{"id":47021,"date":"2026-08-17T16:54:29","date_gmt":"2026-08-17T16:54:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47021\/"},"modified":"2026-08-17T16:54:29","modified_gmt":"2026-08-17T16:54:29","slug":"in-ceuta-waechst-der-frust-ueber-die-regierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47021\/","title":{"rendered":"In Ceuta w\u00e4chst der Frust \u00fcber die Regierung"},"content":{"rendered":"<p>Ein erneuter Andrang von Fl\u00fcchtenden auf die spanische Exklave Ceuta ist an diesem Wochenende ausgeblieben. Nachdem vor zwei Wochen rund 72.000 Migranten die Grenze von Marokko aus \u00fcberschritten hatten, waren Meldungen im Internet \u00fcber eine \u00d6ffnung der Grenze am 15. August aufgekommen. Spanien und vor allem Marokko hatten vorab massiv die Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Marokko hatte Dutzende Polizeiwagen und Beamte an die Grenze verlegt, Spanien stationierte am Samstagnachmittag mehrere Transportpanzer direkt am Grenz\u00fcbergang. Mehrere Hundert Migranten sollen trotz des gro\u00dfen Polizei- und Milit\u00e4raufgebots am Samstag versucht haben, sich vom Stadtrand der marokkanischen Grenzstadt Fnideq Richtung Grenze zu begeben. Aufnahmen zeigten dutzende Menschen, die einen H\u00fcgel etwa eineinhalb Kilometer von der Grenze hinaufsteigen. Laut Medienberichten wurden die Gefl\u00fcchteten, die zum Gro\u00dfteil aus Subsahara-Afrika stammen sollen, zum Teil mit Hubschraubern und Pfefferspray zur\u00fcckgetrieben.<\/p>\n<p>Bilder wie vor zwei Wochen, als Ceuta im Chaos versank, blieben an diesem Wochenende aus. F\u00fcr die Bewohner der Halbinsel ist das Thema aber nicht vorbei. CORRECTIV hat mit B\u00fcrgern, Polizisten sowie \u00c4rzten und Vertretern von Hilfsorganisationen gesprochen. Zu Wort kommen auch die Fl\u00fcchtlinge selbst, von denen sich noch einige Tausend in der Stadt aufhalten. Nur wenige wollen ihre Aussagen mit Nachnamen ver\u00f6ffentlicht sehen, da sie Sanktionen bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Viele f\u00fchlen sich von der Regierung alleingelassen. Fragen, wie mit den in Ceuta verbliebenen Migranten umgegangen werden soll, sind ungekl\u00e4rt. Streitthemen sind die hygienischen Zust\u00e4nde und die Gesundheitsversorgung sowie die Sicherheit.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-285398\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/fnideq-marokko-samstag.jpg\" alt=\"\" width=\"1238\" height=\"826\"  \/>Migranten versammeln sich auf einem H\u00fcgel, w\u00e4hrend sie am Samstag, dem 15. August 2026, versuchen, von der Grenzstadt Fnideq in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen. Quelle: STR \/ AP Photo \/ Picture Alliance.<\/p>\n<p>Josefa* ist eine \u00e4ltere Dame, die in Ceuta wohnt. Sie ruht sich auf einer Bank aus, neben ihr liegt ihr Gehstock. Jeden Tag rufe ihre Familie vom spanischen Festland besorgt an, ob alles in Ordnung sei. Sie macht sich Sorgen. Sie ist w\u00fctend \u00fcber die Regierung: \u201eIch glaube, sie wollen das in Ordnung bringen, aber man sieht es noch nicht\u201c.<\/p>\n<p>Die Frau verweist auf das Thema Sicherheit. Einige Familien h\u00e4tten ihre T\u00f6chter zu Verwandten geschickt. \u201eIm Zentrum sieht man ja, dass alles sehr sch\u00f6n ist.\u201d Anders sehe es auf dem Land und in den Vororten aus. Hilfe vom Staat vermisst sie. Minister und Pr\u00e4sidenten k\u00e4men f\u00fcr Fotos nach Ceuta und verschw\u00e4nden wieder. \u201eNichts ist gel\u00f6st\u201c, sagt Josefa.