{"id":5895,"date":"2026-04-21T05:38:05","date_gmt":"2026-04-21T05:38:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5895\/"},"modified":"2026-04-21T05:38:05","modified_gmt":"2026-04-21T05:38:05","slug":"afrika-ende-von-minusma-in-mali-hinterlaesst-luecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/5895\/","title":{"rendered":"Afrika: Ende von MINUSMA in Mali hinterl\u00e4sst L\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Es kam \u00fcberraschend. Als am 16. Juni der viertelj\u00e4hrliche Bericht zur Situation der Multinationalen integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) in New York vorgestellt wurde, erwartete man eigentlich nicht viel Neues. In der letzten Sitzung vor der j\u00e4hrlich anstehenden Mandatsverl\u00e4ngerung ergriff als Letzter der malische Au\u00dfenminister Abdoulaye Diop das Wort. Sein Redebeitrag folgte zun\u00e4chst den bereits bekannten Positionen der malischen \u00dcbergangsregierung: Unzufriedenheit mit der Mission, Kritik an Frankreich und Parameter f\u00fcr die Zusammenarbeit. Am Ende seines Redebeitrags kam der Schock: Mali verlange das Ende von MINUSMA und zwar sans delai \u2013 also sofort.<\/p>\n<p>Expertinnen und Experten hatten erwartet, dass Mali die anstehenden Mandatsverhandlungen nutzen w\u00fcrde, sich neu zu positionieren. Die Forderung eines Abzugs kam jedoch f\u00fcr viele wie aus dem Nichts. Zwei Wochen sp\u00e4ter kam der UN-Sicherheitsrat zusammen, um \u00fcber das Thema abzustimmen. Nach langen Verhandlungen einigte man sich darauf, das Mandat auslaufen zu lassen. Die Friedensmission soll nun bis Ende Dezember 2023 abgewickelt werden.<\/p>\n<p>Der abrupte Abzug ist eine Herkulesaufgabe. \u00dcber 13 000 Blauhelme m\u00fcssen das Land verlassen, zusammen mit 3 000 zivilen Mitarbeitern. Bis Ende September kann die Mission dabei noch einzelne Aufgaben aus ihrem vorherigen Mandat wahrnehmen, vor allem die Absicherung der unmittelbaren Umgebung ihrer Lager und die Begleitung von Transport-Kolonnen. Die letzten drei Monate sind lediglich f\u00fcr den Abzug vorgesehen. Nach 2024 wird nur noch ein Kernteam der UN vor Ort sein, um die letzten Materialien der Mission aus dem Land zu bringen, \u201eLiquidierung\u201c im UN-Jargon.\u00a0<\/p>\n<p>Einhergehend mit dem Abzug muss ein Transfer der Leistungen der MINUSMA auf den malischen Staat und andere UN-Organisationen im Land stattfinden. Die Idee dahinter ist, dass vor allem die zivilen Leistungen (unter anderem humanit\u00e4re Hilfe, Transport von Regierungsmitgliedern sowie Bauleistungen) und Projekte, die durch die Mission geleistet werden, weiterhin zur Verf\u00fcgung stehen. Angesichts begrenzter Ressourcen \u2013 und des fehlenden Willens \u2013 auf der malischen Seite ist jedoch fragw\u00fcrdig, wie dies gelingen kann.<\/p>\n<p>Der abrupte Abzug ist eine Herkulesaufgabe.<\/p>\n<p>Der Abzug wird eine L\u00fccke hinterlassen, die nicht allein von malischen Akteuren gef\u00fcllt werden kann. Au\u00dfer russischer Hilfe, auf die nicht zu z\u00e4hlen ist, wird die malische Regierung vorerst wohl keine Unterst\u00fctzung annehmen. Die folgenden vier Aspekte werden insbesondere betroffen sein:<\/p>\n<p>Erstens, das Friedensabkommen von 2015 zwischen bewaffneten Gruppen im Norden und der Regierung in Bamako wurde nur durch das Einwirken der internationalen Gemeinschaft und allen voran der MINUSMA am Leben erhalten. Ohne die Mission ist der Friedensprozess aller Wahrscheinlichkeit nach nicht lebensf\u00e4hig. Zwar haben beide Seiten verlauten lassen, sie seien an der Fortf\u00fchrung des Friedensprozesses interessiert, unklar ist jedoch, wie dies gelingen kann. Ein Bruch des Friedensabkommens und ein erneutes Aufflammen des Konflikts sind nicht ausgeschlossen. Bereits jetzt mehren sich die Meldungen \u00fcber Zwischenf\u00e4lle im Norden des Landes.