{"id":43406,"date":"2026-07-27T08:35:17","date_gmt":"2026-07-27T08:35:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/43406\/"},"modified":"2026-07-27T08:35:17","modified_gmt":"2026-07-27T08:35:17","slug":"burkina-faso-praesident-traore-lehnt-demokratie-ab-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/43406\/","title":{"rendered":"Burkina Faso: Pr\u00e4sident Traor\u00e9 lehnt Demokratie ab &#8211; Politik"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1vw426e\">Dass Burkina Fasos Pr\u00e4sident Ibrahim Traor\u00e9 kein lupenreiner Demokrat ist, ist schon l\u00e4nger bekannt. Doch diese Abrechnung kam dann doch unerwartet. \u201eWir m\u00fcssen die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Demokratie\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Demokratie<\/a> vergessen\u201c, sagte Traor\u00e9 Anfang April in einem seltenen Fernsehinterview. Die Demokratie entwickle ein Land nicht, sie f\u00fchre in die Sklaverei, sie t\u00f6te. Kurz: Sie sei \u201enicht f\u00fcr uns\u201c. Was <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Burkina_Faso\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Burkina Faso<\/a>, was <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Afrika\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Afrika<\/a> stattdessen brauche, das sei der \u201eGeist der Revolution\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Diesen Geist lebte Traor\u00e9 auch im Fernsehstudio vor. Wie bei den meisten Auftritten trug er ein rotes Barett auf dem Kopf, einen Rollkragenpullover in Flecktarn und fingerlose Kampfhandschuhe. Ein Outfit mit Botschaft: Hier sitzt ein Staatsmann, der auch im Interview gefechtsbereit bleibt. Ein Soldat als Pr\u00e4sident.<\/p>\n<p>Ein Mann, dessen Charisma auf ganz Afrika ausstrahlt<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Traor\u00e9 ist ein Anf\u00fchrer, wie es sie gerade einige gibt in Afrika \u2013 vor allem im Sahel, dem sogenannten Putschg\u00fcrtel s\u00fcdlich der Sahara, wo in den vergangenen Jahren eine zivile Regierung nach der anderen von Milit\u00e4rs gest\u00fcrzt wurde: ein Hauptmann, der seit seiner Macht\u00fcbernahme im September 2022 die demokratischen Institutionen seines 25-Millionen-Einwohner-Landes systematisch schleift, obwohl er das Gegenteil versprochen hatte. \u00c4hnlich verfuhren auch die Putschisten in Mali, Guinea und Niger, in Gabun oder zuletzt in Madagaskar.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch Traor\u00e9 ist zugleich eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur weil er mit 38 Jahren das j\u00fcngste Staatsoberhaupt der Welt ist. Er ist ein Politstar, ein Idol f\u00fcr viele junge Menschen innerhalb und au\u00dferhalb Afrikas, ein Social-Media-Ph\u00e4nomen. Ein Mann, der dank KI durch Tiktok-Kan\u00e4le tanzt, dessen Konterfei man auf Bussen in Nairobi sieht, von dessen Charisma einem sogar Taxifahrer in New York vorschw\u00e4rmen. \u201eTraor\u00e9\u201c, sagt der nigerianische Politikwissenschaftler Ebenezer Obadare vom Council on Foreign Relations in Washington, \u201eist aktuell der einzige Politiker in Afrika, der die Fantasie der Menschen befl\u00fcgelt.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Dass dieser Mann die Demokratie nun offen ablehnt, statt wie andere autorit\u00e4re Herrscher zumindest deren Fassade aufrechtzuerhalten, ist deshalb mehr als eine Formalie. Es ist die Schaumkrone auf der autorit\u00e4ren Welle, die seit Jahren durch Afrika schwappt. \u201eTraor\u00e9s Aussagen k\u00f6nnten ein neues Zeitalter f\u00fcr Burkina Faso einl\u00e4uten, vielleicht f\u00fcr ganz Afrika\u201c, sagt ein burkinischer Demokratie-Aktivist am Telefon. Er ist vor dem Regime ins Ausland geflohen, will aber anonym bleiben, um seine Familie zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In afrikaweiten Umfragen spricht sich die Mehrheit der Befragten nach wie vor f\u00fcr die Demokratie als Staatsform aus. Doch die Zustimmung schwindet, gerade unter jungen Leuten. <a href=\"https:\/\/ichikowitzfoundation.com\/storage\/reports\/September2024\/GSLcmLTnruHzhTrIuDOV.