{"id":2335,"date":"2026-04-19T01:53:30","date_gmt":"2026-04-19T01:53:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/2335\/"},"modified":"2026-04-19T01:53:30","modified_gmt":"2026-04-19T01:53:30","slug":"fluechtlinge-in-libyen-geschaeftsmodell-folter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/2335\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge in Libyen: Gesch\u00e4ftsmodell Folter"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Gerichtsskizze des Eritreers Walid Amanuel\u00a0Gebreyesus\u00a0Negash w\u00e4hrend der Hauptverhandlung im Strafverfahren gegen ihn.\" alt=\"Gerichtsskizze des Eritreers Walid Amanuel\u00a0Gebreyesus\u00a0Negash w\u00e4hrend der Hauptverhandlung im Strafverfahren gegen ihn.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/tatverdaechtiger-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Gerichtsskizze: Der Eritreer Walid Amanuel\u00a0Gebreyesus\u00a0Negash steht unter Verdacht, Tausende Menschen gefoltert zu haben. (picture alliance \/ ANP \/ Nicole van den Hout)<\/p>\n<p>Seit mehr als zw\u00f6lf Jahren werden in Libyen Fl\u00fcchtlinge auf dem Weg nach Europa festgehalten, eingesperrt und gefoltert, um L\u00f6segeld von den Angeh\u00f6rigen zu erpressen. Einer der T\u00e4ter steht seit geraumer Zeit in der niederl\u00e4ndischen Kleinstadt Zwolle vor Gericht und muss sich verantworten. Wer ist der Eritreer Walid Amanuel Gebreyesus Negash? Und welche Auswirkungen hat der Prozess \u00fcber die Niederlande hinaus?\u00a0<\/p>\n<p>Seit Jahren gibt es Berichte von Menschenrechtsorganisationen \u00fcber \u201eFoltercamps\u201c in Libyen. Auch die Fact Finding Mission der Vereinten Nationen hat die Folterungen mehrfach erw\u00e4hnt. Mehr als 670.000 Migranten aus \u00fcber 41 L\u00e4ndern sollen sich vor dem letzten Bericht der Mission in Libyen aufgehalten haben. Alle befragten Migranten beschrieben demnach einen Kreislauf der Gewalt: Vergewaltigungen, Folter und Menschenhandel.<\/p>\n<p>Oft sind es Schmuggler, die den Fl\u00fcchtlingen eine sichere Reise nach Europa versprechen und sie dann in der libyschen W\u00fcste festhalten. Dort landen die Betroffenen in ehemaligen Lagerhallen, zum Beispiel in der W\u00fcstenstadt Bani Walid, einem Knotenpunkt auf dem Weg zur K\u00fcste, wo es etlicher solcher Foltercamps gegeben haben soll.<\/p>\n<p>                Walid soll tausende Menschen gequ\u00e4lt haben<\/p>\n<p>Im Prozess in den Niederlanden ist von mehreren tausend Menschen die Rede, die sich zwischen 2014 und 2018 allein in der Gewalt des Eritreers Walid Negash befunden haben sollen. Er soll die Fl\u00fcchtlinge t\u00e4glich misshandelt haben, mit Schl\u00e4gen, Elektroschocks und Verbrennungen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Angeh\u00f6rigen im Herkunftsland des Opfers telefonisch erpresst wurden. Bis zu 10.000 Dollar L\u00f6segeld mussten sie f\u00fcr die Freilassung bezahlen.<\/p>\n<p>Diese brutale Methode ist nicht neu: Beobachter wie die Wissenschaftlerin Mirjam van Reisen von der Leiden University in den Niederlanden berichten, dass es solche F\u00e4lle mindestens seit 2011 gibt. Damals begannen Schmuggler aus Ostafrika, ihre Klienten an kriminelle Banden auf der \u00e4gyptischen Halbinsel Sinai zu verkaufen. Es waren Beduinen, die dort die Foltercamps betrieben und damit viel Geld verdienten. Bis zu 20.000 Dollar zahlten die Familien der Opfer.