{"id":48208,"date":"2026-08-23T16:53:12","date_gmt":"2026-08-23T16:53:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48208\/"},"modified":"2026-08-23T16:53:12","modified_gmt":"2026-08-23T16:53:12","slug":"weltmission-missio-muenchen-entsendet-seelsorger-in-gefaengnisse-auf-madagaskar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48208\/","title":{"rendered":"Weltmission: missio M\u00fcnchen entsendet Seelsorger in Gef\u00e4ngnisse auf Madagaskar"},"content":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen \/ Regensburg, 14. August 2026<\/p>\n<p>Das Bistum Regensburg ist im Jahr 2026 der offizielle Gastgeber f\u00fcr die zentralen Festlichkeiten zum Monat der Weltmission von missio M\u00fcnchen. Der H\u00f6hepunkt und bundesweite Abschluss, der Sonntag der Weltmission, findet am 25. Oktober 2026 unter dem Leitwort \u201eSei mutig und stark\u201c statt. Im Mittelpunkt der diesj\u00e4hrigen Aktion steht das Beispielland Madagaskar, aus dem wir hier in einer zweiten Folge einer kleinen Reportageserie berichten, diesmal aus einem der gr\u00f6\u00dften Gef\u00e4ngnisse Madagaskars. Dort kann die Sicht auf Gut und B\u00f6se schnell aus dem Gleichgewicht geraten. Denn das Leid ist gro\u00df und Armut nicht fair. Hier stellt sich die Kirche einer ihrer ureigenen Aufgaben: Dienst am N\u00e4chsten zu tun ohne zu urteilen. Damit bringt sie t\u00e4glich Hoffnung an einen der dunkelsten Orte der Insel.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6rder\u201c. So steht es in Gabriels* Akte. Damit z\u00e4hlt er zu den schweren Jungs in der \u201eBoy City\u201c, wie der Jugendtrakt des staatlichen Gef\u00e4ngnisses Ambalatavoahangy in Toamasina unter den j\u00fcngeren H\u00e4ftlingen genannt wird. F\u00fcr Marc Louis, Priester und Gef\u00e4ngnisseelsorger, ist Gabriel ein Kind. Und ein Opfer unermesslicher Armut.\u00a0<\/p>\n<p>Gabriel ist 14 Jahre alt. In einem kargen Raum erz\u00e4hlt er seine Geschichte. Seit er denken kann, musste er arbeiten. Um die Mutter zu unterst\u00fctzen, um die Geschwister durchzubringen, f\u00fcr den Teller Reis am Abend. Schule kennt er nicht. Was Gabriel kennt, ist der t\u00e4gliche Kampf um ein wenig Geld f\u00fcr Essen. Nie habe es gereicht, sagt er leise. Seinen letzten Job fand er dann bei einem Mann, der Schnaps brannte; er half ihm beim Destillieren. \u201eMorgen\u201c, sagte der Mann immer. \u201eMorgen bekommst du dein Geld.\u201c Eines Tages erschlug Gabriel ihn mit einem Stein. \u201eIch habe jemanden get\u00f6tet\u201c, sagt er, beinahe verwundert.\u00a0<\/p>\n<p>Seit dreieinhalb Monaten sitzt der 14-J\u00e4hrige nun schon in Toamasina ein, immerhin getrennt von den m\u00e4nnlichen Erwachsenen. Au\u00dfer P\u00e8re Marc, wie der Priester von allen genannt wird, hat bislang niemand mit ihm gesprochen. Niemand hat ihn jemals gefragt, wie es ihm geht oder ihm gesagt, wie die Sache f\u00fcr ihn weitergehen wird. Weder ist er angeklagt, noch ist ein Verfahren angesetzt.\u00a0<\/p>\n<p>Wie Gabriel ergeht es fast allen H\u00e4ftlingen hier. Das Staatsgef\u00e4ngnis, mitten im Zentrum der wichtigsten Hafenstadt Madagaskars, geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften Vollzugsanstalten des Landes. Einst f\u00fcr 350 H\u00e4ftlinge gebaut, dr\u00e4ngen sich inzwischen bis zu 1300 Menschen auf engstem Raum. Darunter straff\u00e4llig gewordene Kinder, M\u00fctter mit ihren Babys oder Waisen. Der Staat ist Tr\u00e4ger des Komplexes aus maroden Baracken. Was sich jedoch drinnen, hinter den Mauern mit Stacheldraht, abspielt, dar\u00fcber entscheidet nur das n\u00f6tige Kleingeld und der Einfluss.