{"id":47751,"date":"2026-08-21T09:28:10","date_gmt":"2026-08-21T09:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47751\/"},"modified":"2026-08-21T09:28:10","modified_gmt":"2026-08-21T09:28:10","slug":"kampf-um-die-fakten-jungle-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47751\/","title":{"rendered":"Kampf um die Fakten | jungle.world"},"content":{"rendered":"<p>Tiflet, Marokko. Dieses Mal gab es keine Sensationsbilder: Etliche Accounts hatten in den sozialen Medien angek\u00fcndigt, dass am zur\u00fcckliegenden Samstag Migranten versuchen w\u00fcrden, in die von Marokko umgebene spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Es sollte eine Wiederholung der Geschehnisse <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2026\/32\/machtspiel-mit-menschenleben\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">am 30.\u2009Juli sein, an dem \u00fcber 70.000\u00a0Menschen die Grenze nach Ceuta passiert hatten<\/a>. Spanien und Marokko hatten die Sicherheitsvorkehrungen f\u00fcrs vergangene Wochenende versch\u00e4rft. Die marokkanischen Beh\u00f6rden verk\u00fcndeten schlie\u00dflich, sie h\u00e4tten 294 Menschen an der Durch\u00adreise gehindert.<\/p>\n<p>In Marokko l\u00e4sst sich der Drang nach einem besseren Leben in Europa an der Verf\u00fcgbarkeit von Taxis ablesen. Viele Menschen im Land bewegen sich t\u00e4glich in Sammeltaxis fort, weil sie kein eigenes Auto besitzen. In Tiflet, einer Stadt circa f\u00fcnfzig Kilometer \u00f6stlich der Hauptstadt Rabat, war es in den letzten Juli- und ersten Augusttagen schwierig, \u00fcberhaupt einen Sammeltaxiplatz zu ergattern. \u00bbViele Taxen sind nicht da, die sind an der Nordgrenze. Zuvor ging das Ger\u00fccht um, dort lasse sich schnelles Geld verdienen, viele fuhren daraufhin mit Leuten aus der Region los\u00ab, berichtete Khadidja*, die die H\u00e4lfte des Jahres in Frankreich lebt, der Jungle World. Offenkundig war dem Ereignis vom 30.\u2009Juli einiges vorausgegangen: Ger\u00fcchte hatten sich verbreitet, Zehntausende Menschen hatten die M\u00f6glichkeit eines Grenz\u00fcbertritts diskutiert und sich auf den gro\u00dfen Tag vorbereitet\u00a0\u2013 und das h\u00e4ufig in den sozialen Medien oder in riesigen Whatsapp-Gruppen. Nichts Vergleichbares war vergangene Woche zu beobachten gewesen.<\/p>\n<p>Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur besuchten in den Tagen nach dem 30.\u2009Juli Ceuta, um sich als Retter Spaniens in Szene zu setzen.<\/p>\n<p>Dass in einem Staat wie Marokko mit seiner intensiven polizeilichen \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung solche Vorg\u00e4nge unbeobachtet oder ohne stillschweigende Duldung geschehen, ist unwahrscheinlich. Die marokkanische Staatsmacht stellte ihre Macht in doppeltem Sinne unter Beweis\u00a0\u2013 indem sie die Grenzen kurzfristig durchl\u00e4ssig hielt, und indem sie davor und danach den Durchlass in Richtung EU-Territorium auf ihrer Seite wirkungsvoll blockierte.<\/p>\n<p>Beg\u00fcnstigt wurde der Andrang Ende Juli aber auch von der in Windeseile \u00fcber soziale Medien verbreiteten Nachricht von einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshof. Dieser urteilte, nur wer bei der Einreise in Spanien Grenzbarrieren \u00fcberwinde, k\u00f6nne ohne Pr\u00fcfung eines Aufenthalts- oder Asylgrunds zur\u00fcckgewiesen werden, nicht jedoch jeder, der \u00fcber das Wasser ankomme. Er dachte dabei wohl vor allem an die zum Staatsgebiet geh\u00f6renden Kanarischen Inseln. Verzerrt und \u00fcberformt kam dies in den sozialen Medien so her\u00fcber, als stehe damit der Weg ins EU-Gebiet offen. Zwar z\u00e4hlt Ceuta zur EU und auch zum Raum des Schengen-Abkommens und unterliegt damit der Freiz\u00fcgigkeit innerhalb der Union. Doch die Exklave besitzt einen Sonderstatus, aufgrund dessen das Vorhandensein eines Visums oder Aufenthaltstitels bei der Ausreise auf die Iberische Halbinsel \u00fcberpr\u00fcft wird.