{"id":5694,"date":"2026-04-21T01:36:21","date_gmt":"2026-04-21T01:36:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5694\/"},"modified":"2026-04-21T01:36:21","modified_gmt":"2026-04-21T01:36:21","slug":"marokko-macht-den-anfang-zenith-me","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5694\/","title":{"rendered":"Marokko macht den Anfang | zenith.me"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht zum 1. Oktober erschie\u00dfen Polizisten den 22 Jahre alten Studenten Abdessamad Oubella in der Stadt Lqliaa, in der N\u00e4he von Agadir. Insgesamt fallen drei Menschen den Sch\u00fcssen zum Opfer. \u00bbWir wollen keine Weltmeisterschaft, sondern Gesundheit!\u00ab, lautet einer der Slogans der Protestbewegung, die seitdem durch quer durch das Land schwappt. Marokko erlebt in diesem Herbst die gr\u00f6\u00dfte Demonstrationswelle seit den vom Arabischen Fr\u00fchling inspirierten Februarprotesten von 2011. In Reaktion auf die Proteste hatte K\u00f6nig Muhammad VI. damals eine Reihe von Verfassungsreformen eingeleitet, die unter anderem die Machtf\u00fclle des Monarchen reduzierte.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Doch die Septemberproteste in diesem Jahr unterscheiden sich von fr\u00fcheren Demonstrationswellen: Landesspezifische Missst\u00e4nde stehen zwar im Vordergrund, aber die Bewegung zeichnet sich vor allem durch eines aus: Sie ist Teil eines l\u00e4nder- und Kontinente \u00fcbergreifenden Ph\u00e4nomens, das in diesem Jahr unter anderem den Sturz der Regierung in Nepal erreichte \u2013 nicht zuletzt dank der effizienten Organisations- und generationsspezifischen Kommunikationsformen. In Marokko hat sich die Protestbewegung nach der Telefonvorwahl des Landes \u00bbGen Z 212\u00ab genannt. Die jungen Menschen organisieren sich haupts\u00e4chlich \u00fcber soziale Medien, vor allem \u00fcber den die Plattform Discord, die bislang vor allem als Gruppenchat f\u00fcr Gamer bekannt war.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die ersten Proteste dieser Art brachen am 27. und 28. September 2025 in Rabat, Casablanca und Marrakesch aus. Als Ausl\u00f6ser gilt ein Vorfall im Hassan-II.-Krankenhaus in Agadir Mitte September: Acht schwangere Frauen starben in innerhalb von zehn Tagen w\u00e4hrend der Entbindung \u2013 die meisten w\u00e4hrend einer Kaiserschnittoperation. Tats\u00e4chlich stand das Krankenhaus bereits seit geraumer Zeit wegen chronischem Personalmangel, unzureichenden hygienischen Bedingungen sowie schlechter Infrastruktur in der Kritik. \u00bbDer Tod der schwangeren Frauen in Agadir hat das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht\u00ab, best\u00e4tigt auch die Politikwissenschaftlerin Sarah Zaaimi, die sich f\u00fcr den US-Thinktank Atlantic Council ausf\u00fchrlich mit den \u00bbGen Z\u00ab-Protesten in Nordafrika besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die marokkanische Gesellschaft ist im Hinblick auf die bevorstehende Fu\u00dfball-WM gespalten<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die offensichtlichen Missst\u00e4nde vor allem im l\u00e4ndlichen Raum sind immer wieder Gegenstand w\u00fctender Protesten und Aufm\u00e4rsche. \u00bbDemonstrationen sind in Marokko keine Seltenheit, sie geh\u00f6ren vielmehr zur Norm\u00ab, erkl\u00e4rt Sarah Zaaimi und f\u00fchrt die Demonstrationen gegen den Genozid in Gaza und die Proteste der Rif-Kabylen 2016 und 2017 als Beispiele an. Vor allem in jenen Gebieten, die das verheerende Erdbeben im September 2023 traf, hatten gingen die Menschen immer wieder aufgrund der ausbleibenden Entsch\u00e4digungszahlungen durch die Regierung auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dennoch erreicht die diesj\u00e4hrige Protestwelle erstmal seit 2011 wieder ein derartiges Ausma\u00df. Besonders brisant ist auch der explizite Bezug zum Volkssport Nummer eins: Marokko ist Ko-Gastgeber der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2030, bereits in wenigen Wochen richtet das K\u00f6nigreich den Afrika-Cup aus. F\u00fcr die Gro\u00dfveranstaltungen investierte die marokkanische Regierung in den Ausbau des Moulay-Abdallah-Stadiums in der Hauptstadt Rabat, welches am 11. September offiziell er\u00f6ffnet wurde sowie die Renovierung des Ibn-Battuta-Stadiums in Tanger. Im Bau befindet sich zudem das Hassan-II-Stadium in Benslimane, \u00f6stlich von Casablanca, das 2028 fertiggestellt werden und als gr\u00f6\u00dftes Stadion der Welt 115.000 Zuschauern Platz bieten soll.