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Im 2024 ver\u00f6ffentlichten Africa Youth Survey<\/a>\u00a0etwa gaben 29 Prozent der Befragten an, dass sie eine nicht demokratische Regierung unter bestimmten Bedingungen bevorzugen w\u00fcrden \u2013 neun Prozentpunkte mehr als zwei Jahre zuvor. 60 Prozent stimmten der Aussage zu, dass eine Demokratie \u201enach westlichem Vorbild\u201c f\u00fcr afrikanische L\u00e4nder ungeeignet sei.<\/p>\n<p>Russland hilft mit, das Bild von Traor\u00e9 als Vork\u00e4mpfer gegen den Neokolonialismus aufzubauen<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die autorit\u00e4re Versuchung in Afrika verk\u00f6rperte lange Zeit Paul Kagame, seit 2000 Pr\u00e4sident Ruandas, der sein Land wirtschaftlich vorangebracht hat, aber mit eiserner Hand regiert. Doch als Galionsfigur eines afrikanischen Aufbruchs taugt Kagame nur noch bedingt. Zuletzt trat er weniger als Modernisierer in Erscheinung, sondern als Kriegstreiber im Nachbarland Kongo. Und mit 68 Lebens- und 26 Regierungsjahren n\u00e4hert er sich der Liga der greisen afrikanischen Despoten an, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/meinung\/afrika-uganda-museveni-generation-z-kommentar-li.3370097\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die ihrer jungen Bev\u00f6lkerung l\u00e4ngst nichts mehr zu bieten hat<\/a>.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Den Kontrast bietet der junge und maskulin auftretende Traor\u00e9. Der selbsternannte Revolution\u00e4r, der auf sein Pr\u00e4sidentengehalt verzichtet und sich als Erbe des 1987 ermordeten und bis heute verehrten Pr\u00e4sidenten Thomas Sankara inszeniert. Traor\u00e9s Motto f\u00fcr Burkina Faso, f\u00fcr Afrika lautet: \u201etotale Unabh\u00e4ngigkeit\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das hei\u00dft vor allem: Unabh\u00e4ngigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, vom Westen, der mit der Ausbeutung Afrikas nach der Kolonialzeit einfach weitergemacht habe. Zu Traor\u00e9s ersten Ma\u00dfnahmen als Pr\u00e4sident geh\u00f6rten die Ausweisung der im Land stationierten franz\u00f6sischen Truppen und die Verstaatlichung von Goldminen. \u201eWenn wir so weitermachen wie bisher\u201c, sagte er nun im Fernsehinterview, \u201ewerden wir f\u00fcr immer Sklaven bleiben.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es ist eine Botschaft, die verf\u00e4ngt, weit \u00fcber Burkina Faso hinaus. Weil der Frust bei vielen jungen Afrikanern gro\u00df ist, \u00fcber Arbeitslosigkeit, \u00fcber den Mangel an Perspektiven, \u00fcber ausbleibenden Fortschritt. Weil sich kaum bestreiten l\u00e4sst, dass gerade Frankreich seine fr\u00fcheren Kolonien auch lange nach deren Unabh\u00e4ngigkeit von oben herab behandelte. Und weil Russland, der neue Verb\u00fcndete der Putschstaaten im Sahel, tatkr\u00e4ftig mithilft, das Bild Traor\u00e9s als Vork\u00e4mpfer gegen Neokolonialismus und Imperialismus um die Welt zu tragen.