{"id":4874,"date":"2026-04-20T12:25:47","date_gmt":"2026-04-20T12:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4874\/"},"modified":"2026-04-20T12:25:47","modified_gmt":"2026-04-20T12:25:47","slug":"ehemalige-ddr-vertragsarbeiter-aus-mosambik-noch-eine-rechnung-offen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/4874\/","title":{"rendered":"Ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik: Noch eine Rechnung offen"},"content":{"rendered":"<p>\n                Stand: 29.06.2025 08:58 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Chico Mapenda war Vertragsarbeiter in der DDR. Ein Gro\u00dfteil seines Lohns wurde einbehalten und nie ausgezahlt. Die &#8222;Madgermanes&#8220; k\u00e4mpfen bis heute f\u00fcr Gerechtigkeit und Entsch\u00e4digung.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von Jette Studier<\/p>\n<p class=\"\">Das Wort &#8222;Getr\u00e4nkekombinat&#8220; geht Chico Mapenda fl\u00fcssig \u00fcber die Lippen. Auch wenn der Mosambikaner, heute 57 Jahre alt, nur wenige Jahre in der DDR gelebt hat. Mapenda ist einer der Menschen, die sie in Mosambik &#8222;Madgermanes&#8220; nennen: ehemalige Vertragsarbeiter, die die DDR-Wirtschaft besonders in den 80er-Jahren mit am Laufen hielten. Mit rund 30 Kollegen aus seinem Heimatland arbeitete Chico Mapenda als Maschinenf\u00fchrer in Neubrandenburg im Getr\u00e4nkekombinat Nordbr\u00e4u. Das ist jetzt 35 Jahre her. Doch eine Rechnung aus der DDR-Zeit hat er wie alle &#8222;Madgermanes&#8220; noch offen, denn ein Teil seines Lohns f\u00fcr diese Arbeit wurde ihm nie ausgezahlt: &#8222;Aus meiner Sicht ist das Diebstahl oder sogar moderne Sklaverei.&#8220; sagt er heute in seiner Heimat in Maputo. &#8222;Jeder, der arbeitet, muss seinen Lohn bekommen. L\u00f6hne k\u00f6nnen niemals abgezweigt oder an jemand anderen ausgezahlt werden.&#8220;<\/p>\n<p>    Bis heute regelm\u00e4\u00dfig Demos in Maputo<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-178.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-178.webp\" alt=\"Ein afrikanischer Arbeiter arbeitet in einem Metall-Betrieb der DDR.\" title=\"Chico Mapenda und seine Kollegen bekommen teils nur 40 Prozent des Lohns. | DRA\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Chico Mapenda und seine Kollegen bekommen teils nur 40 Prozent des Lohns.<\/p>\n<p class=\"\">Im Falle der &#8222;Madgermanes&#8220; allerdings passierte genau das: Denn die Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in der DDR unterschrieben Vertr\u00e4ge, in denen es hie\u00df, ein Teil ihres monatlichen Netto-Lohns w\u00fcrde einbehalten und den Arbeitern &#8222;zu ihren Gunsten&#8220; nach Mosambik \u00fcberwiesen. Zun\u00e4chst wurden so 25 Prozent des Lohns abgezogen, seit 1987 sogar 60 Prozent. Wie seine Kollegen lebte auch Chico Mapenda in dem Glauben, er bekomme das Geld dann zu Hause ausgezahlt: &#8222;Aber als ich zur\u00fcckkehrte, war dieses Geld veruntreut&#8220;, sagt er heute. Mapenda und andere &#8222;Madgermanes&#8220; l\u00e4sst diese Geschichte nicht los. Jeden Mittwoch zieht noch heute eine Gruppe ehemaliger Vertragsarbeiter vor das zust\u00e4ndige Arbeitsministerium in Maputo, demonstriert f\u00fcr Gerechtigkeit und fordert ihr Geld zur\u00fcck. Die Arbeiter hoffen auf Entsch\u00e4digung und Anerkennung durch ihren eigenen Staat, aber auch auf die Rechtsnachfolgerin der DDR: die Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>    Mosambik