{"id":6422,"date":"2026-04-21T15:52:13","date_gmt":"2026-04-21T15:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6422\/"},"modified":"2026-04-21T15:52:13","modified_gmt":"2026-04-21T15:52:13","slug":"wo-putin-auf-bob-marley-trifft-sotramas-in-bamako-der-hauptstadt-von-mali-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6422\/","title":{"rendered":"Wo Putin auf Bob Marley trifft: Sotramas in Bamako, der Hauptstadt von Mali &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Hier trifft Putin auf Bob Marley, Bin Laden auf Che Guevara, Gaddafi auf den Rapper Tupac. Dazu gesellen sich einheimische Musiker, bekannte Prediger und internationale Fu\u00dfballstars. Heilige Spr\u00fcche, Lebensweisheiten und Danksagungen stehen unter Adlern, L\u00f6wen und wei\u00dfen Pferden, verziert ist das Ganze mit Nike-Swoosh, Puma-Katzen und Adidas-Streifen und als i-T\u00fcpfelchen findet sich die russische Flagge in sch\u00f6ner Eintracht neben dem Star-Spangled Banner, dem Union Jack und dem Schwarz-Rot-Gold Deutschlands. Geht nicht? Geht wohl. In Bamako.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Denn all diese Bilder sind die Stars auf den Sotramas, den grell-bunt angemalten Kleinbussen, die nichts weniger sind als die Lebens- und Transportader in Malis Hauptstadt. Einer Stadt, die zu den am rasantesten wachsenden St\u00e4dten der Welt geh\u00f6rt. Um die Jahrtausendwende lag die Bev\u00f6lkerungszahl bei 1,1 Millionen Einwohner, 2022 z\u00e4hlte man 4,2 Millionen und f\u00fcr 2050 rechnet man mit einer Bev\u00f6lkerung von mehr als 7,6 Millionen Menschen im Gro\u00dfraum von Bamako. Ob dann die Sotramas noch ausreichen werden, um den \u00f6ffentlichen Nahverkehr in der Stadt am Niger zu bew\u00e4ltigen, darf bezweifelt werden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/33691f94-dd06-4697-a728-0a09bdcf49d0.jpg\"   alt=\"Die Sotramas geh\u00f6ren zum Stra\u00dfenbild Bamakos.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Die Sotramas geh\u00f6ren zum Stra\u00dfenbild Bamakos. Sidiki Haidara<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Im Moment jedoch sind sie aus Malis Hauptstadt nicht wegzudenken, erz\u00e4hlt Jonathan Fischer. Der Journalist und Fotograf aus <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/M%C3%BCnchen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">M\u00fcnchen<\/a> ist mit <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Mali\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mali<\/a> bestens vertraut. Etwa die H\u00e4lfte des Jahres lebt er in Bamako. Zusammen mit Stefan Eisenhofer hat er die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Ausstellung\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ausstellung<\/a> \u201eMerci Maman\u201c im Museum F\u00fcnf Kontinente kuratiert, wo Arbeiten von Seydou Camara, Monique Dena, Abdoul Karim Diallo, Sidiki Haidara und Anna N\u2019Diaye des Foto-Kollektivs \u201eYamarou\u201c zu sehen sind. Stra\u00dfenfotografien, in deren Mittelpunkt die Sotramas stehen, einer wahrlich einzigartigen Kunstform auf R\u00e4dern.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Denn die Sotramas (benannt sind sie nach der 1978 gegr\u00fcndeten Societ\u00e9 du Transport Mali) sind viel mehr als \u201enur\u201c Transportsystem. Jeder Sotrama ist ein Unikat und wirkt zugleich wie ein Spiegel der kollektiven Identit\u00e4t Malis. Sie verraten einiges dar\u00fcber, welche Popstars bei der Jugend gerade angesagt oder welche Politiker popul\u00e4r sind, aber auch welche Nationen als Freunde betrachtet werden. Sotramas sind echte Stimmungsbarometer. Und sie sind rollende Kunstausstellung und Stra\u00dfentheater, Versammlungsraum und Nachrichtenquelle zugleich.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die B\u00e4nke in den umgebauten Mercedes-Transportern sind nicht in Reihen, sondern im Kreis angebracht. Die Leute sitzen sich also gegen\u00fcber, die beste Ausgangssituation, um w\u00e4hrend der Fahrt \u00fcber Gott und die Welt zu reden und die neuesten Nachrichten auszutauschen. Wer aussteigen will, signalisiert das den \u201ePrend-Tickets\u201c oder Busjungen, deren Geschick beim Kartenverkauf in der offenen T\u00fcr w\u00e4hrend der Fahrt fast schon legend\u00e4r ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/d4baf2ae-5e39-4137-8226-665fc04af3da.jpeg\"   alt=\"Die \u201ePrend-Tickets\u201c oder Busjungen verkaufen w\u00e4hrend der Fahrt bei offener T\u00fcr die Tickets und sorgen daf\u00fcr, dass der Bus stoppt, wenn jemand aussteigen will.