<\/p>\n<p>                Sinai: Ein Milit\u00e4reinsatz beendet das Folter-Gesch\u00e4ft<\/p>\n<p>Zwischen 2011 und 2014 sollen sch\u00e4tzungsweise 30.000 Menschen auf dem Sinai verschleppt worden sein. Das Gebiet wurde zwar theoretisch von \u00c4gypten kontrolliert, war aber seit dem Camp-David-Abkommen von 1978 eine entmilitarisierte Zone. Lange konnten Beduinen-Gruppen dort nahezu ungest\u00f6rt walten. Dann beendete ein \u00e4gyptischer Milit\u00e4reinsatz gegen Islamisten auch das Gesch\u00e4ft mit der Folter.<\/p>\n<p>Nach dem Volksaufstand gegen Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi verlagerte sich die wichtigste Fluchtroute der Eritreer endg\u00fcltig nach Libyen und von dort \u00fcber das Mittelmeer zur italienischen K\u00fcste. 2017 schlossen Italien und Libyen deshalb ein Migrationsabkommen, das die libysche K\u00fcstenwache mit Schiffen und Equipment ausstattete.<\/p>\n<p>                Die T\u00e4ter kommen aus Eritrea, Somalia und Niger<\/p>\n<p>Im Gegenzug sollten die Libyer die Migranten von der \u00dcberfahrt nach Europa abhalten. F\u00fcr die Schmuggler war das eine Bedrohung ihres Gesch\u00e4ftsmodells. Immer mehr von ihnen begannen nun, systematisch zu foltern, um L\u00f6segeld zu erpressen.<\/p>\n<p>Allein in der libyschen Stadt Bani Walid sollen im Jahr 2018 mehr als f\u00fcnf Foltercamps von unterschiedlichen Menschenh\u00e4ndlern betrieben worden sein. Die T\u00e4ter kamen nicht nur aus Eritrea, sondern auch aus Somalia oder dem Niger.<\/p>\n<p>Die Menschenh\u00e4ndler profitierten dabei von den Machtk\u00e4mpfen in Libyen. Der Westen des Landes, \u00fcber den die meisten Schmuggelrouten verliefen, wird bis heute von konkurrierenden Milizen kontrolliert. Viele von ihnen seien wohl an dem Gesch\u00e4ft mit den Gefl\u00fcchteten beteiligt, berichtet J\u00earome Tubiana von der Organisation \u00c4rzte ohne Grenzen, der selbst mehrfach vor Ort war.\u00a0<\/p>\n<p>Jahrelang konnten die T\u00e4ter in Libyen ohne Angst vor strafrechtlicher Verfolgung foltern und morden. Sie reisten sogar ins Ausland, nach \u00c4thiopien oder in die Arabischen Emirate, um dort ihr Geld in Casinos zu verprassen &#8211; bis die niederl\u00e4ndische Staatsanw\u00e4ltin Petra Hoekstra 2018 auf die L\u00f6segelderpressungen aufmerksam wurde. Da viele der erpressten Familien und mittlerweile auch etliche der eritreischen Opfer in den Niederlanden leben, nahm die niederl\u00e4ndische Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst konzentrierte sich Hoekstras Team auf die Mittelsm\u00e4nner, die in den Niederlanden das Geld der Familien einsammelten. \u00dcber sogenannte Hawala-Transfers, ein informelles Zahlungsverfahren, wanderte es zu den Menschenh\u00e4ndlern in Afrika. Der Staatsanwaltschaft gelang es, mehrere Mittelsleute aufzusp\u00fcren, f\u00fcnf von ihnen sind inzwischen angeklagt.<\/p>\n<p>Um an die eigentlichen T\u00e4ter heranzukommen, tat sich Hoekstra schlie\u00dflich mit Beh\u00f6rden aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zusammen: Italien, Spanien, Gro\u00dfbritannien. Unterst\u00fctzt wurden die internationalen Ermittlungen von Europol. Seit 2022 ist zudem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag beteiligt. Auch Deutschland hat sich inzwischen angeschlossen.<\/p>\n<p>Doch es waren nicht die europ\u00e4ischen Ermittler, die die Menschenh\u00e4ndler schlie\u00dflich 2020 festsetzten, sondern \u00e4thiopische Beamte. Ein ehemaliges Opfer erkannte einen eritreischen Menschenh\u00e4ndler in \u00c4thiopiens Hauptstadt Addis Abeba auf der Stra\u00dfe, daraufhin wurde er verhaftet. Kurz darauf nahmen die Beamten auch Walid fest. Im Oktober 2022 stimmten die Beh\u00f6rden des Landes dann seiner Auslieferung zu und lie\u00dfen ihn in die Niederlande \u00fcberstellen.<\/p>\n<p>                Die Befragung der Zeugen dauerte Monate<\/p>\n<p>Im Januar 2023 wurde Walid erstmals bei einer Voranh\u00f6rung in Zwolle einem niederl\u00e4ndischen Richter vorgef\u00fchrt. Richter, Staatsanw\u00e4lte und Verteidigung befragten anschlie\u00dfend \u00fcber Monate hinweg Zeugen \u2013 unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Damit der Angeklagte in Zwolle verurteilt werden kann, muss eine Verbindung seiner Taten in die Niederlande bestehen. Deshalb st\u00fctzt sich das Gericht auf \u00dcberlebende, die als Fl\u00fcchtlinge in den Niederlanden ankamen. Hunderttausende Eritreerinnen und Eritreer sind in den vergangenen zwanzig Jahren vor einer brutalen Diktatur aus ihrer Heimat geflohen, viele von ihnen nach Europa. Die Strafakte im Fall Walid ist rund 30.000 Seiten lang. Neben den Zeugenaussagen wurden etwa auch Satellitenbilder in Libyen sowie Chatnachrichten von Walid ausgewertet.\u00a0<\/p>\n<p>Es sind l\u00e4ngst nicht mehr nur einzelne Schmuggler, die in Libyen foltern &#8211; die brutale Methode ist mittlerweile im ganzen Land verbreitet. Zudem gibt es auch Berichte \u00fcber L\u00f6segelderpressungen in \u201eoffiziellen\u201c libyschen Fl\u00fcchtlingslagern &#8211; etwa solchen, die von Milizen kontrolliert werden, die der libyschen Regierung nahestehen und mit der K\u00fcstenwache zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Seit Jahren wird die K\u00fcstenwache finanziell von europ\u00e4ischen Staaten unterst\u00fctzt. Die Milizen verdienten dadurch doppelt, sagt der Libyen-Experte J\u00e9r\u00f4me Tubiana von \u00c4rzte ohne Grenzen: durch die EU-Gelder zur Abwehr von Migranten und die Ausbeutung der Fl\u00fcchtlinge in den Camps.<\/p>\n<p>Internationaler Druck hatte zwischenzeitlich geholfen, das brutale Gesch\u00e4ft einzud\u00e4mmen. In Bani Walid h\u00e4tten in den vergangenen Jahren viele eritreische Schmuggler und ihre libyschen Besch\u00fctzer die Erpressungen aufgegeben, sagt Mark Micallef von der Genfer Nichtregierungsorganisation GI-TOC. Als einen Grund daf\u00fcr sieht er Sanktionen, die die UN gegen mehrere Menschenh\u00e4ndler in Libyen verh\u00e4ngt hat. Aber auch die internationalen Ermittlungen und der Prozess gegen Walid h\u00e4tten einen Effekt gehabt.<\/p>\n<p>                Zur\u00fcck an Land gebracht und erneut misshandelt<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es laut GI-TOC aber wieder neue Berichte \u00fcber Schmuggler, die den Menschenhandel erneut aufleben lassen, auch in Bani Walid. Hinzu kommt: Durch die Zusammenarbeit der Europ\u00e4er mit der libyschen K\u00fcstenwache und die Push-Backs brauchen Gefl\u00fcchtete oft etliche Anl\u00e4ufe, bis sie es \u00fcber das Mittelmeer schaffen. Immer wieder werden sie zur\u00fcck an Land gebracht und dort erneut misshandelt.<\/p>\n<p>Der Prozess in Zwolle hat damit h\u00f6chstens Symbolwirkung. Zwanzig Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft f\u00fcr den Eritreer Walid Negash. Das Urteil wird noch in diesem Januar erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gerichtsskizze: Der Eritreer Walid Amanuel\u00a0Gebreyesus\u00a0Negash steht unter Verdacht, Tausende Menschen gefoltert zu haben. 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