{"id":50214,"date":"2026-09-02T17:36:08","date_gmt":"2026-09-02T17:36:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50214\/"},"modified":"2026-09-02T17:36:08","modified_gmt":"2026-09-02T17:36:08","slug":"neues-raetsel-um-fruehmensch-homo-naledi-warum-lagen-in-einer-hoehle-nur-weibliche-skelette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50214\/","title":{"rendered":"Neues R\u00e4tsel um Fr\u00fchmensch Homo naledi: Warum lagen in einer H\u00f6hle nur weibliche Skelette?"},"content":{"rendered":"<p>Vor rund 300 000 Jahren wurde eine H\u00f6hle in S\u00fcdafrika zur letzten Ruhest\u00e4tte von mindestens 20 Angeh\u00f6rigen der ausgestorbenen Menschenverwandten-Art Homo naledi. Heute haben Forschende festgestellt, dass bei all diesen Individuen offenbar das Y-Chromosom \u2013 der genetische Marker f\u00fcr das m\u00e4nnliche Geschlecht \u2013 fehlt. Sie waren demnach wahrscheinlich alle weiblich.<\/p>\n<p>Mithilfe einer neuartigen Methode zur Untersuchung fossiler Z\u00e4hne gelang es dem Forschungsteam, chemische Hinweise auf das Geschlecht der Skelette zu gewinnen, ohne diese zu besch\u00e4digen. Das Verfahren habe das Potenzial, \u201edie Pal\u00e4ontologie auf Jahrzehnte zu ver\u00e4ndern\u201c, sagt <a href=\"https:\/\/profleeberger.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Lee Berger<\/a>, Explorer in Residence der <a href=\"https:\/\/www.nationalgeographic.org\/society\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">National Geographic Society<\/a>, Pal\u00e4oanthropologe an der Wits University in S\u00fcdafrika und Mitautor der neuen Studie.<\/p>\n<p>Berger und sein Team hatten die Knochen von Homo naledi \u00a0bereits im Jahr 2013 <a href=\"https:\/\/nationalgeographic.de\/geschichte-und-kultur\/2017\/11\/homo-naledi-neue-menschenart-in-suedafrika-entdeckt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">im H\u00f6hlensystem Rising Star nahe Johannesburg entdeckt.<\/a> Nach einem Hinweis zweier H\u00f6hlenforscher stie\u00df das Team in einer tief unter der Erde gelegenen Kammer auf rund 1500 Fossilien. Erreichbar war sie nur durch einen engen Schacht am Ende eines verwinkelten, etwa 30 Meter langen Ganges.<\/p>\n<p>Damals gingen die Forschenden davon aus, dass einige der gr\u00f6\u00dferen Skelette m\u00e4nnlich waren und dass die Art \u2013 wie bei heutigen S\u00e4ugetieren \u00fcblich \u2013 ungef\u00e4hr gleich viele m\u00e4nnliche wie weibliche Individuen umfasste. Ein so umfangreicher Fundbestand urzeitlicher Knochen, der ausschlie\u00dflich einem Geschlecht zuzuordnen ist, w\u00e4re in der Pal\u00e4oanthropologie nahezu beispiellos. Doch <a href=\"https:\/\/nationalgeographic.de\/geschichte-und-kultur\/2017\/11\/lebte-dieser-mysterioese-affenmensch-an-unserer-seite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">die Proben aus der Rising-Star-H\u00f6hle, die zuvor als m\u00e4nnlich bestimmt worden waren<\/a>, erweisen sich nun offenbar als weiblich, berichten die Forschenden in einer jetzt <a href=\"https:\/\/www.cell.com\/cell\/fulltext\/S0092-8674(26)00644-6?_returnURL=https%3A%2F%2Flinkinghub.elsevier.com%2Fretrieve%2Fpii%2FS0092867426006446%3Fshowall%3Dtrue\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">in der Fachzeitschrift Cell ver\u00f6ffentlichten Studie<\/a>.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60141 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/NS116940786_RISINGSTAR2024_240113_RShone_0554-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"957\"  \/><\/p>\n<p>\u201eDas sind ausgesprochen spannende Ergebnisse. Sie weisen auf die kulturelle und vielleicht sogar symbolische Bedeutung der Fundstelle Rising Star hin\u201c, sagt <a href=\"https:\/\/homepage.univie.ac.at\/katerina.douka\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Katerina Douka,<\/a> Arch\u00e4ologin an der Universit\u00e4t Wien, die an der Studie nicht beteiligt war. Sofern sich keine alternativen biologischen Erkl\u00e4rungen finden, betrachtet sie den Fund als \u201eeine einzigartige und vielleicht auch r\u00e4tselhafte pr\u00e4historische Entdeckung\u201c.<\/p>\n<p>Eine Art, die immer wieder Erwartungen durchkreuzt<\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass Homo naledi g\u00e4ngige Annahmen infrage stellt. Die ungew\u00f6hnliche Kombination seiner Merkmale gibt der Pal\u00e4oanthropologie seit Langem R\u00e4tsel auf. Auffallend ist das kleine Gehirn. Das Volumen entspricht nur einem Drittel des Gehirns des modernen Menschen. Ebenfalls \u00fcberraschend: Schultern, die \u00e4hnlich wie bei fr\u00fcheren Menschenverwandten besonders gut zum Klettern geeignet waren; und lange Beine, die einen menschen\u00e4hnlichen, ausdauernden Gang erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p>Bergers Team vertreten die Auffassung, dass Homo naledi in Rising Star <a href=\"https:\/\/elifesciences.org\/reviewed-preprints\/89106\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">seine Toten bewusst bestattete<\/a>, Feuer nutzte und mit Steinwerkzeugen <a href=\"https:\/\/elifesciences.org\/reviewed-preprints\/89125\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">symbolische Kreuzschraffuren in die H\u00f6hlenw\u00e4nde ritzte<\/a>. Solche Leistungen werden gew\u00f6hnlich Arten mit gro\u00dfem Gehirn zugeschrieben, etwa Homo sapiens.<\/p>\n<p>Die neuen Befunde vertiefen das R\u00e4tsel um die Frage, was diese fr\u00fchen Homininen \u2013 der Sammelbegriff f\u00fcr Menschen und ihre ausgestorbenen Verwandten \u2013 in der H\u00f6hle taten. Berger ist \u00fcberzeugt, dass sie die Hinweise auf fortgeschrittene geistige F\u00e4higkeiten von Homo naledi weiter st\u00e4rken.<\/p>\n<p>\u201eDas sollte einem G\u00e4nsehaut bereiten\u201c, sagt Berger. \u201eMan blickt auf eine nichtmenschliche Art mit einem Gehirn von der Gr\u00f6\u00dfe eines Schimpansengehirns, die offenbar zum Ausdruck bringt, dass Weibchen einen eigenen und bedeutsamen Platz haben \u2013 einen Ort, der ihnen selbst im Tod vorbehalten ist.\u201c<\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich das Geschlecht fossiler Homininen bestimmen?<\/p>\n<p>Die zuverl\u00e4ssigste Methode, das Geschlecht eines Skeletts zu bestimmen, ist die Analyse seiner DNA. Doch genetisches Material zerf\u00e4llt mit der Zeit \u2013 insbesondere in warmen Klimazonen. Zwar verschieben Forschende die Grenzen dessen, was sich an alter DNA noch gewinnen l\u00e4sst, kontinuierlich. Der bisherige Rekord stammt jedoch aus einer Umweltprobe von 2,4 Millionen Jahre <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41586-022-05453-y\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">altem Eis aus Gr\u00f6nland<\/a>. Die <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/research\/oldest-hominin-dna-sequenced\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u00e4lteste bislang entschl\u00fcsselte DNA eines Homininen ist etwa 400 000 Jahre alt<\/a>. Selbst wenn DNA erhalten geblieben ist, k\u00f6nnen L\u00fccken in der Erbsubstanz die M\u00f6glichkeiten der Analyse erheblich einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Steht keine DNA zur Verf\u00fcgung, untersuchen Forschende die Knochen selbst. Form und Struktur von Becken und Sch\u00e4del unterscheiden sich h\u00e4ufig zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Individuen, ebenso die Gr\u00f6\u00dfe der Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>\u201eDiese morphologischen Merkmale sind recht verl\u00e4sslich, doch zu hundert Prozent sicher ist das nie\u201c, erkl\u00e4rt <a href=\"https:\/\/www.smcvt.edu\/directories\/employee-directory\/paul-constantino\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Paul Constantino<\/a>, Biologe am Saint Michael\u2019s College im US-Bundesstaat Vermont, der an der neuen Untersuchung nicht beteiligt war.