{"id":47967,"date":"2026-08-22T07:18:10","date_gmt":"2026-08-22T07:18:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47967\/"},"modified":"2026-08-22T07:18:10","modified_gmt":"2026-08-22T07:18:10","slug":"kongo-ebola-es-fehlt-an-grundlegenden-dingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/47967\/","title":{"rendered":"Kongo: Ebola: \u201eEs fehlt an grundlegenden Dingen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Beni ist eine Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Wer hier im Ebola-Ausbreitungsgebiet ankommt, erwartet vielleicht Endzeitstimmung, leere Stra\u00dfen und panische Menschen. Die Realit\u00e4t sieht anders aus.<\/p>\n<p>\u201eDas t\u00e4gliche Leben geht in Beni im Grunde normal weiter&#8220;, sagt <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.at\/person-profile\/christoph-friedl\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Christoph Friedl<\/a> von \u00c4rzte ohne Grenzen (MSF) im Gespr\u00e4ch mit ORF Wissen. Der Steirer ist Projektkoordinator in einem Behandlungszentrum  \u2013 seit fast zwei Wochen ist er in der Region Nord-Kivu stationiert und wird dort bis Ende Oktober bleiben. \u201eDie Gesch\u00e4fte sind offen, die Schulen sind offen, die Kinder spielen auf der Stra\u00dfe.&#8220;<\/p>\n<p>\u00dcberlastetes Gesundheitssystem<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung versucht, ihren normalen Alltag aufrechtzuerhalten, herrscht im Gesundheitssystem Ausnahmezustand. \u201eDas Stresslevel ist sehr hoch, sowohl bei den Kollegen im Spital als auch bei uns in der Koordination&#8220;, so Friedl. Das Gesundheitssystem sei \u00fcberlastet, die Zust\u00e4nde an vielen Stellen chaotisch.<\/p>\n<p>Friedl koordiniert in Beni ein Ebola-Behandlungszentrum mit 32 Betten \u2013 16 f\u00fcr Verdachtsf\u00e4lle, 16 f\u00fcr best\u00e4tigte F\u00e4lle. Als Projektkoordinator tr\u00e4gt er die Verantwortung f\u00fcr alles: die Sicherheit seines Teams, die Koordination mit dem Gesundheitsministerium, mit Milit\u00e4r, Polizei \u2013 und mit bewaffneten Gruppen, denn in der Region Nord-Kivu gibt es nach wie vor anhaltende bewaffnete Konflikte.<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"lazy-loading\" bad-src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg%20xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg'%20viewBox%3D'0%200%204000%202250'%2F%3E\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3156229_bigpicture_1223808_2026-08_msf_ebola_treatment_center_2.jpg\"  alt=\"MSF-Behandlungszentrum in Beni, Nord-Kivu\"\/><\/p>\n<p>   \u00c4rzte ohne Grenzen<\/p>\n<p>      Das Ebola-Behandlungszentrum von \u00c4rzte ohne Grenzen in Beni, Nord-Kivu<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zum Behandlungszentrum betreut Friedl mit seinem Team auch vier Gesundheitszentren in der Region. Der Grund: Auch w\u00e4hrend eines Ebola-Ausbruchs gibt es Krankheiten wie Malaria und Masern. \u201eMan muss die Balance halten&#8220;, erkl\u00e4rt er. \u201eWenn alle Ressourcen in die Ebola-Behandlung flie\u00dfen, sterben mehr Menschen an herk\u00f6mmlichen Erkrankungen.&#8220;<\/p>\n<p>Misstrauen und Gewalt<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe H\u00fcrde ist vor Ort aber auch das in vielen Bev\u00f6lkerungsgruppen tief verwurzelte Misstrauen gegen\u00fcber den Behandlungen und den Hilfskr\u00e4ften. \u201eEs gibt in manchen Gruppen Mythen: Organhandel, die Kinder sterben in den Behandlungszentren, man kommt nicht mehr lebend heraus&#8220;, z\u00e4hlt Friedl auf. Das Problem: Wenn das Misstrauen zu gro\u00df wird, kann das in gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen enden.<\/p>\n<p>\u00c4rzte ohne Grenzen hat aus fr\u00fcheren Angriffen auf Zentren gelernt. \u201eWir geben der Bev\u00f6lkerung Zugang&#8220;, erkl\u00e4rt Friedl. Der Besucherraum wurde erweitert, Fenster wurden in die Zentren eingebaut, damit Familienmitglieder die Erkrankten sehen k\u00f6nnen, ohne die Schutzzone zu betreten.<\/p>\n<p>Trotz der Konflikte gibt es in den Behandlungszentren aber keine bewaffneten Wachposten \u2013 das ist auch eines der Grundprinzipien von MSF. \u201eWir sind dort, wo wir akzeptiert werden. Um diese Akzeptanz zu erreichen, bedarf es aber sehr viel Arbeit.&#8220;<\/p>\n<p>Verheimlichungen und schwere Abschiede<\/p>\n<p>Das Contact Tracing ist ebenfalls ein zentrales Instrument der Ebola-Eind\u00e4mmung. Doch auch dieses Instrument funktioniert in den verschiedenen Gruppen vor Ort unterschiedlich gut. \u201eWo Ebola politisiert wird oder Mythen vorherrschen, werden F\u00e4lle oft auch verheimlicht&#8220;, so Friedl. Die Konsequenz: Es entstehen \u00dcbertragungsherde, die zu sp\u00e4t oder gar nicht erkannt werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem heikel: der Umgang mit Todesf\u00e4llen. Ebola-Leichen sind hochansteckend \u2013 sie m\u00fcssen in spezielle Leichens\u00e4cke verpackt werden, ein pers\u00f6nlicher Abschied von den Verstorbenen ist nicht m\u00f6glich. Und das \u201ein einer Kultur, wo das Ber\u00fchren des K\u00f6rpers beim Abschiednehmen sehr wichtig ist\u201c, so Friedl. MSF setzt vor Ort auch sogenannte Gesundheitspromoter und psychologische Teams ein, um zwischen medizinischer Notwendigkeit und kulturellen Bed\u00fcrfnissen zu vermitteln.