{"id":4528,"date":"2026-04-20T07:30:40","date_gmt":"2026-04-20T07:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4528\/"},"modified":"2026-04-20T07:30:40","modified_gmt":"2026-04-20T07:30:40","slug":"krisenbehaftete-transition-im-tschad-stiftung-wissenschaft-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4528\/","title":{"rendered":"Krisenbehaftete Transition im Tschad &#8211; Stiftung Wissenschaft und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem gewaltsamen Tod von Pr\u00e4sident Idris D\u00e9by im April 2021 versucht die herr\u00adschende Elite im Tschad, ihre Macht durch die dynastische Nachfolge seines Sohnes Mahamat zu sichern. Mit dem Beschluss von Oktober 2022, den \u00dcbergangsprozess um zwei Jahre zu verl\u00e4ngern und Mahamat D\u00e9by einstweilen zum Pr\u00e4sidenten zu ernen\u00adnen, werden die Risiken dieser Bestrebungen deutlicher. Die Taktik, oppositionelle Eliten durch selektive Kooptation zu spalten, st\u00f6\u00dft mit dem Aufkommen populistischer Kr\u00e4fte an ihre Grenzen. Sowohl in der Provinz als auch in der Hauptstadt heizen Macht- und Verteilungsk\u00e4mpfe eine Dynamik identit\u00e4tspolitischer Konflikte an. Die Repression der zivilen Opposition durch das Regime spielt den Bef\u00fcrwortern eines bewaffneten Umsturzes in die H\u00e4nde. Als Garant f\u00fcr D\u00e9bys \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber den Rebellen kommt Frankreich eine zunehmend unpopul\u00e4re Rolle zu.<\/p>\n<p>Als der jahrzehntelang amtierende Pr\u00e4si\u00addent des Tschad, Idris D\u00e9by, w\u00e4hrend der Abwehr eines Angriffs von Rebellen, die aus Libyen eingedrungen waren, \u00fcberraschend get\u00f6tet wurde, reagierte D\u00e9bys Milit\u00e4relite geschlossen. Ein f\u00fcnfzehnk\u00f6pfiger Milit\u00e4r\u00adrat unter F\u00fchrung seines Sohnes Mahamat \u00fcbernahm die Macht, setzte die Verfassung au\u00dfer Kraft und k\u00fcndigte einen achtzehn\u00admonatigen \u00dcbergangsprozess an, der mit Wahlen enden sollte.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Anders als andere Macht\u00fcbernahmen afri\u00adkanischer Milit\u00e4rs in den letzten Jahren zog dieser Schritt keine internationalen Sank\u00adtionen nach sich. Die Afrikanische Union (AU), deren Kommissionspr\u00e4sidenten Moussa Faki Ambitionen auf das Amt des tschadischen Pr\u00e4sidenten nachgesagt wer\u00adden, stufte den Vorgang nicht als Staats\u00adstreich ein. Sie dr\u00e4ngte lediglich darauf, dass der Milit\u00e4rrat seinen Fahrplan und auch sein Versprechen einhalten solle, keines seiner Mitglieder \u2013 auch nicht Mahamat D\u00e9by \u2013 ins Rennen um die Pr\u00e4sidentschafts\u00adwahl zu schicken. Frankreich, das im Tschad eine gro\u00dfe Milit\u00e4r\u00adpr\u00e4senz unterh\u00e4lt, st\u00e4rkte Mahamat D\u00e9by demonstrativ den R\u00fccken. Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron wollte dies gleichwohl als Unterst\u00fctzung eines \u00dcbergangsprozesses, nicht aber einer dynastischen Nachfolge verstan\u00adden wissen. Die Europ\u00e4ische Union orien\u00adtierte sich an den Positionen Frankreichs und der AU.