{"id":3380,"date":"2026-04-19T15:23:52","date_gmt":"2026-04-19T15:23:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/3380\/"},"modified":"2026-04-19T15:23:52","modified_gmt":"2026-04-19T15:23:52","slug":"afrika-die-oelriesen-verlassen-das-nigerdelta-flucht-vor-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/3380\/","title":{"rendered":"Afrika: Die \u00d6lriesen verlassen das Nigerdelta: Flucht vor Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber 60 Jahre lang haben die Fossil-Giganten im Nigerdelta mit verheerender Gr\u00fcndlichkeit das schwarze Gold aus der Erde geholt. Jetzt ziehen sie sich zur\u00fcck \u2013 so abrupt wie ein Verbrechersyndikat, das den Tatort verl\u00e4sst, um andernorts von Neuem zu beginnen. Was sie zur\u00fccklassen? Eine zerst\u00f6rte Umwelt, verseucht von \u00d6l und Chemikalien. Millionen Einheimische, besonders die Landbev\u00f6lkerung, sollen nun alleine mit den Folgen klarkommen.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckzugsbewegung begann unbemerkt schon 2010, erreichte im Oktober 2024 jedoch ihren H\u00f6hepunkt: Die vier internationalen \u00d6lkonzerne TotalEnergies, Eni, Equinor und ExxonMobil erhielten die Genehmigung, ihre \u00d6lf\u00f6rderlizenzen an die nigerianischen Unternehmen Chappal Energies, Oando und Seplat zu verkaufen. An den abgesto\u00dfenen Onshore-Beteiligungen h\u00e4ngen risikoreiche \u00d6lquellen und Pipelines. Dennoch verlagern die Konzerne ihre Aktivit\u00e4ten auf Tiefwasserfelder im Golf von Guinea, wo 13 der 37 Milliarden Barrel nachgewiesener \u00d6lreserven Nigerias lagern.<\/p>\n<p>Mit diesem Schritt wollen sich die Konzerne der millionenschweren Haftung f\u00fcr die angerichteten Umwelt- und Gesundheitssch\u00e4den sowie f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen entziehen.<\/p>\n<p>Dass die \u00d6lgiganten ihre Anlagen jetzt absto\u00dfen, ist in den Augen der \u00f6lreichen Gemeinden im Nigerdelta mehr als nur ein Gesch\u00e4ft. Vielmehr verbirgt sich dahinter ein Kalk\u00fcl: Mit diesem Schritt wollen sich die Konzerne der millionenschweren Haftung f\u00fcr die angerichteten Umwelt- und Gesundheitssch\u00e4den sowie f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen entziehen. Denn wenn die \u00d6lkonzerne jetzt ihre Anlagen verkaufen, erfolgt dies ohne eine gr\u00fcndliche Unbedenklichkeitspr\u00fcfung und ohne klare Vorgaben seitens der Aufsichtsbeh\u00f6rden, die sicherstellen w\u00fcrden, dass die hinterlassenen Umweltsch\u00e4den vollst\u00e4ndig beseitigt werden, bevor der Besitzerwechsel genehmigt wird. Auch die K\u00e4ufer wurden nicht verpflichtet, alle finanziellen Verbindlichkeiten zu \u00fcbernehmen oder die Sch\u00e4den zu beheben, die durch die Aktivit\u00e4ten der Verk\u00e4ufer in der Region entstanden sind. Es fehlt an einem umfassenden Plan zur Beseitigung der Altverschmutzungen und zur Sanierung, die auch den staatlichen Vorgaben zum Wohl der betroffenen Bev\u00f6lkerung gerecht w\u00fcrde. In diesem Zusammenhang spielt Artikel 235 des Petroleum Industry Act (PIA) eine entscheidende Rolle: Er schreibt vor, dass \u00d6lgesellschaften einen Treuhandfonds f\u00fcr die Entwicklung der betroffenen Gemeinden einrichten m\u00fcssen (einen\u00a0Host Community Development Trust Fund). Bei bestehenden F\u00f6rdergenehmigungen und bereits in Betrieb befindlichen Produktionsanlagen muss das innerhalb von zw\u00f6lf Monaten nach Wirksamwerden geschehen, bei Neukonzessionierungen vor Aufnahme des kommerziellen Betriebs. Ohne eine konsequente Umsetzung dieser Regelungen und ohne die n\u00f6tige Kontrolle durch die Beh\u00f6rden bleiben die betroffenen Gemeinden auf den Sch\u00e4den sitzen \u2013 der Verantwortungslosigkeit der Konzerne ausgesetzt.