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die marokkanische Gesellschaft ist im Hinblick auf die bevorstehende Fu\u00dfball-WM gespalten: Sie schwankt zwischen Stolz und Vorfreude einerseits und wachsender Kritik an den sozialen und wirtschaftlichen Missst\u00e4nden andererseits, die vor allem die l\u00e4ndlichen Regionen pr\u00e4gen. \u00bbDie junge marokkanische Generation f\u00fchlt sich zunehmend entfremdet\u00ab, erkl\u00e4rt Sarah Zaaimi. Viele h\u00e4tten das Gef\u00fchl, dass die hohen Kosten f\u00fcr Gro\u00dfprojekte eher Investoren und Touristen denn der eigenen Bev\u00f6lkerung zugutekommen. Die unzureichende und teilweise ganz ausbleibende Kommunikation der Regierung best\u00e4rkt diese Wahrnehmung. Stattdessen sp\u00fcren die Demonstranten die Antwort des Staates auf den Stra\u00dfen: Immer wieder zerren Beamte junge Leute in einen der aufgereihten Einsatzw\u00e4gen. Die Sicherheitskr\u00e4fte gingen in den vergangenen Wochen teils mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte und Brutalit\u00e4t vor und unterschieden dabei kaum zwischen friedlichen Demonstranten und Unruhestiftern. Zugleich verschwimmen auch unter den Jugendlichen die Grenzen zwischen Angriffen auf vermeintliche Symbole der Geldverschwendung und Vandalismus.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zaaimi sieht hier einen der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Gewaltausbr\u00fcche auf diesen Demonstrationen \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das in Marokko nicht selten ist und sich bereits im Lexikon des Darija-Dialekts etabliert hat: Der Begriff Hargaoui bezeichnet eine gewaltbereite und \u00bbunzivilisierte\u00ab Person, wird im Kontext der Gen-Z-Proteste jedoch insbesondere f\u00fcr Randalierer gebraucht. Ein \u00e4hnlicher Vorfall ereignete sich bereits im April dieses Jahres: Jugendliche besch\u00e4digten Anlagen des neu er\u00f6ffneten Muhammad-V.-Stadions in Casablanca, darunter Sitze und Toiletten. Die Aufnahmen verbreiteten sich schnell \u00fcber die Sozialen Medien. Zaaimi sieht deutliche Zeichen daf\u00fcr, dass die Jugend sich nicht in die von der Regierung initiierten Bauprojekte miteinbezogen f\u00fchlt \u2013 und sich diese Wut nun nicht nur verbal Bahn bricht.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten sowie am Stadtrand von Agadir, Sale, Inezgane und Oujda geriet die Lage au\u00dfer Kontrolle<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Den landesspezifischen und globalen Ungleichheiten ist sich die junge Generation zunehmend bewusst: So erreichte die Arbeitslosenquote im ersten Quartal 2024 einen Rekordwert von 13,7 Prozent. Was die marokkanische Gen-Z auszeichnet, ist ihre Vernetzung \u00fcber soziale Medien, der Zugang zu vielf\u00e4ltigen Informationsquellen und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr globale Trends. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie der Genozid in Gaza haben bei ihnen ein ausgepr\u00e4gtes politisches Bewusstsein sowie ein starkes Gerechtigkeitsempfinden geweckt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ihren Unmut \u00e4u\u00dfern sie online, unter anderem auch \u00fcber Memes und andere kulturelle Referenzen, etwa die japanische Anime-Serie\u00a0\u00bbOne Piece\u00ab, die das Aufbegehren gegen das politische Establishment thematisiert. Versuche oppositioneller oder islamistischer Gruppierungen, auf den Protestzug mitaufzuspringen, schlugen fehl. So profitierte weder die fr\u00fchere Regierungspartei PJD (\u00bbPartei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung\u00ab) von Ex-Premier Abdelillah Benkirane, noch die offiziell verbotene, aber tolerierte Bewegung \u00bbAl Adl wal Ihsane\u00ab (zu Deutsch: \u00bbGerechtigkeit und Wohlt\u00e4tigkeit\u00ab) vom Unmut auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zu Beginn erfuhr die Protestbewegung noch Solidarit\u00e4t und Zuspruch, artete jedoch schnell in Gewalt und Vandalismus aus \u2013 von brennenden Autos bis hin zu Pl\u00fcnderungen von Gesch\u00e4ften. Viele Unterst\u00fctzer distanzierten sich daraufhin, darunter auch Vertreter der Amazigh. In einer offiziellen Stellungnahme Mitte Oktober verk\u00fcndeten die beteiligten Amazigh-Gruppen ihren R\u00fcckzug und betonten, dass grundlegende politische Ver\u00e4nderungen nicht durch Chaos und Gewalt herbeigef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten sowie am Stadtrand von Agadir, Sale, Inezgane und Oujda geriet die Lage au\u00dfer Kontrolle \u2013 ein entscheidender Wendepunkt f\u00fcr die junge Protestbewegung.