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Achtzehn Monate sp\u00e4ter l\u00e4sst sich der Schein einer Transition hin zu freien Wah\u00adlen nicht mehr aufrechterhalten. Anfang Oktober 2022 beschloss der vom Milit\u00e4rrat einberufene Nationale Dialog, den \u00dcber\u00adgangsprozess um zwei Jahre zu verl\u00e4ngern, den Milit\u00e4rrat aufzul\u00f6sen, Mahamat D\u00e9by zum Interimspr\u00e4sidenten zu ernennen und es ihm sowie den anderen Mitgliedern des Milit\u00e4rrats zu erm\u00f6glichen, sich zur Wahl zu stellen. Die Beschl\u00fcsse wurden verk\u00fcn\u00addet, ohne dass sie zuvor den 1.400 Teil\u00adnehmern des Dialogs zur Abstimmung vor\u00adgelegt worden w\u00e4ren. Proteste von Teilen der Opposition wurden am 20.\u00a0Oktober <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/fr\/afrique\/20221101-tchad-l-onu-se-penche-sur-la-r%C3%A9pression-des-manifestations-du-20-octobre\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">blutig niedergeschlagen<\/a>. Damit endete eine Phase, die von ged\u00e4mpfter Hoffnung auf eine politische Liberalisierung gekennzeich\u00adnet war. Offen bleibt aber, ob der F\u00fchrungs\u00adzirkel um D\u00e9by die offensichtlichen Bestre\u00adbungen, dessen Macht durch eine dynastische Nachfolge zu sichern, wird verwirk\u00adlichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Gesteuerte Transition<\/p>\n<p>In der ersten Phase der Transition bis Okto\u00adber 2022 war es den Gener\u00e4len um D\u00e9by gelungen, den Eindruck von Kompromissbereitschaft und Konsenssuche zu erwecken. Dies lie\u00df viele kritische Stimmen vor\u00fcbergehend verstummen. D\u00e9by verfolgte eine Politik der ausgestreckten Hand gegen\u00fcber Oppositionellen und ehemaligen Rebellen\u00adf\u00fchrern, die vor dem Regime seines Vaters ins Ausland gefl\u00fcchtet waren. Einige kehr\u00adten ins Land zur\u00fcck und wurden mit \u00c4mtern belohnt, ohne die Macht der Kern\u00adelite in Frage zu stellen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Dieser Ansatz pr\u00e4gte auch die Verhandlungen mit den bewaffneten Gruppen im Vorfeld des vom Milit\u00e4rrat vorgesehenen Nationalen Dialogs. Der von M\u00e4rz bis August 2022 in Katar abgehaltene \u00bbPr\u00e4-Dialog\u00ab mit den Rebellen schloss mit einem Friedensabkommen mit 43 von insgesamt 52\u00a0Gruppen. Die Unterzeichner kehrten anschlie\u00dfend nach N\u2018Djamena zur\u00fcck und erhielten teilweise Regierungs\u00e4mter. Aller\u00addings verf\u00fcgten die wenigsten dieser so\u00adgenannten politico-militaires \u00fcber K\u00e4mpfer, und viele befanden sich nicht einmal im Widerstand, sondern waren teilweise sogar aus N\u2018Djamena nach Katar gereist. In dem Abkommen stellte die tschadische Regierung eine Beteiligung an der \u00dcbergangs\u00adregierung und dem \u00dcbergangsrat in Aus\u00adsicht sowie materielle Vorteile durch einen international finanzierten Prozess der Ent\u00adwaffnung, Demobilisierung und Wieder\u00adeingliederung. Letzterer hat jedoch noch nicht begonnen, was bald zu Frustrationen unter den Unterzeichnern f\u00fchren d\u00fcrfte. Vor allem aber lehnte die Regierung sub\u00adstantiellere Forderungen ab, zum Beispiel die, D\u00e9by von den Wahlen auszuschlie\u00dfen oder die Armee grundlegend zu reformie\u00adren, um die <a href=\"https:\/\/www.crisisgroup.org\/fr\/africa\/central-africa\/chad\/298-les-defis-de-larmee-tchadienne\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Dominanz<\/a> von Angeh\u00f6rigen der Zaghawa-Ethnie D\u00e9bys in ihren Reihen zu brechen. Folglich weigerten sich meh\u00adrere Gruppen, das Abkommen zu