{"id":42619,"date":"2026-07-21T11:58:09","date_gmt":"2026-07-21T11:58:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/42619\/"},"modified":"2026-07-21T11:58:09","modified_gmt":"2026-07-21T11:58:09","slug":"kolonialismus-kuenstlerin-tuli-mekondjo-die-wuerde-des-menschen-ist-unantastbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/42619\/","title":{"rendered":"Kolonialismus \u2013 K\u00fcnstlerin Tuli Mekondjo: Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img323636\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/323636.jpeg\" alt=\"Kunst trifft auf Grundgesetz: Tuli Mekondjos vor ihrem \u00bbEchos der Matriarchinnen\u00ab\"\/><\/p>\n<p>Kunst trifft auf Grundgesetz: Tuli Mekondjos vor ihrem \u00bbEchos der Matriarchinnen\u00ab<\/p>\n<p>Foto: screenshot\/youtube<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr wurden anl\u00e4sslich des 75. Jubil\u00e4ums des Grundgesetzes 19 K\u00fcnstler*innen eingeladen, sich jeweils mit einem der Grundrechte auseinanderzusetzen. Die Ausstellung \u00bbWIR. 19 Grundrechte. 19 k\u00fcnstlerische Positionen. Ein Gespr\u00e4chsraum\u00ab im Deutschen Bundestag brachte damit zeitgen\u00f6ssische Kunst und die zentralen Prinzipien der deutschen Verfassung in einen Dialog.<\/p>\n<p>Dass die namibische K\u00fcnstlerin Tuli Mekondjo dabei den Auftrag erhielt, eine Arbeit f\u00fcr Artikel 1 des Grundgesetzes zu schaffen, h\u00e4tte nicht von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung sein k\u00f6nnen. Mit \u00bbKwariri Nyoko Kevako: Echos der Matriarchinnen\u00ab (2024) war Mekondjo nicht nur die erste namibische K\u00fcnstlerin, die ein Werk f\u00fcr die Sammlung des Deutschen Bundestages schuf. Sie widmete sich darin auch der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia, als das Land als Deutsch-S\u00fcdwestafrika von 1884 bis 1915 unter deutscher Kolonialherrschaft stand, sowie dem Genozid, den Deutschland zwischen 1904 und 1908 an den Nama und Ovaherero ver\u00fcbte. Diesen Gewaltverbrechen stellt Mekondjo ihre k\u00fcnstlerische Praxis als ebenso historische wie gegenwartsbezogene Erinnerungsarbeit entgegen, die im ersten Artikel des Grundgesetzes kulminiert: Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.<\/p>\n<p>In dem Werk wie in anderen ihrer Arbeiten entschied sich Mekondjo, namibische Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, die in dominanten Erz\u00e4hlungen \u00fcber Krieg und Widerstand h\u00e4ufig \u00fcbergangen werden. \u00bbEchos der Matriarchinnen\u00ab ist eine monumentale, f\u00fcnfteilige Fototransferarbeit auf Leinwand, bei der Mekondjo historische Fotografien mit textilen Verfahren verband. Stickereien, \u00dcberlagerungen, Zeichnungen und Materialien wie Mahangu-K\u00f6rner (Hirse), Harz, Farbe und Tinte pr\u00e4gen den Eindruck des Werks.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend koloniale Archive Frauen als Objekte ethnographischer Betrachtung erniedrigten, legen Mekondjos Arbeiten die Machtverh\u00e4ltnisse offen, die in vermeintlich neutrale Archive eingeschrieben sind, und stellen kritische Fragen: Wer wurde wie fotografiert? Wer fotografierte? Wer durfte sprechen? Welche K\u00f6rper wurden dokumentiert, vermessen oder ausgestellt? Welche Geschichten sollten unsichtbar bleiben? F\u00fcr wen wurden Bilder produziert und in welchen institutionellen und gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen zirkulierten sie? Wenn Darstellungen von namibischen Frauen, die gegen ihren Willen fotografiert wurden, etwa als Postkarten Verbreitung fanden.<\/p>\n<p>Das Medium der Fotografie spielte in der Kolonialzeit eine besondere Rolle in der Herstellung und Stabilisierung rassistischer und menschenfeindlicher Wissensordnungen. Im Kontext des deutschen Kolonialismus in Namibia waren Fotografien Teil einer visuellen Grammatik, durch die Menschen klassifiziert, typologisiert und in hierarchische Ordnungssysteme unterteilt wurden. In ihrer k\u00fcnstlerischen Recherche arbeitet Mekondjo mit historischen Fotografien, gerade auch mit solchen von Frauen, setzt diese allerdings mit textilen Medien in Zusammenhang. Der physische Vorgang des Stickens, das Durchstechen der Leinwand, die teils blutrote Ansammlung von F\u00e4den werden dabei auch zu einer eigenen epistemischen Praxis, zu einer alternativen Form der Wissensproduktion.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p>Eine ganze Generation von Kunstschaffenden und Handwerker*innen wurde ausgel\u00f6scht und konnte ihr Wissen nicht an nachfolgende Generationen weitergeben.