<\/p>\n<p>Sorgen bereitet den Kommunen auch, dass viele der nigerianischen Unternehmen, welche die Produktionsanlagen kaufen, Neugr\u00fcndungen sind und keine einschl\u00e4gige Erfahrung mitbringen. Entsprechend gro\u00df sind die Zweifel, ob sie in der Lage sein werden, mit den hinterlassenen Altlasten und den Verpflichtungen fertigzuwerden. Zudem wurde inzwischen <a href=\"https:\/\/www.mondaq.com\/nigeria\/oil-gas-electricity\/1401294\/divestment-in-the-nigerian-oil-and-gas-industry-the-good-and-the-bad\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">bekannt<\/a>, dass bei einigen Lizenzen, die von den internationalen Konzernen an einheimische Akteure abgesto\u00dfen wurden, hochgradig risikobehaftete Anlagen im Spiel sind, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben und dringend stillgelegt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Nigerdelta war nicht immer ein Magnet f\u00fcr \u00d6lkonzerne. Einst war die Region gepr\u00e4gt von dichten Mangrovenw\u00e4ldern, sauberen S\u00fc\u00dfwasserquellen und einer reichen Artenvielfalt. Doch noch als \u00fcber Nigeria der britische Union Jack wehte, begann der Wandel: Shell d\u2019Arcy \u2013 der sp\u00e4tere Shell-Konzern \u2013 entdeckte in <a href=\"https:\/\/guardian.ng\/news\/oloibiri-oil-well-dispute-court-rules-in-favour-of-otuabagi-community\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Otuabagi<\/a>, im damaligen Distrikt Oloibiri, kommerziell interessante Roh\u00f6lvorkommen. Mit dieser <a href=\"https:\/\/www.shell.com.ng\/about-us\/shell-nigeria-history.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Entdeckung<\/a> wurde das westafrikanische Land zu einem Erd\u00f6lstaat. Wie Bienen auf den Honig st\u00fcrzten sich Politiker und Armeegener\u00e4le auf die wachsenden Reicht\u00fcmer der Staatskasse. In der Folge avancierte der \u00d6lriese Shell zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe in der Geschichte der Kaperung des Staates.<\/p>\n<p>Noch heute gelangen im Nigerdelta jedes Jahr bei 300 \u00d6laustritten insgesamt 240 000 Barrel in die Umwelt.<\/p>\n<p>Doch der Preis f\u00fcr den Reichtum war hoch: Seit Beginn der kommerziellen \u00d6lf\u00f6rderung im Jahr 1958 sind sch\u00e4tzungsweise 13 Millionen Barrel Roh\u00f6l in die Umwelt gelangt. Die Anbaufl\u00e4chen wurden verseucht, das Grundwasser kontaminiert und die Gew\u00e4sser verschmutzt, wodurch Millionen von Landwirten und Fischern ihre Existenzgrundlage verloren. Heute z\u00e4hlt das Nigerdelta zu den am st\u00e4rksten verschmutzten Regionen der Erde. Noch heute gelangen im Nigerdelta jedes Jahr bei 300 \u00d6laustritten insgesamt 240 000 Barrel in die Umwelt. Die Bev\u00f6lkerung ist permanent hochgiftigen Chemikalien ausgesetzt, sei es durch \u00d6l im Boden oder das Abfackeln von Gas. Dies hat gravierende Folgen: Die Lebenserwartung im Nigerdelta liegt mindestens zehn Jahre unter dem landesweiten Durchschnitt. Viele Kinder sterben, bevor sie f\u00fcnf Jahre alt werden, und nur wenige Menschen erreichen ein Alter, das ihnen graue Haare beschert.<\/p>\n<p>Diese katastrophale Situation besteht seit Jahrzehnten \u2013 und wurde von den \u00d6lkonzernen immer weiter ignoriert oder aktiv verschleiert. Als 1994 neun Aktivisten aus dem Volk der Ogoni, darunter Ken Saro-Wiwa, <a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/latest\/press-release\/2017\/06\/shell-complicit-arbitrary-executions-ogoni-nine-writ-dutch-court\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">hingerichtet<\/a> wurden, weil sie gegen die von Shell verursachte Umweltzerst\u00f6rung protestiert hatten, wurde weltweit offensichtlich, dass an den H\u00e4nden des \u00d6lgiganten Blut klebte. Doch auch drei Jahrzehnte nach diesen blutigen Ereignissen setzen gro\u00dfe \u00d6lkonzerne weiterhin auf Korruption und Gewalt, um ihre Interessen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Dies wird auch am geplanten Verkaufsprozess von Royal Dutch Shell deutlich: Wie bereits TotalEnergies, Eni, Equinor und ExxonMobil beabsichtigt der englisch-niederl\u00e4ndische Fossilbrennstoff-Gigant, sich schrittweise aus dem Nigerdelta zur\u00fcckzuziehen. Shell plant, \u00d6lf\u00f6rderlizenzen f\u00fcr gesch\u00e4tzte 6,73 Milliarden Barrel \u00d6l sowie Gasvorkommen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar an das Unternehmen Renaissance Africa Energy zu verkaufen. Shell war die Nummer 1 in der nigerianischen \u00d6lindustrie, darf sich aber erst als Letzter vom Tatort davonstehlen. Nachdem das zust\u00e4ndige Ministerium den geplanten Verkauf seiner Anlagen im Dezember 2024 bereits <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/nigerias-oil-minister-approves-shells-24-billion-asset-sale-renaissance-2024-12-18\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">abgenickt<\/a> hatte, z\u00f6gerten die Aufsichtsbeh\u00f6rden mit der Umsetzung, nachdem \u00d6lf\u00f6rdergemeinden und Aktivisten <a href=\"https:\/\/dailytrust.com\/shell-divestment-plan-sparks-protests-in-bayelsa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">protestiert<\/a> hatten.