als wichtiger Partner f\u00fcr die DDR<\/p>\n<p class=\"\">Enge Beziehungen zu dem Land im S\u00fcdosten Afrikas kn\u00fcpfte die DDR ab Mitte der 70er-Jahre. Die sozialistische Volksrepublik Mosambik hatte sich gerade erst von der Kolonialmacht Portugal befreit und bekam nun politische Unterst\u00fctzung ihres Bruderstaates in Europa. Doch auch der wollte von der Zusammenarbeit profitieren. Denn anders als etwa Kuba oder Vietnam wirtschaftete Mosambik auf US-Dollar-Basis. Und die Dollars waren begehrt: &#8222;Die DDR hatte das Problem, dass sie selber mit der DDR-Mark keine konvertierbare W\u00e4hrung hatte&#8220;, erkl\u00e4rt die Soziologin Uta R\u00fcchel, die sich in einem Gutachten im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur detailliert mit der Geschichte der Vertragsarbeiter besch\u00e4ftigt hat. Der Vorteil f\u00fcr die DDR lag damit auf der Hand: Kredite, die sie dem Bruderstaat gew\u00e4hrte, verbesserten so die eigene Devisen-Bilanz: &#8222;Insofern war Mosambik ein ganz wichtiger Partner&#8220;, res\u00fcmiert R\u00fcchel.<\/p>\n<p>    900 Kinder kommen in die &#8222;Schule der Freundschaft&#8220;<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-174.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-174.webp\" alt=\"Alt Text\" title=\"900 Kinder schickt Mosambik 1982 in die DDR. | DRA\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    900 Kinder schickt Mosambik 1982 in die DDR.<\/p>\n<p class=\"\">Ein prestigetr\u00e4chtiges Symbol f\u00fcr die enge Zusammenarbeit der Staaten entsteht 1982: In der Kleinstadt Sta\u00dffurt im Bezirk Magdeburg er\u00f6ffnet die &#8222;Schule der Freundschaft&#8220;. 900 Kinder schickt Mosambik in die DDR &#8211; auch Chico Mapenda. Der Junge, damals 15 Jahre alt, lebt in einem kleinen Dorf in der Provinz Zambezia, als sein Schulleiter ihm und den Mitsch\u00fclern verk\u00fcndet, sie d\u00fcrften in die DDR gehen. Er habe nicht gewusst, was f\u00fcr ein Land das ist, aber er wollte unbedingt dorthin, erz\u00e4hlt Mapenda heute. &#8222;F\u00fcr mich war es wunderbar, ins Ausland zu gehen. Es war eine gro\u00dfartige Chance f\u00fcr uns, Mosambik zu verlassen und in einem europ\u00e4ischen Land zu lernen&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>    R\u00fcckkehr in die DDR nach Neubrandenburg<\/p>\n<p class=\"\">Nach der Ausbildung wird er in seinem Heimatland direkt zum Milit\u00e4rdienst eingezogen. Ende der 80er kehrt er zur\u00fcck in die DDR und landet in der Brauerei in Neubrandenburg. Es sei ruhig gewesen im Betrieb und harmonisch mit den deutschen Kollegen, aber auch denen aus Kuba und Vietnam. Rassismus habe er hier nicht erlebt &#8211; &#8222;anders als Kollegen an anderen Orten&#8220;, f\u00fcgt er an. Chico Mapenda findet Anschluss auch au\u00dferhalb des Betriebes und engagiert sich in einer Freikirche. Dass er damals nur einen Bruchteil seines Lohns bekommt, besorgt ihn nicht. Schlie\u00dflich hat er einen Vertrag unterschrieben, in dem es hie\u00df, das Geld w\u00fcrde einbehalten und den Arbeitern &#8222;zu ihren Gunsten&#8220; nach Mosambik \u00fcberwiesen.<\/p>\n<p>    R\u00fcchel: &#8222;Menschen benutzt, um Staatsschulden abzubauen&#8220;<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-182.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mosambik-182.webp\" alt=\"Chico Mapenda, ein Abgeordneter des Parlaments in Mosambik, und fr\u00fcherer DDR-Vertragsarbeiter.