{"id":18809,"date":"2026-05-18T23:11:29","date_gmt":"2026-05-18T23:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/18809\/"},"modified":"2026-05-18T23:11:29","modified_gmt":"2026-05-18T23:11:29","slug":"zwischen-oberbayern-und-kamerun-aufarbeitung-der-kolonialzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/18809\/","title":{"rendered":"Zwischen Oberbayern und Kamerun: Aufarbeitung der Kolonialzeit"},"content":{"rendered":"<p>Was heute nicht mehr viele wissen: Vor mehr als 120 Jahren wurde Kamerun eine deutsche Kolonie. Im November 1884 fand in Berlin die sogenannte &#8222;Kongo-Konferenz&#8220; statt. Damals wurde mit dem Lineal der afrikanische Kontinent aufgeteilt, ohne dass ein Afrikaner am Tisch sa\u00df. 1914 erh\u00e4ngten die deutschen Kolonialherrscher dann den damaligen K\u00f6nig der Kameruner, Rudolf Manga Bell vom Stamm der Douala, weil er gegen ein neues Rassengesetz aufbegehrte.<\/p>\n<p>Ziel: Vers\u00f6hnung zwischen Deutschland und Kamerun<\/p>\n<p>Was viele auch nicht wissen: Der Gro\u00dfneffe des damaligen Widerstandsk\u00f6nigs hei\u00dft Jean-Pierre Felix Eyoumer, er wohnt seit vielen Jahren im oberbayerischen Dorfen, und setzt sich f\u00fcr die Aufarbeitung der deutschen Kolonial-Vergangenheit und f\u00fcr die Vers\u00f6hnung zwischen Deutschland und Kamerun ein. K\u00fcrzlich war Jean-Pierre Felix Eyoumer an der st\u00e4dtischen Berufsschule im M\u00fcnchner Norden zu Gast und besuchte eine 11. Klasse. <\/p>\n<p>Eyoumer hat viel zu erz\u00e4hlen, was im kollektiven Ged\u00e4chtnis bei uns nicht vorkommt: Die deutsche Kolonialgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts ist f\u00fcr die Kameruner eine Geschichte von wirtschaftlicher Ausbeutung, Zwangsarbeit und Vertreibung. &#8222;Die Deutschen machen sich eine romantische Vorstellung von der Kolonialzeit. Und ich muss sagen: Das ist eine Verharmlosung der Verbrechen und manchmal sind es sogar L\u00fcgen&#8220;, sagt er, als er vor der Klasse steht. <\/p>\n<p>In Oberbayern zu Hause, mit dem Stammesk\u00f6nig verbunden <\/p>\n<p>Jean-Pierre Felix Eyoumer hat bis heute Kontakt zu seinem Gro\u00dfcousin, dem aktuellen Stammesk\u00f6nig in Kamerun. Er selbst ist in der gr\u00f6\u00dften Stadt des Landes Douala geboren. 1967, mit 15 Jahren, schickten ihn seine Eltern nach Frankreich. Dort lernte er auch deutsche Freunde kennen und besuchte sie in Bayern, blieb schlie\u00dflich dort, studierte in M\u00fcnchen, heiratete, wurde Berufsschullehrer und deutscher Staatsb\u00fcrger. <\/p>\n<p>Heute lebt der 72-J\u00e4hrige mit seiner Frau im oberbayerischen Dorfen. Sie haben zwei Kinder. &#8222;Meine Erfahrung mit Deutschland war am Anfang sehr positiv. Dann aber erfuhr ich, was mit meinem Gro\u00dfonkel passiert ist. Da dachte ich mir: Das ist doch nicht gerecht. Das ist doch nicht wahr. Das k\u00f6nnen Sie doch nicht gemacht haben!&#8220;<\/p>\n<p>Am Anfang der Erinnerung steht private Recherche <\/p>\n<p>Er beginnt, sich mit der Kolonialgeschichte zu besch\u00e4ftigen: Die Deutschen vertrieben damals in Kamerun viele Einheimische oder verpflichteten sie zur Zwangsarbeit, um Rohstoffe abzubauen. Jean-Pierre Felix Eyoumers Gro\u00dfonkel, K\u00f6nig Rudolf Manga Bell, studierte f\u00fcnf Jahre in Deutschland und wurde danach in Kamerun K\u00f6nig. Sein Gro\u00dfonkel hatte eigentlich einen guten Kontakt zu den deutschen Kolonialherren, aber als er sich gegen eine Umsiedlung wehrte, wurde er hingerichtet. <\/p>\n<p>Kamerun ist heute gepr\u00e4gt von hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Aber es finden sich noch \u00fcberall \u00dcberbleibsel der deutschen Kolonialzeit: Kirchen, Pal\u00e4ste und Bahnh\u00f6fe, die von den Deutschen erbaut wurden. Vor der fr\u00fcheren Polizeistation, in der Rudolf Manga Bell inhaftiert wurde, steht heute eine Infotafel mit einem geschichtlichen Abriss zum Widerstandsk\u00f6nig. Auch der Baum, an dem er 1914 erh\u00e4ngt wurde, steht noch. Alexis Bolanga Ndoumbe, der Pressesprecher des aktuellen K\u00f6nigs der Douala, sieht im BR-Gespr\u00e4ch die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit auf einem guten Weg: &#8222;Die Taten werden nicht in Vergessenheit geraten. Aber immerhin f\u00e4ngt man in Deutschland langsam an, sich an diesen Teil der Geschichte zu erinnern.&#8220; <\/p>\n<p>Engagement f\u00fcr R\u00fcckgabe afrikanischer Kunstsch\u00e4tze<\/p>\n<p>Jean-Pierre Felix Eyoumer ist nur noch selten in Kamerun. Seine neue Heimat ist Bayern und das seit \u00fcber 50 Jahren. Aber der Aufarbeitung und der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung hat er sich weiterhin verschrieben, er h\u00e4lt Vortr\u00e4ge und setzt sich f\u00fcr die R\u00fcckgabe von konfiszierten afrikanischen Kunstsch\u00e4tzen ein. Durch sein Engagement wurden auch mehrere Stra\u00dfen in Deutschland umbenannt. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Vers\u00f6hnungsarbeit erhielt Jean-Pierre Felix Eyoumer k\u00fcrzlich das Bundesverdienstkreuz. Und Kamerun steht dieses Jahr auch im Fokus der Fastenaktion des katholischen Hilfswerks Misereor. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was heute nicht mehr viele wissen: Vor mehr als 120 Jahren wurde Kamerun eine deutsche Kolonie. 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