{"id":50793,"date":"2026-09-03T21:07:16","date_gmt":"2026-09-03T21:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50793\/"},"modified":"2026-09-03T21:07:16","modified_gmt":"2026-09-03T21:07:16","slug":"krieg-im-sudan-von-grenzen-schliessen-redet-niemand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50793\/","title":{"rendered":"Krieg im Sudan: Von Grenzen schlie\u00dfen redet niemand"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph article__item\">Gr\u00fc\u00dfe aus dem <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/tschad\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tschad<\/a>. Kein Land, das international viel Beachtung findet. Deshalb vorab eine kleine Orientierungshilfe: Der Tschad geh\u00f6rt zur Sahelregion, hat rund 18 Millionen Einwohner, ein nicht sehr stabiles, nicht sehr demokratisches Regime und z\u00e4hlt zu den \u00e4rmsten L\u00e4ndern der Welt. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um Hunderttausende von Fl\u00fcchtlingen aufzunehmen. <a href=\"https:\/\/reporting.unhcr.org\/operational\/operations\/chad\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Genau das aber passiert derzeit<\/a>.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der Tschad grenzt im Osten an Darfur, derzeit einer der weltweit schlimmsten Kriegsschaupl\u00e4tze. Seit die sudanesischen Streitkr\u00e4fte (SAF) und die paramilit\u00e4rischen Rapid Support Forces (RSF) im April 2023 ihren m\u00f6rderischen Machtkampf begonnen haben, sind \u00fcber zehn Millionen Menschen vertrieben worden. Die meisten innerhalb des <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/sudan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sudan<\/a>. Rund zwei Millionen sind in die Nachbarl\u00e4nder geflohen, \u00fcber 600.000 von ihnen in den Tschad. Weil der Krieg unvermindert weitergeht, kommen t\u00e4glich mehr \u00fcber die Grenze.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Viele von ihnen landen in Farchana, einer kleinen Stadt rund 40 Kilometer landeinw\u00e4rts, die ich Anfang der Woche besucht habe. Gleich hinter dem Ort liegt das Fl\u00fcchtlingslager. Ich werde an anderer Stelle mehr \u00fcber die Neuank\u00f6mmlinge schreiben, die vor den anhaltenden Luftangriffen der Armee, vor allem aber vor den RSF geflohen sind. Diese \u00fcberwiegend arabischst\u00e4mmigen Paramilit\u00e4rs machen in <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/darfur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Darfur<\/a> Jagd auf Angeh\u00f6rige ethnischer Gruppen, die in ihren Augen afrikanisch, schwarz und damit minderwertig sind.\n<\/p>\n<p>            Was wurde aus den Fl\u00fcchtlingen des letzten Krieges?            <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ich wollte zun\u00e4chst wissen, was aus den Fl\u00fcchtlingen des ersten gro\u00dfen Krieges in Darfur geworden ist. Der hatte 2003 begonnen, als sich eben jene afrikanischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerungsgruppen gegen die Ausbeutung ihrer Region durch das Regime des Diktators <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/omar-al-baschir\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Omar al-Baschir<\/a> in Khartum erhoben. Dessen Reaktion war vernichtend: Die sudanesische Luftwaffe zerst\u00f6rte reihenweise D\u00f6rfer mit Bombenangriffen, von Khartum ausger\u00fcstete arabischst\u00e4mmige Milizen ver\u00fcbten Massaker und vertrieben Hunderttausende. Aus diesen Milizen sind sp\u00e4ter die RSF hervorgegangen. F\u00fcr viele Menschen in Darfur ist dieser Krieg ein D\u00e9j\u00e0-vu \u2013 mit dem Unterschied, dass Armee und Paramilit\u00e4rs <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/kriege-konflikte\/dossier-kriege-konflikte\/54699\/sudan-darfur\/#node-content-title-1\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">nicht nur gegen die Zivilbev\u00f6lkerung, sondern nun auch gegeneinander k\u00e4mpfen<\/a>.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Rund 300.000 der Fl\u00fcchtlinge dieses ersten Krieges sind im Tschad geblieben \u2013 und erleben jetzt, wie der n\u00e4chste Treck ankommt. \u00a0\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0Lea Dohle<\/p>\n<p>\n                                        Newsletter<br \/>\n                                        Was jetzt? \u2013 Der t\u00e4gliche Morgen\u00fcberblick<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">Starten Sie mit unserem kurzen Nachrichten-Newsletter in den Tag. 