{"id":4235,"date":"2026-04-20T03:09:02","date_gmt":"2026-04-20T03:09:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4235\/"},"modified":"2026-04-20T03:09:02","modified_gmt":"2026-04-20T03:09:02","slug":"zu-besuch-bei-den-19-maertyrerinnen-in-algerien-ein-theologischer-ortswechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4235\/","title":{"rendered":"Zu Besuch bei den 19 M\u00e4rtyrer*innen in Algerien \u2013 ein theologischer Ortswechsel"},"content":{"rendered":"<p>2026 j\u00e4hrt sich die Ermordung der Trappisten von Tibhirine zum 30. Mal. Dennis Halft OP \u00fcber die Dynamik der Kirche in Algerien und einen geplanten Papstbesuch.\u00a0<\/p>\n<p>Die katholische Gemeinde in Algier feierte im Januar das Fest der Taufe des Herrn bereits am Freitag vor dem eigentlichen liturgischen Datum, damit m\u00f6glichst viele Gl\u00e4ubige aus der Erzdi\u00f6zese an ihrem arbeitsfreien Wochenende \u2013 am Freitag und Samstag \u2013 in die Hauptstadt kommen konnten. Die Stimmung war ausgelassen, Kinder spielten neben der Kirche, und die Sonne strahlte an diesem wolkenlosen Wintertag \u00fcber dem Vorort El Biar.<\/p>\n<p>Algerien ist zu 99% muslimisch. Die Zahl der Christ*innen bel\u00e4uft sich auf wenige tausend, die verstreut in dem fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dften Land Afrikas leben. Dennoch w\u00e4chst die Gemeinde im bev\u00f6lkerungsreichen K\u00fcstenstreifen in den Di\u00f6zesen Algier im Zentrum, Oran im Nordwesten und Constantine im Nordosten. Anders als in vielen muslimischen L\u00e4ndern ist es in Algerien nicht gesetzlich verboten, als Muslim*in einen anderen Glauben anzunehmen, auch wenn Konvertit*innen soziale Konsequenzen f\u00fcrchten m\u00fcssen. Einige f\u00fchlen sich deshalb zu einem \u201eDoppelleben\u201c gen\u00f6tigt, wie eine Frau berichtet.<\/p>\n<p>Reise des Papstes nach Algerien erwartet<\/p>\n<p>Unter dem Motto \u201eUnit\u00e9\u201c verbrachten die Gemeindemitglieder, darunter Einheimische, Afrikaner*innen aus subsaharischen L\u00e4ndern und Europ\u00e4er*innen, die in Algerien leben und arbeiten, einen ganzen Tag im Di\u00f6zesanhaus in Algier, um sich in Workshops besser kennen zu lernen, weil sie sich nur selten begegnen. Es wurde Arabisch, Franz\u00f6sisch und Kabylisch, die Sprache der lokalen Berber*innen, gesprochen. Einige Frauen trugen bunte, traditionelle Kleidung mit Kopfschmuck. Der Erzbischof von Algier, der Dominikaner Jean-Paul Kardinal Vesco, kehrte gerade aus Rom zur\u00fcck, wo er am au\u00dferordentlichen Konsistorium von Papst Leo XIV. teilgenommen hatte.<\/p>\n<p>Dem Vernehmen nach plant der Papst in der ersten Jahresh\u00e4lfte eine Afrika-Reise, auf der er auch Algerien besuchen will, um ein Zeichen f\u00fcr Dialog und Vers\u00f6hnung zu setzen.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Als Augustinereremit d\u00fcrfte dem Papst ein Besuch an den Wirkungsst\u00e4tten des hl. Augustinus in dessen Geburtsstadt Thagaste, heute Souq Ahras, und dessen Bischofssitz Hippo Regius, heute Annaba, nahe der tunesischen Grenze besonders gelegen sein. Auch eine Papstmesse in der Marienbasilika Notre-Dame d\u2019Afrique, die \u00fcber der Bucht von Algier thront und von Algerier*innen liebevoll \u201eLalla Meryem\u201c genannt wird, d\u00fcrfte auf dem Programm stehen. Hier ruht unter anderem Kardinal Lavigerie, erster Erzbischof von Algier und Gr\u00fcnder der Ordensgemeinschaften der Wei\u00dfen V\u00e4ter und Wei\u00dfen Schwestern.<\/p>\n<p>Ein Land voller Traumata von Krieg und Gewalt<\/p>\n<p>Als Frankoalgerier lebt der Dominikaner und fr\u00fchere Rechtsanwalt Vesco seit mehr als zwei Jahrzehnten in Algerien, zun\u00e4chst um eine Ordensniederlassung in Tlemcen nahe der Grenze zu Marokko zu gr\u00fcnden, dann als Generalvikar der Di\u00f6zese Oran, schlie\u00dflich als deren Bischof und, seit 2022, als Erzbischof von Algier. Ende 2024, nur wenige Monate vor seinem Tod, nahm Papst Franziskus den Dominikanererzbischof in das Kardinalskollegium auf. Die katholische Kirche lehne jede Art von Spaltung und Proselytenmacherei ab, stellt Vesco im Gespr\u00e4ch klar, w\u00e4hrend er auf einem knallgelben Sofa im Di\u00f6zesanhaus Platz nimmt. Vielmehr bestehe die Aufgabe der Kirche in Algerien darin, mit Muslim*innen nachbarschaftlich zusammenzuleben und einen Beitrag zur Vers\u00f6hnung der algerischen Gesellschaft zu leisten.