{"id":47721,"date":"2026-08-21T06:27:08","date_gmt":"2026-08-21T06:27:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47721\/"},"modified":"2026-08-21T06:27:08","modified_gmt":"2026-08-21T06:27:08","slug":"kamerun-1986-als-die-mutter-aufwachte-lagen-drei-ihrer-vier-toechter-tot-neben-ihr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47721\/","title":{"rendered":"Kamerun 1986: Als die Mutter aufwachte, lagen drei ihrer vier T\u00f6chter tot neben ihr"},"content":{"rendered":"<p>Der Tod kam geruchlos und unsichtbar: Am 21. August 1986 gab ein Vulkansee in Kamerun gewaltige Mengen giftigen Gases frei. Fast 1800 Menschen starben, bevor sie erkennen konnten, dass sie in Lebensgefahr schwebten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/naturkatastrophen\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/naturkatastrophen\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ungl\u00fcck<\/a> begann mit einem dumpfen Grollen. Am 21. August 1986, einem Donnerstag, gegen 21.30 Uhr Ortszeit polterte es auf einmal rund um den See Nyos (manchmal auch Nios geschrieben) im Nordwesten Kameruns, nahe der Grenze zu Nigeria. Rasch verbreitete sich ein fauliger Gestank. Manche Einheimische um den mit Wasser gef\u00fcllten Krater im Vulkangebiet Oku sahen darin m\u00f6glicherweise ein Zeichen. Denn in ihrem Aberglauben hielten die St\u00e4mme der Region Aktivit\u00e4ten des Kraters f\u00fcr Ehrbezeugungen, die G\u00f6tter ihren toten H\u00e4uptlingen darbrachten. <\/p>\n<p>Die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.vulkane.net\/vulkane\/a-z\/nyos\/nyos.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.vulkane.net\/vulkane\/a-z\/nyos\/nyos.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Realit\u00e4t<\/a> war prosaischer: Viele Menschen rund um den See, der zu einer tausend Kilometer langen Kette \u00fcberwiegend erloschener Vulkane geh\u00f6rt, bekamen stechendes Augenbrennen, qu\u00e4lende Kopfschmerzen; ihnen wurde schwindelig. Dann fielen buchst\u00e4blich Hunderte tot um \u2013 sie waren erstickt. Insgesamt mindestens 1746 Menschen starben; au\u00dferdem verendeten 3500 Nutztiere. Eine r\u00e4tselhafte Naturkatastrophe. <\/p>\n<p>Kameruns Informationsminister George Ngango best\u00e4tigte zun\u00e4chst den Tod von (\u201enur\u201c) 40 Menschen und sprach von \u201eSchwefelwasserstoff\u201c, der in riesigen Mengen aus dem an sich erloschenen Vulkankrater gestr\u00f6mt sei. Europ\u00e4ische Fachleute hielten von dieser Erkl\u00e4rung nichts. Der franz\u00f6sische Vulkanologe Haroun Tazieff erkl\u00e4rte Pariser Medien: \u201eSchwefelwasserstoff ist leichter als Luft, kann sich schnell verfl\u00fcchtigen. Eine so hohe Zahl von Opfern ist dann nicht denkbar.\u201c Au\u00dferdem riechen Schwefelverbindungen stechend, \u201ewie faule Eier\u201c \u2013 davor h\u00e4tten sich viele Menschen wohl noch in Sicherheit bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Freiburger <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.minpetro.uni-freiburg.de\/team\/keller\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.minpetro.uni-freiburg.de\/team\/keller&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Vulkanologe J\u00f6rg Keller<\/a> sagte gegen\u00fcber WELT, es habe sich nicht um einen \u201etypischen Vulkanausbruch\u201c mit dem Austritt von gl\u00fchend hei\u00dfem Magma und Asche gehandelt. Vielmehr sei wohl am Boden des Kraters eine Gasblase entstanden, deren Druck schlie\u00dflich so stark geworden sei, dass sie durch das Wasser aufstieg und sich schlagartig in die Atmosph\u00e4re entlud. Bei einem (nach vulkanologischen Ma\u00dfst\u00e4ben) geringen bis mittleren Druck w\u00fcrden die Gase nicht kilometerhoch in die Atmosph\u00e4re bef\u00f6rdert, sondern lediglich \u00fcber die n\u00e4here Umgebung des Eruptionsortes.