unterschrei\u00adben \u2013 unter ihnen die einzigen beiden Organisationen mit nennenswerter milit\u00e4rischer Schlagkraft, die Front pour l\u2019Alternance et la Concorde au Tchad (FACT) und der Conseil de Commandement Mili\u00adtaire pour le Salut de la R\u00e9publique (CCMSR), sowie einige weniger bedeutende Gruppierungen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Als \u00e4hnlich oberfl\u00e4chlich erwies sich der Nationale Dialog, der im August 2022 be\u00adgann und Anfang Oktober abgeschlossen wurde. Von den rund 1.400 Teilnehmern wurde die \u00fcberwiegende <a href=\"https:\/\/www.usip.org\/publications\/2022\/10\/chads-national-dialogue-concludes-amid-uncertainties-transition\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Mehrheit<\/a> der Elite des D\u00e9by-Regimes zugerechnet. Die beiden wich\u00adtigsten Oppositionsgruppen boykottierten die Veranstaltung: die zivilgesellschaftliche Koalition Wakit Tamma (Die Zeit ist um) und die Partei Les Transformateurs von Succ\u00e8s Masra. Dennoch wurde die Debatte teilweise erstaunlich kontrovers gef\u00fchrt. Teilnehmer prangerten schlechte Regierungsf\u00fchrung an und forderten eine f\u00f6derale Neuordnung des Staatswesens. Au\u00dfer dem Versprechen, ein Referendum \u00fcber die Staatsform \u2013 zentralistisch oder f\u00f6deralistisch \u2013 abzuhalten, trugen die vom Vorsitz verabschiedeten Ergebnisse des Dialogs den Debatten der zur\u00fcckliegenden Wochen allerdings kaum Rechnung. Ab\u00adstim\u00admungen fanden nicht statt. Zahlreiche Teil\u00adnehmer \u2013 darunter auch viele, die lange Jahre unter Idris D\u00e9by gedient hatten \u2013 zeigen sich mittlerweile desillusioniert \u00fcber eine Veranstaltung, deren Resultat offenbar von vornherein festgestanden hat: es Mahamat D\u00e9by zu erm\u00f6glichen, sich an der Macht zu halten und zur Wahl zu stellen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Auch die Mitte Oktober gebildete, so\u00adgenannte Einheitsregierung hielt noch die Fassade des Konsenses aufrecht. Vier politico-militaires, die das Abkommen in Katar unter\u00adzeichnet hatten, erhielten Minister\u00e4mter. Angef\u00fchrt wird die Regierung von dem alt\u00adgedienten Oppositionspolitiker Saleh Kebzabo.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Der Anschein von Inklusivit\u00e4t kann in\u00addes nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der Wandel bestenfalls kosmetischer Natur ist. Den harten Kern des Regimes \u2013 Armee und Sicherheitsapparat \u2013 h\u00e4lt die von der Ethnie Zaghawa dominierte Milit\u00e4relite fest im Griff. Diese stand an der Spitze jener Rebellion im Jahre 1990, die Idris D\u00e9by zur Macht\u00fcbernahme verhalf. Insider berichten von Spannungen zwischen D\u00e9by jr. und den Gener\u00e4len, die dessen selektive Koop\u00adtation ehemaliger Gegner mit Misstrauen verfolgen. Die Angst vor einem Macht\u00adverlust, der eine kollektive Vergeltung an den Zaghawa nach sich ziehen k\u00f6nnte, hemmt zwar die Zentrifugalkr\u00e4fte unter den konkurrierenden Fraktionen. Doch um sich im Amt zu halten, muss D\u00e9by bewei\u00adsen, dass die Herrschaft dieser Milit\u00e4relite mit ihm gesichert ist \u2013 was seinen Hand\u00adlungsspielraum stark ein\u00adschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Die Kooptation einzelner Oppositioneller steht in <a