{"id":23540,"date":"2026-05-30T19:31:38","date_gmt":"2026-05-30T19:31:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/23540\/"},"modified":"2026-05-30T19:31:38","modified_gmt":"2026-05-30T19:31:38","slug":"politischer-mord-in-libyen-die-toetung-des-libyschen-diktatorensohns-saif-al-islam-al-gaddafi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/23540\/","title":{"rendered":"Politischer Mord in Libyen: die T\u00f6tung des libyschen Diktatorensohns Saif al-Islam al-Gaddafi"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstagabend vergangener Woche besch\u00e4ftigte die sozialen Medien in Libyen vor allem eine Meldung: die vom pl\u00f6tzlichen Tod Saif al-Islam al-Gaddafis, Sohn des ehemaligen Langzeitherrschers Muammar al-Gaddafi und Symbolfigur der Loyalist:innen des 2011 gest\u00fcrzten Regimes.<\/p>\n<p>Der pers\u00f6nliche Anwalt und der politische Berater des Diktatorensohns best\u00e4tigten dessen Tod in einer Erkl\u00e4rung. Demnach seien vier maskierte Bewaffnete in die Residenz Saif al-Islam al-Gaddafis in Zintan, s\u00fcdwestlich der libyschen Hauptstadt Tripolis, eingedrungen, h\u00e4tten die \u00dcberwachungskameras ausgeschaltet, seine Bodyguards niedergeschossen und ihn dann in seinem Garten angegriffen. Ein Kampf sei entbrannt, darin habe sich \u00bbGott entschieden, (ihn) zu sich zu holen\u00ab. In der Erkl\u00e4rung forderten sie eine \u00bbunabh\u00e4ngige und transparente lokale und internationale Untersuchung\u00ab, um die Verantwortlichen ausfindig zu machen und zu bestrafen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag teilte die Staatsanwaltschaft mit, man habe Ermittlungen eingeleitet und die Leiche an die Familie \u00fcbergeben. Zu Spekulationen, eine Miliz aus der Hauptstadt sei verantwortlich, \u00e4u\u00dferte sich die Beh\u00f6rde nicht.<\/p>\n<p>Tausende loyale Anh\u00e4nger:innen Gaddafis, vor allem Angeh\u00f6rige von St\u00e4mmen wie den Warfalla, den Gaddafa und den Magarha, besuchten die Trauerfeier, hielten Reden und schwenkten gr\u00fcne Fahnen.<\/p>\n<p>Nun lautet die Frage, welcher Milizenallianz die Ermordung des Gaddafi-Sprosses am ehesten zuzutrauen ist. Im Westen regiert die international anerkannte \u00dcbergangsregierung von Abdul Hamid Dbeiba, wobei Tripolis zwischen rivalisierenden Milizen aufgeteilt ist. Der Warlord Khalifa Haftar hingegen kontrolliert den Osten und S\u00fcden des Landes. Beide Herrscher kooperieren mit einer Vielzahl an Milizen.<\/p>\n<p>Die Trauerfeier sollte urspr\u00fcnglich in Sirte stattfinden, wo Muammar al-Gaddafi 2011 get\u00f6tet worden war und wo der Stamm der Qadhadhfa (oder Gaddafa) beheimatet ist. In der von Haftars Kr\u00e4ften kontrollierten Stadt waren die politischen Auflagen allerdings so streng, dass sich die Familie Gaddafi stattdessen f\u00fcr Bani Walid entschied, eine Hochburg der Loyalist:innen, die im Machtbereich der Regierung Dbeiba liegt. Tausende Loyalist:innen, vor allem Angeh\u00f6rige von St\u00e4mmen wie den Warfalla, den Qadhadhfa und den Magarha, besuchten die Trauerfeier am Freitag vergangener Woche, hielten Reden und schwenkten gr\u00fcne Fahnen. Unter Gaddafi war das die Farbe der Nationalfahne.<\/p>\n<p>Der Tatort, Saif al-Islam Gaddafis Residenz in Zintan, liegt in den Nafusa-Bergen, in denen lokale Milizen herrschen, die sich im Konflikt zwischen den beiden Regierungen nicht eindeutig auf eine Seite gestellt haben. Ein Motiv f\u00fcr die Ermordung Gaddafis k\u00f6nnten viele Milizen in beiden Allianzen haben. Seine anhaltende Rechtfertigung der Verbrechen seines Vaters und sein Bem\u00fchen, ehemalige Regimeangeh\u00f6rige vor Strafverfolgung zu bewahren, hatten ihn zu einer polarisierenden Figur gemacht.<\/p>\n<p>Wichtigste Symbolfigur der Loyalist:innen<\/p>\n<p>Ob die Verantwortlichen tats\u00e4chlich identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden, ist keineswegs ausgemacht. Politische Morde sind im von konkurrierenden Milizen kontrollierten Libyen h\u00e4ufig und werden meist achselzuckend hingenommen. Erst im November war die bekannte Bloggerin Khansa al-Mujahid in ihrem Auto im Westen der Hauptstadt Tripolis am helllichten Tage von Sch\u00fcssen durchsiebt worden. Eine Spur f\u00fchrte zu einem Mitglied der Miliz des Innenministers Emad Trabelsi, der die Ermordung der Bloggerin als schwer zu verhindern heruntergespielt hatte. Seinen R\u00fccktritt hatte dies nicht zur Folge.