<\/p>\n<p>Es habe sich vorwiegend um <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/plus164119405\/Jeder-Vulkanausbruch-ist-schlimmer-als-Millionen-Diesel.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/plus164119405\/Jeder-Vulkanausbruch-ist-schlimmer-als-Millionen-Diesel.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kohlendioxid<\/a> gehandelt. Da dieses Gas schwerer ist als die \u00fcbliche Mischung der Atmosph\u00e4re aus (vorwiegend) knapp vier F\u00fcnfteln Stickstoff und einem F\u00fcnftel Sauerstoff, sank das CO\u2082 zu Boden und nahm den hier lebenden Menschen buchst\u00e4blich die Luft zum Atmen. Kohlendioxid ist v\u00f6llig geruchlos; Menschen sp\u00fcren das t\u00f6dliche Gift erst, wenn es zu sp\u00e4t ist. <\/p>\n<p>Einen pl\u00f6tzlichen Austritt gro\u00dfer Mengen CO\u2082 nannte auch der Hamburger Mineraloge Dieter Jung auf WELT-Anfrage als wahrscheinlichste Erkl\u00e4rung. Das Gas entsteht im Erdmantel; in gr\u00f6\u00dferen Tiefen bleibt es zun\u00e4chst im Magma gel\u00f6st, das unter hohem Druck steht. Steigt dieses fl\u00fcssige Gestein Richtung Erdoberfl\u00e4che auf, nimmt jedoch der Druck ab \u2013\u00a0es bilden sich gr\u00f6\u00dfere Gasblasen. Diese k\u00f6nnen beim pl\u00f6tzlichen Entweichen an die Erdoberfl\u00e4che heftige Eruptionen verursachen, wie sie immer wieder bei gew\u00f6hnlichen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/gallery111085801\/Vulkan-Ausbrueche-die-die-Geschichte-veraenderten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/gallery111085801\/Vulkan-Ausbrueche-die-die-Geschichte-veraenderten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vulkanausbr\u00fcchen<\/a> beobachtet werden. Aber auch andere Arten des Austritts sind m\u00f6glich \u2013 wie am <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20160304054010\/http:\/\/www.massey.ac.nz\/~trauma\/issues\/2011-1\/fomine.htm\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/web.archive.org\/web\/20160304054010\/http:\/\/www.massey.ac.nz\/~trauma\/issues\/2011-1\/fomine.htm&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">21. August 1986 aus dem Kratersee Nyos<\/a>.<\/p>\n<p>Das sehr seltene Ph\u00e4nomen tr\u00e4gt den wissenschaftlichen Namen limnische Eruption. Es tritt auf, wenn sich Kohlendioxid im kalten, tiefen Wasser eines (Vulkan-)Sees ansammelt und am Grund eine schwere Schicht am Grund bildet. Das Gewicht der w\u00e4rmeren, dar\u00fcber liegenden Wasserschicht wirkt zun\u00e4chst wie ein Deckel. Doch schlie\u00dflich sammelt sich so viel Gas an, dass es freigesetzt wird. Ob am 21. August 1986 im Nyos-See ein Unterwasser-Erdrutsch in die Blase hinein der Ausl\u00f6ser war, ein kleines Erdbeben oder etwas anderes, konnte nie gekl\u00e4rt werden. <\/p>\n<p>Ein Viehhirte aus Kamerun beschrieb, was fast alle Einwohner seines Dorfes das Leben kostete: \u201eWir dachten, es w\u00fcrde regnen. Ich ging hinaus und sah den Mond scheinen. Ich fragte mich, wie es ohne Wolken regnen konnte.