{"id":6625,"date":"2026-04-21T20:22:42","date_gmt":"2026-04-21T20:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6625\/"},"modified":"2026-04-21T20:22:42","modified_gmt":"2026-04-21T20:22:42","slug":"niger-wenn-es-keine-ernte-gibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6625\/","title":{"rendered":"Niger: Wenn es keine Ernte gibt"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0Edriss Haruna wird von hohem Fieber gesch\u00fcttelt und hat schweren Durchfall. Sein kleiner K\u00f6rper ist ausgezehrt. Seine Mutter Harira Mohamed hat ihn vor drei Tagen in das Distriktkrankenhaus in Diffa im Osten des Nigers gebracht. