{"id":4394,"date":"2026-04-20T05:22:25","date_gmt":"2026-04-20T05:22:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4394\/"},"modified":"2026-04-20T05:22:25","modified_gmt":"2026-04-20T05:22:25","slug":"afrika-die-generation-z-ruettelt-madagaskar-durch-proteste-wach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4394\/","title":{"rendered":"Afrika: Die Generation Z r\u00fcttelt Madagaskar durch Proteste wach"},"content":{"rendered":"<p>Proteste hin oder her: Sonntag ist Ruhetag in Madagaskar. Kirchen sind bis zu den letzten Reihen besetzt, Familien treffen sich im Anschluss wie gewohnt zum Mittagessen, die Stra\u00dfen sind friedlich und leer. Der Duft der violett bl\u00fchenden Jacaranda-B\u00e4ume weht durch die Luft, Stra\u00dfenhunde liegen tr\u00e4ge in der Sonne. Auch, wenn am Vortag noch tausende Demonstrierende friedlich gegen die Verh\u00e4ltnisse auf die Stra\u00dfe gegangen waren und dabei von Ordnungskr\u00e4ften brutal mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen maltr\u00e4tiert wurden: am Sonntag sitzen alle Parteien gemeinsam beim Gebet.<\/p>\n<p>Doch selbst sonntags verweisen im Stadtbild die meterlangen Schlangen aus \u201ebidon jaunes\u201c, den gelben Plastikkanistern, vor den \u00f6ffentlichen Wasserstellen auf ein existentielles Problem: Seit Jahren sind in Madagaskar selbst die Grundlagen der \u00f6ffentlichen Daseinsvorsorge nicht gesichert, Strom und Wasser fehlen regelm\u00e4\u00dfig. Wer eine Solaranlage auf dem Dach oder eine eigene Wasserquelle im Garten hat, ist klar im Vorteil. F\u00fcr alle anderen geh\u00f6ren bis zu dreizehn Stunden Stromausfall am Tag und tage- bis wochenlang trockene Wasserleitungen zum Alltag. Hygieneprobleme, erschwerte Alltagsorganisation und Trinkwasserknappheit pr\u00e4gen das Leben der meisten Menschen. Trotz der stetig wachsenden Frustration kam es lange zu keinen gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Protesten. Zu tief sitzt die Angst vor \u00dcberwachung und Repressionen in einem Staat, der auf dem Papier zwar demokratisch ist, dessen Regime jedoch erschreckend autorit\u00e4re Tendenzen aufweist.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser f\u00fcr die j\u00fcngsten Demonstrationen war Mitte September der \u00f6ffentliche Protest zweier oppositioneller Stadtrat-Mitglieder der madagassischen Hauptstadt Antananarivo vor dem Senat. Nachdem sie in ihrer Rolle als gew\u00e4hlte Vertretung des Volkes Wasser- und Strommangel angeprangert hatten, wurden sie wegen St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Ordnung kurzzeitig verhaftet. Nach ihrer Entlassung am Folgetag riefen sie zu einer Demonstration auf \u2013 Studierende und junge Aktivistinnen und Aktivisten folgten nicht nur dem Appell, sondern mobilisierten auch selbst massiv \u00fcber soziale Medien. In Anlehnung an die Protestbewegungen der Generation Z in L\u00e4ndern wie Nepal, Kenia und Indonesien gaben sie ihrer Bewegung das Piratensymbol von \u201eOne Piece\u201c mit typisch madagassischem Strohhut als Logo.<\/p>\n<p>Trotz des Verbots finden seither Kundgebungen statt, bei denen Sicherheitskr\u00e4fte mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen gegen die friedlich Demonstrierenden vorgehen.<\/p>\n<p>Trotz des Verbots durch die Beh\u00f6rden finden seither Kundgebungen statt, bei denen Sicherheitskr\u00e4fte mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen gegen die friedlich Demonstrierenden vorgehen. Insbesondere der erste Demonstrationstag war intensiv: Im Tagesverlauf wurden die H\u00e4user zweier Regierungsabgeordneter angegriffen, abends kam es zu Pl\u00fcnderungen \u2013 offenbar initiiert von bezahlten Provokateuren und fortgef\u00fchrt von Gelegenheitspl\u00fcnderern. Die Generation Z, die eine gezielte Diskreditierung ihrer Bewegung bef\u00fcrchtete, distanzierte sich jedoch klar von den Ausschreitungen und half den Gesch\u00e4digten am Folgetag beim Aufr\u00e4umen. Laut UN kamen im Zusammenhang mit den sich anschlie\u00dfenden landesweiten Protesten, Streiks und Pl\u00fcnderungen mindestens 22 Menschen ums Leben, \u00fcber 100 wurden verletzt \u2013 Zahlen, die die Regierung bestreitet. Pr\u00e4sident Andry Rajoelina machte in einer sp\u00e4teren Fernsehansprache Cyberangriffe aus dem Ausland f\u00fcr die Protestbewegungen verantwortlich.