{"id":5830,"date":"2026-04-21T04:17:00","date_gmt":"2026-04-21T04:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5830\/"},"modified":"2026-04-21T04:17:00","modified_gmt":"2026-04-21T04:17:00","slug":"das-schicksal-von-vertragsarbeitern-aus-mosambik-in-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5830\/","title":{"rendered":"Das Schicksal von Vertragsarbeitern aus Mosambik in der DDR"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/david-macou-100.jpg\" alt=\"Der ehemalige Vertragsarbeiter David Macou\" title=\"Der ehemalige Vertragsarbeiter David Macou | DLF\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 30.09.2024 \u2022 16:09 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        David Macou war 19, als er 1979 als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR kam. Versprochen war ihm eine Berufsausbildung und Geld, mit dem er eine Zukunft in Mosambik aufbauen wollte. Heute zieht er eine bittere Bilanz.\n    <\/p>\n<p>                                    <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/anke-hahn-101.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                                        <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Anke Hahn (RBB)\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/ankehahn-ts-104.jpg\"\/><br \/>\n                                    <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">David Macou erinnert sich noch gut, wie junge Leute in seinen Heimatort Chidenguele Gaza in Mosambik kamen und von der DDR schw\u00e4rmten. Es sei ein Land mit sozialer Sicherheit und Gleichberechtigung. Und man k\u00f6nne gut Geld verdienen, versprachen sie. Das klang f\u00fcr den jungen Mann gut. Seine Heimat versank gerade im B\u00fcrgerkrieg, die DDR schien da eine gute Alternative.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">So wie David ging es vielen jungen Mosambikanern. Von 1979 bis zum Ende der DDR 1989 kamen etwa 17.000 Frauen und M\u00e4nner. Sie wollten eine Berufsausbildung machen und mit dem verdienten Lohn eine Existenz in ihrer Heimat aufbauen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Was sie nicht wussten: Sie waren nur Marionetten in einem zwischenstaatlichen Kuhhandel zwischen der DDR und Mosambik. Das afrikanische Land lieferte Arbeitskr\u00e4fte, die die DDR dringend brauchte. Im Gegenzug erlie\u00df die DDR Mosambik Schulden f\u00fcr Waffen- und Warenlieferungen, die das arme Land sonst nicht h\u00e4tte begleichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>    Harte Arbeit und Rassismus<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Davon jedoch bemerkten David und die anderen Betroffenen zun\u00e4chst nichts. David kam nach Cottbus, er sollte im Braunkohlebergbau arbeiten. Dort im Tagebau Welzow lernte er Schlosser, machte seinen Meister, sp\u00e4ter lernte er noch Schwei\u00dfer. Die Arbeit war hart. David erz\u00e4hlt von zw\u00f6lf Stunden t\u00e4glich. Er wurde Gruppenleiter, trug Verantwortung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch au\u00dferhalb des Arbeitsumfelds war die Stimmung eine andere. Von Anfang an gab es Rassismus und Anfeindungen, erinnert sich David. &#8222;Wir sind immer in Gruppen von vier bis sechs Leuten unterwegs gewesen. Allein hatten wir Angst.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dabei gab es kaum Kontakt zur \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung. Die Vertragsarbeiter wohnten in Wohnheimen. Dennoch stie\u00dfen sie \u00fcberall auf Vorurteile und Ablehnung. Nur wenige Menschen waren freundlich, es gab vereinzelt Freundschaften und manchmal Liebesbeziehungen zu Deutschen.<\/p>\n<p>    Einsam in der Fremde<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">F\u00fcr die jungen Mosambikanerinnen und Mosambikaner war das ein hartes Leben, zumal sie auch nicht nach Hause durften &#8211; nicht einmal zu Besuch. Bei der Einreise waren ihnen ihre P\u00e4sse weggenommen worden. R\u00fcckkehr oder Urlaub war erst nach vier Jahren vorgesehen. Trost aus der Heimat konnte es nur per Post geben, aber die brauchte ewig. David erz\u00e4hlt, dass er immer zwei bis drei Monate auf Antwort warten musste, wenn er eine Nachricht an seine Familie geschickt hatte. Er sei sehr einsam gewesen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dabei ging es David noch vergleichsweise gut. Andere konnten nicht einmal die versprochene Ausbildung machen. Junge Frauen, die davon tr\u00e4umten, Krankenschwester zu werden, fanden sich in der Textilindustrie wieder: k\u00f6rperlich schwere Arbeit am Flie\u00dfband. Viele landeten auch in der Landwirtschaft. \u00dcberall dort, wo die Arbeit hart war und der DDR Arbeitskr\u00e4fte fehlten, wurden Vertragsarbeiter eingesetzt. Neben Mosambikanern waren auch Menschen aus Angola, Kuba und Vietnam im Einsatz.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aber anders als die Arbeitskr\u00e4fte aus den anderen L\u00e4ndern bekamen die Mosambikaner nicht ihren ganzen Lohn ausgezahlt. Es gab einen Sockelbetrag von 350 DDR-Mark. Vom Rest zogen die Betriebe bis zu 60 Prozent ab; Geld, das die DDR mit Mosambik als Schuldentilgung verrechnete. Den Arbeitern wurde gesagt, sie w\u00fcrden den fehlenden Lohn dann in Mosambik bekommen, wenn sie wieder zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>    In der Heimat nicht willkommen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch das passierte nur in den seltensten F\u00e4llen. Die Mehrzahl ging leer aus. Schlimmer noch: Den R\u00fcckkehrern schlug Misstrauen und Verachtung entgegen. Sie galten als Dr\u00fcckeberger, weil sie nicht im B\u00fcrgerkrieg gek\u00e4mpft hatten. Trotz zum Teil guter Qualifikation bekamen sie auch keine Arbeit in ihrer Heimat. Viele lebten und leben in Armut.