<\/p>\n<p>Fast alle Eingereisten sind schon wieder zur\u00fcck in Marokko<\/p>\n<p>\u00dcberraschend an den Vorg\u00e4ngen um den 30.\u2009Juli war auch die Rekordgeschwindigkeit, mit der zahlreiche in die Exklave Eingereisten nach Marokko zur\u00fcckkehrten. Am 4.\u2009August vermeldete die franz\u00f6sische Nachrichtenagentur AFP, von 72.000 k\u00fcrzlich \u00fcber die Grenze Gekommenen seien 70.000 bereits zur\u00fcck in Marokko. Nachdem in der Sommerhitze nicht einmal Notrationen an Trinkwasser ausgegeben wurden, die Stimmung der Einwohner Ceutas feindselig war und die spanische Polizei mit marokkanischer Unterst\u00fctzung mit Abschiebungen begann, gingen viele freiwillig.<\/p>\n<p>Geblieben sind in der Exklave vor allem unbegleitete Minderj\u00e4hrige, die in Marokko Stra\u00dfenkinder oder vor h\u00e4uslicher Gewalt geflohen waren, und subsaharische Migranten, die sich zuvor ohne Aufenthaltstitel oder Staatsb\u00fcrgerschaft in Marokko aufgehalten hatten. Aus dieser Personengruppe hatte die marokkanische Grenzpolizei allerdings am 30.\u2009Juli nur sehr wenige durchgelassen, \u00fcberwiegend waren es eigene Staatsangeh\u00f6rige. \u00dcber die genauen Zahlen ist zwischen den spanischen politischen Lagern ein Streit entbrannt. So stellte der konservative Pr\u00e4sident Ceutas, Juan Jes\u00fas Vivas (PP), die offizielle Angabe von etwa 3.000\u00a0Gebliebenen in Frage; es seien bis zu 11.000. Auch die genaue Zahl der Menschen, die beim Schwimmen nach Ceuta umgekommen waren, ist nicht gekl\u00e4rt\u00a0\u2013 derzeit muss von mindestens 140\u00a0Toten ausgegangen werden.<\/p>\n<p>Dass die meisten Migrant:innen schon bald wieder zur\u00fcckgekehrt waren, hinderte extreme Rechte in Spanien und ganz Europa nicht daran, schrill vor einem \u00bbAnsturm\u00ab und einer \u00bbInvasion\u00ab zu warnen.<\/p>\n<p>Dass die meisten Migrant:innen schon bald wieder zur\u00fcckgekehrt waren, hinderte extreme Rechte in Spanien und ganz Europa nicht daran, schrill vor einem \u00bbAnsturm\u00ab und einer \u00bbInvasion\u00ab zu warnen. Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur besuchten in den Tagen nach dem 30.\u2009Juli Ceuta, um sich als Retter Spaniens in Szene zu setzen.<\/p>\n<p>Beispiele daf\u00fcr waren der Parteivorsitzende der rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal, der f\u00fcr den Besuch eine geplante Reise nach Kolumbien absagte. Ebenso warf er der spanischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Pedro S\u00e1nchez wegen der Vorkommnisse in Ceuta \u00bbHochverrat\u00ab vor, weswegen S\u00e1nchez der Prozess gemacht werden m\u00fcsse. Zudem forderte Abascal, die Grenze zu militarisieren und jegliche Mittel f\u00fcr in der Fl\u00fcchtlingshilfe t\u00e4tige NGOs zu streichen, weil diese die Grenz\u00fcbertritte bef\u00f6rdert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Auch der rechtsextreme Influencer Vito Quiles lie\u00df sich wenige Tage nach den Grenz\u00fcbertritten zusammen mit seinen Anh\u00e4ngern in Ceuta blicken, wogegen sich jedoch auch Protest formierte. Rechtsextreme Unterst\u00fctzer der gescheiterten europ\u00e4ischen B\u00fcrgerinitiative \u00bbSave Europe Act\u00ab waren ebenfalls in Ceuta und forderten eine massenhafte \u00bbRemigration\u00ab (Jungle World 30\/2026). Gegen einen Besuch des Europaabgeordneten der rechtsextremen Kleinpartei Se Acab\u00f3 la Fiesta (Die Feier ist vorbei), Alvise P\u00e9rez, am 8.\u2009August richtete sich eine Kundgebung von B\u00fcrgern Ceutas. Viele der rechten Parolen kamen offenbar nicht so gut an wie gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>* Name von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tiflet, Marokko. 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