<\/p>\n<p>Bemerkenswert war, dass die Generation Z in der darauf folgenden Woche auch die \u00e4ltere Generation Y und damit gro\u00dfe Teile der etablierten Zivilgesellschaft mobilisieren konnte \u2013 jene Generation, die den Putsch von 2009 noch sehr pr\u00e4sent hat und die Form des Stra\u00dfenprotestes in der j\u00fcngeren Vergangenheit mied. Ging es der Jugend zun\u00e4chst um den R\u00fccktritt der Regierung, gingen die Forderungen bald dar\u00fcber hinaus: R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten, Aufl\u00f6sung des Senats und der Wahlkommission sowie die strafrechtliche Verfolgung des politisch \u00fcberm\u00e4chtigen Unternehmers Mamy Ravatomanga, der als de-facto K\u00f6nigsmacher gilt. Pr\u00e4sident Rajoelina entlie\u00df daraufhin Ende September seine Regierung, r\u00e4umte Fehler ein und gelobte schnelle Besserung. Doch Streiks und Demonstrationen hielten an, selbst nachdem er Dialogtreffen mit unterschiedlichsten Akteurskonstellationen \u2013 Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen \u2013 ins Leben gerufen hatte.<\/p>\n<p>Wenngleich das Vorgehen der Generation Z teilweise unkoordiniert wirkt und die junge Bewegung zu Beginn beinahe von ihrem eigenen Mobilisierungserfolg \u00fcberrascht wurde, haben sie der Bev\u00f6lkerung einen entscheidenden Dienst erwiesen: Sie hat ihre Landsleute wachger\u00fcttelt, die sich lange aus Angst vor Repressionen oder in einer resignativen \u201ees geht schon irgendwie weiter\u201c-Mentalit\u00e4t zu Hause verkrochen hatten. In dieser Atmosph\u00e4re wurden Themen wie Pr\u00e4sident Rajoelinas m\u00f6gliche dritte Amtszeit oder der Einfluss des Unternehmers Ravatomanga nur hinter vorgehaltener Hand und verschl\u00fcsselt diskutiert. Die grundlegende H\u00fcrde, sich \u00f6ffentlich als (macht)kritische Bewegung zu zeigen, erscheint damit \u00fcberwunden \u2013 zumindest vor\u00fcbergehend.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein, dass das politische und wirtschaftliche System tiefgreifende Reformen ben\u00f6tigt, w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Doch die Sichtbarmachung der Unzufriedenheit durch die Generation Z auf der Stra\u00dfe ist nur der erste Schritt. Wie kann es von hier aus weitergehen, vorausgesetzt die Bewegung beh\u00e4lt ihr Momentum? Das bisherige B\u00fcndnis aus Wirtschaft, Politik und Milit\u00e4r steht aktuell weitgehend geschlossen hinter dem Pr\u00e4sidenten, doch die Bev\u00f6lkerung scheint kosmetische \u00c4nderungen nicht l\u00e4nger zu akzeptieren. Das Bewusstsein, dass das politische und wirtschaftliche System tiefgreifende Reformen ben\u00f6tigt, w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Die weitere Vorgehensweise k\u00f6nnte sich an zwei Ansatzpunkten orientieren. Erstens: Es braucht ein gesellschaftlich anerkanntes Dialogforum, das nicht davor zur\u00fcckschreckt, die strukturellen Wurzeln der Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Kirchen genie\u00dfen traditionell hohes Vertrauen in der Bev\u00f6lkerung und haben sich historisch mehrfach als Vermittler in Transformationsprozessen bew\u00e4hrt. Sie k\u00f6nnten einen inklusiven Prozess moderieren und dabei sicherstellen, dass alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen, insbesondere auch die Generation Z, geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Zweitens: Die Forderungen der Protestierenden m\u00fcssen \u00fcber einzelne Akteure wie Ravatomanga hinausgehen. Sein mit der Politik verschmolzenes Wirtschaftsimperium ist Ausdruck struktureller Ungleichgewichte und massiver Intransparenz. Ohne grundlegende Systemreform w\u00fcrden sich zwar einzelne Machtpositionen \u00e4ndern, die zugrunde liegenden Missst\u00e4nde jedoch bestehen bleiben. Ziel muss ein neu verhandelter Gesellschaftsvertrag sein, der Korruption, politische Verflechtungen und wirtschaftliche Ungerechtigkeit offenlegt und gemeinwohlorientierte Alternativen aufzeigt. Das Thema Korruption muss gesamtgesellschaftlich aufgearbeitet werden, so sehr zieht es sich durch Alltag und Mentalit\u00e4t der Menschen. Es braucht ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis dar\u00fcber, wo Korruption auf individueller Ebene beginnt und welchen Schaden sie anrichtet. Transparenz, Gemeinwohlorientierung und eine faire Ressourcenverteilung sind weitere zentrale Elemente einer alternativen Wirtschaftsordnung.<\/p>\n<p>Eine nachhaltige Verbesserung kann nur durch die Kombination aus \u00f6ffentlicher Mobilisierung, institutioneller Vermittlung und systemischer Reform gelingen \u2013 eine, die nicht nur kurzfristige K\u00f6pfe austauscht, sondern die Strukturen selbst neu ausrichtet. Deutschland k\u00f6nnte innerhalb der EU verst\u00e4rkt auf die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte pochen und in Kooperation mit regionalen Partnern langfristige, inklusive Dialogprozesse unterst\u00fctzen. Au\u00dfer sonntags, da ist in Madagaskar Ruhetag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Proteste hin oder her: Sonntag ist Ruhetag in Madagaskar. 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