{"id":48651,"date":"2026-08-25T13:42:08","date_gmt":"2026-08-25T13:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48651\/"},"modified":"2026-08-25T13:42:08","modified_gmt":"2026-08-25T13:42:08","slug":"porsche-wie-ein-993-turbo-zur-blauen-mauritius-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/48651\/","title":{"rendered":"Porsche: Wie ein 993 Turbo zur blauen Mauritius wurde"},"content":{"rendered":"<p>Ein Hamburger Porsche-H\u00e4ndler kaufte einen 993 Turbo ungesehen f\u00fcr einen Umbau. Dann entdeckten seine Mechaniker unter einer sp\u00e4teren Lackierung, was dort fast drei Jahrzehnte verborgen gewesen war: einen der wohl seltensten Porsche 911 seiner Generation.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Benjamin David hatte nach dem Anruf der Kollegen ein ungutes Gef\u00fchl. Eigentlich, so erz\u00e4hlt es der Inhaber des Autohauses David Finest Sports Cars, werde er nicht aus der Werkstatt angerufen. Au\u00dfer bei Katastrophen. Was also wollte ihm Werkstattmeister Jan-Dustin Pohl an dem 1997er Porsche zeigen?<\/p>\n<p>David machte sich auf Schlimmes gefasst: Er tippte auf einen schweren, bisher unbekannten Unfall des Wagens, den er wenige Wochen zuvor von einem befreundeten Zwischenh\u00e4ndler in S\u00fcddeutschland gekauft hatte. Das Auto hatte David f\u00fcr ein Veredelungs-Projekt gekauft. Ungesehen. Bei einem \u201eunspektakul\u00e4ren Wagen\u201c, wie er sagt, durchaus \u00fcblich. Aus dem olivgelb \u00fcberlackierten 993er Turbo sollte ein ganz besonderes Fahrzeug werden. <\/p>\n<p>Dass der Motor schon eine Laufleistung von 200.000 Kilometern hat, w\u00e4re dabei nicht entscheidend gewesen. Allein die Daten: WLS 2 und 450 PS h\u00e4tten gereicht, um Interessenten auf den Plan zu rufen. 993er Turbo mit Baujahr 1997 gibt es noch viele auf dem Markt. Aber in der Variante mit Werksleistungssteigerung 2, einem sehr seltenen Motoren-Upgrade direkt von Porsche, sind es nicht viele Fahrzeuge.<\/p>\n<p>Aber ein Unfall \u2013 vielleicht noch mit Sch\u00e4den an der Achse oder dem Dach \u2013 h\u00e4tte den Aufwand f\u00fcr die Herrichtung wohl nahezu unwirtschaftlich gemacht. Und so ging Benjamin David, Schlimmes bef\u00fcrchtend, die Stufen von seinem B\u00fcro in den Verkaufsraum des Autohauses hinunter und weiter in die angeschlossene Werkstatt. Doch, was die Kollegen ihm zeigen wollten, war keine Katastrophe, sondern eine Knallfarbe. Unter den Abdeckungen im Innenraum offenbarte der alte Porsche, dass er urspr\u00fcnglich in Rivierablau ausgeliefert worden war. <\/p>\n<p>Etwas mehr als 5900 Mal wurde der Porsche 993 Turbo gebaut. \u201eIn Rivierablau waren es h\u00f6chstens zehn\u201c, erz\u00e4hlt David. Das Team des Autohauses, das auf Porsche-Old- und Youngtimer spezialisiert ist, wusste gleich, was das hei\u00dft: \u201eWir haben hier etwas Besonderes. So etwas wie eine Blaue Mauritius.\u201c Die Blaue Mauritius, eine der weltweit bekanntesten Sammler-Briefmarken, z\u00e4hlt laut Wikipedia heute noch 15 Exemplare. Das w\u00e4ren damit deutlich mehr als von dem seltenen Porsche, den David \u2013 bisher noch in olivgelb \u2013 in seinem Autohaus stehen hat.<\/p>\n<p>Originalit\u00e4t gilt in der Welt der Old- und Youngtimer heute mehr als fast alles andere. Sammler bezahlen nicht nur f\u00fcr Leistung oder Seltenheit, sondern f\u00fcr nachweisbare Geschichte. F\u00fcr die richtige Fahrgestellnummer. F\u00fcr den ersten Lack. F\u00fcr die Ausstattung, mit der ein Auto das Werk verlassen hat. \u201eOriginalit\u00e4t schl\u00e4gt alles\u201c, sagt David.