{"id":27183,"date":"2026-06-09T11:41:08","date_gmt":"2026-06-09T11:41:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/27183\/"},"modified":"2026-06-09T11:41:08","modified_gmt":"2026-06-09T11:41:08","slug":"migration-in-afrika-wo-buerger-brutale-selbstjustiz-gegen-migranten-ausueben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/27183\/","title":{"rendered":"Migration in Afrika: Wo B\u00fcrger brutale Selbstjustiz gegen Migranten aus\u00fcben"},"content":{"rendered":"<p>Sie machen Einwanderer f\u00fcr alle Probleme verantwortlich, terrorisieren und kontrollieren sie: In S\u00fcdafrika gehen selbst ernannte Aktivisten gegen Migranten vor. Das erinnert an ein noch dunkleres Kapitel in dem Land.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als Nomsa* ihren Sohn Anfang des Jahres nach Simbabwe zur\u00fcckschickt, sagt sie dem Siebenj\u00e4hrigen, dort sei die Schule besser. Und die Gro\u00dfmutter werde sich so sehr freuen, seine Freunde w\u00fcrden bereits auf ihn warten. Es werde sch\u00f6n werden.<\/p>\n<p>Vom eigentlichen Grund \u2013 der Angst um sein Leben und ihr eigenes \u2013 spricht die Frau aus Simbabwe nicht. Sie verschweigt den Mob, der den Direktor der Schule im s\u00fcdafrikanischen Johannesburg zum Rauswurf von Migrantenkindern aufgefordert hatte. Sie spricht nicht \u00fcber das Krankenhaus, das ihr den Zugang verweigerte, als der Kleine Hautausschlag hatte. Oder \u00fcber die Videos von Demonstrationen gegen Ausl\u00e4nder, die sie jeden Abend auf TikTok sieht.<\/p>\n<p>\u201eEs war besser so\u201c, sagt sie. Nomsa steht in ihrer Wohnung im 27. Stockwerk des Ponte Tower in Johannesburg und blickt aus dem Fenster. Seit Monaten verl\u00e4sst die hochgewachsene Frau das ber\u00fcchtigte Hochhaus kaum noch, au\u00dfer wenn sie zur Arbeit muss, als Bedienung in einem Restaurant. Oder zum Studieren. Beides tut die 28-J\u00e4hrige vollkommen legal in dem Land, in dem sie seit einem Jahr lebt und in dem sie sich zunehmend bedroht f\u00fchlt.<\/p>\n<p>In den vergangenen Monaten hat sich die Stimmung gegen Migranten in S\u00fcdafrika sp\u00fcrbar versch\u00e4rft. Bewegungen wie \u201eMarch and March\u201c und \u201eOperation Dudula\u201c organisieren Demonstrationen gegen Migration und fordern ein h\u00e4rteres Vorgehen gegen undokumentierte Ausl\u00e4nder. <\/p>\n<p>Selbsternannte Aktivisten kontrollieren Ausweise, protestieren vor Krankenh\u00e4usern und erkl\u00e4ren in Videos und Reden, S\u00fcdafrika m\u00fcsse \u201ezur\u00fcckgeholt\u201c werden. Ende Juni, so lautet eine ihrer Forderungen, sollten Menschen ohne g\u00fcltige Dokumente das Land verlassen haben.<\/p>\n<p>Doch in der Praxis richtet sich der Druck vielerorts auch gegen afrikanische Migranten mit g\u00fcltigen Aufenthaltsrechten wie Nomsa. In der Stadt Mossel Bay wurden H\u00e4user von Migranten niedergebrannt. Die mosambikanische Regierung spricht von f\u00fcnf get\u00f6teten Staatsb\u00fcrgern. Hunderte Menschen flohen. <\/p>\n<p>Ghana begann bereits damit, eigene B\u00fcrger aus S\u00fcdafrika auszufliegen. Die Wut in den Herkunftsl\u00e4ndern ist gro\u00df. Nigerias Polizei appellierte an ihre Bev\u00f6lkerung, von Vergeltungsaktionen gegen S\u00fcdafrikaner abzusehen. Die xenophobischen Angriffe in S\u00fcdafrika, dem reichsten Land s\u00fcdlich der Sahara, richten sich besonders gegen Nigerianer, die dort oft pauschal mit Kriminalit\u00e4t in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n<p>Die s\u00fcdafrikanische Regierung bem\u00fcht sich bislang erfolglos um eine Beruhigung der Lage. Pr\u00e4sident Cyril