<\/p>\n<p>Fortschritte bei Impfstoffen<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte medizinische Problem: Es gibt nach wie vor keinen speziell auf das Bundibugyo-Virus zugeschnittenen Impfstoff. \u201eDie bereits zugelassenen Impfstoffe wurden zielgerichtet auf die Viren fr\u00fcherer Ausbr\u00fcche \u2013 etwa das Zaire-Virus \u2013 entwickelt\u201c, erkl\u00e4rt die \u00f6sterreichische Infektionsmedizinerin <a href=\"https:\/\/www.nicolodi-consulting.com\/en\/home-en\/\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Christina Nicolodi<\/a> gegen\u00fcber ORF Wissen. Bisher ist nicht klar, ob und wie gut diese Impfstoffe auch gegen das Bundibugyo-Virus wirken.<\/p>\n<p>Einen ersten Schritt gibt es nun aber: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat diese Woche 70.000 Dosen eines zugelassenen Zaire-Impfstoffs f\u00fcr den Einsatz im Kongo freigegeben \u2013 50.000 davon sind f\u00fcr Gesundheitspersonal gedacht, 20.000 f\u00fcr eine klinische Studie, die kl\u00e4ren soll, wie gut der Impfstoff tats\u00e4chlich wirkt.<\/p>\n<p>Kein Geld, keine Elektrizit\u00e4t<\/p>\n<p>Neben den zielgerichteten Impfungen fehlt laut Friedl vor Ort aber noch weit mehr: \u201eDas kann man sich vielleicht bei uns in \u00d6sterreich gar nicht so vorstellen. Da gibt es oft keinen Computer, keine Elektrizit\u00e4t in den B\u00fcros am Abend. Kein Geld f\u00fcr ein Motortaxi, um medizinische Daten von A nach B zu bringen. Keine Rettungsw\u00e4gen.&#8220;<\/p>\n<p>Dazu kommt die k\u00f6rperliche und psychische Belastung: stundenlange Arbeit im Schutzanzug bei Tropenhitze, t\u00e4glich konfrontiert mit schwerem Leid \u2013 und die st\u00e4ndige Sorge, sich selbst anzustecken. \u201eDie Ansteckungsgefahr ist immer da\u201c, so Friedl.<\/p>\n<p>Dennoch relativiert er: Es gibt klare Protokolle, wenn sich ein Mitglied von \u00c4rzte ohne Grenzen m\u00f6glicherweise infiziert hat. F\u00fcr internationale Mitarbeitende gibt es Isolations- und Ausreisema\u00dfnahmen \u2013 f\u00fcr die nationalen Helferinnen und Helfer gibt es ebenso klare Abl\u00e4ufe und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>Momente der Hoffnung<\/p>\n<p>Inmitten all des Leids gibt es aber auch sch\u00f6ne Augenblicke. \u201eWir hatten eine Mama mit Zwillingen bei uns, um die zwei, drei Jahre alt, die unglaublich aktiv und zuckers\u00fc\u00df waren\u201c, erz\u00e4hlt Friedl. \u201eUnd wenn dann die Nachricht kommt, dass alle negativ sind und gehen d\u00fcrfen \u2013 das sind so die sch\u00f6nen Momente, neben ganz vielen schwierigen.&#8220;<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"lazy-loading\" bad-src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg%20xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg'%20viewBox%3D'0%200%204000%202250'%2F%3E\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/3156224_bigpicture_1223807_2026-08_msf_ebola_treatment_center_4.jpg\"  alt=\"MSF-Behandlungszentrum in Beni, Nord-Kivu\"\/><\/p>\n<p>   \u00c4rzte ohne Grenzen<\/p>\n<p>      Neben der medizinischen Versorgung erschweren auch Misstrauen und Mythen die Behandlung der Betroffenen<\/p>\n<p>Die eigentlichen Helden sind laut Friedl jedenfalls nicht die internationalen Mitarbeiter von \u00c4rzte ohne Grenzen, sondern ihre kongolesischen Kolleginnen und Kollegen. Denn bei all der internationalen Aufmerksamkeit werde ein Punkt oft \u00fcbersehen: Der Gro\u00dfteil der Arbeit vor Ort wird von Menschen aus dem Kongo geleistet.<\/p>\n<p>\u201cGanz viel Wissen vorhanden\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir sind bei uns in der Region eine Gruppe von vielleicht 30 externen Kollegen, die mit \u00fcber 100 Kongolesen und Kongolesinnen zusammenarbeiten. Die haben \u00fcber die Jahre bereits viel Expertise gesammelt. Da ist ganz viel Wissen vorhanden. Es fehlt an Ressourcen, nicht am K\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>\u00dcber 1.400 MSF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind zurzeit im Ausbruchsgebiet im Einsatz. In Behandlungszentren in Ituri, Nord-Kivu, S\u00fcd-Kivu und Tshopo arbeiten sie mit dem, was da ist. Und in der Hoffnung, dass wirksame Impfstoffe und Medikamente m\u00f6glichst bald in ausreichenden Mengen vorhanden sein werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Beni ist eine Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. 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