<\/p>\n<p>Besonders deutlich zeigt sich das bei Porsche. Die Marke aus Zuffenhausen hat \u00fcber Jahrzehnte Fahrzeuge gebaut, die f\u00fcr viele Sammler inzwischen einen \u00e4hnlichen Status genie\u00dfen wie Kunstwerke oder Uhren. Viele Modelle haben sich zu Anlageobjekten entwickelt. Auktionen erzielen regelm\u00e4\u00dfig sechs- und siebenstellige Betr\u00e4ge. Selbst Varianten, die vor wenigen Jahren noch als Gebrauchtwagen gehandelt wurden, werden heute von Sammlern rund um den Globus gesucht.<\/p>\n<p>Wer verstehen will, wie aus einem Sportwagen ein Kultobjekt wird, muss sich mit Menschen wie Benjamin David unterhalten. In seinem Autohaus in Wandsbek stehen Fahrzeuge, von denen kaum eins noch einen f\u00fcnfstelligen Wert hat. Luftgek\u00fchlte Elfer, seltene Sondermodelle, restaurierte Klassiker. Viele Kunden kommen nicht nur aus Deutschland. Manche reisen aus den Benelux-L\u00e4ndern an, andere aus den USA oder von der Arabischen Halbinsel. Immer mehr suchen gezielt nach Fahrzeugen mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Historie. So wie der 993 Turbo.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger David und sein Team sich mit dem Wagen besch\u00e4ftigten, desto ungew\u00f6hnlicher wurde die Geschichte. Eine Anfrage bei Porsche best\u00e4tigte nicht nur die urspr\u00fcngliche Auslieferungsfarbe: Rivierablau, Farbcode 39E, Paint to Sample, also jene Sonderfarbe, die der erste K\u00e4ufer eigens bestellt hatte. Aus Stuttgart kam auch die Nachricht, dass Fahrgestellnummer, Motornummer und Getriebenummer noch immer zu genau diesem Wagen geh\u00f6rten. Fast drei Jahrzehnte und mehrere Besitzer sp\u00e4ter trug der Porsche die wichtigsten Teile also noch so bei sich, wie er 1997 ausgeliefert worden war.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sammler ist das eine der entscheidenden Ausk\u00fcnfte. Ein alter Sportwagen kann vieles \u00fcberstehen, ohne seinen Reiz zu verlieren: Steinschl\u00e4ge, Gebrauchsspuren, hohe Laufleistungen, auch eine Vergangenheit, die nicht nach Vitrine riecht. Schwieriger wird es, wenn ein Auto seine urspr\u00fcnglichen Teile verloren hat, wenn irgendwann ein anderer Motor eingebaut wurde, ein anderes Getriebe, wenn sich die Geschichte eines Fahrzeugs nicht mehr aus seinen Teilen heraus erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Bei diesem Porsche passte noch zusammen, was zusammengeh\u00f6rte, als er neu war.<\/p>\n<p>Dabei begann das Leben dieses Autos erstaunlich unand\u00e4chtig. Der erste Besitzer behandelte den Porsche ungef\u00e4hr so, wie andere damals einen Passat behandelten. Er stieg ein und fuhr los. Wieder und wieder \u00fcber Autobahnen, durch eine Zeit, in der ein 993 Turbo zwar schon ein sehr schneller, sehr teurer, sehr begehrter Sportwagen war, aber noch nicht jenes beinahe sakrale Objekt, zu dem die letzten luftgek\u00fchlten Elfer sp\u00e4ter f\u00fcr viele Sammler wurden. Nach nur drei Jahren standen rund 150.000 Kilometer auf dem Tacho.<\/p>\n<p>Der Wagen wurde verkauft, der neue Besitzer stie\u00df sich an der Farbe. \u201eSchlumpfblau\u201c ist der Spitzname f\u00fcr das Rivierablau in der Porsche-Szene, jedenfalls unter denen, die dem leuchtenden Blauton wenig abgewinnen k\u00f6nnen. Und so wurde der Wagen gr\u00fcn. 2005 tauchte genau dieses Auto in einem Tuning-Magazin auf. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits umlackiert. Die Szene sah den Wagen also, sah einen 993 Turbo WLS 2, sah ein Auto, das in jene Jahre passte, in denen schnelle Porsche gern noch schneller, auff\u00e4lliger und individueller gemacht wurden. Seine eigentliche Besonderheit lag da l\u00e4ngst unter der sichtbaren Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Der letzte Besitzer in S\u00fcddeutschland ahnte nichts mehr von der Besonderheit der urspr\u00fcnglichen Autofarbe. Benjamin David ging es zun\u00e4chst \u00e4hnlich. Zwar war ihm bekannt, dass der Porsche urspr\u00fcnglich blau ausgeliefert worden war. \u201eIch dachte an einen der Standard-Blaut\u00f6ne. Dunkel, unauff\u00e4llig\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Wie falsch diese Vermutung war, zeigten die knallblauen Stellen unter der Kofferraumabdeckung und in den T\u00fcrlaibungen. Bei den Recherchen zur Originalfarbe des Autos tauchte dann noch eine Verbindung zu Hamburg auf. Der Turbo war 1997 im Porsche-Zentrum Hamburg ausgeliefert worden. Bei David Finest Sports Cars arbeiten heute mehrere ehemalige Mitarbeiter des Hauses. Einer von ihnen erinnert sich noch an die \u00dcbergabe. Ein rivierablauer 993 Turbo fiel selbst dort auf, wo t\u00e4glich neue Porsche \u00fcber den Hof rollten. Denn unauff\u00e4llig ist an der Originallackierung nichts.<\/p>\n<p>Und damit stellte sich das Team eine ganz andere Frage als noch beim Kauf. Urspr\u00fcnglich sollte der Wagen umgebaut und veredelt werden. Nach der Entdeckung spricht vieles daf\u00fcr, ihn m\u00f6glichst nah an den Auslieferungszustand zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Wer einen gew\u00f6hnlichen Sportwagen restauriert, hat Spielraum f\u00fcr eigene Ideen. Wer eine Rarit\u00e4t besitzt, wird schnell zum Bewahrer. Dazu geh\u00f6rt auch die Farbe. Die Experten in G\u00f6ttingen, die den Wagen eigentlich aufwendig tunen sollten, werden ihn nun mitrestaurieren. Sie wollen zun\u00e4chst versuchen, die sp\u00e4tere Lackierung mechanisch zu entfernen, um m\u00f6glichst viel der urspr\u00fcnglichen Lacksubstanz zu erhalten. Erst wenn das nicht gelingt, soll BASF den historischen Farbton neu anmischen. Das Unternehmen hatte die Farbe bereits 1997 f\u00fcr Porsche hergestellt.<\/p>\n<p>Der Aufwand erscheint betr\u00e4chtlich. In der Welt klassischer Porsche l\u00e4sst er sich jedoch in Euro beziffern. Ein nahezu gleicher 993 Turbo in Rivierablau mit erhaltenem Originallack wird derzeit auf einem Online-Portal f\u00fcr 950.000 Euro angeboten. Ob ein solcher Preis tats\u00e4chlich erzielt wird, ist offen. Er zeigt jedoch, welchen Stellenwert Sammler Fahrzeugen beimessen, die ihre Geschichte bis in die Lackschichten hinein bewahrt haben.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Benjamin David hat sich die Rechnung bereits grundlegend ver\u00e4ndert. Inzwischen soll der Porsche nach der Restaurierung rund 650.000 Euro bringen, fast viermal so viel, wie beim Ankauf urspr\u00fcnglich erwartet. Und ausgel\u00f6st wurde alles durch einen Anruf aus der Werkstatt, vor dem Benjamin David zun\u00e4chst Angst gehabt hatte. Schlimme Nachrichten hatte er erwartet. Stattdessen wartete dort ein St\u00fcck Porsche-Geschichte.<\/p>\n<p>Redakteurin <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/julia-witte\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/julia-witte\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Julia Witte genannt Vedder<\/a> arbeitet in der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hamburg-Redaktion<\/a> von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie \u00fcber Themen aus der Hansestadt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Hamburger Porsche-H\u00e4ndler kaufte einen 993 Turbo ungesehen f\u00fcr einen Umbau. 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