<\/p>\n<p>Eine solche Vers\u00f6hnung tut not, denn das Land, das 1962 von Frankreich unabh\u00e4ngig wurde, leidet bis heute an einer doppelt klaffenden Wunde: zum einen an den Folgen der rund 130-j\u00e4hrigen franz\u00f6sischen Kolonialherrschaft und eines jahrelangen brutalen Unabh\u00e4ngigkeitskriegs, zum anderen an den schwarzen Jahren der 1990er, als Islamisten und algerische Regierungskr\u00e4fte das Land in einen verheerenden B\u00fcrgerkrieg mit sch\u00e4tzungsweise 150.000 Toten st\u00fcrzten. Auch Imame, die sich gegen die islamistisch motivierte Gewalt stellten, wurden get\u00f6tet. Allm\u00e4hlich beginnen Algerier*innen, ihre Traumata ins Wort zu fassen.<\/p>\n<p>Die diplomatischen Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich sind zerr\u00fcttet und schwer belastet. Auf deutsche Vermittlung hin wurde k\u00fcrzlich der algerisch-franz\u00f6sische Schriftsteller und Friedenspreistr\u00e4ger des Deutschen Buchhandels Boualem Sansal begnadigt und aus algerischer Haft entlassen.<\/p>\n<p>Blutiges Glaubenszeugnis von Ordensfrauen und -m\u00e4nnern<\/p>\n<p>Der algerische B\u00fcrgerkrieg machte auch vor Christ*innen nicht halt. Zwischen 1994 und 1996 wurden insgesamt 19 franz\u00f6sische, spanische und belgische Ordensleute ermordet, die ihre Berufung darin sahen, den Algerier*innen in N\u00e4chstenliebe zu dienen. Die Bekanntesten von ihnen sind die sieben M\u00f6nche des Trappistenklosters von Tibhirine im Atlas-Gebirge s\u00fcdwestlich von Algier, die im Fr\u00fchjahr 1996 von Islamisten entf\u00fchrt und sp\u00e4ter massakriert wurden. Die genauen Hintergr\u00fcnde der Bluttat sind bis heute nicht aufgekl\u00e4rt. Das Schicksal der Trappisten wurde 2010 einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit bekannt durch den preisgekr\u00f6nten Spielfilm \u201eVon Menschen und G\u00f6ttern\u201c des franz\u00f6sischen Regisseurs Xavier Beauvois.<\/p>\n<p>Wenige Monate nach der Ermordung der Trappisten t\u00f6tete eine Bombe den Dominikaner, Islam-Kenner und Bischof von Oran Pierre Claverie, der auf dem H\u00f6hepunkt des B\u00fcrgerkriegs Einsichten formulierte wie: \u201eVon nun an keine Mauern mehr, keine Grenzen mehr, keine Bruchstellen mehr. Es ist n\u00f6tig, dass der Andere existiert, ohne diesen liefern wir uns der Gewalt aus, dem Ausschluss, der Zur\u00fcckweisung.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Auch Claveries muslimischer Freund Mohamed Bouchikhi, der ihn mit seinem Wagen vom Flughafen abholte, kam bei dem Anschlag am 1. August 1996 in Oran ums Leben. An ihr Schicksal erinnert das Theaterst\u00fcck \u201ePierre et Mohamed\u201c von Adrien Candiard, das 2011 auf dem Festival von Avignon uraufgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Das Testament des Christian de Cherg\u00e9<\/p>\n<p>Die ermordeten Ordensleute waren sich der Gefahr f\u00fcr Leib und Leben wohlbewusst. Dennoch entschieden sie sich, auch w\u00e4hrend der B\u00fcrgerkriegsjahre in Algerien zu bleiben und den Menschen beizustehen. Der Prior des Trappistenklosters Notre-Dame de l\u2019Atlas, Christian de Cherg\u00e9, sah seinen Tod kommen und formulierte zum Jahreswechsel 1993\/94 in seinem geistlichen \u201eTestament\u201c:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eWenn es mir eines Tages widerf\u00fchre \u2013 und das k\u00f6nnte heute sein \u2013, Opfer des Terrorismus zu werden, der jetzt anscheinend alle in Algerien lebenden Fremden mitbetreffen will, so m\u00f6chte ich, dass meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Lande HIN-GEGEBEN war. (\u2026) Ich h\u00e4tte gerne, wenn es so weit ist, eine kurze Frist der Hellsichtigkeit, die mir erlauben w\u00fcrde, das Verzeihen Gottes und das meiner Br\u00fcder in der Mitmenschlichkeit zu erbitten, und desgleichen auch, um von ganzem Herzen jenem zu verzeihen, der mich heimsuchen wird.