<\/p>\n<p>Der Verkauf w\u00fcrde die beinahe 100-j\u00e4hrige Dominanz von Shell in Nigerias Energiewirtschaft beenden. Dass es dazu bislang nicht kam, hat mehrere Gr\u00fcnde. Erstens ist die Zentralregierung bei dieser Entscheidung in zwei gleich gro\u00dfe Lager gespalten. Anfang Februar hat das nigerianische Repr\u00e4sentantenhaus den Verkauf so lange auf Eis gelegt, bis die internationalen \u00d6lkonzerne ihren \u00f6kologischen und sozialen Verpflichtungen nachgekommen sind. Pr\u00e4sident Bola Ahmed Tinubu, selbst aus der \u00d6lbranche stammend, steht jedoch hinter den <a href=\"https:\/\/punchng.com\/nigeria-pushing-for-closure-on-divestment-issues-tinubu-tells-exxonmobil-boss\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Deals<\/a>. Das d\u00fcrfte kein Zufall sein, geh\u00f6rt doch Tinubus Neffen das nigerianische \u00d6l- und Gasunternehmen Oando. Die dreisten Machenschaften rund um den Shell-Verkaufsprozess, in denen sich Pr\u00e4sident Tinubu als De-facto-\u00d6lminister gegen zahlreiche Oppositionelle stellte, bezeugen die anhaltende Macht der \u00d6lgiganten \u00fcber den nigerianischen Staat und die Gesellschaft. Weder der Pr\u00e4sident noch Shell wollen Verantwortung f\u00fcr die verursachten Umwelt- und Gesundheitssch\u00e4den \u00fcbernehmen. Die betroffene Landbev\u00f6lkerung des Nigerdeltas, deren Lebensgrundlage zerst\u00f6rt wurde, hat l\u00e4ngst erkannt, dass in Nigeria nichts gegen die prek\u00e4re Lage unternommen wird. Deshalb suchen sie Gerechtigkeit immer h\u00e4ufiger vor ausl\u00e4ndischen Gerichten, wie derzeit Tausende aus Ogale und Bille, die Shell in Gro\u00dfbritannien wegen jahrzehntelanger \u00d6lverseuchung <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/nigerian-communities-take-shell-to-court-over-oil-spills\/a-71633878\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">verklagen<\/a>. Der Prozess begann am 13. Februar und endete am 10. M\u00e4rz.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die aktuelle Verkaufswelle unter den internationalen Konzernen eine weitere Etappe in der fortschreitenden Dynamik der nigerianischen Ressourcenfalle. \u00d6lgiganten wie TotalEnergies, Eni und Equinor verkaufen ihre Anlagen im Nigerdelta, um sich der Haftung f\u00fcr Umwelt- und Gesundheitssch\u00e4den sowie f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen der Ans\u00e4ssigen zu entziehen. Von rabiater Profitgier und gnadenlosem Extraktivismus getrieben, sind bei den Konzernen sowohl Einsicht als auch Anstand vollkommen auf der Strecke geblieben. Dass der nigerianische Staat nicht imstande ist, im Sinne des nationalen Eigeninteresses zu handeln, unterstreicht eindrucksvoll die Macht des Neokolonialismus. Auch Jahrzehnte nach der Entdeckung des schwarzen Goldes geht Afrikas gr\u00f6\u00dfter Roh\u00f6lproduzent immer wieder vor ihm in die Knie.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcber 60 Jahre lang haben die Fossil-Giganten im Nigerdelta mit verheerender Gr\u00fcndlichkeit das schwarze Gold aus der Erde&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3381,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[243],"tags":[29,335,2329,366,2328,77,1101,2330],"class_list":{"0":"post-3380","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-niger","8":"tag-afrika","9":"tag-gesundheit","10":"tag-multinationale-unternehmen","11":"tag-niger","12":"tag-niger-delta","13":"tag-nigeria","14":"tag-oel","15":"tag-umweltverschmutzung"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3380"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3380\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3381"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}