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Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es ist ein Dienstagmorgen, als ich im alten Camp eintreffe, in dessen unmittelbarer N\u00e4he die Notunterk\u00fcnfte f\u00fcr die Neuank\u00f6mmlinge aufgebaut worden sind. &#8222;Wir k\u00f6nnen reden, aber bitte schnell&#8220;, sagt Zeinab Dfallah Omar. &#8222;Heute ist Markttag, ich muss meine Ware verkaufen.&#8220; Aus dem einstigen Aufnahmelager ist l\u00e4ngst eine Kleinstadt geworden. 37.720 Einwohner verzeichnet die Nationale Kommission f\u00fcr den Empfang und die Eingliederung von Fl\u00fcchtlingen und Heimkehrern, eine tschadische Beh\u00f6rde, die alle Camps im Land mitverwaltet. Die Zelte sind festen H\u00e4usern aus Ziegeln und Lehm gewichen, viele mit Gem\u00fcsegarten. Es gibt Schulen, ein Gesundheitszentrum, einige internationale Hilfsorganisationen sind vor Ort, eine tschadische NGO bietet Rechtsberatung.\n<\/p>\n<p>            Sie sind sesshaft geworden            <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Fl\u00fcchtlinge, l\u00e4ngst sesshaft geworden, haben sich in Aussch\u00fcssen organisiert. Zeinab Dfallah Omar ist die Vorsitzende des Frauenkomitees. 39 Jahre alt, Mutter von sechs Kindern, B\u00e4uerin, 2003 aus Darfur geflohen, als die Dschandschawid, wie die arabischst\u00e4mmigen Reitermilizen damals hie\u00dfen, ihr Dorf niederbrannten. Sie geh\u00f6rt wie die Mehrheit der Geflohenen in Farchana zur Ethnie der Masalit, einer jener Gruppen, die seit nunmehr \u00fcber 20 Jahren verfolgt werden. \u00dcber ihre eigene Flucht will sie nicht mehr viel reden. Nichts Besonderes, jeder und jede hier hat horrende Gewalt erlebt. In diesen Tagen h\u00f6ren sie sich die Geschichten der Neuank\u00f6mmlinge an, darunter zahlreiche Frauen, die vergewaltigt wurden. Andere, die mitansehen mussten, wie die RSF ihre M\u00e4nner und S\u00f6hne erschossen, weil die unter Generalverdacht stehen, bewaffnete K\u00e4mpfer zu sein. Vieles, was derzeit in Darfur passiert, erinnert an den Krieg in Bosnien und Herzegowina Mitte der 1990er-Jahre. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8222;Ich muss jetzt wirklich auf den Markt&#8220;, sagt Zeinab Dfallah Omar. &#8222;Sonst kommt kein Geld rein. Sie glauben doch nicht, dass mein Mann das Gem\u00fcse verkauft.&#8220;\n<\/p>\n<p>Mehr zum Thema<\/p>\n<p>            Krieg im Sudan        <\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2024-09\/buergerkrieg-sudan-gefluechtete-rueckkehr-fotografie\" data-ct-label=\"B\u00fcrgerkrieg im Sudan: R\u00fcckkehr in Ruinen\" data-uuid=\"3dca3ab5-3c7c-41f2-8d1c-48a24a1a10fb\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>                        B\u00fcrgerkrieg im Sudan:<br \/>\n                        R\u00fcckkehr in Ruinen<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2024\/42\/krieg-sudan-abu-dhabi-waffenlieferung-raketen-paramilitaer\" data-ct-label=\"Krieg im Sudan: Abu Dhabi schickt Raketen\" data-uuid=\"ec12ab6c-716b-4564-b48c-610332f5539b\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Krieg im Sudan:<br \/>\n                        Abu Dhabi schickt Raketen<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2024-09\/sudan-vereinte-nationen-rsf-verbrechen\" data-ct-label=\"Krieg im Sudan: UN dokumentieren &quot;ersch\u00fctternde Menschenrechtsverletzungen&quot; im Sudan\" data-uuid=\"7685a0b1-8197-4db4-a3db-926d34db5f09\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>                        Krieg im Sudan:<br \/>\n                        UN dokumentieren &#8222;ersch\u00fctternde Menschenrechtsverletzungen&#8220; im Sudan<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der Markt von Farchana brummt an diesem Dienstag. Nicht alle, aber viele der H\u00e4ndlerinnen und H\u00e4ndler stammen aus dem Sudan. Tuk-Tuk-Fahrer transportieren Kundinnen und Waren. Frauen sitzen vor H\u00fcgeln aus Sorghum, Zwiebeln und Tomaten. Andere streiten um den Preis f\u00fcr Feuerholz. Die Metzger verscheuchen