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDie H\u00f6lle auf Erden\u201c<\/p>\n<p>Wer Besuch bekommt, hat zumindest die Chance auf ausreichend Essen oder auf eine Matratze auf der Holzpritsche. Toiletten und die Brunnen im Hof sind verschmutzt. Regelm\u00e4\u00dfig grassieren Krankheiten wie Tuberkulose oder zuletzt das Mpox-Virus, besonders im Trakt f\u00fcr M\u00e4nner, wo Hunderte zusammengepfercht abwarten. Es gibt keinen Schutz vor Gewalt und Missbrauch. Viele Insassen sind wegen Bagatell-Delikten hier. Nicht selten bleiben sie jahrelang in Haft.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDie H\u00f6lle auf Erden\u201c \u2013 so nennt Thomas Joseph diesen Ort. Der indische Ordensmann lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Madagaskar. Er hat schon viel Leid gesehen. Das Gef\u00e4ngnis in Toamasina geh\u00f6rt f\u00fcr ihn zu den \u201eschlimmsten Orten\u201c, wie er sagt. Und genau darum legt er als Projektchef der Erzdi\u00f6zese einen besonderen Fokus auf die Arbeit des Gef\u00e4ngnis-Teams um Priester Marc Louis und die Ordensfrau Rosette Morando. Beide sind keine Neulinge auf dem Gebiet. Louis steht seit zehn Jahren Inhaftierten zur Seite. Neu ist jedoch die ganzheitliche Agenda der Kirche \u2013 und die wiederum ist Teil des recht neuen di\u00f6zesanen Entwicklungszentrums, das auf gro\u00dfen Wunsch von Kardinal D\u00e9sir\u00e9 Tsarahazana die Menschen in der Region st\u00fctzen soll.\u00a0<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch, das Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in W\u00fcrde zu sch\u00fctzen \u2013 gerade hinter Gittern. Aus zun\u00e4chst vorsichtigen Schritten der Kirche sind im Lauf der Zeit immer festere geworden, denn offensichtlich ist der eigentlich verantwortliche Staat abwesend. So nutzt die Kirche schlau \u2013 aber mit der gebotenen Sensibilit\u00e4t \u2013 das Vakuum zum Wohl der Menschen. Selbst die Anstaltsleitung und das Wachpersonal sind froh \u00fcber die dauerhafte und gut organisierte Anwesenheit der Kirche im Gef\u00e4ngnis. Sie wirkt auf alle ausgleichend.\u00a0<\/p>\n<p>Und so f\u00e4llt inzwischen t\u00e4glich mehr Licht in die \u201eH\u00f6lle auf Erden\u201c. Die Kirche hat durchgesetzt, dass Lehrer Zutritt bekommen. Frauen und M\u00e4nner, die nie eine Schule besuchen durften, lernen Lesen und Schreiben. Ein B\u00fccherschrank, der sich stetig weiter f\u00fcllt, ist zur Gef\u00e4ngnisbibliothek geworden. Es gibt Ausbildungslehrg\u00e4nge in der Metall- oder Holzbearbeitung und in Elektrotechnik. Die Angebote strukturieren den Alltag der H\u00e4ftlinge und ebnen gleichzeitig den Weg, um sich eines Tages wieder in die Gesellschaft einf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. P\u00e8re Marc ist stolz auf den bescheidenen Verkaufsraum, der gegen\u00fcber der Gef\u00e4ngnispforte ge\u00f6ffnet hat. \u201eDie M\u00f6bel, die in der Holzwerkstatt gefertigt werden, haben einen sehr guten Ruf\u201c, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p>Schwanger hinter Gittern<\/p>\n<p>Und seit noch nicht allzu langer Zeit darf nun auch die mobile Klinik der Franziskanerinnen f\u00fcr Sprechstunden aufs Gel\u00e4nde. Das hilft Frauen wie Claire*. Die 28-J\u00e4hrige ist seit f\u00fcnf Monaten in Ambalatavoahangy. Erst in der Haft bemerkte sie, dass sie ein Kind erwartet.\u00a0<\/p>\n<p>Gegen Mittag wartet Claire am Boden vor dem abgeriegelten Frauentrakt, wo derzeit etwa 100 weibliche H\u00e4ftlinge einsitzen. Die Frauen sitzen in Gruppen zusammen und flechten sich gegenseitig die Haare. Auf einem Feldbett l\u00e4sst sich eine der Wachen in Milit\u00e4r-Uniform gerade das Essen reichen. Ihre Kollegin hat die Stiefel ausgezogen und schl\u00e4ft im Schatten. Kinder einer Angestellten spielen. H\u00fchner jagen \u00fcber den Hof. Die Frauen d\u00fcrfen sie halten. So kommt ab und zu Fleisch in die Sch\u00fcsseln. Das Gef\u00e4ngnis-Team hat Obstb\u00e4ume auf dem Gel\u00e4nde gepflanzt. Wo Geld knapp ist, ist Selbstversorgung umso wichtiger.