{"id":48061,"date":"2026-08-22T20:52:16","date_gmt":"2026-08-22T20:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48061\/"},"modified":"2026-08-22T20:52:16","modified_gmt":"2026-08-22T20:52:16","slug":"der-naechste-ausbruch-kommt-bestimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48061\/","title":{"rendered":"Der n\u00e4chste Ausbruch kommt bestimmt"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ist die Covid-19-Pandemie aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis endg\u00fcltig so gut wie verschwunden, titelte der Economist Mitte Juli: \u00bbDie Ebola-Epidemie ger\u00e4t au\u00dfer Kontrolle\u00ab. Der stellvertretende Leiter des Weltern\u00e4hrungsprogramms WFP, Carl Skau, bezeichnete die Verbreitung des Ebola-Fiebers in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) als den \u00bbam schnellsten wachsenden Ebola-Ausbruch aller Zeiten\u00ab. Die Zahl der Infizierten steigt Julien Harneis, dem UN-Ebola-Koordinator, zufolge exponentiell an: Alle zwanzig Tage komme es zu einer Verdoppelung. Das Wachstum sei weitaus schneller als der Ausbau der Hilfsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Bislang sind mehr als 2.100 Menschen verstorben. Die beschwichtigende Erg\u00e4nzung, es handele sich \u00bbnur\u00ab um Alte und Vorerkrankte, wie man sie w\u00e4hrend der Covid-19-Pandemie h\u00f6rte, er\u00fcbrigt sich bei Ebola: Die gr\u00f6\u00dfte Opfergruppe sind j\u00fcngere Erwachsene. Zum Vergleich: Bei der bislang schwersten Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 bis 2016 dauerte es Skau zufolge etwa acht Monate, bis 1.000 Todesf\u00e4lle registriert waren. Insgesamt hatten sich knapp 29.000 Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als 11.000 starben daran.<\/p>\n<p>Vorkapitalistische Versorgungs- und Wirtschaftssysteme h\u00e4tten wohl kaum eine Dynamik entfalten k\u00f6nnen, die die eigenen Grundlagen im Weltma\u00dfstab zu vernichten droht.<\/p>\n<p>Aber woher r\u00fchrt diese be\u00e4ngstigende Dynamik? F\u00fcr die Bundibugyo-Variante des Ebola-Virus, die in der DRK w\u00fctet, gibt es bislang weder einen zugelassenen Impfstoff noch zugelassene Antik\u00f6rpertherapien. Die Gesundheitslage dort ist ohnehin schlecht: In der Region sind Malaria, Masern, Cholera und Mpox verbreitet, Mangel- und Unterern\u00e4hrung geh\u00f6ren zur Normalit\u00e4t. Bewaffnete Gruppen wie die Allied Democratic Forces (ADF), die mit dem \u00bbIslamischen Staat\u00ab verbunden sind, haben ihre Angriffe in der vom j\u00fcngsten Ebola-Ausbruch haupts\u00e4chlich betroffenen Region Ituri verst\u00e4rkt, was die Gesundheitsversorgung und die Nachverfolgung von Kontaktpersonen erschwert. Hinzu kommen Streiks der\u00a0\u2013 ohnehin hochgef\u00e4hrdeten\u00a0\u2013 medizinischen Einsatzteams, die auf ihre Geh\u00e4lter warten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/31\/usa-donald-trump-aussenpolitik-der-hegemon-dankt-ab\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die K\u00fcrzungen der internationaler Gesundheits- und Entwicklungshilfe sowie die drastische Verringerung der US-amerikanischen Hilfsgelder durch die Regierung Trump<\/a> versch\u00e4rfen die Lage. Doch den Ausbruch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, hie\u00dfe, wie beispielsweise der marxistische US-Evolutionsbiologe Rob Wallace anmerkt, die Fehler bei der Berichterstattung vergangener Epidemien zu wiederholen. Die Konzentration auf unmittelbare strukturelle Ursachen wie Krieg, Armut und ein schwaches Gesundheitssystem mache die systemischen Ursachen vergessen.<\/p>\n<p>\u00a0Kapitalismus produziert Epidemien und Pandemien\u00a0<\/p>\n<p>Autoren wie Wallace oder Mike Davis haben argumentiert, dass der Kapitalismus Epidemien und Pandemien selbst produziert, und wehren sich somit gegen den Mythos einer blo\u00dfen Natur\u00adkatastrophe. Zu den Entstehungsbedingungen geh\u00f6ren demnach die hohen Tierdichten und die genetische Homogenit\u00e4t von Nutztierpopulationen in den Zucht- und Molkerei-Industrieanlagen, die Entwaldung traditioneller Wildtierhabitate, das Leerfischen der westafrikanischen K\u00fcstenregionen durch europ\u00e4ische und chinesische Konzerne, das dazu beitr\u00e4gt, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, Wildtierfleisch zu essen, die Unm\u00f6glichkeit im Kapitalismus, bei Pandemiegefahr f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit gesellschaftlich innezuhalten, Krieg, Vertreibung, und nat\u00fcrlich die Zerst\u00f6rung lokaler, \u00f6kologisch vertr\u00e4glicherer Wirtschaftsweisen zugunsten gro\u00dfagrarischer Monokulturen.