<\/p>\n<p>Bei fossilen Homininen tritt ein weiteres Problem auf: Die Funde sind oft so selten, dass sich nat\u00fcrliche Variationen nur schwer erkennen lassen. Das wiederum f\u00fchrt immer wieder zu Debatten, ob ein Skelett einem anderen Geschlecht angeh\u00f6rt oder sogar einer v\u00f6llig anderen Art.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60143 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/RISINGSTAR2024_240110_R.Shone_0177-2-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"957\"  \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60142 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/NS116940787_RISINGSTAR2024_240110_RShone_0182-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"957\"  \/><\/p>\n<p>Angesichts der Grenzen, die Morphologie und DNA-Untersuchungen setzen, wenden sich Forschende zunehmend einem anderen Informationsspeicher zu: uralten Proteinen, die in Z\u00e4hnen und Knochen konserviert geblieben sind. Aus den Sequenzen dieser Eiwei\u00dfe l\u00e4sst sich unter anderem ableiten, an welcher Stelle eine Art im Stammbaum der Menschheit einzuordnen ist.<\/p>\n<p>Das Labor des Molekularbiologen und Mitautors der Studie <a href=\"https:\/\/researchprofiles.ku.dk\/en\/persons\/enrico-cappellini\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Enrico Cappellini<\/a> an der Universit\u00e4t Kopenhagen hat mithilfe solcher Proteinsequenzen bereits nachgewiesen, dass die heutigen Orang-Utans mit dem vor 1,9 Millionen Jahren lebenden Riesenaffen Gigantopithecus verwandt sind. Zudem lieferten entsprechende Analysen neue Erkenntnisse \u00fcber die evolution\u00e4re Einordnung ausgestorbener Nash\u00f6rner und verschiedener Menschenverwandter.<\/p>\n<p>Proteinsequenzen k\u00f6nnen aber noch mehr verraten: Sie erlauben R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Verh\u00e4ltnis von m\u00e4nnlichen und weiblichen Individuen innerhalb fossiler Fundensembles.<\/p>\n<p>Von besonderer Bedeutung ist dabei ein Protein des Zahnschmelzes namens Amelogenin. Dieses Protein weist geringf\u00fcgige Unterschiede auf \u2013 je nachdem, ob es von einem Gen auf dem X-Chromosom oder auf dem Y-Chromosom codiert wird.<\/p>\n<p>Bereits im vergangenen Jahr zeigte eine Amelogenin-Analyse desselben Forschungsteams, dass die weiblichen Individuen der rund zwei Millionen Jahre alten Homininenart Paranthropus robustus keineswegs zwangsl\u00e4ufig kleiner waren als die m\u00e4nnlichen. Damit stellten die Forschenden ein weitverbreitetes Stereotyp der Primatenforschung infrage.<\/p>\n<p>Eine bemerkenswert homogene Homininen-Population<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wollten Berger, Cappellini und ihr Team die Proteinanalyse nun auf Homo naledi anwenden. Sie hofften, dadurch gleich mehrere Fragen beantworten zu k\u00f6nnen: Wo l\u00e4sst sich die Art innerhalb der menschlichen Abstammungslinie einordnen? Wie stark unterscheiden sich die Individuen genetisch voneinander? Und wie gro\u00df war die Vielfalt innerhalb der Population?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst untersuchte das Team lediglich vier Individuen aus der H\u00f6hle. Daf\u00fcr entnahmen sie jeweils ein kleines St\u00fcck eines Zahns, um die Proteine des Zahnschmelzes zu sequenzieren.