{"id":25456,"date":"2026-06-04T05:01:36","date_gmt":"2026-06-04T05:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/25456\/"},"modified":"2026-06-04T05:01:36","modified_gmt":"2026-06-04T05:01:36","slug":"benin-bronzen-die-deutsche-politik-hat-sich-die-sache-einfach-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/25456\/","title":{"rendered":"Benin-Bronzen: &#8222;Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/kunst\/2023-05\/benin-bronzen-kolonialismus-klaus-keuthmann\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>            Inhalt        <\/p>\n<p>Seite 1&#8243;Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht&#8220;<\/p>\n<p>                                            <a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/kunst\/2023-05\/benin-bronzen-kolonialismus-klaus-keuthmann\/seite-2\" data-ct-label=\"2\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                    Seite 2&#8243;Restitution ist eine Geste&#8220;<br \/>\n                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">War es ein Fehler der deutschen Bundesregierung, einst geraubte Benin-Bronzen an Nigeria zur\u00fcckzugeben? <a class=\"c-link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2022-07\/benin-bronzen-rueckgabe-raubkunst-kolonialismus\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Im Juli 2022 wurde dazu eine Rahmenvereinbarung f\u00fcr die R\u00fcckgabe einst geraubter Benin-Bronzen<\/a> geschlossen, im Dezember 2022 gaben Bundesau\u00dfenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth dann\u00a0<a class=\"c-link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/53\/benin-bronzen-rueckgabe-nigeria-claudia-roth-annalena-baerbock\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">die ersten Kunstgegenst\u00e4nde feierlich zur\u00fcck<\/a>. Die deutsche Seite ging offenbar davon aus, dass die Bronzen in einem (von Deutschland finanziell unterst\u00fctzten) Museumsneubau vor Ort ausgestellt w\u00fcrden. Der<a class=\"c-link\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/benin-bronzen-werden-privatbesitz-des-oba-war-das-der-sinn-18872272.html\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">\u00a0scheidende nigerianische Pr\u00e4sident \u00fcbertrug die Besitzrechte an den Bronzen jedoch zuletzt dem Oba von Benin<\/a>, dem nominellen Nachfolger der einstigen Herrscher \u00fcber das K\u00f6nigreich Benin, das tief in den kolonialen Sklavenhandel verstrickt war. Nun ist einstweilen unklar, ob die Bronzen \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sein werden. An dieser Stelle erkl\u00e4rt der Kulturwissenschaftler und Afrika-Experte Klaus Keuthmann, wie die deutsche Debatte die Komplexit\u00e4t der Kolonialgeschichte und des Sklavenhandels sowie der heutigen Verh\u00e4ltnisse in Nigeria ignoriert.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: Herr Keuthmann, die \u00dcberstellung &#8222;deutscher&#8220;<br \/>\nBenin-Bronzen an <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/nigeria\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nigeria<\/a> und ihre Weitergabe in Privatbesitz <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/kunst\/2023-05\/benin-bronzen-raubkunst-kolonialzeit-nigeria\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">hat die Debatte<br \/>\n\u00fcber Kolonialisierung und Wiedergutmachung nochmals belebt<\/a>. Sie haben sich lange<br \/>\nmit Sprachen, Kulturen und Geschichte verschiedener afrikanischer Gesellschaften befasst. Was denken Sie \u00fcber die Diskussion?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Klaus Keuthmann: Die aktuelle Restitutionsdebatte bekommt manchmal<br \/>\neinen falschen Zungenschlag. Und das l\u00e4sst mich regelrecht verzweifeln. Denn da<br \/>\nmelden sich gewisse Kritiker zu Wort, die offenbar glauben, man h\u00e4tte in<br \/>\nMitteleuropa nichts mit dem Sklavenhandel des 16. bis 19. Jahrhunderts in<br \/>\nAfrika zu tun gehabt. In moralischer Emp\u00f6rung wird beispielsweise den Nachfahren<br \/>\ndes K\u00f6nigshauses von <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/benin\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Benin<\/a> deren Verstrickung in das Gesch\u00e4ft mit der Ware<br \/>\nMensch vorgehalten, ohne sich zugleich zu vergegenw\u00e4rtigen, dass sich die<br \/>\nWurzel dieses \u00dcbels teils bis in die Mitte Europas zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Der<br \/>\nBlick aus afrikanischer Perspektive fehlt dabei fast v\u00f6llig. Er wird \u2013 wie in<br \/>\nder Vergangenheit, so auch jetzt \u2013 einfach nur ignoriert.\u00a0 <\/p>\n<p>            Klaus Keuthmann <\/p>\n<p>war als Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Angestellter an den Universit\u00e4ten Bonn, K\u00f6ln und Frankfurt am Main und in den Sonderforschungsbereichen Identit\u00e4t in Afrika der Universit\u00e4t Bayreuth sowie Kulturentwicklung und Sprachgeschichte im Naturraum Westafrikanische Savanne der Frankfurter Universit\u00e4t t\u00e4tig. Schwerpunkte seiner Feldforschungen lagen in Botswana und Burkina Faso. Nach langj\u00e4hriger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Dekanats des Fachbereichs Sprach- und Kulturwissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t ist er inzwischen im Ruhestand.<\/p>\n<p>                                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/square__999999__110x110.jpeg\"  alt=\"Benin-Bronzen: &quot;Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht&quot;\" width=\"110\" height=\"110\" loading=\"lazy\" class=\"portraitbox__image\"\/><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: War der Sklavenhandel eine Erfindung der<br \/>\nEurop\u00e4er?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Die Kapitalisierung menschlicher K\u00f6rper, wie der<br \/>\nHistoriker Michael Zeuske treffend die Sklaverei zu allen Zeiten und in allen<br \/>\nTeilen der Welt umschreibt, hat auch in <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/afrika\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Afrika<\/a> eine uralte Geschichte.<br \/>\nVermutlich sind im Inneren Afrikas mehr Menschen in Sklaverei gehalten worden,<br \/>\nals jemals den Kontinent als Sklaven <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/kolonialismus-imperialismus\/postkolonialismus-und-globalgeschichte\/242213\/transatlantischer-sklavenhandel-und-dreieckshandel\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">im<br \/>\nsogenannten Dreieckshandel<\/a> verlassen haben. Ob im System der<br \/>\nSklavenhaltung, des Frondienstes oder der Leibeigenschaft oder anderer Formen<br \/>\nder Ausbeutung von Menschen: Nutznie\u00dfer waren immer und \u00fcberall auf der Welt<br \/>\nEliten, Klassen von Menschen mit Vorrechten, Herrschende also, zu denen eben auch<br \/>\nK\u00f6nigsfamilien wie die des Oba in Benin geh\u00f6rten. Sie versklavten aus<br \/>\nunterschiedlichsten Gr\u00fcnden eigene, unliebsame Untertanen, politische Gegner<br \/>\noder Konkurrenten, Kriegsgefangene oder Opfer systematischer Menschenjagden. <\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                                        Newsletter<br \/>\n                                        Was wir lesen \u2013 Der ZEIT-Literaturnewsletter<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">Im Literaturnewsletter erz\u00e4hlen ZEIT-Journalistinnen, Schauspieler, Politikerinnen und andere Leser \u00fcber die B\u00fccher, die sie gerade begeistern. Jetzt anmelden!<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__datapolicy\" hidden=\"\">\n            Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die <a href=\"https:\/\/datenschutz.zeit.de\/zon#Newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a><br \/>\n     zur Kenntnis.\n        <\/p>\n<p>    Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: Also gab es Sklavenhaltung und Handel mit<br \/>\nSklaven schon vor Ankunft der Europ\u00e4er?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Als die Portugiesen an der westafrikanischen<br \/>\nK\u00fcste landeten, haben sie ein schon bestehendes System blo\u00df aufgegriffen, aber<br \/>\nihm faktisch umgehend merkantile Strukturen verliehen, es kommerzialisiert und<br \/>\nzum Welthandel ausgebaut.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: In den auch Deutschland verstrickt war?