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>2018 wurden die 19 M\u00e4rtyrer*innen Algeriens in der Basilika Notre-Dame de Santa Cruz in Oran im Auftrag von Papst Franziskus seliggesprochen. Die Kirche gedenkt ihrer allj\u00e4hrlich am 8. Mai. Ihre Konterfeis zieren nicht nur die Altarwand der Kirche des Di\u00f6zesanhauses in Algier, sondern sind auch andernorts im Land sichtbar. Das Schicksal dieser M\u00e4rtyrer*innen bewegt Christ*innen und Muslim*innen gleicherma\u00dfen, die gemeinsam das schwarze Jahrzehnt Algeriens durchlebt haben. Das einstige Trappistenkloster von Tibhirine wurde dank des Engagements der Gemeinschaft Chemin Neuf zu einem wichtigen Ort des Gedenkens und der Vers\u00f6hnung, an dem alle Algerier*innen ihre Erinnerung an die Schrecken des B\u00fcrgerkriegs zur Sprache bringen k\u00f6nnen.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Kirche in Algerien als Vorbild f\u00fcr die Weltkirche<\/p>\n<p>Auf die Frage, was die katholische Kirche in Algerien auf weltkirchlicher Ebene einbringen kann, hat Kardinal Vesco nur eine Antwort: Es ist genau diese Erfahrung als absolute Minderheit \u2013 strukturell schwach und h\u00f6chst vulnerabel \u2013 im Umgang mit Verlust und existenziellen N\u00f6ten, die die gegenw\u00e4rtigen Debatten in der Kirche, auch unter Kardin\u00e4len, zu bereichern vermag.<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. Kardinal rechnet mit baldiger Papstreise nach Algerien, KNA, 09.01.2026, <a href=\"http:\/\/www.domradio.de\/artikel\/kardinal-rechnet-mit-baldiger-papstreise-nach-algerien\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.domradio.de\/artikel\/kardinal-rechnet-mit-baldiger-papstreise-nach-algerien<\/a> (Aufruf: 12.01.2026).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Claverie, Pierre, Plurale Menschheit, in: Jean-Jacques P\u00e9renn\u00e8s, Pierre Claverie. Dominikaner und Bischof in Algerien. Mit e. Vorw. v. Timothy Radcliffe OP. Aus d. Frz. \u00fcbers. v. Laurentius H\u00f6hn OP \/ Marcel Oswald OP unter Mitarbeit v. Ulrich Engel OP \/ Christian Babendreier (Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 17), Leipzig 2014, 409\u2013414, hier 410.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Cherg\u00e9, Christian de, Das Testament, in: Iso Baumer, Die M\u00f6nche von Tibhirine. Zeugen eines notwendigen Dialogs, M\u00fcnchen 2018, 147\u2013150, hier 147 (Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.monastere-tibhirine.org\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.monastere-tibhirine.org<\/a> (Aufruf: 12.01.2026).<\/p>\n<p>Bild: privat (Die Altarwand der Kirche des Di\u00f6zesanhauses in Algier mit den 19 M\u00e4rtyrer*innen Algeriens)<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.feinschwarz.net\/wp-admin\/upload.php?item=68774\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" width=\"250\" height=\"350\" class=\"wp-post-image wp-image-72851\" title=\"Halft, Dennis\" alt=\"Halft, Dennis\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Halft-Dennis-731x1024-250x350.jpg\"\/>        <\/a><\/p>\n<p>Dennis Halft ist Dominikaner und verwaltet als Islamwissenschaftler und Theologe an der Theologischen Fakult\u00e4t Trier den Lehrstuhl f\u00fcr Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligi\u00f6ser Dialog. Er ist Mitglied des Institut dominicain d\u2019\u00e9tudes orientales in Kairo und seit 2021 Berater der Unterkommission f\u00fcr den Interreligi\u00f6sen Dialog (Kommission X) der Deutschen Bischofskonferenz.<\/p>\n<p>                    <a href=\"#\" rel=\"nofollow\" onclick=\"window.print(); return false;\" title=\"Printer Friendly, PDF &amp; Email\"><br \/>\n                    <img decoding=\"async\" class=\"pf-button-img\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"Print Friendly, PDF &amp; Email\" style=\"width: 66px;height: 24px;\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/print-button-nobg.png\"\/><br \/>\n                    <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"2026 j\u00e4hrt sich die Ermordung der Trappisten von Tibhirine zum 30. Mal. 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