href=\"https:\/\/issafrica.org\/iss-today\/chads-long-road-to-reconciliation\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kontinuit\u00e4t<\/a> mit dem Herrschaftsstil Idris D\u00e9bys. \u00c4mter in Regierung und Ver\u00adwaltung werden immer wieder neu verteilt, die Dominanz der Kernelite aber bleibt konstant. Die nominelle Beteiligung von Opponenten verleiht dieser Herrschaft Legi\u00adtimit\u00e4t; zugleich spaltet sie Opposi\u00adtions\u00adparteien und Rebellengruppen, deren F\u00fch\u00adrer sich als k\u00e4uflich erweisen und so an Glaubw\u00fcrdigkeit einb\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Ob dieses Modell die dynastische Macht\u00fcbernahme sichern kann, ist fraglich. Bei gleichbleibenden staatlichen Ressourcen schafft die Einbindung zus\u00e4tzlicher Akteure notgedrungen Unzufriedene unter den eta\u00adblierten Eliten. Zudem haben sich die wich\u00adtigsten Oppositionskr\u00e4fte bisher resistent gegen\u00fcber Kooptationsversuchen gezeigt.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Unter den zivilen Kr\u00e4ften sind dies die Transformateurs und Wakit Tamma. Be\u00adm\u00fchungen westlicher Diplomaten, eine Ein\u00adbindung der Transformateurs zu er\u00adreichen, indem Succ\u00e8s Masras zum Premier\u00administer einer Einheitsregierung ernannt wird, scheiterten an den Maximalforderungen Masras und dem Widerstand von Hard\u00adlinern in der milit\u00e4rischen Kernelite. Seit\u00addem setzen die Transformateurs und Wakit Tamma auf den Druck der Stra\u00dfe und inter\u00adnationaler Akteure: Sie waren es, die die Proteste vom 20.\u00a0Oktober organisierten, deren Niederschlagung sie nun zur weiteren Mobilisierung und zur internationalen De\u00adlegitimierung des Regimes zu nutzen ver\u00adsuchen. Allerdings fl\u00fcchtete Masra nach dem 20. Oktober ins Ausland, und es bleibt abzuwarten, ob er auch von dort weiter Menschen auf die Stra\u00dfe bringen kann.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Auch unter den bewaffneten Opposi\u00adtions\u00adkr\u00e4ften bleiben die wichtigsten un\u00adnach\u00adgiebig \u2013 insbesondere FACT. Dies liegt einerseits an den Forderungen der Organisation nach einer substantiellen politischen \u00d6ffnung des tschadischen Regierungs\u00adsystems, andererseits daran, dass die Hin\u00adder\u00adnisse f\u00fcr eine Auss\u00f6hnung mit FACT gr\u00f6\u00dfer sind als mit anderen Gruppen: Idris D\u00e9by war w\u00e4hrend einer FACT-Offensive get\u00f6tet worden, und das Regime h\u00e4lt zahlreiche K\u00e4mpfer der Gruppe gefangen. W\u00e4hrend der Verhandlungen in Katar hatte FACT relativ vers\u00f6hnliche T\u00f6ne angeschlagen. Die Verl\u00e4ngerung des \u00dcbergangsprozesses und die gewaltsame Repression der Demonstrationen vom 20.\u00a0Oktober d\u00fcrften dagegen den Bef\u00fcrwortern des bewaffneten Kampfs unter den Rebellen in die H\u00e4nde spielen.