Ramaphosa verurteilte die Gewalt gegen Ausl\u00e4nder, k\u00fcndigte aber gleichzeitig im Parlament an, \u201eentschieden\u201c gegen undokumentierte Migranten vorzugehen. Durchaus zutreffend argumentierte er, dass Einwanderer aus strukturschwachen Nachbarl\u00e4ndern \u2013 offiziell sind es rund drei Millionen Menschen \u2013 eine erhebliche Belastung f\u00fcr das Gesundheits- und Bildungssystem darstellen w\u00fcrden. Das offensichtliche Versagen der Sicherheitskr\u00e4fte bei der Unterbindung der Gewalt rechtfertigt das nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6967b783587b0b1176afbd68\/manoever-bei-kapstadt-mit-dieser-marineuebung-setzt-suedafrika-seine-wirtschaftliche-existenz-aufs-spiel.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6967b783587b0b1176afbd68\/manoever-bei-kapstadt-mit-dieser-marineuebung-setzt-suedafrika-seine-wirtschaftliche-existenz-aufs-spiel.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">S\u00fcdafrika<\/a> steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Krise. Die Arbeitslosigkeit geh\u00f6rt zu den h\u00f6chsten der Welt. Viele \u00f6ffentliche Dienstleistungen funktionieren nur eingeschr\u00e4nkt. Krankenh\u00e4user sind \u00fcberlastet, Schulen \u00fcberf\u00fcllt, Kommunen chronisch unterfinanziert. <\/p>\n<p>In diesem Klima finden diejenigen Geh\u00f6r, die vor allem afrikanische Ausl\u00e4nder f\u00fcr die Probleme verantwortlich machen. Ende des Jahres stehen Kommunalwahlen an. F\u00fcr Ramaphosas African National Congress (ANC) ist das Thema inzwischen auch politisch von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe beginnt die Gefahr<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr das Leben von Nomsa. Vor zehn Jahren kam sie aus Bulawayo im S\u00fcdwesten Simbabwes nach Johannesburg, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sah. Arbeit gab es kaum. Als Friseurin verdiente sie umgerechnet nur wenige Euro am Tag. In S\u00fcdafrika fand sie etwas besser bezahlte Jobs, sp\u00e4ter eine Wohnung und irgendwann ein Leben, das einigerma\u00dfen funktionierte.<\/p>\n<p>Heute f\u00fchlt sich dieses Leben immer eingeengter, bedrohlicher an. Ihre kleine Wohnung im <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article3917438\/Im-boesesten-Hochhaus-der-Welt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article3917438\/Im-boesesten-Hochhaus-der-Welt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ponte Tower<\/a>, die sie sich mit ihrer \u00e4lteren Schwester Lindiwe* teilt, ist zum wichtigsten R\u00fcckzugsort geworden. Ausgerechnet Ponte. Das Hochhaus mit seinen 55 Stockwerken ragt wie ein Betonfinger \u00fcber dem Hillbrow empor, jenem Viertel im Herzen Johannesburgs, das seit Jahrzehnten als Ankunftsort f\u00fcr Migranten aus dem gesamten Kontinent dient.<\/p>\n<p>Als Ponte im Jahr 1975 er\u00f6ffnet wurde, galt das Geb\u00e4ude noch als Symbol f\u00fcr Wohlstand, hier lebten ausschlie\u00dflich gut situierte Wei\u00dfe. In den 1990er-Jahren wurde der Turm zum Synonym f\u00fcr Kriminalit\u00e4t und st\u00e4dtischen Verfall, Anlaufstelle f\u00fcr Migranten. Das Haus ist inzwischen wieder besser gemanagt, die Sicherheit gilt als gut. Heute leben hier rund 1600 Menschen. Fast alle stammen aus L\u00e4ndern wie Simbabwe, Mosambik, Malawi oder dem Kongo.<\/p>\n<p>Von den Fenstern des 27. Stockwerks aus wirkt Johannesburg friedlich. Die Hochh\u00e4user des Finanzzentrums Sandton glitzern in der Ferne in der Sonne. Minibus-Taxis schieben sich durch den Verkehr. Menschen eilen \u00fcber die Kreuzungen. Der Blick reicht bis zu den Halden stillgelegter Minen am Horizont, wo einst der Gro\u00dfteil der weltweiten Goldproduktion stattfand.