<\/p>\n<p>Zweitens, es ist anzunehmen, dass vor allem im Norden und an Schl\u00fcsselstellen im Zentrum die Unsicherheit weiter zunehmen wird. Die regionalen Ableger von al-Qaida sowie des Islamischen Staats werden die Gelegenheit des MINUSMA-Abzugs nutzen, mehr Gebiete einzunehmen. Bereits jetzt ist eine verst\u00e4rkte Aktivit\u00e4t in einigen Regionen des Landes wahrnehmbar. Eine Verschlechterung der Sicherheitslage nach Abzug von MINUSMA ist daher zu erwarten. Die Hauptstadt wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft der sicherste Ort bleiben, ihre Umgebung hingegen wird unsicherer werden.<\/p>\n<p>Drittens, ein Abzug der Mission wird sich negativ auf die bereits fragile \u00d6konomie des Landes auswirken. Die Mission ist nach dem Staat der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber im Land. Die knapp 3 000 zivilen Angestellten der Mission besch\u00e4ftigen Personal, mieten Wohnungen an und bringen Devisen ins Land. Am drastischsten werden diese Auswirkungen voraussichtlich die Regionen um die gro\u00dfen Milit\u00e4rbasen in Gao, Timbuktu und Mopti treffen. Seit der Ank\u00fcndigung des deutschen Abzugs gibt es Gespr\u00e4che zwischen Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Verb\u00e4nden in Gao, wie die Folgen aufgefangen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ein Bruch des Friedensabkommens und ein erneutes Aufflammen des Konflikts sind nicht ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Viertens, die MINUSMA sichert einen Gro\u00dfteil der nach wie vor wichtigen humanit\u00e4ren Arbeit im Land ab. Ohne die Mission wird es deutlich schwieriger sein, Entwicklungsprojekte durchzuf\u00fchren und humanit\u00e4re Hilfe zu leisten. Ohne die gro\u00dfe Aufmerksamkeit durch die Blauhelmmission sowie die Debatten in den europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten \u00fcber Mandate und Entsendungen kann das Land schnell aus dem globalen Fokus geraten, was einen R\u00fcckgang humanit\u00e4rer Hilfe von au\u00dfen mit sich bringen k\u00f6nnte. Die humanit\u00e4re Lage im Land droht somit sich weiter zu versch\u00e4rfen. Diese Punkte betreffen jedoch nicht nur Mali allein, sondern auch die umliegenden Staaten. Mit der prek\u00e4ren sicherheitspolitischen Situation in Burkina Faso und \u2013 seit j\u00fcngstem \u2013 mit der Krise im Niger steht noch mehr auf dem Spiel.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Bereits im Mai dieses Jahres beschloss der Bundestag das Ende der milit\u00e4rischen Beteiligung an MINUSMA. Urspr\u00fcnglich bis Fr\u00fchjahr 2024 geplant, muss der deutsche Abzug nun bis Ende des Jahres durchgef\u00fchrt werden. Dies ist logistisch herausfordernd, sollte aber machbar sein. Entscheidend f\u00fcr die erfolgreiche Abwicklung ist f\u00fcr Deutschland dabei die Situation im Nachbarland Niger, da \u00fcber Niamey ein Gro\u00dfteil des Abtransports stattfinden soll. Aufgrund der momentan volatilen Lage und der geschlossenen Luftgrenzen muss der Abzug anderweitig bewerkstelligt werden, m\u00f6glicherweise \u00fcber den Nachbarstaat Senegal oder mit kleineren Maschinen direkt aus dem Camp in Gao. \u00a0<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Milit\u00e4risches Engagement ist nicht die einzige Zusammenarbeit mit Mali. Seit den 1960er Jahren ist die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im Land vertreten. Diese Arbeit wird mit Abzug von MINUSMA vorausichtlich schwieriger und gleichzeitig noch notwendiger werden. Ein Dilemma, denn bereits jetzt ist es mit gro\u00dfem Risiko verbunden, sich in den Regionen aufzuhalten. Ohne die Unterst\u00fctzung und Absicherung durch die UN wird die Arbeit noch herausfordernder.