{"id":50834,"date":"2026-09-03T23:10:03","date_gmt":"2026-09-03T23:10:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50834\/"},"modified":"2026-09-03T23:10:03","modified_gmt":"2026-09-03T23:10:03","slug":"bittere-note-wirtschaft-sz-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/50834\/","title":{"rendered":"Bittere Note &#8211; Wirtschaft &#8211; SZ.de"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Mitten im Advent, der Hauptsaison f\u00fcr Leckereien aus Schokolade, werfen die beiden Hauptanbaul\u00e4nder von Kakao gro\u00dfen Konzernen vor, ihre Bem\u00fchungen um eine bessere Bezahlung der Bauern zu torpedieren. Ghana und die C\u00f4te d&#8217;Ivoire sind \u00fcberzeugt, dass Hershey, Mars, Olam sowie weitere kleinere Anbieter das neue System der Pr\u00e4mien umgehen. Sie wendeten &#8222;verdeckte Strategien&#8220; an, um den Mechanismus zu vermeiden, das Einkommen f\u00fcr Kakaobauern zu verbessern &#8211; mit dem Ziel, &#8222;ihn zum Einsturz zu bringen&#8220;, hei\u00dft es in einem Brief der beiden staatlichen Kakaobeh\u00f6rden, der der S\u00fcddeutschen Zeitung vorliegt. Die Entwicklung lasse Zweifel aufkommen, ob die Unternehmen wirklich interessiert seien, &#8222;die Armut von Kakaobauern effektiv zu bek\u00e4mpfen&#8220;, sagt Evelyn Bahn, Referentin f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte beim Inkota-Netzwerk. Die Unternehmen wiesen die Vorw\u00fcrfe\u00a0zur\u00fcck.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Ghana und die Elfenbeink\u00fcste, die rund 60 Prozent der Weltkakaoernte produzieren, haben mit Beginn der seit Oktober laufenden Erntesaison ein neues staatliches Pr\u00e4miensystem eingef\u00fchrt. F\u00fcr jede Tonne Kakao, die exportiert wird, muss &#8211; unabh\u00e4ngig vom Weltmarktpreis &#8211; eine Sonderabgabe von 400 Dollar bezahlt werden. Davon sollen alle Kleinbauern profitieren, anders als etwa bei einem privaten Zertifizierungssystem wie Fairtrade, bei dem naturgem\u00e4\u00df nur ein Teil der Bauern mitmachen kann. Im Durchschnitt verdienen die rund drei Millionen Kakaobauern in den beiden westafrikanischen L\u00e4ndern weniger als einen Dollar am Tag und leben damit unterhalb der Armutsgrenze von 1,90 Dollar, die ohnehin schon knapp bemessen ist. Sie haben meist keine Ersparnisse und k\u00f6nnen oft auch keine erwachsenen Helfer bezahlen, auf die sie aber angewiesen sind. Viele besch\u00e4ftigen deswegen ihre eigenen oder fremde Kinder. Rund 1,56 Millionen M\u00e4dchen und Jungen im Alter von f\u00fcnf bis 17 Jahren sind es einer j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Studie der Universit\u00e4t Chicago zufolge alleine in Ghana und der C\u00f4te\u00a0d&#8217;Ivoire.<\/p>\n<p>Hershey und Mars weisen die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Wie aber sollen die Schokoladenunternehmen das Pr\u00e4miensystem umgangen haben? Dem US-Hersteller Hershey werfen die Staaten in einem gesonderten Schreiben vor, den New Yorker Terminmarkt genutzt zu haben, um die Pr\u00e4mien zu unterlaufen. \u00dcblicherweise sichern sich Unternehmen dort gegen Preisschwankungen beim Kakao ab. Es ist aber un\u00fcblich, dass sie sich auf diesem Wege tats\u00e4chlich physisch Kakao beschaffen. Genau dies hatte Hershey aber wohl getan. Dies sei ein &#8222;klarer Hinweis&#8220; auf die Absicht des Unternehmens, eine Zahlung des sogenannten Living Income Differential (LID) &#8222;zu vermeiden&#8220;, hei\u00dft es in dem Brief des Ghana Cocoa Board und des Conseil du Caf\u00e9-Cacao der C\u00f4te d&#8217;Ivoire. Die Beh\u00f6rden nennen weitere Strategien, die ihrer Meinung nach Unternehmen nutzten, um das Pr\u00e4miensystem zu unterlaufen. Dazu geh\u00f6rten ver\u00e4nderte Rezepturen, bei denen weniger Kakao oder Kakaobutter aus den beiden L\u00e4ndern eingesetzt w\u00fcrden, die f\u00fcr vergleichsweise gute Qualit\u00e4t im Massenmarkt f\u00fcr Kakao bekannt sind. Au\u00dferdem werde hochwertige Kakaobutter in Schokolade durch billigere Fette ersetzt. Die Beh\u00f6rden untersagten Hershey den weiteren Betrieb von Nachhaltigkeitsprogrammen f\u00fcr Schokolade in ihren L\u00e4ndern, ein ungew\u00f6hnlicher Schritt. Die Ma\u00dfnahmen seien richtig, wenn Konzerne die Pr\u00e4mie umgingen, selbst wenn dies einzelnen Bauern Nachteile bringe, erkl\u00e4rte die Ghana Civil Society Platform. Um das Misstrauen zwischen kakaoproduzierenden L\u00e4ndern und K\u00e4ufern zu beseitigen, brauche es Transparenz beim\u00a0Verkaufsgeschehen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Hershey wies den Vorwurf entschieden zur\u00fcck und erkl\u00e4rte, bei dem Pr\u00e4miensystem in der laufenden Saison &#8222;voll beteiligt zu sein&#8220;. Das US-Familienunternehmen Mars, welches in Viersen am Niederrhein ein gro\u00dfes Werk betreibt, widersprach ebenfalls kategorisch: Man habe seine Einkaufspraktiken nicht ge\u00e4ndert, um die Zahlung des LID zu vermeiden. Mars habe als erstes Schokoladenunternehmen das LID \u00f6ffentlich unterst\u00fctzt und sei &#8222;entt\u00e4uscht, dass andere in der Branche in letzter Zeit andere Einkaufswege gew\u00e4hlt haben&#8220;. Ein Hinweis darauf, dass die Kritik der beiden Staaten berechtigt sein k\u00f6nnte. Olam sprach gegen\u00fcber der Financial Times von der gro\u00dfen Bedeutung der beiden L\u00e4nder f\u00fcr sein Gesch\u00e4ft und verwies auf seine Investitionen und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bauern. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Singapur ist einer der gro\u00dfen Anbieter von Kakaovorprodukten, die auch in Deutschland in Schokoladenleckereien landen. Der Bundesverband der Deutschen S\u00fc\u00dfwarenindustrie steht der Sonderabgabe auf Kakao grunds\u00e4tzlich &#8222;positiv gegen\u00fcber&#8220;. Ihm liegen &#8222;keine Informationen vor&#8220;, ob Mitgliedsunternehmen sich wegen des Pr\u00e4miensystems anderswo Kakao\u00a0beschafften.<\/p>\n<p>Deregulierungen haben die Situation f\u00fcr die Bauern kaum verbessert<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">F\u00fcr Ghana und die C\u00f4te d&#8217;Ivoire stehe viel auf dem Spiel, wenn sie einen Teil ihrer Ernte nicht verkaufen k\u00f6nnten, sagt Branchenexperte Friedel H\u00fctz-Adam von der NGO S\u00fcdwind. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie k\u00f6nnten sie sich das kaum leisten. Die harsche Kritik der beiden Staaten gegen\u00fcber den Schokoladenkonzernen erkl\u00e4rt sich auch aus der Vergangenheit. Fast alle Kakaoanbaul\u00e4nder hatten seit dem Ende der 1980er-Jahre ihren Markt dereguliert, ohne dass sich die Situation f\u00fcr die Kakaobauern in der Folge wesentlich verbessert h\u00e4tte. Ghana behielt damals seine Regulierung bei, einschlie\u00dflich Mindestpreisen f\u00fcr den Kakao. Die C\u00f4te d&#8217;Ivoire kehrte nach einer Phase der Deregulierung in den 2010er-Jahren zu einer Regulierung zur\u00fcck, ebenfalls mit Mindestpreisen. Einen herben R\u00fcckschlag gab es dann jedoch in der Erntesaison 2016\/17. Aufgrund des Preisverfalls f\u00fcr Kakao an den Weltm\u00e4rkten konnte das Land den versprochenen Mindestpreis nicht halten und senkte ihn mitten in der Erntesaison deutlich ab. Die Erwartung der Bauern an die neue Sonderabgabe waren hoch, zu erleben Anfang des Jahres in dem kleinen Dorf Kofesso Bioula Bougon in der C\u00f4te d&#8217;Ivoire. Die Regierung habe die Macht, h\u00f6here Kakaopreise durchzusetzen, sagt Tayama Bekoua, einer der Wortf\u00fchrer der dortigen Kakaobauern. Das Pr\u00e4miensystem sei daf\u00fcr\u00a0wichtig.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Unstrittig ist auch in der Industrie, dass die Kakaobauern dringend ein h\u00f6heres Einkommen ben\u00f6tigen. Dabei setzt sie vor allem auf eine Steigerung der Produktivit\u00e4t durch Mehrarbeit, einen h\u00f6heren Einsatz von Pestiziden und die Bewirtschaftung gr\u00f6\u00dferer Fl\u00e4chen. Friedel H\u00fctz-Adam bezweifelt, dass das Rezept im Falle der Kakaobauern tats\u00e4chlich aufgehen und die Bauern so mehr netto verdienen k\u00f6nnten. &#8222;Ich kenne keine Studie, die das belegt&#8220;, sagte er. Inflationsbereinigt ist der Weltmarktpreis f\u00fcr Kakao seit 1980 um 40 Prozent gefallen. Das liegt vor allem an einer h\u00f6heren Produktion. Hinzu kommt die immense Konzentration der Schokoladenherstellung auf wenige Konzerne entlang der Lieferkette mit entsprechender Marktmacht. Gerade einmal sechs Prozent des Preises einer Tafel Schokolade gehen heute im Durchschnitt an die Kakaobauern. Nutznie\u00dfer sind Unternehmen und Konsumenten in Europa, den USA oder Japan. Sie machen h\u00f6here Profite oder zahlen niedrigere Preise. Der Aufschlag von 400 Dollar je Tonne Kakao in Ghana und der Elfenbeink\u00fcste macht sich dabei kaum bemerkbar. Laut dem Kakaoverarbeiter Barry Callebaut w\u00fcrde eine Tafel Milchschokolade um rund ein Prozent teurer, Eis oder Kekse um ein halbes\u00a0Prozent.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mitten im Advent, der Hauptsaison f\u00fcr Leckereien aus Schokolade, werfen die beiden Hauptanbaul\u00e4nder von Kakao gro\u00dfen Konzernen vor,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":50835,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[14],"tags":[125,124,126,284,138],"class_list":["post-50834","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-elfenbeinkueste","tag-cote-divoire","tag-elfenbeinkueste","tag-ivory-coast","tag-sueddeutsche-zeitung","tag-wirtschaft"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/117209636673891511","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50834","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50834"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50834\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50834"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50834"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50834"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}