{"id":20657,"date":"2026-05-23T07:56:14","date_gmt":"2026-05-23T07:56:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/20657\/"},"modified":"2026-05-23T07:56:14","modified_gmt":"2026-05-23T07:56:14","slug":"auch-suedafrika-hat-ein-nationalgewuerz-es-ist-aromat-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/20657\/","title":{"rendered":"Auch S\u00fcdafrika hat ein Nationalgew\u00fcrz: Es ist Aromat"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1779522972_337_Langa-9_96947b.jpg\" width=\"6000\" height=\"4000\" alt=\"Die K\u00f6chin in einem Restaurant in Langa w\u00fcrzt Ihre Speisen mit Aromat.\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Die K\u00f6chin in einem Restaurant in Langa w\u00fcrzt ihre Speisen mit Aromat.             <\/p>\n<p>            Michael Heger        <\/p>\n<p>        In der Schweiz stellt man sich die bange Frage, ob Aromat schweizerisch bleibt. An der S\u00fcdspitze des afrikanischen Kontinents streuen die Leute das Gew\u00fcrz seit mehr als 70 Jahren auf alle m\u00f6glichen Speisen. Es ist l\u00e4ngst s\u00fcdafrikanisch.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        23. Mai 2026 &#8211; 06:00\n<\/p>\n<p>Es duftet nach gegrilltem Fleisch und ger\u00f6steten Maiskolben. Der Rauch der Holzkohle mischt sich mit dem Staub, den die Minibustaxis in der Washington Street aufwirbeln. Es ist Mittagszeit in Langa, dem \u00e4ltesten Township Kapstadts.<\/p>\n<p>Im \u00abJordan Ways of Cooking\u00bb l\u00e4sst der Amapiano-Bass die d\u00fcnnen W\u00e4nde erzittern. In der K\u00fcche, zwischen Pfannen, Messern und Kellen, steht ein gelber Plastikeimer. Ein Kilo Aromat.<\/p>\n<p>Eigentlich, sagt Ntlalo Jordan, brauche er das nicht. Der 35-j\u00e4hrige K\u00fcchenchef hat in F\u00fcnf-Sterne-H\u00e4usern in Dubai, Liberia und im Sudan gekocht, bevor er sich hier den Traum vom eigenen Restaurant erf\u00fcllte. Frische Gew\u00fcrze sind sein Ding, Marinaden mischt er selbst. \u00abDoch die G\u00e4ste verlangen danach. Also haben wir es.\u00bb<\/p>\n<p>Hergestellt in S\u00fcdafrika<\/p>\n<p>Hundert Meter weiter steht eine zum Imbiss umfunktionierte Wellblechbude. W\u00fcrste, Burger, ein Grill, der seit dem fr\u00fchen Morgen l\u00e4uft. Der Tresen ist vergittert, eine kleine \u00d6ffnung ist gerade gross genug, um Geld und Ware durchzureichen. In ihrer Mitte steht prominent platziert neben einem Karton Eier eine gelbe Dose: Aromat. <\/p>\n<p>Original Seasoning. Knorrli sucht man vergeblich. Stattdessen findet man im Kleingedruckten den Hinweis: Das Produkt wird in S\u00fcdafrika hergestellt.<\/p>\n<p>Heimat in einer gelben Dose<\/p>\n<p>Neuntausend Kilometer n\u00f6rdlich ist dieselbe gelbe Dose zum Politikum geworden. Ende M\u00e4rz k\u00fcndigte der britische Mutterkonzern Unilever an, seine Lebensmittelsparte auszugliedern und mit dem amerikanischen Gew\u00fcrzkonzern McCormick zu fusionieren. In der Schweiz l\u00f6ste das eine Identit\u00e4tsdebatte aus.