<\/p>\n<p>Computeranimierte Superstars und pathetische Songs zum Wohl des Putschisten<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Rund um Traor\u00e9, sagt Ebenezer Obadare, gebe es \u201eeine regelrechte Choreografie von Desinformation\u201c. Im Internet kursieren Videos, die Burkina Faso, eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt, als angeblich aufstrebenden Produzenten von Elektroautos feiern; andere Clips versammeln computeranimierte US-Superstars wie Rihanna oder Justin Bieber, die in pathetischen Songs um himmlischen Beistand f\u00fcr den \u201eSoldaten des Volkes\u201c bitten: \u201eGod Protect Ibrahim Traor\u00e9\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch w\u00e4hrend der digitale Traor\u00e9 ein panafrikanischer Superheld ist, ist die Bilanz des real existierenden Politikers mau. Das gilt vor allem f\u00fcr das wichtigste Thema im Sahel: die Sicherheit. Burkina Faso geh\u00f6rt zu den L\u00e4ndern mit den meisten Toten durch <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Terrorismus\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Terrorismus<\/a> weltweit. Die Unf\u00e4higkeit der gew\u00e4hlten Vorg\u00e4ngerregierungen (und ihrer westlichen Verb\u00fcndeten), die Menschen vor den Islamisten zu sch\u00fctzen, ist eine der Hauptursachen f\u00fcr die j\u00fcngste Putschwelle. Doch im Kampf gegen den Terror macht Traor\u00e9s Regime \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/mali-islamisten-benzinversorgung-militaerregierung-russland-li.3339454\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ebenso wie jenes in Mali<\/a>\u00a0\u2013 keine Fortschritte. <a href=\"https:\/\/africacenter.org\/spotlight\/security-narratives-burkina-faso\/#:~:text=Since%20Traor%C3%A9%20seized%20power%20at,3%20years%2C%20reaching%2017%2C775%20deaths.\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Die Zahl der Terrortoten hat sich seit seiner Macht\u00fcbernahme fast verdreifacht<\/a>.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Und das, obwohl die Regierungstruppen mit gro\u00dfer H\u00e4rte vorgehen, auch gegen die Zivilbev\u00f6lkerung. <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/report\/2026\/04\/02\/none-can-run-away\/war-crimes-and-crimes-against-humanity-in-burkina-faso-by-all\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Die Organisation Human Rights Watch wirft ihnen unter anderem Kriegsverbrechen und ethnische S\u00e4uberungen vor<\/a>. Traor\u00e9s Regierung bestreitet das.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Mit gro\u00dfer H\u00e4rte geht sie auch gegen alle vor, die sie als Gegner ihrer \u201eRevolution\u201c ausgemacht hat. Im Januar wurden alle Parteien des Landes aufgel\u00f6st, Gegner werden eingesperrt, kritische Journalisten laut Berichten als Kanonenfutter in den Krieg gegen den Terror geschickt. Auch deshalb sinke Traor\u00e9s Beliebtheit im eigenen Land, berichtet der burkinische Demokratie-Aktivist am Telefon. Viele junge Leute h\u00e4tten schon wieder genug von der neuen Regierung.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch die Mehrheit der Menschen, r\u00e4umt er ein, stehe nach wie vor hinter Traor\u00e9. Weil es aus ihrer Sicht nur aufw\u00e4rtsgehen k\u00f6nne in Burkina Faso. Weil die Regierung, die 2022 aus dem Amt getrieben wurde, ihr Leben tats\u00e4chlich nicht verbessert habe. Weil ihr Frust \u00fcber die Demokratie verst\u00e4ndlich sei. Oder genauer: \u00fcber das, was ihnen als Demokratie verkauft wurde. Denn auch wenn es Wahlen und Parteien gab in Burkina Faso, habe das System mit einer lebendigen, freien Demokratie wenig zu tun gehabt\u00a0\u2013 so wie in vielen anderen L\u00e4ndern Afrikas.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das betont auch Obadare: \u201eWenn Traor\u00e9 sagt, die Demokratie sei nicht das Richtige f\u00fcr sein Land, dann muss man ihm entgegengehalten: In Wahrheit hat Burkina Faso die Demokratie noch nie richtig ausprobiert.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dass Burkina Fasos Pr\u00e4sident Ibrahim Traor\u00e9 kein lupenreiner Demokrat ist, ist schon l\u00e4nger bekannt. 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