<\/p>\n<p>Bei keinem dieser Probleme ist in naher Zukunft eine Verbesserung zu erwarten. Rob Wallace und der mathematische Epidemiologe Rodrick Wallace haben die systemische Dimension anhand des Ebola-Ausbruchs vor etwa zehn Jahren in ihrem Buch \u00bbNeoliberal Ebola\u00ab untersucht. Sie argumentieren, dass die Barrieren in den \u00bb\u00f6kologischen Beziehungen, die der Wald den Populationen auferlegt\u00ab\u00a0\u2013 also im Grunde zufallsbedingte Hindernisse f\u00fcr Krankheitserreger \u2013, durch die Neoliberalisierung der lokalen \u00d6konomien zusehends niedergerissen werden: Abholzung, Bergbau und Intensivierung der Landwirtschaft schaffen die Bedingungen, unter denen Spillover-Ereignisse wahrscheinlicher werden, bei denen t\u00f6dliche Viren von Tieren auf den Menschen \u00fcberspringen.<\/p>\n<p>Immer \u00f6fter wird auch der Einfluss der Erderw\u00e4rmung diskutiert. Eine Studie im Fachmagazin PLOS Neglected Tropical Diseases aus dem Vorjahr fand einen Zusammenhang zwischen der \u00f6kologischen Anpassungsf\u00e4higkeit des Ebola-Virus und h\u00f6heren Wintertemperaturen sowie h\u00f6heren Jahresniederschl\u00e4gen\u00a0\u2013 in Zentral- und Ostafrika Folgen der Klimaver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Die Covid-19-Pandemie ab 2020 hatte nicht nur h\u00f6chst\u00adwahrschein\u00adlich Einfluss auf die Dynamik der Erdaufheizung, sondern erh\u00f6hte auch die Wahrscheinlichkeit neuer Pandemien.<\/p>\n<p>Vorkapitalistische Versorgungs- und Wirtschaftssysteme h\u00e4tten wohl kaum eine Dynamik entfalten k\u00f6nnen, die die eigenen Grundlagen im Weltma\u00dfstab zu vernichten droht: Ohne insti\u00adtutionalisierte, selbstzweckhafte Konkurrenz, die die Welt zum blo\u00dfen Stoff des Wachstumszwangs macht, kein \u00bbRiss im Stoffwechsel\u00ab, wie Marx den Schaden beschrieben hat, den der \u00adKapitalismus den \u00f6kologischen Kreisl\u00e4ufen zwischen Mensch und Natur \u00adzuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Wechselseitige Einfl\u00fcsse von Pandemien, Umweltverschmutzung und Klimawandel<\/p>\n<p>Pandemien und durch den Klimawandel verursachte Katastrophen teilen aber nicht nur ihren systemischen Ursprung, sondern wirken auch auf\u00adeinander ein. Die Covid-19-Pandemie hatte in ihrem ersten Jahr, 2020, durch eingeschr\u00e4nkten Reiseverkehr und wirtschaftlichen Stillstand nicht blo\u00df den Effekt, die CO2-Emissionen kurzfristig zu senken. L\u00e4ngst wird der Begriff des emis\u00adsions rebound diskutiert: 2021 hatten sich die weltweiten fossilen Treibhausgasemissionen nach dem Hochfahren der Wirtschaft bereits wieder auf das Niveau von 2019 \u00bberholt\u00ab. Seit 2023 werden wieder j\u00e4hrlich neue Rekorde erreicht\u00a0\u2013 auch bei der atmosph\u00e4rischen CO2-Konzentration. Ebenso verz\u00f6gerte die politische Reaktion auf die Pandemie verschiedene Klimaschutzma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr s\u00fcdamerikanische L\u00e4nder ist anhand des Beispiels Peru erforscht, dass die Abholzung der W\u00e4lder erheblich zunahm\u00a0\u2013 durch geringere Umweltaufsicht ab 2020, durch Ausweitung des illegalen Bergbaus und der Kokaplantagen sowie durch Landflucht der \u00adverarmten Stadtbev\u00f6lkerung, deren informelle Jobs w\u00e4hrend der Pandemiema\u00dfnahmen wegfielen. Hinzu kommt die Vermehrung des Plastikm\u00fclls, vor allem aufgrund des h\u00f6heren Bedarfs an Einwegplastik im Zuge der Pandemie. Mikroplastik in Meeren und Seen hat eine neue \u00f6kologische Nische f\u00fcr Mikroorganismen geschaffen, die mittlerweile \u00bbPlastisph\u00e4re\u00ab getauft wurde.