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Mobilisierungsdynamiken<\/p>\n<p>Die politischen Bedingungen, die die erste \u00dcbergangsphase kennzeichneten und eine dynastische Nachfolge als gangbaren Weg erscheinen lie\u00dfen, sollten nicht als gegeben betrachtet werden. Die vorsichtige \u00d6ffnung des politischen Raumes in dieser Phase hat Mobilisierungsdynamiken in Gang gesetzt, die schwer r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind und die Steuerung der weiteren Entwicklung schon bald erschweren k\u00f6nnten. Mehrere Faktoren der \u00dcbergangssituation beg\u00fcnstigen eine identit\u00e4tspolitische Mobilisierung. Erstens ist in der tschadischen \u00d6ffentlichkeit seit dem Tod Idris D\u00e9bys die Wahrnehmung entstanden, dass die staatliche Zentralmacht <a href=\"https:\/\/issafrica.org\/iss-today\/chads-political-transition-lags-behind-deadline\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">geschw\u00e4cht<\/a> ist. Zweitens hat die Transition grundlegende Fragen wie jene \u00fcber die Staatsform aufgeworfen und die offene Diskussion dar\u00fcber erleichtert. Drittens bringt sie eine H\u00e4ufung von Ver\u00adteilungskonflikten mit sich, wie sich an der Bildung von zwei Regie\u00adrungen innerhalb von achtzehn Monaten oder an der Sitz\u00adverteilung im Pr\u00e4-Dialog, im \u00dcbergangsrat und im Nationalen Dialog ablesen l\u00e4sst. Viele der damit verbundenen Kontroversen drehen sich um die \u2013 vermeintlich oder tats\u00e4chlich \u2013 unzureichende Repr\u00e4senta\u00adtion einzelner Regionen und Bev\u00f6lkerungsgruppen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Zu den Dynamiken, die sich in der Tran\u00adsitionsphase entwickelt haben, geh\u00f6rt das neue Ph\u00e4nomen der Proteste. Seit der Gr\u00fcn\u00addung der Transformateurs 2018 und vor allem seit dem Tod D\u00e9bys hat Succ\u00e8s Masra eine f\u00fcr den Tschad bisher au\u00dfer\u00adgew\u00f6hn\u00adliche Mobilisierungsf\u00e4higkeit bewiesen. Masra gelingt es, \u00e4rmere, marginalisierte Bev\u00f6lkerungsteile, deren Zorn sich auf die Korruption und Misswirtschaft der herr\u00adschenden Eliten richtet, auf die Stra\u00dfe zu bringen. Allerdings handelt es sich bei denjenigen, die seinen Aufrufen folgen, vor\u00a0allem um Bewohner jener Stadtviertel N\u2019Djamenas, in denen s\u00fcdliche Bev\u00f6lkerungsgruppen \u00fcberwiegen, und einiger St\u00e4dte der s\u00fcdlichen Provinz. Diese iden\u00adtit\u00e4re Dimension wird vom Regime, zuneh\u00admend aber auch von Masra selbst betont und droht eine alte Konfliktlinie wieder\u00adzubeleben. Dagegen hat Masra \u2013 der gute Beziehungen zu westlichen Botschaften unterh\u00e4lt \u2013 es bislang dezidiert vermieden, den weitverbreiteten Unmut \u00fcber die fran\u00adz\u00f6sische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Mahamat D\u00e9by f\u00fcr seine Zwecke zu nutzen. Unter Betei\u00adligung von Wakit Tamma kam es im Mai 2022 zu mehreren Demonstrationen mit dem Slogan \u00bbFrankreich raus\u00ab. Deren Teil\u00adnehmer rekrutierten sich nicht zuletzt aus der gro\u00dfen Gruppe der arabischsprachigen Hochschulabsolventen, die sich bei der Besetzung von Stellen in der Verwaltung benachteiligt sehen. Antifranz\u00f6sische Posi\u00adtionen, die derzeit im frankophonen Afrika rapiden Zulauf erhalten, k\u00f6nnten im Tschad zuk\u00fcnftig noch wesentlich mehr Resonanz finden, als dies bisher der Fall war.