw\u00e4rtige Korruption des Bongo-Regimes mag dazu gef\u00fchrt haben, dass es dem Langzeitherrscher nicht gelang, Teile seiner Landsleute f\u00fcr sich zu mobilisieren. Dass sich die politische Elite an den Rohstoffen des Landes bereichert hat und dass die staatlichen Institutionen k\u00e4uflich sind, ist ein offenes Geheimnis in Gabun.<\/p>\n<p>Nachdem der Sturz des langj\u00e4hrigen Herrschers als das Ende der Bongo-Dynastie deklariert wurde, l\u00f6ste sich eine Schl\u00fcsselfigur aus den Reihen des putschenden Milit\u00e4rs: der Cousin des entmachteten Pr\u00e4sidenten, Brice Clotaire Oligui Nguema. Bis zum Putsch war er Oberbefehlshaber der republikanischen Garde gewesen und geh\u00f6rte zum Kreis der korrupten Bongo-Administration. Dennoch schlug dem Brigadegeneral, der zum Interimspr\u00e4sident ernannt wurde, eine Welle der Begeisterung entgegen \u2013 so zumindest in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Gabun ist der erste zentralafrikanische Staat, der sich in Riege der afrikanischen Milit\u00e4rputsche der 2020er Jahre einreiht. Waren es bisher ausschlie\u00dflich westafrikanische Staaten, wie Mali, Burkina Faso und Niger, liegt die Vermutung nahe, dass nun weitere Regionen Zentralafrikas betroffen sein k\u00f6nnten. Doch die Lage in Zentralafrika ist eine v\u00f6llig andere als im westlichen Teil des riesigen Kontinents. An Gabun grenzende Staaten wie die Republik Kongo und \u00c4quatorialguinea werden zwar auch autorit\u00e4r regiert, sind aber wesentlich stabiler als Gabun. Anders sieht es in Kamerun und Senegal aus. Auch in Senegal vermutet man Wahlmanipulationen, und die Herrscher sitzen nicht so fest im Sattel wie in \u00c4quatorialguinea oder der Republik Kongo.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frankreich sind die Putsche in West- und Zentralafrika eine Bedrohung der eigenen Interessen. Gleichwohl geht es inzwischen mit dieser Art Umbr\u00fcche in seinen ehemaligen Kolonien deutlich anders um. Hat man in den vergangenen Jahrzehnten oft direkt milit\u00e4risch eingegriffen, um die eigenen Interessen zu sch\u00fctzen, \u00fcbt sich die Regierung Macron in Zur\u00fcckhaltung. Paris muss in seinen Beziehungen zu den west- und zentralafrikanischen Staaten, in denen pro-franz\u00f6sische Regierungschefs vom Milit\u00e4r entmachtet wurden, ein neues Kapitel aufschlagen: Man kehrt sich ab von der ehemaligen Kolonialmacht und dem daraus resultierenden engen Verh\u00e4ltnis, haben doch davon nur die politischen Machthaber profitiert und nicht das Volk.<\/p>\n<p>In den Bev\u00f6lkerungen und den neuen politischen \u2013 nun milit\u00e4rischen \u2013 F\u00fchrungen herrschen starke antifranz\u00f6sische Ressentiments. W\u00e4hrend junge Afrikaner in diesen Umst\u00fcrzen den Beginn einer neuen Epoche und die Losl\u00f6sung von der ehemaligen Kolonialmacht sehen, f\u00fcrchten weite Teile des politischen Westens eine Ann\u00e4herung an Russland und das Aussetzen demokratischer Standards. Doch klar ist auch: Die kolonialen Verbrechen Frankreichs haben transgenerationale Traumata hinterlassen, die weder mit Entwicklungshilfen, demokratischen Bem\u00fchungen oder gar Milit\u00e4rinterventionen geheilt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Jona Thiel, geboren 1999 in Troisdorf (Nordrhein-Westfalen), ist studierter Geschichts- und Politikwissenschaftler. Er publiziert als freier Journalist und fungiert als Sprecher, sowie Autor der Forschungsgruppe &#8222;Afrika&#8220; des Think Tanks &#8222;K\u00f6lner Forum f\u00fcr Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik&#8220;. Zudem ist der Historiker ebenfalls als Autor f\u00fcr die Forschungsgruppe &#8222;Friedens- und Konfliktforschung&#8220; t\u00e4tig. Thiel f\u00fchrt einen Blog, welcher sich prim\u00e4r historischen und au\u00dfenpolitischen Themen zuwendet (Instagram:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/gepo.global\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">@gepo.global<\/a>).<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>[1] Africanews, Zugriff am 30.08.2023, unter: <a href=\"https:\/\/www.africanews.com\/2023\/08\/30\/gabon-military-takeover-how-did-events-unfold\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/www.africanews.com\/2023\/08\/30\/gabon-military-takeover-how-did-events-unfold\/<\/a>.<\/p>\n<p>[2] CEIC Data, Gabon Crude Oil: Production 2016 &#8211; 2023 | MONTHLY | BARREL\/DAY TH | ORGANIZATION OF THE PETROLEUM EXPORTING COUNTRIES, Zugriff am 04.09.2023, unter: <a href=\"https:\/\/www.ceicdata.com\/en\/indicator\/gabon\/crude-oil-production\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/www.ceicdata.com\/en\/indicator\/gabon\/crude-oil-production.<\/a><\/p>\n<p>[3] Goma, Yves Laurent\/Mednick, Sam, Gabon&#8217;s Military Leader Sworn in as Head of State After Ousting President, Zugriff am 04.09.2023, unter:\u00a0<a href=\"https:\/\/time.com\/6310538\/gabon-coup-new-leader\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/time.com\/6310538\/gabon-coup-new-leader\/<\/a>.<\/p>\n<p><script async src=\"\/\/www.instagram.com\/embed.js\"><\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eIch werde niemals zulassen, dass Ihr und unser Land, Gabun, zu Geiseln von Destabilisierungsversuchen werdet. 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