<\/p>\n<p>Dabei fiel etwas Unerwartetes auf. Keines der vier Individuen wies die Y-chromosomale Variante des Proteins Amelogenin auf.<\/p>\n<p>Daraufhin untersuchten die Forschenden weitere Z\u00e4hne und erprobten zus\u00e4tzlich ein alternatives, deutlich schonenderes Verfahren. Dabei wird der Zahnschmelz lediglich oberfl\u00e4chlich abgeschabt, anstatt ein St\u00fcck aus dem Zahn herauszutrennen. Die so behandelte Stelle sei \u201enicht gr\u00f6\u00dfer als das, was ein Zahnarzt anraut, um eine Zahnspange zu befestigen\u201c, sagt Berger.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60137 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/14_National_Geographic_Rising_Star_les1-dh3-oblique-comparison-photo-ghost-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"957\"  \/><\/p>\n<p>Von den insgesamt 20 untersuchten Individuen fehlte bei 19 eindeutig die Y-chromosomale Variante; bei einem weiteren Ausrei\u00dfer war es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht vorhanden.<\/p>\n<p>Selbst bei einem Individuum mit dem Spitznamen \u201eNeo\u201c, das zuvor aufgrund seiner Anatomie als m\u00e4nnlich eingestuft worden war, fand sich keinerlei Spur der Y-chromosomalen Form des Amelogenins.<\/p>\n<p>\u201eWir waren alle v\u00f6llig \u00fcberrascht\u201c, sagt <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/palaeoproteomics.org\/pushh\/research-and-phd-projects\/p-madupe-paranthropus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Palesa Madupe<\/a> vom Max-Planck-Institut f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie in Leipzig, <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/26839104\/analysen-uralter-zaehne-zufolge-koennten-alle-homo-naledi-fossilien-in-einer-hoehle-weiblich-gewesen-sein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Erstautorin der Studie<\/a>.<\/p>\n<p>Bislang ist nur ein weiterer Fundort bekannt, an dem weibliche Skelette deutlich \u00fcberwiegen: eine H\u00f6hle in Portugal. Dort bringen Forschende die ungew\u00f6hnliche Verteilung mit den Bestattungspraktiken neolithischer Gemeinschaften in Verbindung.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwo muss es m\u00e4nnliche Individuen gegeben haben. Andernfalls h\u00e4tte diese Art gar nicht existieren k\u00f6nnen. Also: Wo sind sie geblieben?\u201c<\/p>\n<p>\u2013Paul Constantino, Biologe<\/p>\n<p>Es wird noch r\u00e4tselhafter: Unter den Homo naledi-Skeletten befinden sich zehn Erwachsene und zehn Heranwachsende, darunter ein S\u00e4ugling und mehrere Kleinkinder. Keines dieser Kinder war jedoch m\u00e4nnlich. Gerade dieser Befund gilt als ungew\u00f6hnlich: Da kleine Kinder in hohem Ma\u00df auf ihre M\u00fctter angewiesen sind, h\u00e4tte man erwartet, zumindest einige m\u00e4nnliche S\u00e4uglinge unter den Bestatteten zu finden. Selbst in den meisten Gesellschaften des Homo sapiens, die Verstorbene nach Geschlecht getrennt bestatten, werden m\u00e4nnliche S\u00e4uglinge gemeinsam mit ihren M\u00fcttern beigesetzt, sagt Berger.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen Arten wie Paranthropus robustus weisen die Knochen von Homo naledi zwischen den einzelnen Individuen nur \u00e4u\u00dferst geringe Formunterschiede auf. Gerade deshalb \u00fcberrascht Bernard Wood, Pal\u00e4oanthropologe an der George Washington University und nicht an der Studie beteiligt, die M\u00f6glichkeit nicht besonders, dass s\u00e4mtliche Funde demselben Geschlecht angeh\u00f6ren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Besonders auff\u00e4llig sei ein bestimmter Handknochen. \u201eSie sehen aus, als w\u00e4ren sie in irgendeiner Art Stanzmaschine hergestellt worden\u201c, sagt Wood. \u201eEs gibt \u00fcberhaupt keine morphologische Variation, und das ist sehr merkw\u00fcrdig.