<\/p>\n<p>Claire hilft heute beim Kochen. So kann sie vielleicht ein wenig mehr abbekommen, f\u00fcr sich und f\u00fcr ihr Ungeborenes. Sie ist aus dem S\u00fcden geflohen. Wollte weg von der ewigen D\u00fcrre, dem andauernden Hunger. Die Zukunft, so schien es ihr, k\u00f6nnte in einer gro\u00dfen Stadt liegen. Ein neuer Bekannter bat sie bald, f\u00fcr ihn DVDs auf dem Markt zu verkaufen. Es lohne sich, er beteilige sie an den Einnahmen. Was Claire da verkaufte, erfuhr sie erst sp\u00e4ter beim Verh\u00f6r: Es waren kinderpornografische Videos. \u201eIch wollte das doch gar nicht\u201c, sagt sie m\u00fcde im Gespr\u00e4ch mit Schwester Rosette. \u201eIch wollte nur etwas Geld und ein besseres Leben.\u201c Claire wird bald entbinden. Allerdings nicht hier in der Schlafbaracke vor allen anderen. Aber ihr Kind wird f\u00fcrs erste im Gef\u00e4ngnis in sein Leben starten.\u00a0<\/p>\n<p>Also Hoffnung und sogar Neuanfang in der \u201eH\u00f6lle auf Erden\u201c? \u201eUnbedingt\u201c, meint Projektchef Thomas Joseph. Das Ausrufezeichen dahinter hat die Kirche erst k\u00fcrzlich mit Hilfe von missio gesetzt und eine langgehegte Idee realisiert: eine Gef\u00e4ngniskapelle mitten auf dem Gel\u00e4nde. W\u00e4re nicht etwas anderes dringlicher gewesen? Ein neuer Brunnen oder neue Toiletten? P\u00e8re Thomas sch\u00fcttelt den Kopf: \u201eGerade dort, wo das Leid am Schlimmsten ist und der Ort der Furchtbarste, setzen wir bewusst etwas Sch\u00f6nes dagegen\u201c. Die Kapelle sei ein Sinnbild f\u00fcr die W\u00fcrde eines jeden Menschen. \u201eDie H\u00e4ftlinge hier sind nicht einfach irgendwelche Verbrecher. Es sind trotz allem unsere Br\u00fcder und Schwestern.\u201c Jeden Sonntag h\u00e4lt P\u00e8re Marc nun dort die Messe. Ab und zu singt der Chor der Gefangenen. Ein Ort der Ruhe, des Trosts und der Hoffnung.\u00a0<\/p>\n<p>Die Kirche kann niemanden aus Ambalatavoahangy herausholen. Aber sie ist nah, auch bildlich. Richten Claire, Gabriel und all die anderen ihren Blick vom gro\u00dfen Freiganghof aus in Richtung Osten, sehen sie, wie die alte Kathedrale Notre-Dame de Lourdes, vor 100 Jahren von franz\u00f6sischen Missionaren erbaut, \u00fcber alles wacht. Sie sehen, wie ihr Turm die mit Graffitis \u00fcbervolle Gef\u00e4ngnismauer und sogar den Wachturm \u00fcberragt. Gabriel lernt \u00fcbrigens jetzt lesen und schreiben. Und seine Mutter kommt ab und zu, um ihren Sohn zu besuchen. Zum ersten Mal, seit er sich erinnern kann, haben sie Zeit, in Ruhe zu sprechen. \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>Text: Kristina Balbach<\/p>\n<p>(sig)<\/p>\n<p>* Die Namen sind zum Schutz der betroffenen Personen ge\u00e4ndert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"M\u00fcnchen \/ Regensburg, 14. August 2026 Das Bistum Regensburg ist im Jahr 2026 der offizielle Gastgeber f\u00fcr die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":48209,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[245],"tags":[380,379],"class_list":["post-48208","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-madagaskar","tag-madagascar","tag-madagaskar"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/117145869160694269","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48208"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48208\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/48209"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}