<\/p>\n<p>Wir haben hier dar\u00fcber berichtet:<\/p>\n<p>\n    Mehr<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/706848359_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"867\" alt=\"Aromat\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>        Mehr    <\/p>\n<p>        Die besten Inhalte der SRG\n        <\/p>\n<p>        Patriotischer W\u00fcrze-Knatsch \u2013 dabei war Aromat nie heimisch    <\/p>\n<p class=\"teaser-wide-card__excerpt\">\n<p>                        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht                    <\/p>\n<p>                        16. Apr. 2026                    <\/p>\n<p>                Aromat-Hersteller Knorr wird amerikanisch. Doch Widerstand naht: Die W\u00fcrze soll heimisch bleiben, obwohl sie es nie war.            <\/p>\n<p>    <a class=\"teaser-wide-card__link\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/die-besten-inhalte-der-srg\/patriotischer-w%c3%bcrze-knatsch-dabei-war-aromat-nie-heimisch\/91229479\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\"><\/p>\n<p>            Mehr Patriotischer W\u00fcrze-Knatsch \u2013 dabei war Aromat nie heimisch<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>In den Medien war vom \u00abSchweizer Nationalgew\u00fcrz\u00bb die Rede, das nicht in \u00abamerikanische H\u00e4nde fallen darf!\u00bb Eine Petition mit dem Titel \u00abAromat gh\u00f6rt dr Schwiiz\u00bb sammelte innert einer Woche fast 10\u2019000 Unterschriften.<\/p>\n<p>In Thayngen, einem beschaulichen Dorf im Kanton Schaffhausen, wo Walter Obrist 1952 als Versuchskoch das Rezept erfand, werden bis heute 3000 Tonnen der Gew\u00fcrzmischung pro Jahr produziert. Die Initiant:innen der Petition fordern unter anderem den Schutz der 180 Arbeitspl\u00e4tze sowie der originalen Aromat-Rezeptur.<\/p>\n<p>Aromat war nie schweizerisch<\/p>\n<p>Obwohl das gelbe Gew\u00fcrz selbst nie im Besitz einer Schweizer Firma war, geh\u00f6rt es f\u00fcr viele Einheimische zur Schweiz wie Fondue, Cervelat oder das Matterhorn.<\/p>\n<p>Aromat hat neben Maggi, Salz und Pfeffer seit Jahrzehnten einen Stammplatz auf dem Schweizer Beizentisch. Es ist Teil von Salatsauce und R\u00fchrei, ist Milit\u00e4rerinnerung und Kindheitsgeschmack, Symbol von Heimat und Behaglichkeit in einer gelben Dose.<\/p>\n<p>Was von denen, die die Petition unterzeichnet haben, wohl die wenigsten wissen: Aromat hat in S\u00fcdafrika in den letzten 70 Jahren ein Eigenleben entwickelt.<\/p>\n<p>Strassenk\u00fcche statt Beizentisch<\/p>\n<p>\u00abSeit wann kostet ein Ei vier Rand? K\u00fcrzlich waren es noch drei!\u00bb Die Kundin des kleinen Kiosks im Minibusbahnhof von Kapstadt ist sichtlich enerviert. Jibril Mengesha versucht, sie zu bes\u00e4nftigen; erkl\u00e4rt den Preisanstieg mit der Inflation. Widerwillig dr\u00fcckt sie ihm ein paar M\u00fcnzen in die Hand.<\/p>\n<p>Sie nimmt ein Ei aus der gl\u00e4sernen Salatschale auf dem Tresen, sch\u00e4lt es und bestreut es mit einem der gelben Gew\u00fcrzstreuer, die gleich in vierfacher Ausf\u00fchrung vor ihr stehen.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Kapstadtminibusbahnhof2.jpeg\" width=\"1500\" height=\"2000\" alt=\"Jibril Mengesha mit seiner Auslage an Eiern und Aromat.