\u201c Dann wurde er von der Kohlendioxidwolke eingeh\u00fcllt und verlor das Bewusstsein. Eine weitere \u00dcberlebende erinnert sich, dass sie \u201esehr schwer atmete und keine Kraft hatte\u201c. Dann wachte sie auf und fand drei ihrer vier T\u00f6chter tot neben sich.<\/p>\n<p>In hoher Konzentration eingeatmetes Kohlendioxid wirkt<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/bmj\/298\/6685\/1437.full.pdf\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bmj.com\/content\/bmj\/298\/6685\/1437.full.pdf&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"> in Sekunden letal<\/a>. Die Menschen in den T\u00e4lern hatten daher kaum eine Chance: \u201eNach wenigen Atemz\u00fcgen CO\u2082 verliert man die Reaktionsf\u00e4higkeit, wird bewusstlos und erstickt, wenn nicht schnell Hilfe kommt\u201c, erkl\u00e4rte Dieter Jung. <\/p>\n<p>Kameruns Pr\u00e4sident Paul Biya sprach von einem \u201enationalen Ungl\u00fcck\u201c. Er lie\u00df die Umgebung der Katastrophe, darunter die Stadt Wum mit 27.000 Einwohnern, evakuieren und erkl\u00e4rte die Region zum Katastrophengebiet. Die Bergung der Toten und der geschw\u00e4chten \u00dcberlebenden erwies sich als schwierig, weil die ganze Region nach Regenf\u00e4llen \u00fcberschwemmt war und Rettungsmannschaften in den Bergen kaum vorankamen.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig anderthalb Tage nach der Eruption traf der israelische Ministerpr\u00e4sident Schimon Peres in Kameruns Hauptstadt Jaunde zu einem Staatsbesuch ein. Kaum hatte er von der Katastrophe geh\u00f6rt, bestellte er ein medizinisches Team aus 17 Spezialisten und Hilfspersonal in sein Flugzeug; hinzu kamen Notfallausr\u00fcstungen. Auch die USA, Frankreich und Gro\u00dfbritannien mobilisierten \u00c4rzte und Ausr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Schon am 16. August 1984 hatte es in der N\u00e4he des Nyos-Sees ein \u00e4hnliches Ungl\u00fcck gegeben. Damals traten vulkanische Gase aus dem Kratersee Munum aus, zogen als \u201eNebelwolke\u201c ins Umland und erstickten in einem Dorf 35 bis 50 Menschen. <\/p>\n<p>Ein weiter \u00f6stlich gelegener und deutlich gr\u00f6\u00dferer Vulkansee, der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/wissenschaft\/article1254691\/Umwelt-Toedliche-Gase-im-See-bringen-Strom-fuer-Millionen.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/wissenschaft\/article1254691\/Umwelt-Toedliche-Gase-im-See-bringen-Strom-fuer-Millionen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Kiwu <\/a>zwischen dem Kongo und Ruanda, soll nach Sch\u00e4tzungen von Vulkanologen ungef\u00e4hr alle tausend Jahre eine limnische Eruption erleben. In seinen rund 550 Kubikkilometern Wasser sollen 225 Kubikkilometer Kohlendioxid sowie zusammen etwa 75 Kubikkilometer Methan und Schwefelwasserstoff gel\u00f6st sein. Zum Vergleich: Beim Ausbruch des Vulkans <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article6a27bb0129fcf2207deb186c\/wie-in-hiroshima-wie-ein-vulkan-die-us-army-zur-flucht-zwang.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article6a27bb0129fcf2207deb186c\/wie-in-hiroshima-wie-ein-vulkan-die-us-army-zur-flucht-zwang.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pinatubo<\/a> auf den Philippinen 1991 gelangten 42 Millionen Tonnen CO\u2082 in die Atmosph\u00e4re. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Tod kam geruchlos und unsichtbar: Am 21. 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