{"id":22786,"date":"2026-05-28T15:46:44","date_gmt":"2026-05-28T15:46:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/22786\/"},"modified":"2026-05-28T15:46:44","modified_gmt":"2026-05-28T15:46:44","slug":"glaukom-in-tansania-wenn-die-patienten-kommen-ist-es-fast-zu-spaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/22786\/","title":{"rendered":"Glaukom in Tansania: Wenn\u00a0die\u00a0Patienten kommen,\u00a0ist es\u00a0fast zu sp\u00e4t\u00a0\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Momente, in denen Medizin auf ihre urspr\u00fcnglichste Bedeutung zur\u00fcckgeworfen wird: Ein Mensch hilft einem anderen Menschen.\u00a0Dr.\u00a0Heiko Philippin, Augenarzt an der Klinik f\u00fcr Augenheilkunde des\u00a0Universit\u00e4tsklinikums\u00a0Freiburg, kennt diese Momente gut. Seit\u00a0rund\u00a0zwanzig Jahren\u00a0engagiert er sich\u00a0aktiv\u00a0in der ophthalmologischen Entwicklungsarbeit. Sein\u00a0Schwerpunkt\u00a0liegt auf der\u00a0Ausbildung von Fachpersonal und der\u00a0Eind\u00e4mmung\u00a0von Erblindungen durch\u00a0das Glaukom in\u00a0Afrika,\u00a0auch\u00a0in enger\u00a0Zusammenarbeit mit der Christoffel-Blindenmission (CBM), die\u00a0beim\u00a0Austausch zwischen den\u00a0medizinischen\u00a0Welten\u00a0hilft.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>In Deutschland ist das Glaukom eine Erkrankung, die \u2013 wenn das Versorgungssystem funktioniert \u2013 fr\u00fchzeitig erkannt und behandelt wird. Regelm\u00e4\u00dfige augen\u00e4rztliche Untersuchungen, Tonometrie, Gesichtsfeldkontrollen, OCT der Papille: Das Instrumentarium ist bekannt, die Leitlinien sind klar.\u00a0Den Patienten kann geholfen werden.\u00a0Doch\u00a0in Afrika\u00a0ist das alles anders.\u00a0Wenn hier ein Mensch schleichend seine Sehkraft\u00a0durch das Glaukom\u00a0verliert,\u00a0ist\u00a0sein Weg von Anfang an schwierig.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIn\u00a0vielen Regionen\u00a0Afrikas\u00a0kommen die meisten Patienten mit Glaukom erst dann zum\u00a0Augenarzt, wenn der Sehverlust bereits weit fortgeschritten ist\u201d, erkl\u00e4rt Philippin.<\/p>\n<p>\u201eDas ist die logische Konsequenz eines Systems, in dem\u00a0aktuell\u00a0kaum\u00a0Vorsorge\u00a0noch das\u00a0Bewusstsein\u00a0um die Erkrankung\u00a0existieren.\u00a0Da\u00a0Glaukom schleichend und schmerzlos\u00a0verl\u00e4uft\u00a0und\u00a0f\u00fcr\u00a0die Patienten\u00a0meist\u00a0kein\u00a0niedrigschwelliger\u00a0Zugang zu\u00a0Vorsorgeuntersuchungen und\u00a0Diagnostik\u00a0besteht, suchen sie erst\u00a0dann\u00a0aktiv einen Arzt auf, wenn sie\u00a0die Erkrankung\u00a0selbst bemerkt haben. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr\u00a0Gesichtsfeld\u00a0meist\u00a0massiv\u00a0und unwiederbringlich\u00a0eingeschr\u00e4nkt\u00a0\u2013 ein Stadium, das\u00a0ein Augenarzt in Deutschland\u00a0bei der Erstvorstellung\u00a0selten\u00a0zu Gesicht bekommt.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Hier das komplette Gespr\u00e4ch auf Youtube ansehen:<\/p>\n<p>Die therapeutischen Konsequenzen sind entsprechend andere. Wo in Deutschland die medikament\u00f6se Drucksenkung\u00a0etwa\u00a0mit Prostaglandinanaloga, Betablockern,\u00a0Carboanhydrasehemmern\u00a0oder SLT-Laser\u00a0und eine\u00a0regelm\u00e4\u00dfige\u00a0Verlaufskontrolle im Vordergrund stehen, ist in Tansania\u00a0gerade die medikament\u00f6se Behandlung oft herausfordernd.\u00a0Die Gr\u00fcnde liegen auf der Hand: Augentropfen erfordern Adh\u00e4renz \u2013 regelm\u00e4\u00dfige\u00a0langj\u00e4hrige Applikation und m\u00f6glichst heimatnahe Verf\u00fcgbarkeit,\u00a0teilweise K\u00fchlung,\u00a0und\u00a0langfristig\u00a0betr\u00e4chtliche Kosten.