\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Jibril Mengesha mit seiner Auslage an Eiern und Aromat.            <\/p>\n<p>            Michael Heger        <\/p>\n<p>Der 28-j\u00e4hrige Jibril stammt aus Kenia und h\u00fctet den Laden seiner Schwester. Er klagt \u00fcber die Konkurrenz: Fliegende H\u00e4ndler mit Eierkarton in der einen Hand und Aromatstreuer in der anderen.<\/p>\n<p>Dass Aromat aus der Schweiz komme, habe er noch nie geh\u00f6rt, sagt Jibril, doch er weiss, wie begehrt es bei der s\u00fcdafrikanischen Kundschaft ist.<\/p>\n<p>An diesem Morgen, kurz nach zehn Uhr, hat er bereits 26 gekochte Eier verkauft, die neben S\u00fcssgetr\u00e4nken und Snacks aller Art zum Grundinventar des Ladens geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die meisten seiner Kund:innen stammen aus den Townships am Stadtrand. Sie reisen mit Minibustaxis zu ihren Jobs ins Stadtzentrum. Und kommen bei Jibril auf einen Snack vorbei.<\/p>\n<p>In der Kasi-K\u00fcche \u2013 der K\u00fcche der Townships \u2013 ist Aromat omnipr\u00e4sent. Es kommt auf den Braai (Grilliertes), auf den Maiskolben, ins Kota, dem Township-Sandwich aus ausgeh\u00f6hltem Brot, gef\u00fcllt mit Chips, Wurst, Chakalaka und Sauce, oder in den Pap, den Maisbrei, der das Grundnahrungsmittel quer durch das s\u00fcdliche Afrika bildet.<\/p>\n<p>Quer durch alle Schichten<\/p>\n<p>Doch das Gew\u00fcrz auf seine Pr\u00e4senz in den Townships zu reduzieren, greift zu kurz. Aromat fand bereits ein Jahr nach seiner Erfindung in der Schweiz, im Jahr 1953, seinen Weg ans Kap. Heute geh\u00f6rt es zur Grundausstattung vieler Haushalte quer durch alle Gesellschaftsschichten.<\/p>\n<p>In Grassy Park, einer halben Stunde \u00f6stlich der Stadtmitte, wo sich die Cape Flats flach in Richtung False Bay ziehen, steht Stella Urion in ihrer K\u00fcche. Die pensionierte Lehrerin und stolze Grossmutter geh\u00f6rt zur afrikaanssprachigen Coloured-Community. <\/p>\n<p>Sie streut Aromat \u00fcber H\u00fchnerschenkel und Lammkoteletts. \u00abAber am liebsten\u00bb, sagt sie und l\u00e4chelt, als verrate sie ein Familiengeheimnis, \u00abmag ich es \u00fcber Popcorn.\u00bb<\/p>\n<p>Zwischen den staubigen Strassen Langas, dem Central Business District von Kapstadt und der Mittelschicht-K\u00fcche in Grassy Park liegen weniger als eine halbe Autostunde, doch die Grenzen, die das Apartheidsregime mit dem Group Areas Act festgeschrieben hatte, wirken bis heute nach. Die gelbe Dose hat diese Grenzen \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>\u00abDas Gew\u00fcrz ist \u00fcber alle Einkommensschichten hinweg popul\u00e4r, egal ob im wohlhabenden Camps Bay, in den Southern Suburbs der Mittelschicht oder in Langa\u00bb, sagt Lwandile Dubazane, Junior Brand Manager von Unilever S\u00fcdafrika. Er spricht von gesch\u00e4tzten f\u00fcnf bis sechs von zehn Haushalten in S\u00fcdafrika, die Aromat in ihrer K\u00fcche stehen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Marketing der s\u00fcdafrikanischen Art<\/p>\n<p>F\u00fcr Dubazane ist die Marke eine Herzensangelegenheit: \u00abBereits als Kinder rezitierten wir jeweils die TV-Slogans aus den 90ern.