{"id":3814,"date":"2026-04-19T21:19:28","date_gmt":"2026-04-19T21:19:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/3814\/"},"modified":"2026-04-19T21:19:28","modified_gmt":"2026-04-19T21:19:28","slug":"sudan-drei-jahre-vergessener-krieg-und-die-angst-dass-das-land-endgueltig-zerfaellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/3814\/","title":{"rendered":"Sudan: Drei Jahre vergessener Krieg und die Angst, dass das Land endg\u00fcltig zerf\u00e4llt"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Fu\u00dfboden verbirgt sich unter einem halben Meter Geschichte. Berge von Papier, zerborstene M\u00f6bel, verblichene Fotos \u2013 alles liegt \u00fcbereinander, als h\u00e4tte jemand das Ged\u00e4chtnis dieses Hauses aus den Regalen gerissen. Ein schwerer Safe ist aufgebrochen. Jeder Schritt knirscht. <\/p>\n<p>\u201eGeh bitte ein St\u00fcck weiter nach links\u201c, sagt Makis Pagoulatos, ein ergrauter Mann mit melancholischem L\u00e4cheln, \u00fcber den Videoanruf aus Griechenland. \u201eDort neben dem Stromkasten hingen zwei gerahmte Portr\u00e4ts meiner Eltern, an denen ich sehr h\u00e4nge.\u201c Aus der Wand ragen nur noch zwei N\u00e4gel.<\/p>\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiger Rundgang. Einer steht in Khartum inmitten des zertr\u00fcmmerten Lebens des anderen, der vor 70 Jahren hier geboren wurde und nun tausende Kilometer entfernt in Athen sitzt. <\/p>\n<p>Das Hotel \u201eAcropole\u201c war nicht wegen seines eher schlichten Ambientes ber\u00fchmt, sondern wegen der Familie Pagoulatos. Ohne ihr Netzwerk w\u00e4re weniger \u00fcber dieses widerspr\u00fcchliche Land an der Schnittstelle zwischen arabischer und afrikanischer Welt bekannt \u2013 \u00fcber die Herzlichkeit der Menschen, seine jahrtausendealte Geschichte und die Gewalt, die den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/sudan\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/sudan\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Sudan<\/a> seit jeher ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>1952 wurde das \u201eAcropole\u201c von Makis\u2019 Vater gegr\u00fcndet, einem griechischen Einwanderer aus einfachen Verh\u00e4ltnissen. Sp\u00e4ter \u00fcbernahmen seine drei S\u00f6hne. Von hier aus organisierten Hilfsorganisationen Lebensmittellieferungen, Arch\u00e4ologen Genehmigungen, Besucher Reisen und Generationen von Journalisten Kontakte. <\/p>\n<p>Als die wegen ihrer NS-N\u00e4he zeitlebens umstrittene deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl um das Jahr 2000 in den Nuba-Bergen verungl\u00fcckte, organisierte Makis\u2019 Bruder George ein Flugzeug. Die verletzte Riefenstahl, damals weit \u00fcber 90 Jahre alt, \u00fcberstand den Unfall.<\/p>\n<p>\u201eWir haben immer gerne geholfen. So machen das alle im Sudan, sonst h\u00e4tten sie die vielen Krisen nicht \u00fcberlebt\u201c, sagt Makis. \u201eDas war unser Leben.\u201c Noch heute kleben an den zersplitterten Glasscheiben des B\u00fcros Aufkleber von BBC und Arte, dem Roten Kreuz, Save the Children und vielen mehr. Es war Tradition, sich an diesem Ort zu verewigen, von dem viele annahmen, er w\u00fcrde ewig bestehen.<\/p>\n<p>Doch der Krieg, der vor drei Jahren, am 15. April 2023, begann, zerst\u00f6rte diese Gewissheit. Er traf das Land im Zentrum. Wohnviertel, Beh\u00f6rden und M\u00e4rkte verwandelten sich in Kampfzonen. Die Miliz der Rapid Support Forces (RSF) \u00fcbernahm die Kontrolle \u00fcber die Stadt. Und besetzte das Hotel.