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Ja, vor allem die Augsburger<br \/>\nHandelsgesellschaften der Fugger erkannten schnell die aussichtsreichen Profite<br \/>\neiner Finanzierung des Handels mit der Ware Mensch, ohne sich dabei die H\u00e4nde<br \/>\nschmutzig machen zu m\u00fcssen.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: Was hatten die Fugger mit Sklavenhandel zu tun? <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Der Handel mit Kupfererzen war im 16. Jahrhundert<br \/>\nweitestgehend in den H\u00e4nden von N\u00fcrnberger und Augsburger Kaufleuten. Die<br \/>\nFugger organisierten unter anderem den Abbau von Galmei, einem Zinkerz, das insbesondere<br \/>\nin der Region um Stolberg bei Aachen gewonnen wurde und dann zur Fertigung von<br \/>\nMessing-Armreifen, den sogenannten Manillen, diente. Kupfererz, Armreife und<br \/>\nandere Produkte wurden, wie es in den Quellen der Zeit hei\u00dft, &#8222;in unglaublichen<br \/>\nMengen&#8220; nach Antwerpen gebracht, um dort unter anderem nach Westafrika<br \/>\nverschifft zu werden. Die Portugiesen nutzten insbesondere die &#8222;Manillen&#8220; als<br \/>\nGeldersatz zur Finanzierung von Sklaveneink\u00e4ufen in Westafrika. Die Gier nach<br \/>\ndiesen Metallen war riesig im alten Benin, denn es diente den dortigen Eliten,<br \/>\ninsbesondere dem K\u00f6nigshaus, zur Demonstration des eigenen Prunks, des<br \/>\nWohlstandes und letztlich auch der Macht. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: Und der Reichtum wurde wie in <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/europa\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europa<\/a> zur Schau<br \/>\ngestellt?\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Der niederl\u00e4ndische Geograf Olfert Dapper<br \/>\nbeschreibt um 1668 den K\u00f6nigspalast von Benin aufgrund von zeitgen\u00f6ssischen Berichten voller Bewunderung mit den<br \/>\nWorten, er sei gr\u00f6\u00dfer und pr\u00e4chtiger als die Amsterdamer B\u00f6rse \u2013 damals das<br \/>\nZentrum der Finanzwelt \u2013 und von unten bis oben mit Messing und kupfernen<br \/>\nFiguren dekoriert. Es ist schon irgendwie verr\u00fcckt: Das Stolberger Galmei-Erz,<br \/>\nin Armreife gegossen und zum Aufkauf von Sklaven genutzt, wurde in Benin umgeschmolzen<br \/>\nund zu all den Kostbarkeiten veredelt, \u00fcber die wir heute streiten. \u00dcbrigens<br \/>\nbelegen Isotopendatierungen in j\u00fcngsten Untersuchungen, dass ein erheblicher<br \/>\nTeil der aus dem Aachener Raum stammenden Zinkerze in einer Reihe dieser Benin-Bronzen<br \/>\nheute noch nachweisbar sind.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">ZEIT ONLINE: Das Erz f\u00fcr die Bronzen kam also vor allem aus<br \/>\ndem Rheinland?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Keuthmann: Nachdem die Briten Mitte des 17. Jahrhunderts in<br \/>\ndas profitable Gesch\u00e4ft mit dem Sklavenhandel eingestiegen waren, kamen die Erze vermehrt auch aus britischen Produktionsst\u00e4tten \u2013 etwa aus Birmingham oder<br \/>\nBristol. Aber das Stolberger Galmei-Erz veranschaulicht gerade f\u00fcr uns Deutsche,<br \/>\ndass viele \u2013 europ\u00e4ische wie afrikanische \u2013 Akteure in den Sklavenhandel direkt<br \/>\noder indirekt eingebunden waren. Sklaverei ist ein systemisches Geschehen, bei<br \/>\ndem es keine Unschuldigen und nur ein einziges Opfer gibt: den zur Ware<br \/>\nerkl\u00e4rten Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1&#8243;Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht&#8220; Seite 2&#8243;Restitution&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25457,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[240],"tags":[29,360,4522,91,1907,11167,1910,1278,835,77,11168,2726],"class_list":["post-25456","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-benin","tag-afrika","tag-benin","tag-benin-bronzen","tag-europa","tag-geschichte","tag-klaus-keuthmann","tag-kolonialismus","tag-kultur","tag-menschenhandel","tag-nigeria","tag-sklavenhandel","tag-sklaverei"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116690084420103072","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25456","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25456"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25456\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}