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Identit\u00e4tspolitisch aufgeladene Konflikte zeichnen sich auch bei zwei weiteren The\u00admen ab. Erstens werden die Forderungen lauter nach dem Wechsel zu einem f\u00f6dera\u00adlen System. Zwar \u00e4u\u00dfern sich mittlerweile auch Vertreter von Provinzen im Norden und Zentrum des Landes in diesem Sinne. Mit dem gr\u00f6\u00dften Nachdruck wird dieses Ziel jedoch im S\u00fcden artikuliert, wo die Perzeption politischer Marginalisierung durch ein von \u00bbn\u00f6rdlichen\u00ab Gruppen domi\u00adniertes Regime besonders ausgepr\u00e4gt ist. Hinzu kommt hier eine tief im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankerte Erfahrung von Re\u00adpression durch \u00bbn\u00f6rdlich\u00ab gepr\u00e4gte Armeen unter den Pr\u00e4sidenten Hiss\u00e8ne Habr\u00e9 und Idris D\u00e9by. Auch das zweite Konfliktfeld l\u00e4sst sich nur allzu leicht in das Schema eines vermeintlichen Nord-S\u00fcd-Antagonis\u00admus einpassen: die <a href=\"https:\/\/www.crisisgroup.org\/africa\/central-africa\/chad\/284-eviter-la-reprise-des-violences-communautaires-lest-du-tchad\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Auseinandersetzungen<\/a> zwischen Viehz\u00fcchtern und Ackerbauern im S\u00fcden und Osten des Landes. Zu solchen Streitigkeiten kommt es zwar schon seit etwa zwei Jahrzehnten immer h\u00e4ufiger. In der \u00f6ffent\u00adlichen Wahr\u00adnehmung haben Ausma\u00df und Frequenz aber seit dem Tod D\u00e9bys zugenommen. Vertreter der Milit\u00e4r- und Regierungselite sind oft in diese Kon\u00adflikte verwickelt, da sie Eigent\u00fcmer gro\u00dfer Herden sind oder in Bodenbesitz investieren. Die Auseinandersetzungen treiben eine wechselseitige Dynamik der Bewaffnung an. Unter Ackerbauergemeinschaften bef\u00f6r\u00addern sie einen Diskurs, der arabische Vieh\u00adz\u00fcchter als Ausl\u00e4nder und Neuank\u00f6mm\u00adlinge stigmatisiert. Unter Letzteren greift dagegen die Ideologie arabischer Vorherrschaft um sich, die im benachbarten Darfur eine fatale Rolle gespielt hat. Die dortigen paramilit\u00e4rischen Rapid Support Forces haben massiv unter tschadischen Arabergruppen rekrutiert.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Der Faktor Frankreich<\/p>\n<p>Trotz der Dynamiken, die sich in der \u00dcber\u00adgangsphase entwickelt haben, befand sich die tschadische F\u00fchrung bisher in einer relativ komfortablen Verhandlungsposition gegen\u00fcber der zivilen wie auch der bewaff\u00adneten Opposition. Dies ist vor allem auf zwei Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren: die franz\u00f6\u00adsische Milit\u00e4rpr\u00e4senz und den Mangel an Unterst\u00fctzung tschadischer Rebellen durch andere Staaten.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Das franz\u00f6sische Kontingent im Tschad kommt einer Sicherheitsgarantie f\u00fcr das D\u00e9by-Regime gleich. Im Februar 2019 <a href=\"https:\/\/www.crisisgroup.org\/africa\/central-africa\/chad\/au-tchad-lincursion-des-rebelles-devoile-les-fragilites-du-pouvoir\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">bom\u00adbardierten<\/a> franz\u00f6sische Kampfjets eine aus Libyen eingefallene Rebellenkolonne, als die tschadische Armee mit der Abwehr z\u00f6gerte. W\u00e4h\u00adrend des FACT-Angriffs 2021 leistete Frank\u00adreich <a href=\"https:\/\/polaf.hypotheses.org\/8884\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Aufkl\u00e4rung<\/a> und logis\u00adtische Unterst\u00fctzung, die entscheidend zur Niederlage der Rebellen beitrugen. Seit dem Tod Idris D\u00e9bys hat Macron wiederholt ver\u00adsichert, dass Frankreich der \u00bbterritorialen Integrit\u00e4t\u00ab des Tschad verpflichtet sei. Der Grund f\u00fcr diesen umf\u00e4nglichen Beistand war in den letzten Jahren einerseits die