<\/p>\n<p>Die Gefl\u00fcchteten t\u00e4ten ihr leid, sie habe selbst Kinder und k\u00f6nne sich diese in einer \u00e4hnlichen Situation vorstellen. Sie gebe ihnen manchmal Geld oder Essen, die Versorgung von Hilfsorganisationen und Vereinen reiche anscheinend nicht aus.<\/p>\n<p>Am Sonntag besuchte Gesundheitsministerin M\u00f3nica Garc\u00eda die Exklave. Vor dem Geb\u00e4ude der Regierungsvertretung in Ceuta versammelten sich am fr\u00fchen Nachmittag einige w\u00fctende B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die offenbar die Politikerin konfrontieren wollten. Als die Ministerin in ein Auto steigen will, wird sie ausgebuht.<\/p>\n<p>Yaumara Socarras ist nach eigener Aussage \u00c4rztin im Krankenhaus der Stadt. Umringt von Menschen und Pressevertrern kritisiert sie, dass die Ministerin erst jetzt gekommen ist, und nicht in den Tagen direkt nach der Massen\u00fcberquerung. Heute, f\u00fcr den Besuch, sei die Stadt sauber gemacht worden, sagt Socarras.<\/p>\n<p>\u201eDie Zentralregierung macht nichts, und die lokale noch weniger!\u201c, erkl\u00e4rt ein Mann, der neben Socarras steht, in die Kameras und Mikrofone. Er sei ebenfalls Notarzt. \u201eEs gibt einen Epidemie-Ausbruch mit Fieber, Durchfall und Erbrechen\u201c, und die Stadt untersuche nicht, woher die Infektionen stammten. Das Gesundheitssystem von Ceuta ist nach Darstellung der Mediziner \u00fcberlastet.<\/p>\n<p>Ministerin Garc\u00eda weist dies zur\u00fcck: Sie sagte am Sonntag laut Medienberichten, dass es nicht wahr sei, dass das Gesundheitssystem in Ceuta zusammengebrochen sei. Es stehe aber unter Spannung, wird die Ministerin zitiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-285400\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/playa-trampolin.jpg\" alt=\"\" width=\"2160\" height=\"1793\"  \/>Am Playa del Trampolin in Ceuta kampieren Gefl\u00fcchtete, die vor allem aus Subsahara-Afrika gekommen sein sollen, in behelfsm\u00e4\u00dfigen Behausungen oder unter dem freien Himmel. Quelle: Max Bernhard \/ CORRECTIV.<\/p>\n<p>Alvaro* arbeitet am Playa del Trampolin f\u00fcr die Stadtreinigungsbetriebe von Ceuta. Er sch\u00e4tzt, dass hier mindestens 1.000 Menschen leben. Die Gefl\u00fcchteten hier am Strand sollen vor allem aus Subsahara-Afrika stammen. Sie leben dort in behelfsm\u00e4\u00dfigen Behausungen oder unter dem freien Himmel.<\/p>\n<p>Einer von ihnen ist Mohammed Issa. Am Playa del Trampolin lehnt der 20-J\u00e4hrige an einen Felsblock nahe der improvisierten Unterk\u00fcnfte. Er sagt, er sei vor dem Konflikt im Sudan geflohen. Nach eigenen Worten ist er durch Libyen und Algerien nach Marokko gekommen. Ende Juli habe er dann geh\u00f6rt, dass die Grenze offen sei und sei dann nach Ceuta gekommen. Einen Asylantrag konnte er noch nicht stellen.<\/p>\n<p>Nach Angaben des spanischen Innenministeriums sind nach dem Massenandrang vor zwei Wochen die meisten Migranten nach Marokko zur\u00fcckgekehrt. Einige Tausend campieren an dem Strand sowie in einem Industriegebiet nahe der Grenze und vereinzelt quer durch die Stadt verteilt. In den Schengenraum sei kein Migrant weitergereist, sagt ein Sprecher des Innenministeriums.<\/p>\n<p>Die in Ceuta verbliebenen Fl\u00fcchtlinge \u00fcberlasten das System. Hilfsorganisationen kritisieren, dass sie von der Lokalregierung alleine gelassen werden. Essen, Wasser und Unterkunft werden zum gro\u00dfen Teil durch Vereine organisiert. Die Stadt selbst mache kaum etwas, so die Kritik.