\u00a0<\/p>\n<p>Die Reaktionen der malischen Bev\u00f6lkerung auf den Abzug sind gemischt. Die Propaganda der \u00dcbergangsregierung wirkt. Viele, vor allem in der Hauptstadt, geben der MINUSMA eine (Mit-)Schuld an der prek\u00e4ren Sicherheitssituation im Land. Auf der anderen Seite sehen viele Menschen, was die MINUSMA dem Land tats\u00e4chlich gebracht hat. In der j\u00e4hrlich von der FES Mali durchgef\u00fchrten Bev\u00f6lkerungsbefragung <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/referat-afrika\/neuigkeiten\/mali-metre-2023-der-friedrich-ebert-stiftung-hohe-erwartungen-an-unsichere-akteure\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Mali-M\u00e8tre<\/a> l\u00e4sst sich klar erkennen, dass die Einstellung der MINUSMA gegen\u00fcber dort positiver ist, wo sie pr\u00e4senter ist. In den St\u00e4dten Timbuktu, Gao und Mopti sowie vielen kleineren Ortschaften im Land stellt die Mission seit einer Dekade einen essenziellen Akteur und Arbeitgeber dar. Viele Menschen sind besorgt dar\u00fcber, was passiert, wenn die Mission das Land verl\u00e4sst. In privaten Gespr\u00e4chen wird daher immer wieder auch Unmut dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert, dass die Regierung diese Entscheidung ohne Konsolidierung der Bev\u00f6lkerung getroffen hat.<\/p>\n<p>Viele Menschen sind besorgt dar\u00fcber, was passiert, wenn die Mission das Land verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auch nach dem Abzug von MINUSMA wird Mali internationaler Unterst\u00fctzung bed\u00fcrfen. Die Kooperation mit der \u00dcbergangsregierung, die weiterhin ein schwieriger Partner ist, ist zwar nicht leicht, aber notwendig, um der Bev\u00f6lkerung beizustehen. Auch wenn sich die Situation in Mali mit dem Abzug von MINUSMA zuspitzen wird, sind gewisse Grundannahmen gleich geblieben. Und auch in der Bev\u00f6lkerung gibt es laut Umfragen klare Pr\u00e4ferenzen bez\u00fcglich des weiteren Vorgehens. Die Mehrheit bef\u00fcrwortet einerseits Dialoge mit bewaffneten Gruppen und andererseits ein robustes Vorgehen gegen Terroristen.<\/p>\n<p>Bedingung f\u00fcr eine langfristige Stabilisierung des Landes wird der Dialog mit bestimmten bewaffneten Gruppen sein. Dies werden vor allem solche sein, die sich zwar dem al-Qaida Netzwerk angeschlossen haben, aber vor allem nationale oder lokale Ziele verfolgen und in Mali fest verankert sind. Dialogpartner k\u00f6nnen hingegen nicht Vertreter des Islamischen Staats sein, der sich zunehmend ausbreitet. Letzterer zeigt sich kompromisslos und einer harten islamistischen Ideologie verschrieben, w\u00e4hrend al-Qaida n\u00e4her an der Bev\u00f6lkerung ist und nicht immer dogmatisch auftritt. Die momentane Regierung lehnt jedoch jede Art von Dialog mit besagten Gruppen ab und setzt allein auf milit\u00e4rische L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung f\u00fcr Mali braucht jedoch auch eine robuste Komponente. Die malische Armee kann, selbst mit Unterst\u00fctzung durch Wagner-Truppen, dschihadistischen Gruppen nur wenig entgegensetzen. Sie kann ihr Staatsgebiet nicht stabilisieren und die Zivilbev\u00f6lkerung nicht sch\u00fctzen. Sie verschlimmert die Sicherheitslage sogar, weil Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfe seitens der Armee die Rekrutierung durch die Dschihadisten erleichtert. Eine robuste Komponente sollte daher idealerweise aus der afrikanischen Sicherheitsarchitektur kommen. Deutschland, Europa und westliche Staaten sollten darauf hinwirken, dass das malische Regime milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung in diesem Sinne in Erw\u00e4gung zieht und finanzielle Unterst\u00fctzung hierzu anbieten.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die momentane Stimmung im Land ist derzeit nicht zu erwarten, dass die malische \u00dcbergangsregierung auf einen Kurs des Dialogs setzt, sondern eher einen harten, milit\u00e4rischen Kurs bevorzugt. Dies kann sich jedoch \u00e4ndern. Entsprechend gilt es, im Land selbst f\u00fcr die Vorteile von multilateralem, internationalem Engagement zu sensibilisieren und sich offen f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von regionalen oder kontinentalen Initiativen einzusetzen. Zeitgleich m\u00fcssen f\u00fcr langfristige Stabilit\u00e4t entsprechende Akteure in der (Zivil-)Gesellschaft aufgebaut werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es kam \u00fcberraschend. Als am 16. 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