Stationierung des Hauptquartiers der fran\u00adz\u00f6sischen Milit\u00e4roperation Barkhane im Tschad, andererseits der wichtige Beitrag tschadischer Milit\u00e4reinheiten zur VN-Opera\u00adtion MINUSMA in Mali. Seit dem Abzug franz\u00f6sischer Truppen aus Mali d\u00fcrfte in Paris die Bef\u00fcrchtung an erster Stelle stehen, die Aufk\u00fcndigung der Sicherheitsgarantie k\u00f6nnte eine rapide Destabilisierung des Tschad selbst zur Folge haben. Das wiede\u00adrum w\u00fcrde sich auf die gesamte Region auswirken \u2013 auch auf das Nachbarland Niger, einen wichtigen Partner Frankreichs und anderer westlicher Staaten.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Aufgrund dieser franz\u00f6sischen Rolle war das Mobilisierungspotential f\u00fcr tschadische Rebellenbewegungen, die im benachbarten Libyen oder der Zentralafrikanischen Repu\u00adblik Zuflucht gesucht haben, seit dem Tod D\u00e9bys begrenzt. Gr\u00f6\u00dferen Zulauf k\u00f6nnten die bewaffneten Gruppen sowohl dann be\u00adkommen, wenn die zivilpolitischen Spiel\u00adr\u00e4ume begrenzt werden, als auch dadurch, dass sie ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung erhal\u00adten. F\u00fcr Letzteres k\u00e4me etwa Russland in Frage, dessen Gruppe Wagner sowohl im S\u00fcden Libyens als auch in der Zentral\u00adafrika\u00adnischen Republik pr\u00e4sent ist. Dessen un\u00adgeachtet d\u00fcrften beide L\u00e4nder den tscha\u00addischen Rebellen aufgrund schwacher bzw. fehlender staatlicher Kontrolle weiter R\u00fcck\u00adzugsgebiete und Basen bieten.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Ausblick<\/p>\n<p>Bislang war der innenpolitische Widerstand gegen eine dynastische Nachfolge nicht stark genug, um die tschadische F\u00fchrung zu Verhandlungen zu zwingen und eine von oben gesteuerte Transition unm\u00f6glich zu machen. Auch von Seiten der AU und westlicher Staaten ging bisher kein nen\u00adnenswerter Druck aus, um einen verhandel\u00adten \u00dcbergangsprozess in Gang zu bringen. Ver\u00adsuche des Regimes, neue Oppositionsbewegungen und politische Debatten durch Repression zu ersticken, k\u00f6nnten jedoch die weitere Mobilisierung vorantreiben. Damit verbunden droht eine iden\u00adtit\u00e4tspolitische Polarisierung, die auch durch Konflikte in den Provinzen Auftrieb erhalten k\u00f6nnte. Eine solche Entwicklung k\u00f6nnte Verhandlungen schon bald unausweichlich machen, zugleich aber ihre Voraussetzungen ver\u00adschlechtern. Ein entsprechendes Szenario w\u00e4re wahrscheinlich auch mit der weiteren Ausbreitung und Verh\u00e4r\u00adtung antifranz\u00f6sischer Positionen verkn\u00fcpft. Denn die \u00fcber\u00adwiegende Mehrheit der politischen Akteure sieht in der franz\u00f6sischen Unterst\u00fctzung der tschadischen F\u00fchrung den Hauptgrund f\u00fcr deren Unnachgiebigkeit. So k\u00f6nnte die franz\u00f6sische Milit\u00e4rpr\u00e4senz, obwohl sie den Tschad sicherheitspolitisch stabilisiert, \u00fcber kurz oder lang politisch unhaltbar werden.