\u00bb Was in der Schweiz auf den Beizentisch geh\u00f6rt, ist in S\u00fcdafrika Strassenkultur.<\/p>\n<p>Die Aromat-Werbung in S\u00fcdafrika spricht eine Sprache, die in Thayngen niemand verstehen w\u00fcrde: \u00abMogodu Mondays\u00bb, \u00ab7 Colour Sundays\u00bb, \u00abIchicken Dust\u00bb. Ein Spot zeigt Aromat im Minibus-Taxi. Ein anderer bindet die Marke an Kota-Festivals.<\/p>\n<p>        Externer Inhalt    <\/p>\n<p>Die TV-Werbungen treffen mit ihrer humorvollen Art den Nerv s\u00fcdafrikanischer Kultur, sagt Dubazane. \u00abAromat f\u00fchlt sich s\u00fcdafrikanisch an, weil das Marketing-Team es s\u00fcdafrikanisch gemacht hat.\u00bb<\/p>\n<p>Sie organisieren Comedy-Serien und Community-Events in den Townships. \u00abChips are stupid without Aromat\u00bb ist heute Alltagssprache.<\/p>\n<p>Die Fabrik, die niemand erw\u00e4hnt<\/p>\n<p>Produziert wird s\u00fcdafrikanisches Aromat in Durban, in der 22\u2019000 Quadratmeter grossen Indonsa-Fabrik. Mit einer Kapazit\u00e4t von 65\u2019000 bis 100\u2019000 Tonnen pro Jahr handelt es sich um eine von Unilevers gr\u00f6ssten Fabriken f\u00fcr Trockennahrung weltweit.<\/p>\n<p>Wie viel Aromat im Land produziert wird, will Unilever South Africa auf Anfrage nicht sagen. Auch Dubazane darf keine Zahlen nennen. Doch die Verh\u00e4ltnisse sprechen f\u00fcr sich: Ein Land mit 62 Millionen Menschen, bedient von einer Fabrik, die um ein Vielfaches gr\u00f6sser ist als jene in Thayngen.<\/p>\n<p>Erbe oder Aneignung?<\/p>\n<p>Handelt es sich hier um kulturelle Aneignung? Ein Produkt, das genommen und zum eigenen gemacht wurde? Oder Spuren kolonialer Konsummuster? Ein europ\u00e4isches Industrieprodukt, das lokale W\u00fcrztraditionen verdr\u00e4ngt hat?<\/p>\n<p>\u00abNun, es ist beides, nicht wahr?\u00bb, sagt Marcelyn Oostendorp, Linguistik-Professorin an der Universit\u00e4t Stellenbosch. Ihr Forschungsprojekt \u00abPolitics of the Belly\u00bb untersucht die Verbindung von Sprache, Essen und Identit\u00e4t in S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Oostendorp erinnert an eine legend\u00e4re Debatte zwischen den afrikanischen Schriftstellern Ng\u0169g\u0129 wa Thiong\u2019o und Chinua Achebe \u00fcber die englische Sprache.<\/p>\n<p>Ng\u0169g\u0129 h\u00f6rte auf, auf Englisch zu schreiben \u2013 die Sprache der Kolonisatoren k\u00f6nne nicht die eigene sein. Achebe hielt dagegen: Das Englisch, das er verwende, sei ein neues, nigerianisches Englisch, gebraucht, um die Kolonialsprache zu unterwandern.<\/p>\n<p>\u00abNat\u00fcrlich tr\u00e4gt dieses Produkt koloniale Spuren und hat m\u00f6glicherweise lokale Arten ersetzt, um Speisen zu w\u00fcrzen\u00bb, sagt Oostendorp. \u00abAber wir haben es uns auch zu eigen gemacht und in unsere Esskultur integriert.\u00bb<\/p>\n<p>Editiert von Balz Rigendinger<\/p>\n<p>        Artikel in dieser Story    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die K\u00f6chin in einem Restaurant in Langa w\u00fcrzt ihre Speisen mit Aromat. 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