{"id":27191,"date":"2026-06-09T12:01:14","date_gmt":"2026-06-09T12:01:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/27191\/"},"modified":"2026-06-09T12:01:14","modified_gmt":"2026-06-09T12:01:14","slug":"ausgewandert-nach-mali-hier-geniesse-ich-das-leben-mehr-als-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/27191\/","title":{"rendered":"Ausgewandert nach Mali: Hier genie\u00dfe ich das Leben mehr als in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Warum lebt ein Deutscher freiwillig in einem verdreckten Armenhaus, das von Krisen heimgesucht wird? Diese Frage muss sich Christof Wackernagel oft stellen. Hier erkl\u00e4rt der \u00fcberzeugte Auswanderer, warum er Malis Hauptstadt der M\u00fcnchner Vorstadt vorzieht.<\/p>\n<p data-external=\"Article.FirstParagraph\">\u201eWie?!\u201c Die besorgte Freundin aus Deutschland emp\u00f6rt sich am Telefon. \u201eDer Verteidigungsminister wird <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus69ef676abb738f64ea7801ec\/mali-afrika-schock-fuer-putin-wuesten-dschihadisten-bereiten-moskau-eine-grosse-niederlage.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus69ef676abb738f64ea7801ec\/mali-afrika-schock-fuer-putin-wuesten-dschihadisten-bereiten-moskau-eine-grosse-niederlage.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">von Selbstmordattent\u00e4tern umgebracht<\/a>, \u00fcberall im Land finden Angriffe auf Kasernen statt \u2013 und du zuckst nur mit den Achseln?\u201c <\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, entgegne ich, \u201eder Tod dieses Menschen ist eine politische und humanit\u00e4re Katastrophe, wie sie leider auch auf der Wiesn oder einem Berliner Weihnachtsmarkt passieren k\u00f6nnte. Ich reagiere darauf so, wie die Malier es tun: \u201e\u201aDohni dohni\u2018 (\u201alangsam, langsam\u2018), also keine Panik! Und ich tue vor allem das, was dieses Land so liebensw\u00fcrdig macht: Ich suche mit allen anderen das Gespr\u00e4ch.\u201c <\/p>\n<p>\u201eBla, bla! Das erkl\u00e4rt nicht, warum ein halbwegs vern\u00fcnftiger Mensch wie du freiwillig in so einem verdreckten Armenhaus lebt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt mach aber mal halblang und h\u00f6r gut zu!\u201c<\/p>\n<p>Und dann erkl\u00e4re ich der irritierten Freundin, was ich den Deutschen immer sage, wenn sie mich ausfragen. Warum wandert man freiwillig nach Mali aus? Hier meine Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Erstens: Kinderlachen statt Totenstille<\/p>\n<p>Ich kann mein Leben hier mehr genie\u00dfen als in Deutschland. Ich kann den gr\u00f6\u00dften Teil des Jahres unter freiem Himmel schlafen, meine Mitmenschen haben immer gute Laune, jeder Tag bringt spannende \u00dcberraschungen, der Anblick der Frauen in ihren eleganten Kost\u00fcmen erfreut das Auge, die von \u00fcberallher t\u00f6nende Musik schmeichelt dem Ohr, und das Dauerkonzert aus Menschenstimmen, Kinderlachen, Transistorradios, Vogelstimmen, H\u00fchnergackern und Ziegengemecker streichelt das Herz: Gibt es Sch\u00f6neres, als mit den Stimmen spielender Kinder einzuschlafen?<\/p>\n<p>In Deutschland muss ich die von st\u00e4ndigem Brummen des Autoverkehrs untermalte Totenstille verdr\u00e4ngen, um schlafen zu k\u00f6nnen. Und das ist wohl der traurigste Unterschied: In Mali lebt man, \u00fcberspitzt gesagt, mit den Menschen, in Deutschland neben ihnen. In Mali ist Kommunikation oberste Priorit\u00e4t, in Deutschland ist vor allem die Funktion von Interesse. <\/p>\n<p>Obwohl ich kein Moslem bin, lud mich der Imam der benachbarten Moschee \u201eSalam\u201c ein, um mich nach dem Sonntagmorgen-Gebet \u00fcber Lautsprecher im Viertel vorzustellen. Die Moschee war