Fliegen von ihren Fleischst\u00fccken. Ein ehemaliger Ingenieur aus <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/khartum\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Khartum<\/a>, der 2003 eine Fluchtodyssee \u00fcber Libyen und Mali begonnen hatte, bietet Smoothies aus einem Mixer an. Nebenan betreiben zwei junge M\u00e4nner, im Camp geboren und aufgewachsen, mit einer Autobatterie einen Drucker und setzen an einem alten Laptop f\u00fcr ein paar Cent Schreiben an Beh\u00f6rden auf. Zwischen den Tasten knirscht der Sand. In der &#8222;Barbershop&#8220;-Ecke konkurrieren mehrere Friseure um Kunden, haben sich aus Spiegelscherben und selbst gebauten St\u00fchlen kleine Open-Air-Salons eingerichtet. Der Holzkiosk voller Plastikflaschen mit \u00f6lig-gelber Fl\u00fcssigkeit entpuppt sich als Tankstelle. Einige Reihen weiter sitzen die Messerschleifer. Gegen\u00fcber bearbeitet ein junger Schmied mit dem Vorschlaghammer ein St\u00fcck gl\u00fchendes Eisen. <\/p>\n<p>            Geschichte einer Dauerkrise            <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ein eigener \u00f6konomischer Kosmos ist hier entstanden, der sich mit der lokalen Wirtschaft verschr\u00e4nkt hat. Das k\u00f6nnte man als Erfolgsgeschichte der Integration lesen, was es auch ist. Gleichzeitig ist es die Geschichte einer Dauerkrise, in der tagt\u00e4gliche Konflikte um schrumpfende Ressourcen verhandelt werden m\u00fcssen. Tschadische Bauern erleben, wie immer mehr Ackerland f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte hergegeben wird \u2013 und immer mehr Sudanesen Felder bestellen und mit einheimischen Produkten auf dem Markt konkurrieren. Zeinab Dfallah Omar klagt \u00fcber tschadische Landbesitzer, die &#8222;uns eine viel zu hohe Pacht abkn\u00f6pfen&#8220;.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und so beeindruckend das Warenangebot auf dem Markt ist \u2013 vieles k\u00f6nnen sich die sudanesischen Fl\u00fcchtlinge nicht leisten. F\u00fcr die Neuank\u00f6mmlinge, oft unterern\u00e4hrt, weil im Sudan l\u00e4ngst Hunger herrscht, teilt das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen Nahrungsmittelrationen aus. F\u00fcr die Alteingesessenen gibt es Geldzuweisungen: umgerechnet zw\u00f6lf Euro pro Person im Monat. 40 Cent am Tag. &#8222;Damit k\u00f6nnen sie keine Familie ern\u00e4hren&#8220;, sagt Ismail Yacoub Abdallah, Vizechef des Selbstverwaltungskomitees der alteingesessenen Fl\u00fcchtlinge, also so etwas wie der Vizeb\u00fcrgermeister. M\u00e4nner wie er, einst Lehrer, Ladenbesitzer oder Busfahrer in Darfur, verdienen etwas Geld als Tagel\u00f6hner, laden Waren aus, waschen Lkw, brennen Ziegel. &#8222;Wir brauchen dringend Jobs&#8220;, sagt Abdallah. &#8222;Wir teilen alles mit den Neuen, aber irgendwann ist nichts mehr da.&#8220; Und die &#8222;tschadischen Br\u00fcder und Schwestern&#8220; h\u00e4tten auch kaum mehr etwas zu geben.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Dass die internationale Hilfe f\u00fcr die Betroffenen dieses Krieges kl\u00e4glich unterfinanziert ist, ist ein anhaltender Skandal. 2,7 Milliarden Dollar hatten die UN f\u00fcr das Jahr 2024 veranschlagt, um die Zivilbev\u00f6lkerung im Sudan mit Nothilfe zu versorgen. <a href=\"https:\/\/reports.unocha.org\/en\/country\/sudan\/\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Davon war Anfang Oktober weniger als die H\u00e4lfte durch Geberl\u00e4nder gesichert<\/a>.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Noch dramatischer sieht es bei der Unterst\u00fctzung der Nachbarl\u00e4nder wie dem Tschad aus: 1,5 Milliarden Dollar w\u00e4ren f\u00fcr eine halbwegs angemessene Versorgung von sudanesischen Fl\u00fcchtlingen und zur Unterst\u00fctzung der einheimischen Bev\u00f6lkerung n\u00f6tig. Bis Anfang Oktober war gerade einmal ein Viertel dieser Summe finanziert.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Unterdessen geht der Exodus aus dem Sudan weiter. Was einen dann doch \u00fcberrascht: Bislang redet im Tschad niemand davon, die Grenze zuzumachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gr\u00fc\u00dfe aus dem Tschad. Kein Land, das international viel Beachtung findet. 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