<\/p>\n<p>Auch wenn die Hilfsbereitschaft gro\u00df ist, schl\u00e4gt gelegentlich die Stimmung um: Die Hilfsorganisation Media Luna Blanca (Wei\u00dfer Halbmond) musste die Versorgung bei einer Moschee nach Beschwerden von Nachbarn auf andere Standorte verteilen. Ein Nachbarschaftsverein, der unbegleiteten M\u00e4dchen und Frauen mit Kindern Obhut gibt, musste eine Unterkunft verlegen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-285402\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/principe-jungen.jpg\" alt=\"\" width=\"1103\" height=\"756\"  \/>Gefl\u00fcchtete Jungen schlafen im Stadtteil El Principe unter freiem Himmel. Quelle: Max Bernhard \/ CORRECTIV.<\/p>\n<p>Nadia, tr\u00e4gt Kopftuch, m\u00f6chte nicht sagen, wie alt sie ist. Sie ist Altenpflegerin, die gerade mit einer \u00e4lteren Dame durch die Innenstadt spaziert. \u201eDie Menschen haben Angst, es sind viele Menschen gekommen.\u201d Bei fr\u00fcheren Fl\u00fcchtlingswellen habe man versucht, den Menschen zu helfen. \u201eJetzt sind es einfach zu viele\u201c, sagt Nadia.<\/p>\n<p>Die Frage ist nun, wie es mit den Fl\u00fcchtlingen weitergeht, die sich in Ceuta aufhalten. Minderj\u00e4hrige k\u00f6nnte Spanien nach einer Gesetzes\u00e4nderung vom M\u00e4rz 2025 auf das Festland bringen und ihnen Asyl gew\u00e4hren. Erwachsene beabsichtigt die Regierung in Madrid nicht auf der iberischen Halbinsel aufzunehmen. Von den irregul\u00e4ren Migranten solle niemand auf das Festland kommen d\u00fcrfen, sagt der Sprecher des Innenministeriums.<\/p>\n<p>Ceuta ist immer wieder Ziel von Fl\u00fcchtlingen geworden, wenn auch nicht in dem Umfang wie im Juli dieses Jahres. Ein Lokalpolizist, der anonym bleiben will, glaubt, dass die Menschen mit der Situation \u00fcberfordert sind. \u201eDiese Situation ist f\u00fcr uns nicht neu, das haben wir schon 2021 erlebt, aber damals waren es nicht so viele Menschen wie dieses Mal.\u201d Damals waren rund 8.000 Migranten nach Ceuta gekommen.<\/p>\n<p>Die Stadt sei schon immer sehr solidarisch gewesen, aber was im Juli passiert sei, habe alle Grenzen gesprengt, sagt der Polizist. Ein Passant mischt sich in das Gespr\u00e4ch ein und bemerkt: \u201eEs ist nicht dasselbe, ob 450, 500 oder 1000 Menschen kommen oder 70.000, 80.000, wie es nun der Fall war\u201c.<\/p>\n<p>Der Andrang von fl\u00fcchtenden Menschen vor zwei Wochen besch\u00e4ftigt die B\u00fcrger von Ceuta. \u201eDer Schock vom Anfang ist enorm,\u201c sagt der Polizist. \u201eWir sind, ehrlich gesagt, nicht darauf vorbereitet, so viele Menschen aufzunehmen.\u201d Am Geld liege es nicht. Und er schiebt noch einmal nach: \u201cWir sind nicht darauf vorbereitet.\u201c<\/p>\n<p>*Die Personen wollten ihren Nachnamen nicht ver\u00f6ffentlicht sehen oder anonym bleiben.<\/p>\n<p>Redigatur und Faktencheck: Marcus Bensmann, Martin Murphy<\/p>\n<p>CORRECTIV im Postfach<\/p>\n<p class=\"has-greyscale-100-color has-text-color has-link-color wp-elements-6cf9f66b5be7ba45f9e9ad942184ddc6 wp-block-paragraph\">Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser k\u00f6nnen. T\u00e4glich im CORRECTIV Spotlight.<\/p>\n<p style=\"font-family: 'Source Sans Pro', sans-serif; font-weight: 12; font-size: 12px; color: #FFFFFF; line-height: 1.4; margin: 0;\">\n  \u24d8<br \/>\n Mit der Anmeldung willigen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten gem\u00e4\u00df unserer <a href=\"https:\/\/correctiv.org\/kontakt\/datenschutz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" style=\"color: #FFFFFF; text-decoration: underline;\" data-wpel-link=\"internal\"><br \/>\n    Datenschutzerkl\u00e4rung<br \/>\n <\/a>  ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein erneuter Andrang von Fl\u00fcchtenden auf die spanische Exklave Ceuta ist an diesem Wochenende ausgeblieben. 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