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p>Das Thema Wissen ist auch bez\u00fcglich des gew\u00e4hlten Referenzobjekts zentral. So wurde vor Mekondjos Arbeit ein Ekori als Leihgabe des Weltkulturen Museums Frankfurt am Main platziert. Das aus Leder gefertigte und mit Eisenperlen und Stickereien versehene Ekori war ein Kopfschmuck, den Ovaherero-Frauen trugen, bevor sie mit Europ\u00e4er*innen in Kontakt kamen. Die Form erinnerte an die H\u00f6rner von K\u00fchen, die den Reichtum der Ovaherero darstellten. Missionar*innen f\u00fchrten allerdings nicht nur neue Kleidungsst\u00fccke f\u00fcr namibische Frauen ein, sondern verboten ihnen auch das Tragen von Leder und des Ekori, das sie aufgrund der visuellen H\u00f6rneranspielung mit dem Teufel in Verbindung brachten. Der von den deutschen Kolonialtruppen an den Ovaherero und Nama ver\u00fcbte V\u00f6lkermord unterbrach damit die Weitergabe k\u00fcnstlerischen und handwerklichen Wissens, da eine ganze Generation von Kunstschaffenden und Handwerker*innen ausgel\u00f6scht wurde und ihr Wissen nicht an nachfolgende Generationen weitergeben konnte.<\/p>\n<p>\u00bbDer vermessene Mensch\u00ab (2023) von Lars Kraume, der erste deutsche Kinofilm, der sich mit dem Genozid besch\u00e4ftigte, hat dazu beigetragen, das Thema des V\u00f6lkermordes und die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia einem gr\u00f6\u00dferen Publikum in Deutschland bekannt zu machen. Allerdings folgt der Film vor allem einem deutschen Ethnologen. Die namibische Figur Kezia Kambazembi wird weitestgehend auf die Rolle als love interest des jungen Wissenschaftlers reduziert. So zeigt der Film vor allem, dass mehr Produktionen aus namibischer Perspektive n\u00f6tig sind \u2013 von namibischen Filmemacher*innen und K\u00fcnstler*innen sowie solchen der Diaspora.<\/p>\n<p>Tuli Mekondjo widmet sich diesem umstrittenen Erbe, das sowohl in Namibia als auch in Deutschland fortbesteht. F\u00fcr eine Ausstellung im Recovery Plan in Florenz schuf sie 2024 eine Arbeit, die die sehr wenigen namibischen Frauen ins Zentrum stellt, die namentlich bekannt sind von den vielen Hundert, die in dem Konzentrationslager auf Shark Island gezwungen wurden, die Knochen ihrer Angeh\u00f6rigen zu s\u00e4ubern, damit diese f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke an Universit\u00e4ten in Deutschland verschifft werden konnten. Bis vor wenigen Jahren befand sich auf Shark Island noch ein Campingplatz, wo nicht zuletzt viele Deutsche ihren Urlaub verbringen konnten. Ein erheblicher Teil des Landes in Namibia ist bis heute im Besitz wei\u00dfer Farmer*innen.<\/p>\n<p>In Berlin-Neuk\u00f6lln hat Mekondjo dagegen eine Performance vor dem sogenannten Herero-Stein durchgef\u00fchrt, einem 1907 errichteten Denkmal, das an sieben Soldaten der kaiserlichen Schutztruppe erinnert, die am Genozid an den Ovaherero und Nama beteiligt waren \u2013 und nicht etwa an die Opfer des V\u00f6lkermordes. Auch das Ekori, das zusammen mit Mekondjos Arbeit ausgestellt wurde, stammt aus der \u00bbSammlung\u00ab eines Freiwilligen, der sich der Schutztruppe in Deutsch-S\u00fcdwestafrika angeschlossen hatte. Karl Christian Maximilian Caspar (1883\u20131954) war Reiter w\u00e4hrend des antikolonialen Aufstandes der Ovaherero, des Widerstandes, der den Genozid zur Folge hatte.<\/p>\n<p>Mekondjos Arbeit zu Artikel 1 des Grundgesetzes setzt sich mit dieser gewaltvollen Geschichte auseinander, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. So stehen die blauen und roten Linien sinnbildlich f\u00fcr die Eisenbahntrassen, die \u2013 von namibischen M\u00e4nnern unter Zwang erbaut \u2013 das Land durchzogen und an denen sich Arbeitscamps und Internierungslager befanden. Eine rote Linie symbolisiert die Grenze, die die deutsche Kolonialmacht zwischen Nord- und S\u00fcdnamibia zog und die bis heute zu Spannungen im Land f\u00fchrt. Mekondjos Werk f\u00fcr den Deutschen Bundestag kommt dabei nicht nur eine Bedeutung zu, da sie aus namibischer Perspektive die Unantastbarkeit menschlicher W\u00fcrde unterstreicht. Sie macht auch die Relevanz deutlich, darauf zu achten, wessen Geschichte Eingang in \u00f6ffentliche Institutionen findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kunst trifft auf Grundgesetz: Tuli Mekondjos vor ihrem \u00bbEchos der Matriarchinnen\u00ab Foto: screenshot\/youtube Im vergangenen Jahr wurden anl\u00e4sslich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":42620,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[16],"tags":[1730,3699,1844,16552,414],"class_list":["post-42619","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-namibia","tag-film","tag-fotografie","tag-genozid","tag-grundgesetz","tag-namibia"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116957852629057338","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42619"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42619\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/42620"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}