\u201c Auch die Proteinsequenzen erwiesen sich als erstaunlich \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Wood vermutet deshalb, dass diese Population \u00fcber l\u00e4ngere Zeit isoliert im s\u00fcdlichen Afrika gelebt haben k\u00f6nnte. M\u00f6glicherweise stammte sie von nur wenigen Gr\u00fcndungsindividuen ab und bewahrte deshalb eine vergleichsweise geringe genetische Vielfalt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60139 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/NS116940158_RISINGSTAR2024_240112_RShone_0464-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"2552\"  \/><\/p>\n<p>Von der Biologie zur Kultur<\/p>\n<p class=\"PDq2pG_selectionAnchorContainer\" data-start=\"33\" data-end=\"359\">Die Wahrscheinlichkeit, unter 20 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Menschen ausschlie\u00dflich weibliche Individuen zu finden, ist verschwindend gering \u2013 nach Berechnungen des Forschungsteams liegt sie bei lediglich 0,0000954 Prozent.\u00a0Die entscheidende Frage lautet daher: Wie konnte eine solche Situation bei Homo naledi entstehen?<\/p>\n<p data-start=\"361\" data-end=\"707\">In seltenen F\u00e4llen kann das Gen f\u00fcr Amelogenin auf dem Y-Chromosom tats\u00e4chlich verloren gehen. Auch bei heutigen Menschen sind entsprechende Mutationen bekannt. Solche F\u00e4lle sind jedoch selten: In einer \u00f6sterreichischen Population wurde eine Rate von 0,18 Prozent festgestellt, in einer pakistanischen Population eine von acht Prozent.<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit besteht darin, dass das Y-Chromosom im Laufe der Zeit st\u00e4rker degradiert ist als das X-Chromosom. In solchen F\u00e4llen k\u00f6nnen Proben f\u00e4lschlicherweise als weiblich eingestuft werden, erl\u00e4utert Carles Lalueza-Fox, Molekularbiologe an der Universit\u00e4t Barcelona, der an der Studie nicht beteiligt war. Deshalb ist er bislang nicht \u00fcberzeugt, dass tats\u00e4chlich alle Skelette weiblich sind. Erst weitere Analysen k\u00f6nnten solche Fehlzuordnungen ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Studienautoren halten dieses Szenario jedoch f\u00fcr wenig wahrscheinlich. Sie verweisen darauf, dass die m\u00e4nnliche Variante des Amelogenins sowohl bei Paranthropus robustus als auch dem noch \u00e4lteren Homininen Australopithecus afarensis nachwiesen lie\u00df. Beide Arten sind \u00e4lter als Homo naledi und h\u00e4tten daher eigentlich noch st\u00e4rker von molekularem Zerfall betroffen sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Sollten die Individuen tats\u00e4chlich weiblich gewesen sein, k\u00f6nnte ein bislang unbekanntes Verhaltensmuster dieser fr\u00fchen Homininen dahinterstehen.<\/p>\n<p>Constantino spekuliert, dass Gruppen von Homo naledi m\u00f6glicherweise weniger m\u00e4nnliche als weibliche Individuen aufgewiesen haben k\u00f6nnten \u2013 \u00e4hnlich wie heutige Berggorillas oder Mantelpaviane (Papio hamadryas), deren Sozialverb\u00e4nde h\u00e4ufig von einem einzelnen dominanten M\u00e4nnchen gepr\u00e4gt werden.<\/p>\n<p>Ebenso denkbar sei eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Vielleicht waren die M\u00e4nnchen vor allem f\u00fcr Jagdaufgaben oder die \u00dcberwachung des Territoriums zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Noch reichen die Indizien nicht aus, um zu verstehen, welche Rolle die tiefen Bereiche des Rising-Star-H\u00f6hlensystems im Leben von Homo naledi spielten. Sicher ist bislang nur eines: Die dunklen Kammern wurden f\u00fcr sie zur letzten Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-60138 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/NS116939479_RISINGSTAR2024_240115_RShone_0957-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1436\" height=\"957\"  \/><\/p>\n<p>Handelt es sich um kulturelles Verhalten?