<\/p>\n<p>Studien deuten darauf hin, dass dieses neuartige Milieu als Reservoir und Knotenpunkt f\u00fcr das Fortbestehen und die Verbreitung von humanpathogenen Erregern und Bakterien mit \u00adantimikrobiellen Resistenzen fungiert, ganz abgesehen vom sch\u00e4dlichen Einfluss von Mikroplastik auf die Immunsysteme von Tieren und Menschen. Die Pandemie ab 2020 beeinflusste somit nicht nur die Dynamik der Erder\u00adhitzung, sondern erh\u00f6hte auch die Wahrscheinlichkeit neuer Pandemien. Die Aussicht auf solche verschr\u00e4nkten Effekte, die sich wechselseitig verst\u00e4rken, d\u00e4mpft die Hoffnung, mit privaten Ma\u00dfnahmen wie dem Verzicht auf zumindest eine Flugreise pro Jahr der Katastrophe entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Eine Studie im Fachmagazin Nature Climate Change kommt zu dem Schluss, dass Klimaver\u00e4nderungen die Ausbreitung von mehr als der H\u00e4lfte der untersuchten Humanpathogene beg\u00fcnstigt hatten<\/p>\n<p>Das Global Preparedness Monitoring Board der Weltgesundheitsorganisa\u00adtion WHO h\u00e4lt in einem Bericht vom Mai fest, dass lokale und globale Krankheitsausbr\u00fcche k\u00fcnftig h\u00e4ufiger auftreten und sich verheerender auswirken werden. Ein wichtiger Treiber ist demnach die Erderw\u00e4rmung. Eine Studie im Fachmagazin Nature Climate Change kommt zu dem Schluss, dass Klimaver\u00e4nderungen die Ausbreitung von mehr als der H\u00e4lfte der untersuchten Humanpathogene beg\u00fcnstigt hatten. Es besteht au\u00dferdem Grund zur Sorge, dass seit Zehntausenden von Jahren im sibirischen Permafrost gefangene Erreger, gegen die noch keine Immunit\u00e4t besteht, durch das Auftauen freigesetzt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Bestimmte Umweltver\u00e4nderungen beg\u00fcnstigen die Verbreitung von Infektions\u00fcbertr\u00e4gern wie M\u00fccken, Nagetieren und Zecken. In Frankreich und Italien kommt es durch den Stich der Tigerm\u00fccke vermehrt zu Infektionen mit Dengue- und Chikungunyafieber. Paraguay sah sich 2023 mit dem bis \u00addahin gr\u00f6\u00dften Chikungunya-Ausbruch konfrontiert\u00a0\u2013 knapp 140.000 F\u00e4lle. Ebenso sind sowohl Flut- als auch D\u00fcrrekatastrophen ein wichtiger Risiko\u00adfaktor. Im Zuge <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/22092022\/1200-uhr\/die-grosse-flut-pakistan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der desastr\u00f6sen weitfl\u00e4chigen \u00dcberflutungen in Pakistan im Jahr 2022 trat eine t\u00f6dliche Cholera-Epidemie auf<\/a>. Der dort vorherrschende Bakterienstamm f\u00fchrte ein Jahr sp\u00e4ter zur t\u00f6dlichsten Cholera-Epidemie in der Geschichte Malawis.<\/p>\n<p>In einem \u00bbcall for action\u00ab im Fachmagazin Lancet hei\u00dft es zusammenfassend: Zu den Auswirkungen der Erderhitzung, die eine Ausbreitung von Krankheiten beg\u00fcnstigen, geh\u00f6ren \u00bbVer\u00e4nderungen der Biodiversit\u00e4t, die Verlagerung von Arten in geeignetere Lebensr\u00e4ume, St\u00f6rungen der Nahrungsnetze, ver\u00e4nderte saisonaler Lebenszyklen bei Pflanzen, Vektoren und Tieren sowie die Anpassung von Tierhaltungssystemen an den Klimawandel\u00ab.<\/p>\n<p>Hinzu kommen ideologische Komponenten. Das Vertrauen in Gesundheitsinstitutionen und wissenschaftliche Expertise ist seit der Pandemie in vielen L\u00e4ndern gesunken. Der derzeitige Aufschwung von Verschw\u00f6rungstheorien erschwert eine umfassende gesellschaftliche Vorbereitung auf kommende Krisen. Und schlie\u00dflich erkennt der neue alte Sozialdarwinismus die Opfer von eigentlich zu verhindernden Krankheiten nicht mehr als sch\u00fctzenswert an. Kein sogenannter Green New Deal und kein Pandemieabkommen der WHO (Jungle World 26\/2024) werden dagegen viel bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kaum ist die Covid-19-Pandemie aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis endg\u00fcltig so gut wie verschwunden, titelte der Economist Mitte Juli:&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":48062,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[246],"tags":[2599,2649,18458,8878,1300,386,385,4411,3461],"class_list":["post-48061","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-republik-kongo","tag-ebola","tag-epidemie","tag-erderwaermung","tag-gesundheitspolitik","tag-klimawandel","tag-republic-of-the-congo","tag-republik-kongo","tag-umweltschutz","tag-who"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/117141146364578727","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48061"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48061\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/48062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}