\u00a0All das ist unter den gegebenen Umst\u00e4nden\u00a0oft schwer\u00a0umsetzbar. Hinzu kommen die geografischen Distanzen: F\u00fcr viele bedeutet\u00a0ein\u00a0Arzttermin eine Tagesreise,\u00a0die\u00a0zus\u00e4tzlich\u00a0viel Geld kostet\u00a0oder aus anderen Gr\u00fcnden nicht machbar ist.\u00a0Behandlungen m\u00fcssten am besten\u00a0l\u00e4nger anhalten\u00a0und nachhaltig sein.\u00a0Deshalb\u00a0werden je nach\u00a0individueller Situation der Patienten operative Verfahren wie die\u00a0Trabekulektomie\u00a0auch in fr\u00fcheren Krankheitsstadien\u00a0h\u00e4ufiger eingesetzt. Ebenso spielt der\u00a0SLT-Laser\u00a0eine zunehmend wichtige Rolle.\u00a0<img decoding=\"async\" alt=\"Form\" src=\"https:\/\/mgo-medizin.de\/510423e4-e378-4ac3-be51-dcd6f8422831\"\/>\u00a0<\/p>\n<p>Vier Augen\u00e4rzte auf eine Million Menschen\u00a0<\/p>\n<p>Eine Zahl, die alles erkl\u00e4rt: In Deutschland kommen sch\u00e4tzungsweise 80 bis 100 Augen\u00e4rzte auf eine Million Einwohner. In weiten Teilen Afrikas sind es\u00a0nur\u00a0vier. Das ist keine Versorgungsl\u00fccke \u2013 das ist ein nahezu vollst\u00e4ndiges Fehlen von Fachkr\u00e4ften\u00a0auf der Fl\u00e4che.\u00a0Genau hier setzt\u00a0die Entwicklungsarbeit an, als\u00a0systematischer\u00a0Aufbau von nachhaltigen Strukturen.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Nachhaltige Versorgung durch\u00a0Ausbildung\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Wie auch in\u00a0Deutschland\u00a0kann man an immer mehr Universit\u00e4tskliniken in Afrika\u00a0nach dem Medizinstudium eine\u00a0mehrj\u00e4hrige Facharztweiterbildung\u00a0zum Augenarzt\u00a0absolvieren. Dabei m\u00fcssen die Assistenz\u00e4rzte jedoch fast durchweg f\u00fcr ihre Ausbildung bezahlen und bekommen kein\u00a0Assistenten-Gehalt wie beispielsweise in Deutschland. Deshalb\u00a0spielt\u00a0das Thema Stipendien auch\u00a0eine wichtige Rolle.\u00a0In Tansania\u00a0und anderen afrikanischen L\u00e4ndern\u00a0gibt es\u00a0zus\u00e4tzlich\u00a0noch weitere Fachkr\u00e4fteausbildungen, z.B. eine\u00a0ein- bis zweij\u00e4hrige\u00a0Aus- oder Weiterbildung\u00a0zum\u00a0\u201eAssistant Medical Officer\u00a0Ophthalmology\u201c mit einem Fokus auf die Behandlung der h\u00e4ufigsten Erblindungsursachen wie der Katarakt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Mit\u00a0Task Shifting\u00a0die Grundversorgung herstellen\u00a0<\/p>\n<p>Weil vier Augen\u00e4rzte pro\u00a0Million Einwohner viel zu wenige\u00a0sind, setzt die ophthalmologische Entwicklungsarbeit in Afrika auf\u00a0mehr Aufgabenteilung.\u00a0\u00a0Beim sogenannten \u201eTask Shifting\u201c\u00a0werden bestimmte diagnostische und therapeutische Aufgaben\u00a0an speziell geschulte Gesundheitsfachkr\u00e4fte delegiert.\u00a0Ihre Berufe hei\u00dfen\u00a0Ophthalmic\u00a0Clinical Officer,\u00a0Eye Nurse,\u00a0Community\u00a0Eye\u00a0Health\u00a0Worker\u00a0oder\u00a0Augenoptiker\u00a0\u2013 und sie\u00a0\u00fcbernehmen\u00a0teilweise\u00a0Aufgaben wie Screening\u00a0und\u00a0Refraktion. Und oft machen sie auch aktiv Aufkl\u00e4rungsarbeit\u00a0in Schulen und Gemeinden,\u00a0wie zum Beispiel \u00fcber das Krankheitsbild und den Verlauf des Glaukoms \u2013\u00a0um Bewusstsein\u00a0bei den Menschen zu schaffen. Auf diese Weise wird\u00a0Kompetenz fl\u00e4chendeckend\u00a0weiterverteilt,\u00a0auch in Regionen, die kein Facharzt je\u00a0bereist.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/mgo-medizin.de\/e6dbc1de-2b3a-42d1-bce9-85afc4f8f727\" alt=\"Form\"\/><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wertvolle Internationale Zusammenarbeit\u00a0<\/p>\n<p>In all dem spielt auch die internationale Zusammenarbeit eine wichtige Rolle.