<\/p>\n<p>Heute ist Khartum wieder in der Hand der Armee. Sie bietet Geleitschutz zum Hotel und zu fast allen Interviews im Sudan, in dem eine g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngige Recherche aktuell kaum m\u00f6glich ist. <\/p>\n<p>H\u00e4user und Stra\u00dfen sind verlassen, direkt vor dem Eingang des \u201eAcropole\u201c seien zwei Leichen verscharrt, erz\u00e4hlt ein Soldat. Es gibt weder Strom noch Wasser. Kein Geb\u00e4ude, das von Einschussl\u00f6chern oder Raketeneinschl\u00e4gen verschont blieb.<\/p>\n<p>Der Krieg im Sudan hat sich zu einer der weltweit <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article690247da6745059776a28597\/sudan-menschliches-schlachthaus-die-stille-duldung-der-graeuel-von-al-faschir.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article690247da6745059776a28597\/sudan-menschliches-schlachthaus-die-stille-duldung-der-graeuel-von-al-faschir.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">gr\u00f6\u00dften humanit\u00e4ren Krisen<\/a> entwickelt. Zehntausende starben. Mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ist auf Nothilfe angewiesen, die international stark unterfinanziert ist. Rund vier Millionen Menschen sind im Laufe des Krieges aus dem Gro\u00dfraum Khartum geflohen. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6942c79db83be38bded69822\/sudan-die-gelungene-flucht-der-universitaet-und-der-fussballclubs.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6942c79db83be38bded69822\/sudan-die-gelungene-flucht-der-universitaet-und-der-fussballclubs.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Insgesamt wurden elf Millionen vertrieben, vier Millionen in Nachbarl\u00e4nder<\/a>. <\/p>\n<p>Auch die Ank\u00fcnfte in Europa steigen, wenn auch auf weiterhin eher niedrigem Niveau. Im Jahr 2025 waren es 14.208 Fl\u00fcchtlinge \u2013 ein Anstieg von mehr als 200 Prozent im Vergleich zu 2024. Gener\u00e4le der Armee dr\u00e4ngen auf die R\u00fcckkehr der Menschen, lassen ihre eigenen Familien aber lieber im Ausland, meist in \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Auch Hilfsorganisationen sollen zur\u00fcckkehren, zumindest nach offiziellen Angaben. Doch da viele f\u00fcrchten, dass dieser Konflikt mittelfristig auch wieder Khartum betrifft, lassen sie Vorsicht walten. Hinter vorgehaltener Hand sagt eine Mitarbeiterin, man werde dort wahrscheinlich eine kleine Zweigstelle er\u00f6ffnen, die meisten Angestellten aber am sicheren K\u00fcstenort Port Sudan lassen. <\/p>\n<p>De facto ist das Land auf unabsehbare Zeit geteilt: Die RSF kontrolliert Darfur im Westen, die Armee den Osten und Teile des Zentrums. Dort bek\u00e4mpfen sich die beiden Kriegsparteien weiter \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Zivilisten. Daran wird auch die Sudan-Konferenz wenig \u00e4ndern, die am Mittwoch in Berlin stattfindet, wenn sich der Ausbruch dieses oft vergessenen Krieges zum dritten Mal j\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Ausl\u00e4ndische M\u00e4chte mischen im Sudan mit<\/p>\n<p>Zu viele \u00e4u\u00dfere Akteure nehmen Einfluss auf beide Kriegsparteien. Die RSF erh\u00e4lt Unterst\u00fctzung aus den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/vereinigte-arabische-emirate\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/vereinigte-arabische-emirate\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE)<\/a> und in geringerem Ma\u00dfe aus \u00c4thiopien, die Armee aus \u00c4gypten sowie durch Waffenlieferungen aus dem Iran. Zudem haben sowohl RSF als auch die Armee ihre Einnahmen aus der Goldproduktion stark erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Sudans Armee, die de-facto-Regierung des Landes, hat Deutschland offiziell aufgefordert, die Konferenz abzusagen. Sie war, wie auch die RSF, nicht eingeladen worden. In einem dem Ausw\u00e4rtigen Amt \u00fcbergebenen Memorandum kritisierte Sudans Botschafterin, man werde einer \u201eTerrormiliz\u201c (also der RSF) gleichgestellt. Der Ausschluss der Regierung sei eine \u201eVerletzung der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c. <\/p>\n<p>Eine Absage ist unwahrscheinlich, gab es vor einer Konferenz in Paris vor einem Jahr doch bereits \u00e4hnliche T\u00f6ne. Allerdings droht man dieses Mal, die Beziehungen zu den Geberl\u00e4ndern zu \u201e\u00fcberdenken\u201c. Das d\u00fcrfte die humanit\u00e4ren Hilfsleistungen weiter erschweren. Verhandlungen mit der RSF lehnt die Regierung kategorisch ab.<\/p>\n<p>Abgesehen von den USA, die auf die Emirate einwirken k\u00f6nnen, ist der politische Einfluss des Westens begrenzt. In Berlin werden Politiker relevanter L\u00e4nder sowie Vertreter der UN und der sudanesischen Zivilgesellschaft erwartet. \u201eDie Konferenz ist keine Friedenskonferenz\u201c, sagt Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. \u201eNiemand sollte seine Erwartungen zu hoch schrauben.\u201c<\/p>\n<p>Selbst eine dringend notwendige humanit\u00e4re Waffenruhe sei derzeit kaum in Sicht, so der Experte. \u201eEs w\u00e4re bereits ein Fortschritt, wenn sich die sudanesischen Vertreter auf eine Erkl\u00e4rung zur Deeskalation des Konflikts einigen k\u00f6nnten.\u201c Ein solches Communiqu\u00e9 gilt nach einem Vorbereitungstreffen in Addis Abeba als wahrscheinlich, sagt Kurtz.<\/p>\n<p>Gleichzeitig biete die Konferenz die Chance auf einen Perspektivwechsel, so der Experte: \u201eWeg von den Kriegsparteien, hin zu denen, die bereits heute an gesellschaftlichem und politischem Frieden arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4tabends in einer Wohnung in Khartums Nachbarstadt Omdurman sitzt ein hagerer Mann, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Der 35-J\u00e4hrige geh\u00f6rte zu den Zehntausenden, die mit ihren Demonstrationen im Jahr 2019 den Sturz des islamistischen Diktators Omar al-Baschir und kurzzeitige Lockerungen der Scharia erzwangen. <\/p>\n<p>Er geriet unter Beschuss, riskierte sein Leben und scheiterte doch an seinem Traum, seine Heimat \u2013 damals noch gemeinsam von RSF und Armee kontrolliert \u2013 in eine Demokratie zu verwandeln. <\/p>\n<p>Aktivisten haben weiter Hoffnung auf Demokratie<\/p>\n<p>Der Aktivist Omer Mustafa, dessen Name WELT wegen Sicherheitsbedenken \u00e4nderte, bleibt dennoch optimistisch. Es gebe weiterhin Treffen von Aktivisten, oft im Rahmen der Emergency Response Rooms (ERR), einem landesweiten Netzwerk von Freiwilligen, das entscheidende humanit\u00e4re Hilfe leistet. Ihr Einsatz brachte ihnen im vergangenen Jahr den \u201eRight Livelihood Award\u201c sowie eine Nominierung f\u00fcr den Friedensnobelpreis ein. <\/p>\n<p>Viele der einstigen Demonstranten seien heute in den ERRs aktiv, sagt Mustafa. Die Demokratie sei zwar weit entfernt. \u201eAber wir machen weiter.\u201c Im Dezember geh\u00f6rte er zu rund 100 Aktivisten, die eine pro-demokratische Demonstration organisierten. Sie war von der Armee genehmigt worden, in der Islamisten aus dem Umfeld al-Baschirs an Einfluss gewinnen.