<\/p>\n<p>Wood, der nicht davon \u00fcberzeugt ist, dass es sich bei den Funden in Rising Star um absichtliche Bestattungen handelt \u2013 also um Gr\u00e4ber, die bewusst ausgehoben oder Tote gezielt niedergelegt wurden \u2013, h\u00e4lt ein anderes Szenario f\u00fcr denkbar: Homo naledi k\u00f6nnte die Leichname weiblicher Individuen in die H\u00f6hle gebracht und sie dort nach ihrem Tod abgelegt haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalgeographic.de\/geschichte-und-kultur\/2023\/06\/homo-naledi-die-aeltesten-bestattungen-der-menschheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Anderen Hypothesen zufolge<\/a> k\u00f6nnten Wasserl\u00e4ufe oder Raubtiere die Knochen in die H\u00f6hle transportiert haben. Doch auch diese Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze weisen erhebliche Schw\u00e4chen auf.<\/p>\n<p>Abgesehen von irgendeiner Form kulturellen Verhaltens gebe es \u201eeigentlich keine andere Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum sich in diesem H\u00f6hlensystem nur Individuen eines Geschlechts finden\u201c, sagt Wood. Zumindest keine nat\u00fcrliche.<\/p>\n<p>Berger geht noch einen Schritt weiter. F\u00fcr ihn liefert der Ausschluss m\u00e4nnlicher Skelette Hinweise auf eine Praxis, die ein Ma\u00df an abstraktem Denken voraussetzt, das bislang nur dem Menschen zugeschrieben wurde.<\/p>\n<p>\u201eWir haben Hinweise auf eine Trennung der Toten nach Geschlecht und damit wahrscheinlich sogar nach sozialem Geschlecht\u201c, sagt er. \u201eDas ist ein klarer Beleg f\u00fcr Kultur bei einer nichtmenschlichen Art.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-60144 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/RISINGSTAR2024_240115_R.Shone_0981-2-Kopie.jpg\" alt=\"Am 13. September 2013 gelangten erstmals Menschen in die ber\u00fchmte Dinaledi-Kammer. Der Zugang f\u00fchrte durch einen schmalen Schacht, den die Freizeith\u00f6hlenforscher Rick Hunter und Steven Tucker vom s\u00fcdafrikanischen Speleological Exploration Club entdeckt hatten. Dort stie\u00dfen sie auf eine au\u00dfergew\u00f6hnlich reiche Ansammlung fossiler \u00dcberreste.\" width=\"1436\" height=\"2552\"  \/><\/p>\n<p>Andere Forschende mahnen jedoch zur Vorsicht. Beatrice Demarchi, biomolekulare Arch\u00e4ologin an der Universit\u00e4t Turin, h\u00e4lt kulturelle Schlussfolgerungen auf Grundlage der bisherigen Daten f\u00fcr verfr\u00fcht. Jenseits evolutionsbiologischer Muster sei es au\u00dferordentlich schwierig, biologische Informationen aus der Vergangenheit zu interpretieren \u2013 insbesondere, wenn der Fundkontext so begrenzt und einzigartig sei wie bei Homo naledi.<\/p>\n<p>Ein Durchbruch f\u00fcr die Pal\u00e4oanthropologie<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von den offenen Fragen\u00a0zeigt die Studie vor allem eines: Welches Potenzial in fossilen Proteinen steckt, wenn Knochen keine eindeutigen Antworten liefern und DNA l\u00e4ngst zerfallen ist.<\/p>\n<p>Constantino bezeichnet die neue, besonders schonende Probenahmemethode als einen \u201eDurchbruch\u201c f\u00fcr die Pal\u00e4oanthropologie.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil des fossilen Homininenbestandes besteht aus Z\u00e4hnen \u2013 an manchen Fundstellen sogar in betr\u00e4chtlicher Zahl. Zu wissen, wie viele der Individuen m\u00e4nnlich oder weiblich waren, k\u00f6nne wichtige Hinweise auf die Sozialstruktur dieser fr\u00fchen Populationen und sogar auf ihre Fortpflanzungssysteme liefern.