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Doch auch ein alternatives Szenario, bei dem wachsender Druck von innen und au\u00dfen die herrschende Elite zwingt, mit Oppositionskr\u00e4ften \u00fcber eine substantielle Mit\u00adsprache zu verhandeln, w\u00e4re mit dem Risiko einer Destabilisierung verbunden. Eine verhandelte Transition w\u00fcrde zweifel\u00adlos intensive Machtk\u00e4mpfe ausl\u00f6sen \u2013 so\u00adwohl unter den etablierten Eliten als auch zwischen ihnen und den neuen populistischen Kr\u00e4ften. Das Potential f\u00fcr Mobilisierung und identit\u00e4re Polarisierung w\u00e4re noch gr\u00f6\u00dfer. Eine fragile Machtteilung in N\u2018Djamena d\u00fcrfte eine Schw\u00e4chung der staatlichen Zentralmacht zur Folge haben, was eine Eskalation der Konflikte in den Pro\u00advinzen nach sich ziehen k\u00f6nnte. Teile der Milit\u00e4relite k\u00f6nnten auf einen drohenden Machtverlust mit einem Putsch reagie\u00adren und nach Alternativen f\u00fcr ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung suchen, wobei auch in die\u00adsem Fall Russland naheliegen w\u00fcrde. Dass die Herrschaftselite die Macht ohne hefti\u00adgen Widerstand abgibt, ist jedenfalls nicht zu erwarten.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Nicht nur aufgrund solcher Szenarien ist es unwahrscheinlich, dass Frankreich st\u00e4r\u00adkeren Druck aus\u00fcben wird, um die tscha\u00addische F\u00fchrung zu gr\u00f6\u00dferen Zugest\u00e4ndnissen gegen\u00fcber der Opposition zu bewegen. Auch die Erfahrung Frankreichs mit dem eigenen Einflussverlust in der Zentralafrikanischen Repu\u00adblik und Mali d\u00fcrfte dem entgegenstehen. Drohungen mit einer K\u00fcr\u00adzung finanzieller oder milit\u00e4rischer Unter\u00adst\u00fctzung, so das Pariser Kalk\u00fcl, k\u00f6nnten Teile der Herrschaftselite in die Arme ande\u00adrer M\u00e4chte \u2013 wie China oder Russland \u2013 treiben.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Dagegen w\u00e4re es sowohl im l\u00e4ngerfristigen Interesse Deutschlands als auch im Sinne einer wertegeleiteten Au\u00dfenpolitik, die deutsche Position st\u00e4rker von der Politik Frankreichs abzugrenzen und auch auf europ\u00e4ischer Ebene f\u00fcr eine kritischere Haltung zu werben. Um Signale gegen eine Intensivierung der Repression zu senden, k\u00f6nnte etwa die Konditionierung euro\u00adp\u00e4ischer Budgethilfe in Betracht gezogen werden. Die Reaktion internationaler Ak\u00adteure spielt in den Erw\u00e4gungen der tscha\u00addischen F\u00fchrung, wie hart sie gegen die Opposition vorgehen kann, durchaus eine Rolle. Hier k\u00f6nnte Deutschland, im Ver\u00adbund mit europ\u00e4ischen Partnern, deut\u00adlichere Akzente setzen, um weiteren Gewalt\u00adexzessen vorzubeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit dem gewaltsamen Tod von Pr\u00e4sident Idris D\u00e9by im April 2021 versucht die herr\u00adschende Elite im Tschad, ihre&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4529,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[242],"tags":[112,365,110,113,109,108,364,114,111],"class_list":{"0":"post-4528","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-tschad","8":"tag-aussenpolitik","9":"tag-chad","10":"tag-deutsches-institut-fuer-internationale-politik-und-sicherheit","11":"tag-sicherheitspolitik","12":"tag-stiftung-wissenschaft-und-politik","13":"tag-swp","14":"tag-tschad","15":"tag-unabhaengiges-forschungsinstitut","16":"tag-wissenschaftliche-politikberatung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116435866276420276","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4528"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4528\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}