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr Nomsa beginnt die Gefahr inzwischen oft schon auf der Stra\u00dfe vor dem Geb\u00e4ude. Sie z\u00f6gert, dort \u00fcberhaupt zu reden, hat Angst, dass ihr Akzent ihre Herkunft verr\u00e4t. Lange hatte sie dieses Risiko verdr\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Im Jahr 2008 wurden bei fremdenfeindlichen Ausschreitungen mindestens 62 Menschen get\u00f6tet. M\u00e4nner wurden aus ihren H\u00e4usern gezerrt, Gesch\u00e4fte von afrikanischen Migranten gepl\u00fcndert, Menschen vor den Augen ihrer Nachbarn ermordet. 2015 und 2019 folgten weitere Gewaltwellen, wenn auch mit deutlich weniger Todesopfern. Die Bilder haben sich tief in das Ged\u00e4chtnis vieler Migranten eingebrannt.<\/p>\n<p>Man nimmt Pr\u00e4sident Ramaphosa ab, dass er eine Wiederholung verhindern will \u2013 der Reputationsschaden f\u00fcr das Land war enorm. Doch die Polizei habe dem \u00f6ffentlichen Druck nachgegeben, erz\u00e4hlen die Schwestern. Da sind die Polizeikontrollen, teils willk\u00fcrliche Verhaftungen befreundeter Migranten. Da sind Krankenh\u00e4user, die ihre Behandlung verweigern. \u201eIch bete, dass ich nicht krank werde\u201c, sagt Nomsa.<\/p>\n<p>Ihre Schwester Lindiwe, 34, Mutter von drei Kindern, hat anders als sie keine g\u00fcltigen Papiere. Auch sie hat zwei ihrer Kinder nach Simbabwe geschickt. Nur die \u00e4lteste Tochter, 13, blieb zur\u00fcck \u2013 allerdings bei einer Verwandten in einem Vorort, wo es vermeintlich sicherer ist. <\/p>\n<p>Lindiwe liefert Essen und Medikamente auf einem Motorroller aus, oft zw\u00f6lf Stunden t\u00e4glich. Das Risiko, kontrolliert zu werden, ist bei diesem Beruf besonders gro\u00df. Aber eine Wahl hat sie nicht. Der Gro\u00dfteil ihres Einkommens verschwindet f\u00fcr Miete, Lebensmittel und R\u00fcck\u00fcberweisungen in die Heimat. \u201eWenn wir nicht arbeiten\u201c, sagt Lindiwe, \u201eessen unsere Familien nicht.\u201c<\/p>\n<p>Nomsa hat g\u00fcltige Papiere, aber das z\u00e4hle f\u00fcr viele S\u00fcdafrikaner nicht, sagt sie. \u201eSie wollen, dass wir verschwinden.\u201c Neulich hatte sie Schicht im Restaurant. Sie komme doch aus Simbabwe, rief ihr einer der G\u00e4ste zu. Pass auf, dass \u201eMarch and March\u201c hier nicht aufr\u00e4umt, sagte er und lachte. Es war wohl ein Scherz. F\u00fcr Nomsa klang es wie eine Drohung.<\/p>\n<p>*Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt, wurden aber aus Sicherheitsgr\u00fcnden ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christian Putsch<\/a> ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie machen Einwanderer f\u00fcr alle Probleme verantwortlich, terrorisieren und kontrollieren sie: In S\u00fcdafrika gehen selbst ernannte Aktivisten gegen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":27184,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[5],"tags":[29,3628,1593,11725,3627,290,3629,74],"class_list":["post-27183","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-afrika","tag-afrika","tag-cyril","tag-diskriminierung","tag-fremdenfeindlichkeit-ks","tag-ramaphosa","tag-simbabwe","tag-suedafrika-politik","tag-texttospeech"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116719968898283831","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27183"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27183\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/27184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}