<\/p>\n<p>Armeechef Abdel Fattah al-Burhan, de facto Sudans Staatsoberhaupt, z\u00e4hlt aus seiner Sicht nicht dazu. \u201eIch kenne ihn, er ist keiner von ihnen\u201c, sagt Mustafa. Die Islamisten kontrollierten wichtige Teile der Geheimdienste und versuchten, Burhan zu schw\u00e4chen, sagt er.<\/p>\n<p>Teile der Armee s\u00e4hen in den Pro-Demokratie-Aktivisten ein Gegengewicht zu diesen Kr\u00e4ften \u2013 eine Aussage, die \u00fcberrascht. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch meldete zuletzt, die Armee habe Aktivisten get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Beide Kriegsparteien haben in den vergangenen drei Jahren Kriegsverbrechen begangen. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article691486e00407e2fef73ca4c2\/sudan-dann-umarmt-die-reporterin-eine-kommandeurin-die-zu-vergewaltigungen-aufruft.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article691486e00407e2fef73ca4c2\/sudan-dann-umarmt-die-reporterin-eine-kommandeurin-die-zu-vergewaltigungen-aufruft.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Doch die Massaker der RSF ragen heraus<\/a>. Davon berichten Menschen in den zahlreichen Lagern f\u00fcr Binnenvertriebene ebenso wie Bewohner der Gro\u00dfst\u00e4dte. Fast jeder, der w\u00e4hrend der RSF-Besetzung festsa\u00df, hat Pl\u00fcnderungen und Morde gesehen.<\/p>\n<p>Tausende Blindg\u00e4nger in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen<\/p>\n<p>Die RSF-Truppen sind inzwischen Hunderte Kilometer von der Hauptstadt entfernt, doch ihre Spuren bleiben. Unz\u00e4hlige Sprengk\u00f6rper, die nicht z\u00fcndeten, liegen noch immer in Khartum: Landminen, Granaten, Raketen. Mehr als 4000 Minen und \u00fcber 120.000 Blindg\u00e4nger wurden bislang identifiziert. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte deutlich h\u00f6her sein. Immer wieder kommt es zu Unf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Im Al-Mogran-Familienpark, nahe dem Zusammenfluss von Blauem und Wei\u00dfem Nil, versuchen Minenr\u00e4umer, das zugewachsene Gel\u00e4nde zu sichern. Die Arbeit ist langsam und gef\u00e4hrlich. Teams tasten sich Meter f\u00fcr Meter voran. <\/p>\n<p>Viele der M\u00e4nner haben Erfahrung aus Regionen wie Darfur oder S\u00fcdkordofan, in denen diese Gefahr, anders als in Khartum, seit Jahrzehnten lauert. \u201eDie Menschen hier haben nie gelernt, mit solchen Risiken umzugehen\u201c, sagt ein Teamleiter. <\/p>\n<p>Kleine Fortschritte gelingen. Ein H\u00e4ndler f\u00fcr Baumaterialien hat wieder ge\u00f6ffnet, einige frisch importierte chinesische Autos fahren auf den Stra\u00dfen. Ein Investor aus Jordanien ist mit einem der ersten Inlandsfl\u00fcge von Port Sudan nach Khartum zur\u00fcckgekehrt und begutachtet die Sch\u00e4den an seiner Fabrik. <\/p>\n<p>\u201eWenn die Menschen glauben, dass sich die Lage stabilisiert, kann der Wiederaufbau schneller gehen als gedacht\u201c, sagt er. \u201eDie Eliten hier haben viel Geld.\u201c Noch aber fehle das Vertrauen.<\/p>\n<p>Unklar bleibt, wie es au\u00dferhalb des Ballungsgebietes weitergeht. Die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse von mehr als 100.000 K\u00e4mpfern auf beiden Seiten gleichen sich. Die Fronten sind so sehr verh\u00e4rtet, dass man sich bisweilen gar untereinander arrangiert. Als die RSF vor einigen Monaten das wichtigste sudanesische \u00d6lfeld Heglig eroberte, vereinbarte sie mit dem Gegner, die Einnahmen zu teilen. <\/p>\n<p>Ahmed Abdelrahman, 26, ist Buchhalter und geh\u00f6rt zum arabisch gepr\u00e4gten Messiria-Stamm, aus dem die RSF viele K\u00e4mpfer rekrutiert. Der Konflikt hat l\u00e4ngst eine ethnische Dimension angenommen. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus690e01d60a7608566ac5651f\/massaker-in-darfur-jetzt-haben-die-usa-die-wichtigste-lehre-aus-dem-krieg-im-sudan-gezogen.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus690e01d60a7608566ac5651f\/massaker-in-darfur-jetzt-haben-die-usa-die-wichtigste-lehre-aus-dem-krieg-im-sudan-gezogen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Die RSF hat in Darfur schwere Verbrechen<\/a> gegen nicht-arabische Volksgruppen begangen.<\/p>\n<p>Abdelrahman selbst k\u00e4mpfte zeitweise als Freiwilliger f\u00fcr die Armee und wurde verletzt. Seine Familie ist gespalten: Einige Angeh\u00f6rige k\u00e4mpfen mit ihm f\u00fcr die Armee, andere dagegen f\u00fcr die RSF in Darfur. Dort musste er der Beerdigung seiner Gro\u00dfmutter vor einigen Monaten fernbleiben. Stattdessen drohte ihm ein Cousin am Telefon: \u201eWir werden dich t\u00f6ten, wenn wir nach Khartum zur\u00fcckkommen.\u201c<\/p>\n<p>Trotz allem h\u00e4lt auch er an der Idee einer besseren Zukunft fest. \u201eDie Menschen haben ihre Stimme nicht verloren\u201c, sagt er. Immer wieder komme es zu kleineren Protesten \u2013 von Besch\u00e4ftigten, die ihre L\u00f6hne einfordern, oder von Gruppen, die gegen steigende Preise demonstrieren. Die W\u00e4hrung hat stark an Wert verloren, Lebensmittel und Treibstoff sind deutlich teurer geworden.<\/p>\n<p>Es bleibt nur ein Paket mit Erinnerungen<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Makis\u2019 Familienrelikten im \u201eAcropole\u201c tauchen inmitten der Zerst\u00f6rung weitere Bilder der Familie Pagoulatos auf: Weihnachten, die einst makellose Fassade, die Mutter beim Dekorieren des Hotels. Makis und sein Bruder George, der kurz vor Kriegsbeginn starb.<\/p>\n<p>Und dann Makis allein \u2013 dieser unerm\u00fcdliche Vermittler im Geflecht sudanesischer B\u00fcrokratie \u2013, wie er entschlossen blickend in diesem Raum sitzt, vor den einst s\u00e4uberlich gestapelten Papieren, die nun verstreut am Boden liegen. Seine Stimme stockt, als ein 1993 abgelaufener Pass seiner Mutter auftaucht. \u201eDas musst du dir anschauen\u201c, ruft er zu seiner Frau, die kurz darauf auf dem Handy-Bildschirm neben ihm erscheint. \u201eVon 1993.\u201c <\/p>\n<p>Eigentlich wollten die Br\u00fcder das Hotel an ihre Angestellten \u00fcbergeben. F\u00fcr eine Wiederer\u00f6ffnung fehlen aber Geld und G\u00e4ste. Traurig sei er, sagt Makis. Tief traurig. Es scheint wie sein Abschied aus der Ferne. <\/p>\n<p>Am Ende bleiben etwa 30 Fotos, formell noch g\u00fcltige amtliche Dokumente, eine auf Holz gemalte Maria-Ikone. 1,1 Kilogramm wird das Paket nach Griechenland am Ende wiegen. Die gro\u00dfen Portr\u00e4tfotos der Eltern bleiben verschwunden, wie Makis bef\u00fcrchtete. \u201eIch m\u00f6chte dir trotzdem danken\u201c, sagt er. \u201eErinnerungen sind zu uns zur\u00fcckgekehrt.\u201c<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/christian-putsch\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Christian Putsch<\/a> ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Fu\u00dfboden verbirgt sich unter einem halben Meter Geschichte. 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