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Die \u201ePrend-Tickets\u201c oder Busjungen verkaufen w\u00e4hrend der Fahrt bei offener T\u00fcr die Tickets und sorgen daf\u00fcr, dass der Bus stoppt, wenn jemand aussteigen will. Abdoul Karim Diallo<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die Bemalung der Busse, die Hauptmotive sind meist in den Landesfarben Rot, Gelb und Gr\u00fcn, sind der ganze Stolz der Fahrer. Hier vermischen sich unterschiedlichste Weltanschauungen, alte Traditionen und Einfl\u00fcsse der Moderne \u2013\u00a0manchmal auch nur das, was der ausf\u00fchrende Maler oder der auftraggebende Busfahrer daf\u00fcr h\u00e4lt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/3927d165-0540-4e08-b6d0-e00236ee9cbf.jpg\"   alt=\"Drissa Konat\u00e9 in M\u00fcnchen beim Bemalen einen Mercedes-Transporter mit den Konfereis von Ludwig II. und Mansa Musa, K\u00f6nig des mittelalterlichen Reiches Mali.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Drissa Konat\u00e9 in M\u00fcnchen beim Bemalen einen Mercedes-Transporter mit den Konfereis von Ludwig II. und Mansa Musa, K\u00f6nig des mittelalterlichen Reiches Mali. Florian Peljak<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Einer, der mit den Konterfeis auf den Sotramas ber\u00fchmt wurde, ist der Busmaler Drissa Konat\u00e9. Schon als Kind, so erz\u00e4hlte es Konat\u00e9 bei einem Besuch in M\u00fcnchen, habe er immer und \u00fcberall gemalt: mit Kohlest\u00fcckchen auf Hausw\u00e4nde, mit der Schulkreide auf Zements\u00e4cke. Schlie\u00dflich flog er aus der Koranschule, weil er auch Menschen portr\u00e4tiert hatte, und die Mutter schickte ihn aus der streng muslimischen Familie weg zu den Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch auch da gab es Stress wegen seiner Portr\u00e4ts und so musste er mit 17 Jahren auf eigenen F\u00fc\u00dfen stehen und heuerte als Gehilfe bei einem Friseur an. Eines Tages bat der ihn, die W\u00e4nde seines Friseurladens zu bemalen. Doch Konat\u00e9 malte keine der \u00fcblichen Werbungen auf die W\u00e4nde, sondern ein \u00fcbergro\u00dfes Portr\u00e4t des US-Rappers Notorious B.I.G.\u00a0\u2013 damit begann die Karriere eines der ber\u00fchmtesten Busmaler Bamakos. Das war 1997.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/50e5087d-b65f-47a5-bee5-0ed810d5af06.jpg\"   alt=\"Der von Drissa Konate im Stil der Sotramas bemalte Bus steht vor dem Museum F\u00fcnf Kontinente in M\u00fcnchen w\u00e4hrend der Ausstellung \u201eMerci Maman\u201c. Hier der Blick auf das gegen\u00fcberliegende Geb\u00e4ude.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Der von Drissa Konate im Stil der Sotramas bemalte Bus steht vor dem Museum F\u00fcnf Kontinente in M\u00fcnchen w\u00e4hrend der Ausstellung \u201eMerci Maman\u201c. Hier der Blick auf das gegen\u00fcberliegende Geb\u00e4ude. Evelyn Vogel<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Auch bei seinem Besuch in M\u00fcnchen bemalte Konat\u00e9 einen Kleinbus, der vor dem Museum F\u00fcnf Kontinente abgestellt wurde und seither ein Hingucker ist. Hier nun lie\u00df er den bayerischen K\u00f6nig Ludwig II., den ber\u00fchmten \u201eKini\u201c, auf den nicht minder ber\u00fchmten und sagenhaft reichen mittelalterlichen Herrscher Malis Mansa Musa treffen. Neben dem Maximilianeum, wei\u00df-blauen Rauten und einer Tuba schm\u00fccken den Bus auch die\u00a0Gro\u00dfe Moschee von Djenn\u00e9 und eine Kora, ein typisch malisches Saiteninstrument.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch zur\u00fcck zur Ausstellung von Yamarou: Die Fotografen und Fotografinnen des Kollektivs gehen in der Regel nicht in Museen und Galerien. \u201eMalier k\u00f6nnen sich f\u00fcr Musik und Theater begeistern\u201c, sagt Seydou Camara, \u201eaber der Besuch von Kunstausstellungen geh\u00f6rt nicht zu unserer traditionellen Kultur\u201c. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Fotografie\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fotografie<\/a> sei vor allem eine Dienstleistung: \u201eDie meisten kennen nur Hochzeitsfotografen.