proppenvoll, alle h\u00f6rten aufmerksam zu, manchmal durch beipflichtendes Gemurmel unterstrichen: Ich bin hier in Djoumanzana \u2013 dem Stadtteil der malischen Hauptstadt Bamako, wo ich lebe \u2013 mehr integriert als im M\u00fcnchner Vorort Ottobrunn, meinem zwischenzeitlichen deutschen Wohnsitz. Dort bin ich als alleinerziehender Mittsiebziger eines \u00fcber die Str\u00e4nge schlagenden Mischlingskindes ein nutzloses St\u00fcck Alteisen, bestenfalls ein Kuriosum. Dagegen stellt hier in Mali ein alter Mensch allein schon aufgrund seines Alters eine Respektsperson dar, dem eine schwere Tasche von jungen Leuten abgenommen und nach Hause getragen wird, der in der Bank an der Warteschlange vorbei direkt zum Schalter gehen darf und f\u00fcr den in der Rushhour der Verkehr angehalten wird, um ihn sicher \u00fcber die Stra\u00dfe geleiten zu k\u00f6nnen. Im Ottobrunner Bus 210 versuchte eine verzweifelte Mutter vergeblich, ihre sich die Fingern\u00e4gel feilende Teenagertochter dazu zu bewegen, ihren Sitzplatz einer \u00e4lteren Dame anzubieten. <\/p>\n<p>In Deutschland f\u00fchle ich mich unausgesprochenem Zeitdruck, Leistungsdruck, Repr\u00e4sentationsdruck ausgesetzt, sp\u00fcre ich Erwartungen an mein Verhalten bis hin zur politischen Meinung, die, wenn nicht mainstreamgem\u00e4\u00df, zu sozialer \u00c4chtung f\u00fchrt. Schon im Flugzeug, als ich den afrikanischen Kontinent unter mir sah, die Sandwellen der Sahara, fiel die H\u00e4lfte all dieses Drucks ab. Erkl\u00e4ren kann das keiner.<\/p>\n<p>Zweitens: Die Aura der Menschen <\/p>\n<p>\u201eWas findest du an Mali besser als an Deutschland?\u201c Auf diese Frage antwortet mein in beiden Kulturen aufgewachsener Sohn wie aus der Pistole geschossen. <\/p>\n<p>\u201eDie Aura!\u201c Er mag es selbst kaum glauben. \u201eDiese Aura ist sooooo m\u00e4chtig!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKannst du konkrete Beispiele daf\u00fcr nennen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann mit allen Leuten reden und schlie\u00dfe meist schnell Freundschaften! Man kann auf der Stra\u00dfe Fu\u00dfball spielen. Ich darf schon Motorrad fahren, obwohl ich erst 13 bin!\u201c Als mein Sohn mich neulich in die Stadt chauffierte, fragte er einen Polizisten nach dem Weg, und der mahnte ihn, gut auf mich aufzupassen. <\/p>\n<p>Und ja, auf nicht asphaltierten Stra\u00dfen wird h\u00e4ufig Fu\u00dfball gespielt \u2013 und, wenn ein Auto kommt, Platz gemacht. Mopeds schl\u00e4ngeln sich gew\u00f6hnlich durch, einmal wurde mir dabei der Hut vom Kopf gekickt. Kein Problem gegen\u00fcber dem Schild an einem Ottobrunner Kinderspielplatz: \u201eBallspielen verboten\u201c.<\/p>\n<p>Spiegelt das wirklich die Mentalit\u00e4t eines 80-Millionen-Volkes? Und ja, in Mali kommt man im Bus, im Wartesaal, auf dem Amt oder bei zuf\u00e4lligem Nebeneinandergehen ins Gespr\u00e4ch. Selbst, wenn man nicht gleich Freundschaft schlie\u00dft, stellt man meist fest, dass man jemanden kennt, der einen kennt, den man auch kennt. Es wird zugeh\u00f6rt und Interessantes berichtet. Wie menschlich reich w\u00e4re Deutschland, wenn es auch so mit Zuwanderern umginge!<\/p>\n<p>All das sind zwar \u00c4u\u00dferlichkeiten. Aber die sich in ihnen ausdr\u00fcckende Haltung der Menschen ist es, die besagte Aura erzeugt. Wer sich einzulassen bereit ist, kann sie annehmen und eine Erfahrung machen, die seine Lebensqualit\u00e4t bereichert.<\/p>\n<p>Drittens: Reife Mangos statt neuer Laptops<\/p>\n<p>Mein Schreibpult ist an der Aussichtsplattform auf dem Dach meines Hauses befestigt. Mitten im Satz von Besuch unterbrochen, eile ich hinunter. W\u00e4hrend ich den Gast begr\u00fc\u00dfe, h\u00f6re ich ein Krachen: Ein Windsto\u00df hat den Rechner vom Pult geweht und drei Stockwerke tiefer auf dem Klinkerboden zerschellen lassen. Zu reparieren gibt es nichts, einen neuen kann ich mir im Moment nicht leisten. <\/p>\n<p>Katastrophe?<\/p>\n<p>Nein. Erg\u00e4nzt um eine externe Tastatur, schreibe ich diesen Text direkt in mein Telefon. Brauche ich wirklich zwei Ger\u00e4te, die sich nur in der Gr\u00f6\u00dfe unterscheiden? Ist es nicht nur viel teurer, sondern auch viel aufwendiger, st\u00e4ndig doppelt aufzuladen, zu synchronisieren, Zeit mit Updates zu verlieren und sich mit der verschiedenen Ausf\u00fchrungsweise der Programme herumzuschlagen? <\/p>\n<p>Ich kann gut leben ohne Laptop, verzichte nicht darauf, sondern f\u00fchle mich befreit von Aufwand, der mir nur Lebenszeit raubt. <\/p>\n<p>Gilt das nicht genauso f\u00fcr sehr viele Dinge, vor allem Konsumgegenst\u00e4nde, mit denen wir uns begl\u00fccken wollen, die uns aber in Wirklichkeit durch den damit verbundenen Aufwand das Leben schwer machen? Sind Erdbeeren nicht viel schmackhafter, wenn man ein Jahr darauf warten muss, als wenn man sie selbst an Weihnachten futtern kann?<\/p>\n<p>Mir l\u00e4uft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die in K\u00fcrze reifen Mangos denke \u2013 weiche, s\u00fc\u00df triefende Leckerbissen, nach deren Genuss man nie wieder das faserige, knochenharte \u201eMango\u201c-Zeugs bei \u201eAldilidledeka\u201c auch nur ansieht.<\/p>\n<p>Ist diese grenzenlose Beliebigkeit etwa der Grund daf\u00fcr, dass in den Superm\u00e4rkten so viele verzweifelt schlecht gelaunte Menschen mit prallgef\u00fcllten Einkaufswagen herumlaufen? Meckern sie dauernd, weil sie vom \u00dcberangebot \u00fcberfordert sind? K\u00f6nnen sie ihr Leben nicht genie\u00dfen, weil ihnen Besorgung, Behandlung und Verbrauch all der \u00fcberfl\u00fcssigen Dinge dazu keinen Raum l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Wenn es mal eine Zeitlang keine Eier, kein Benzin oder keine Zitronen gibt: Lernt man nicht dadurch den Wert der Dinge wieder zu sch\u00e4tzen? Erzeugt etwa weniger \u00dcberfluss mehr Lebensfreude? Halten falsche Bed\u00fcrfnisse vom richtigen Leben ab? Es ist diese Haltung, die das Leben hier so lebenswert macht. <\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir die malische Regierung bitten, uns Entwicklungshilfe zu leisten. Um richtiges Sozialverhalten zu lernen: Wie man richtig kommuniziert, wie man in Krisen den Kopf oben und gute Laune beh\u00e4lt \u2013 anstatt darunter zu leiden, dass man eigentlich alles hat und einem doch nichts mehr schmeckt.<\/p>\n<p>Christof Wackernagel, 1951 in Ulm geboren, ist Schauspieler und Schriftsteller. Der ehemalige Terrorist der Roten Armee Fraktion wurde 1980 zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, von denen er zehn Jahre in Einzelhaft verb\u00fc\u00dfte. Schon 1983 distanzierte sich Wackernagel von der RAF, seitdem setzt er sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit und den ideologischen Verblendung seiner Generation auseinander. Seit 2003 lebt Wackernagel mit Unterbrechungen in Mali. Als islamistische Milizen 2013 den Norden des Landes besetzten, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article113370197\/Unterwegs-mit-einem-der-den-Terror-kennt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article113370197\/Unterwegs-mit-einem-der-den-Terror-kennt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">warb er f\u00fcr Eingreifen der Bundeswehr<\/a> in Mali.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum lebt ein Deutscher freiwillig in einem verdreckten Armenhaus, das von Krisen heimgesucht wird? 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