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass die Proteste der Gen Z in Marokko trotz der effizienten Vernetzung und geteilter kultureller Codes dennoch weder eine homogene, noch eine zentral gef\u00fchrte Bewegung ist. In diesem Kontext erlebte der Begriff Zlayji, eine Wortsch\u00f6pfung aus den in Marokko bekannten farbigen Keramiken eine Renaissance. Der Neologismus entstand inmitten der Rivalit\u00e4t mit dem Nachbarn Algerien und bezeichnet konkret \u00fcber \u00fcbertriebene nationalistische Haltung. Die \u00e4u\u00dfert sich darin, Marokko auf internationaler B\u00fchne zu profilieren und kulturelle Eigenheiten \u2013 darunter den Kaftan, Couscous oder Zellij &#8211; ausschlie\u00dflich f\u00fcr sich zu beanspruchen, und so tats\u00e4chliche gesellschaftliche und sozio\u00f6konomische Missst\u00e4nde im Land zu \u00fcbert\u00fcnchen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Unter anderem haben auch die offiziellen Feierlichkeiten zum 50. Jahrestags des \u00bbGr\u00fcnen Marsch\u00ab die Proteste \u00fcberschattet<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Obwohl K\u00f6nig Muhammad VI. das Staatsoberhaupt ist, richteten sich die Proteste weder konkret gegen ihn als Teil der Exekutive, noch gegen die Monarchie selbst, sondern vor allem gegen die politische Elite des Landes, die seit 2021 um Premierminister Aziz Akhannouch zentriert ist. Der Politiker und Unternehmer gilt als der reichste Mann Marokkos. Zudem leitet er das Konglomerat\u00a0\u00bbAkwa Group S.A.\u00ab, ein Mischkonzern im Bereich \u00d6l und Gas mit einem gesch\u00e4tzten Jahresumsatz von rund 2,7 Milliarden Euro. Im Zuge der Regierungsbildung im Oktober 2024 berief Akhannouch enge Vertraute wie Mohamed Saad Berrada und Amine Taraoui an die Spitze des Gesundheits- beziehungsweise Bildungsministeriums.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dagegen macht sich die soziale Kluft zwischen Arm und Reich zunehmend bemerkbar. Weite Teile der Bev\u00f6lkerung leiden unter den Folgen struktureller Misswirtschaft und gloabler Krisen, wie des Klimawandels. Auch aus diesem Grund lie\u00df die Regierung etwa in diesem Jahr das Lammschlachten zum islamischen Opferfest wegen der exorbitanten Preissteigerungen und dem R\u00fcckgang der Viehbest\u00e4nde verbieten. Als Reaktion auf steigende Gas- und Lebensmittelpreise hatte sich bereits 2022 eine Online-Protestbewegung gegen Premier Akhannouch unter dem Hashtag #D\u00e9gage_Akhannouch (zu Deutsch: \u00bbVerschwinde Akhnnoush\u00ab) formiert.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig selbst tritt zwar weiterhin \u00f6ffentlich auf, ist jedoch seit Jahren gesundheitlich angeschlagen \u2013 dass sein Sohn Moulay Hassan eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter seine Nachfolge antritt, erscheint daher nicht mehr unrealistisch. Viele junge Marokkaner setzen ihre Hoffnungen auf den 22- j\u00e4hrigen Kronprinzen, der selbst der Gen Z angeh\u00f6rt und eine zunehmend wichtige Rolle in der politischen Sph\u00e4re spielt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Inzwischen hat die Protestbewegung der Gen Z in Marokko den Elan der Anfangswochen im Oktober verloren. Unter anderem haben auch die offiziellen Feierlichkeiten zum 50. Jahrestags des \u00bbGr\u00fcnen Marsch\u00ab, der die Annexion sowie den Anspruch auf die Westsahara markiert, die Proteste \u00fcberschattet. Trotz der ausbleibenden Zugest\u00e4ndnisse blickt Sarah Zaaimi optimistisch auf die Zukunft: Die Gen Z habe viele Marokkaner, insbesondere die politische Elite, \u00fcberrascht: So stand die Jugend im Ruf, politisch desinteressiert zu sein. \u00bbViele junge Marokkaner denken nun dar\u00fcber nach, eigene politische Parteien zu gr\u00fcnden oder sich als Kandidaten f\u00fcr die Wahlen 2026 aufstellen zu lassen\u00ab, sagt Zaaimi. Ein wesentliches Ergebnis der Proteste sei vor allem der Reifeprozess innerhalb nur weniger Wochen gewesen: So h\u00e4tten viele der Organisatoren verstanden, dass ein realistischer politischer Wandel nur innerhalb des Systems m\u00f6glich sei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In der Nacht zum 1. 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