<\/p>\n<p>Mehrere Wissenschaftler \u00e4u\u00dferten die Hoffnung, dass die Methode k\u00fcnftig auch auf Fossilien aus Ostafrika anwenden l\u00e4sst. Dazu geh\u00f6rt etwa Paranthropus boisei, dessen Eigenst\u00e4ndigkeit als Art immer wieder diskutiert wird.<\/p>\n<p>Die Methode k\u00f6nnte zudem langj\u00e4hrige Annahmen \u00fcber das Geschlecht ber\u00fchmter Fossilien wie \u201eLucy\u201c \u00fcberpr\u00fcfen oder Debatten um <a href=\"https:\/\/nationalgeographic.de\/wissenschaft\/2019\/08\/wunderfund-bringt-neue-erkenntnisse-ueber-unsere-vorfahren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">r\u00e4tselhafte Funde wie \u201eMr.\/Mrs. Ples\u201c,<\/a> den vollst\u00e4ndigsten bislang entdeckten Sch\u00e4del von Australopithecus africanus, entscheiden.<\/p>\n<p>\u201eEs ist wunderbar zu sehen, wie fossile Proteine das Fenster zur Vorgeschichte ein St\u00fcck weiter \u00f6ffnen und uns unseren Homininen-Verwandten n\u00e4herbringen\u201c, sagt Douka.<\/p>\n<p>Wo sind die m\u00e4nnlichen Individuen geblieben?<\/p>\n<p>F\u00fcr Homo naledi bleiben die gro\u00dfen Fragen zun\u00e4chst unbeantwortet. Bis heute sind weder eindeutige Vorfahren noch direkte Nachfahren dieser Menschenart bekannt. Und auch das R\u00e4tsel der fehlenden Y-Chromosomen l\u00e4sst die Forschenden nicht los.<\/p>\n<p>Besonders Palesa Madupe besch\u00e4ftigt die M\u00f6glichkeit, dass sich irgendwo in den noch weitgehend unerforschten Bereichen der Molekularbiologie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Ausbleiben des m\u00e4nnlichen Proteinsignals verbirgt. Sollte sich eine solche Erkl\u00e4rung finden, \u201ew\u00e4re das eine gro\u00dfartige Entdeckung\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Letztlich k\u00f6nnte nur der Fund eines zweifelsfrei m\u00e4nnlichen Skeletts die Frage beantworten. Lee Berger sch\u00e4tzt, dass im weit verzweigten Rising-Star-H\u00f6hlensystem noch Dutzende weitere Skelette auf ihre Entdeckung warten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Eine bemerkenswerte Ironie der Forschung<\/p>\n<p>Vorerst bleibt den neuen Erkenntnissen eine eigent\u00fcmliche Ironie. Die extrem engen Felsspalten, durch die man heute in das Rising-Star-H\u00f6hlensystem gelangt, waren f\u00fcr viele m\u00e4nnliche Forschende schlicht zu schmal. Deshalb bestand das erste Team von Pal\u00e4oanthropologinnen, das die Fossilien freilegte, ausschlie\u00dflich aus Frauen.<\/p>\n<p>Dass nun ausgerechnet weibliche Fossilien von einem rein weiblichen Forschungsteam entdeckt wurden, sei, so Berger, \u201eeine jener wunderbaren Ironien, die Wissenschaft und Entdeckungsreisen manchmal bereithalten\u201c.<\/p>\n<p>Die gemeinn\u00fctzige <a href=\"https:\/\/www.nationalgeographic.org\/society\/national-geographic-explorers\/?nav_click\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">National Geographic Society<\/a>, die sich daf\u00fcr einsetzt, die Wunder unserer Welt zu erforschen und zu bewahren, f\u00f6rderte die Forschungsarbeiten ihres Explorer in Residence Lee Berger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor rund 300 000 Jahren wurde eine H\u00f6hle in S\u00fcdafrika zur letzten Ruhest\u00e4tte von mindestens 20 Angeh\u00f6rigen der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":50215,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[6],"tags":[44,43],"class_list":["post-50214","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-suedafrika","tag-south-africa","tag-suedafrika"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/117202661118883981","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50214"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50214\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}