\u00a0Die Christoffel-Blindenmission (CBM) spielt in\u00a0Philippins\u00a0Arbeit eine zentrale Rolle \u2013 als Br\u00fcckenbauer zwischen wissenschaftlicher Expertise aus Europa und den Gesundheitssystemen vor Ort, als F\u00f6rderer von Projekten und als Organisation, die seit Jahrzehnten\u00a0Erfahrung mit der nachhaltigen Pr\u00e4vention von Erblindung hat.\u00a0Jahrelang war er f\u00fcr die Entwicklungsorganisation am Kilimanjaro Christian Medical\u00a0Centre\u00a0im tansanischen\u00a0Moshi in Tansania t\u00e4tig. Auch\u00a0die Klinik f\u00fcr Augenheilkunde\u00a0des Universit\u00e4tsklinikums\u00a0Freiburg kooperiert\u00a0schon seit vielen Jahren\u00a0mit der tansanischen Institution\u00a0mit Projektplanungen\u00a0und wissenschaftlicher Begleitung.\u00a0Dazu geh\u00f6rt der\u00a0pers\u00f6nliche Einsatz von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten, die zwischen Freiburg und Tansania pendeln.\u00a0So wird\u00a0die\u00a0Ausbildung\u00a0und wissenschaftliche\u00a0Aufarbeitung und L\u00f6sung\u00a0lokalspezifischer Herausforderungen\u00a0von afrikanischen\u00a0\u00c4rzten und Fachpersonal\u00a0in\u00a0jenen\u00a0Kliniken\u00a0und Zentren\u00a0gef\u00f6rdert. Dies kann auch \u00fcberregional durch Ver\u00f6ffentlichungen oder Erfahrungsaustausch eine\u00a0Strahlkraft\u00a0entwickeln.\u00a0\u201eIm Laufe der\u00a0Jahre\u00a0wurden\u00a0durch den internationalen Austausch\u00a0Strukturen geschaffen, die immer autarker funktionieren. Die Erfolgsnachrichten aus Afrika\u00a0werden h\u00e4ufiger\u201c sagt Philippin.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Was z\u00e4hlt\u00a0ist: Einfach machen\u00a0<\/p>\n<p>Was nimmt man mit, nach\u00a0fast zwei\u00a0Jahrzehnten\u00a0zwischen Freiburg und Tansania?\u00a0\u201eEs macht mir\u00a0insgesamt\u00a0sehr viel Freude, dass ich\u00a0gemeinsam im Team\u00a0einen\u00a0Beitrag\u00a0zur\u00a0Unterst\u00fctzung von Menschen mit Sehbehinderungen\u00a0dort\u00a0leisten\u00a0kann\u201c, sagt Heiko Philippin.\u00a0Auch wenn die\u00a0Aufgaben manchmal\u00a0gigantisch\u00a0anmuten\u00a0m\u00f6gen. \u201eLetztlich beginnt alles beim einzelnen Patienten, der mit seinem Augenproblem vor einem sitzt. Und auch bei der Unterst\u00fctzung einer nachhaltigen Versorgung durch Ausbildung,\u00a0Entwicklung\u00a0neuer\u00a0Ideen und Methoden. Am\u00a0Ende\u00a0steht\u00a0wieder der einzelne Mensch im Mittelpunkt, der davon profitiert\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Mehr Infos unter:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.cbm.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">www.cbm.de<\/a>\u00a0<\/p>\n<p>Bild: SLT-Behandlung im Kilimanjaro Christian Medical\u00a0Centre\u00a0im tansanischen\u00a0Moshi\u00a0durch Dr.\u00a0Einoti\u00a0Matayan. Erst seit wenigen Jahren besitzt die Klinik das Ger\u00e4t, mit dem j\u00e4hrlich mehrere hundert\u00a0Glaukompatienten\u00a0behandelt werden. <\/p>\n<p>Foto: CBM\/argum\/Einberger\u00a0<\/p>\n<p>Text von Rosemarie Fr\u00fchauf. Erscheint in Concept Ophthalmologie 4_2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt Momente, in denen Medizin auf ihre urspr\u00fcnglichste Bedeutung zur\u00fcckgeworfen wird: Ein Mensch hilft einem anderen Menschen.\u00a0Dr.\u00a0Heiko&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":22787,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[19],"tags":[29,10154,10155,178,179],"class_list":["post-22786","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-tansania","tag-afrika","tag-cbm","tag-glaukom","tag-tansania","tag-tanzania"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116652984427837923","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22786","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22786"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22786\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22787"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}