\" title=\"Die meisten Arbeiter aus DDR-Zeiten warten wie Chico Mapenda bis heute auf eine Entsch\u00e4digung. | DRA\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Die meisten Arbeiter aus DDR-Zeiten warten wie Chico Mapenda bis heute auf eine Entsch\u00e4digung.<\/p>\n<p class=\"\">Doch als Mapenda nach dem Ende der DDR in sein Heimatland zur\u00fcckkehren muss, sieht er von diesem Geld nichts. Der Grund: Es ist niemals geflossen. Weil Mosambik Probleme hatte, die von der DDR gew\u00e4hrten Kredite und Zinsen zur\u00fcckzuzahlen, hatten die Staaten per Abkommen 1979 beschlossen, einen Teil des Lohns der Vertragsarbeiter direkt miteinander zu verrechnen: &#8222;Man kann im Grunde genommen sagen, dass der Staat diese Menschen benutzt hat, um Staatsschulden abzubauen&#8220;, erkl\u00e4rt die Soziologin R\u00fcchel, &#8222;und das im Wissen beider Seiten &#8211; au\u00dfer derjenigen, die wirklich betroffen waren&#8220;.<\/p>\n<p>    SED-Opferbeauftragte: &#8222;Deutschland hat historische Verantwortung&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">Insgesamt 17.000 Arbeiterinnen und Arbeiter kamen \u00fcber die Jahre aus Mosambik in 250 Betriebe in der DDR. Nur ein kleiner Teil sah nach der R\u00fcckkehr nach Hause sein Geld, die gro\u00dfe Mehrheit nicht. Sie hofft bis heute auf die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin der DDR. Anfang der 90er zahlte das wiedervereinte Deutschland zwar 75 Millionen D-Mark Entwicklungshilfe an Mosambik. Doch die meisten Arbeiter aus DDR-Zeiten gingen erneut leer aus. Deshalb setzt sich heute die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke f\u00fcr sie ein: &#8222;Das Unrecht ist den Menschen hier auf deutschem Boden geschehen. Deswegen hat Deutschland auch eine historische Verantwortung&#8220;, so Zupke. Sie fordert eine pauschale, einmalige Entsch\u00e4digung der Arbeiter und die Anerkennung des Unrechts, das ihnen widerfahren ist.<\/p>\n<p>    Mapenda: &#8222;Sie werden uns geben, was wir wollen&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">Bisher gibt es daf\u00fcr keine politischen Mehrheiten. Der Fall sei eine Angelegenheit Mosambiks, die Bundesregierung nicht zust\u00e4ndig, hie\u00df es in der Vergangenheit. In Mosambik, wo die &#8222;Madgermanes&#8220; noch immer demonstrieren, regiert bis heute die sozialistische FRELIMO, die die Forderungen der Vertragsarbeiter weitgehend ignoriert. Chico Mapenda sitzt mittlerweile als Abgeordneter einer Oppositionspartei im Parlament in Maputo. Er ist \u00fcberzeugt, sein Ziel am Ende zu erreichen: &#8222;Sie werden uns geben, was wir wollen. Ich glaube daran, dass wir das Geld bekommen werden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">Doch Zeit bleibt ihnen nicht. Schon heute leben einige der Arbeiter nicht mehr, viele sind krank. Die durchschnittliche Lebenserwartung von M\u00e4nnern in Mosambik liegt bei knapp 58 Jahren. &#8222;Eigentlich ist es ein gro\u00dfes Drama, dass das in den vergangenen 30 Jahren nicht gekl\u00e4rt werden konnte&#8220;, res\u00fcmiert Soziologin R\u00fcchel und f\u00fcgt nach einer Pause an: &#8222;Es ist jedenfalls sehr sp\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/Die-Geschichte-der-DDR,ddr331.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">DDR<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 29.06.2025 08:58 Uhr Chico Mapenda war Vertragsarbeiter in der DDR. 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