<\/p>\n<p>Mit dem gewaltsamen Tod des Diktatorensohns hat die Str\u00f6mung der Loyalist:innen ihre wichtigste Symbolfigur und damit auch ihre Koh\u00e4sion verloren. F\u00fcr die rivalisierenden politischen Lager in West- und Ostlibyen k\u00f6nnten sich dadurch neue Einflussm\u00f6glichkeiten auftun. Sie buhlen seit 2011 um die Unterst\u00fctzung der alten Garde, trotz der zahlreichen Verbrechen, die diese in Gaddafis Regime begangen hat.<\/p>\n<p>Deren Staatsideologie bestand aus einer <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2011\/09\/wie-linke-einem-diktator-nachweinen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">eigenwilligen Mischung aus antikolonialem Populismus und Islamismus<\/a>. Im Osten versucht man, ihre Anh\u00e4ng\u00ader:in\u00adnen mehr mit antikolonialem Nationalismus zu gewinnen, im Westen betont man vor allem den Islam. Jede der beiden Seiten konnte einen Teil der Gaddafi-Loyalisten f\u00fcr sich gewinnen, wobei der Osten tendenziell erfolgreicher war.<\/p>\n<p>Anhaltend desastr\u00f6se politische Lage in Libyen<\/p>\n<p>Saif al-Islam Gaddafi selbst ist seit seiner ber\u00fcchtigten Rede zur Unterst\u00fctzung der brutalen Repression des Gaddafi-Regimes im Februar 2011 kaum noch politisch aktiv gewesen. Im November desselben Jahres war er von einer lokalen Rebellenmiliz in Zintan gefangengenommen und inhaftiert worden. Ein Gericht in Tripolis verurteilte ihn in einem chaotischen Prozess in seiner Abwesenheit zum Tode. Das Urteil wurde aber nie vollstreckt, da die Miliz sich weigerte, ihn zu \u00fcberstellen.<\/p>\n<p>2016 konnte er von einer Amnestie profitieren und seither in Zintan ein ruhiges Leben f\u00fchren. 2021 kandidierte er bei der <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/49\/der-dysfunktionale-wahlprozess\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">libyschen Pr\u00e4sidentschaftswahl, seine Kandidatur war jedoch hochumstritten und f\u00fchrte zu seiner Disqualifizierung<\/a>. Der Streit um Gaddafis Kandidatur galt als einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die Wahlen damals abgesagt wurden. Seither wurden Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen immer wieder aufgeschoben. Nun ist man den unliebsamen Rivalen los.<\/p>\n<p>Die anhaltend desastr\u00f6se politische Lage in Libyen wirkt sich auch \u00f6konomisch aus. Die Menschen im Land k\u00f6nnen nur eingeschr\u00e4nkt auf Bankguthaben zugreifen und vor Tankstellen muss man schlangestehen. Das Land verf\u00fcgt \u00fcber einen bedeutenden \u00d6lreichtum, doch der Gro\u00dfteil der Einnahmen versinkt in der Korruption von Politikern und in kriminellen Gesch\u00e4ften der Milizen, die in enormem Ausma\u00df Bankenbetrug betreiben und sich daran bereichern, staatlich subventioniertes Benzin ins Ausland zu schmuggeln. Vor diesem Hintergrund erkl\u00e4rt sich, dass Saif al-Islam Gaddafi, indem er eine gewisse Nostalgie \u00fcber die Stabilit\u00e4t des Landes unter der Herrschaft seines Vaters zu bedienen wusste, bei einem Teil der Bev\u00f6lkerung anhaltende Popularit\u00e4t genoss.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Dienstagabend vergangener Woche besch\u00e4ftigte die sozialen Medien in Libyen vor allem eine Meldung: die vom pl\u00f6tzlichen Tod&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23541,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[28],"tags":[286,285,1742],"class_list":["post-23540","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-libyen","tag-libya","tag-libyen","tag-milizen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116665193764115429","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23540"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23540\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23541"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}