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch David Macou ist davon betroffen. Er war zw\u00f6lf Jahre in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, lebte bis 1991 in Hoyerswerda. Dort \u00fcberlebte er zwei Neonazi-Angriffe auf Wohnheime mit Vertragsarbeitern. Nach dem zweiten Anschlag musste er Deutschland verlassen, obwohl er inzwischen eine deutsche Freundin und eine kleine Tochter hatte.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Er w\u00e4re sehr gern geblieben, sagt er heute &#8211; zumal ihn in Mosambik Arbeitslosigkeit und Armut erwarteten. Er schl\u00e4gt sich bis heute als selbst\u00e4ndiger Schlosser und Schwei\u00dfer durch, aber das reiche oft nicht einmal f\u00fcr Brot, klagt er. Inzwischen hat er eine Familie in Mosambik, Frau und drei Kinder. Eigentlich habe er ja gerade f\u00fcr solch eine Zukunft in der DDR gearbeitet gehabt, sagt er. Doch nun habe er nichts.<\/p>\n<p>    Betrogen von zwei L\u00e4ndern<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">David f\u00fchlt sich betrogen von beiden L\u00e4ndern: von der DDR, die ihm seinen Lohn vorenthielt, und von Mosambik. Denn 1992 zahlte die Bundesrepublik 75 Millionen D-Mark an das afrikanische Land, damit dieses das Geld an die Vertragsarbeiter weitergebe. Aber das passierte so gut wie gar nicht. Die Millionen versickerten in den korrupten Strukturen Mosambiks.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Deshalb protestieren David und viele andere ehemalige DDR-Vertragsarbeiter seit 30 Jahren jeden Mittwoch in Maputo f\u00fcr die Auszahlung ihres Geldes. 100 bis \u00fcber 1.000 Menschen seien es jedes Mal, berichtet David. Sie wollen so lange weitermachen, bis sie ihren ausstehenden Lohn oder wenigstens eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr ihr erlittenes Unrecht bekommen. Aber sie wissen, von Mosambik ist da nicht viel zu erwarten.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        David Macou (Mitte) fordert Entsch\u00e4digung f\u00fcr sich und andere ehemalige Vertragsarbeitende in der DDR.\n                    <\/p>\n<p>    Forderungen an Deutschland und Mosambik<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nun hoffen sie auf Deutschland. Doch auch hier gibt es wenig Bewegung in der Sache. Zwar hat sich der Menschenrechtsausschuss des Bundestages im vergangenen Jahr damit befasst, aber seither ist wenig passiert. Deshalb haben die SED-Opferbeauftragte des Bundestages Evelyn Zupke und das Deutsche Institut f\u00fcr Menschenrechte gemeinsam mit anderen Unterst\u00fctzern heute einen Appell ver\u00f6ffentlicht, in dem sie beim Deutschen Bundestag f\u00fcr eine unb\u00fcrokratische Entsch\u00e4digung eintreten. Sie fordern noch in dieser Legislaturperiode einen entsprechenden Beschluss.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Bundesrepublik k\u00f6nne nicht einfach auf die Regierung in Mosambik verweisen, die vor 30 Jahren die Gelder einkassiert habe, argumentieren sie. Der Vertrag sei eben nicht explizit zugunsten der ehemaligen Vertragsarbeiter formuliert gewesen. Zudem n\u00fctze den Betroffenen der Verweis auf Mosambik nichts. Viele von ihnen seien arm, alt und krank. Von den ehemals 17.000 Menschen seien bereits etwa 5.000 gestorben. Deutschland habe eine Verantwortung den Menschen gegen\u00fcber. Diese seien jahrelang ausgebeutet worden, h\u00e4tten ihrerseits aber durchaus Steuern gezahlt und in die Rentenversicherung eingezahlt. Ihnen stehe eine Entsch\u00e4digung zu.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das findet auch David Macou. Er brauche das Geld. Aber er w\u00fcnsche sich auch moralische Wiedergutmachung. &#8222;Respekt und Anerkennung erwarte ich&#8220;, sagt er. Und so nebenbei w\u00fcrde er sich \u00fcber Visaerleichterungen f\u00fcr ehemalige Vertragsarbeiter freuen. Er k\u00f6nnte so leichter seine Tochter in Hoyerswerda besuchen. Schlie\u00dflich sei er inzwischen Opa und sehr stolz auf seinen kleinen Enkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 30.09.2024 \u2022 16:09 Uhr David Macou war 19, als er 1979 als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":5831,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[277,346,347,3468],"class_list":{"0":"post-5830","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-mosambik","8":"tag-ddr","9":"tag-mosambik","10":"tag-mozambique","11":"tag-vertragsarbeiter"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116440769568261784","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5830","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5830"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5830\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5831"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5830"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5830"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5830"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}