\u201c Deshalb gehen sie mitten in die Gesellschaft und auf die Stra\u00dfe, zeigen ihre Fotos an Mauern und Hausw\u00e4nden. Was darauf zu sehen ist, ist nah dran an ihren Betrachtern: Portr\u00e4ts, Familiengeschichten und Momentaufnahmen des Lebens in der Hauptstadt Bamako.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Aber in j\u00fcngerer Zeit gibt es auch Serien zu gesellschaftlichen Themen wie Heimat, Religion oder Wasser. Die Macht der Bilder in einer Gesellschaft, in der noch immer mehr als 30 Prozent der Bev\u00f6lkerung Analphabeten sind, ist ihnen mehr als bewusst. Auch darum laden sie Kinder und Jugendliche zu Workshops ein, leihen ihnen Kameras, geben Grundkurse in Fotografie f\u00fcr Anf\u00e4nger und Meisterklassen f\u00fcr Fortgeschrittene.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Yamarou-Mitglieder verstehen sich als \u201eAgenten des Wandels\u201c. Auch in schwierigen Situationen nicht den Optimismus zu verlieren, haben sie sich auf die Fahne geschrieben. Man wolle ein Menschenbild vermitteln, das den Abgebildeten ihre W\u00fcrde lasse. Das nimmt vor allem Seydou Camara f\u00fcr sich in Anspruch. Einst hatte er Jura studiert und wollte Anwalt werden. Doch dann entdeckte er, dass ein Foto ein mindestens genauso scharfes Schwert sein kann wie ein Wort. Seither beschreibt er sich als \u201eAnwalt der Menschen auf den Bildern\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/7c2db8b1-5670-4f44-9d50-2ccf19c52b46.jpg\"   alt=\"Der kubanische Revolution\u00e4r Che Guevara steht nach wie vor hoch im Kurs bei den Sotrama-Busmalern von Bamako. Die Nummer gibt \u00fcbrigens nicht die Linie an, sondern ist meist die Typ-Nummer des Mercedes-Busses.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Der kubanische Revolution\u00e4r Che Guevara steht nach wie vor hoch im Kurs bei den Sotrama-Busmalern von Bamako. Die Nummer gibt \u00fcbrigens nicht die Linie an, sondern ist meist die Typ-Nummer des Mercedes-Busses. Monique Dena<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Inzwischen haben es einige des Yamarou-Kollektivs geschafft, auch museal beachtet zu werden. Das kommt nicht aus dem Nichts heraus: Mali hat eine durchaus historische Foto-Tradition. Fotografen wie Malick Sidib\u00e9 oder Seydou Ke\u00efta wurden seit den 1960er-Jahren wegen ihrer Schwarz-Wei\u00df-Portr\u00e4ts auch international gefeiert und in wichtigen Ausstellungen zur Fotografie gezeigt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Als der aus Burlafingen bei Neu-Ulm\u00a0stammende, in den USA lebende Sammler Artur Walther vor zwei Jahren Teile seiner Sammlung unter dem Titel \u201eTrace &#8211; Formations of Likeness\u201c im Haus der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Kunst\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kunst<\/a> zeigte, waren nat\u00fcrlich auch Werke von Sidib\u00e9 und Ke\u00efta zu sehen. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/neu-ulm-artur-walther-fotografien-met-new-york-fifth-avenue-li.3256854\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Inzwischen hat Walther seine Sammlung dem Metropolitan Museum of Art in New York geschenkt.<\/a> Und als das Met im Sommer seinen sanierten und neu strukturierten Rockefeller Wing wiederer\u00f6ffnete, waren afrikanische Fotok\u00fcnstler aus der Walther Collection dort zu sehen. Au\u00dferdem gibt es seit 1994 die \u201eRencontres de Bamako\u201c, die als gr\u00f6\u00dfte Foto-Biennale Afrikas gilt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Ob die Fotografien des Yamarou-Kollektivs dereinst auch in New York zu sehen sein werden, bleibt abzuwarten. Aber von Bamako nach M\u00fcnchen haben sie es schon mal geschafft.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Merci Maman. Stra\u00dfenfotografie in Mali, Museum F\u00fcnf Kontinente M\u00fcnchen, bis 16. November 2025; Vortrag von\u00a0Franziska Jenni, Donnerstag, 9. Oktober, 18 Uhr:\u00a0In st\u00e4ndiger Bewegung. Junge Fotografinnen und Fotografen in Bamako, Mali<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hier trifft Putin auf Bob Marley, Bin Laden auf Che Guevara, Gaddafi auf den Rapper Tupac. 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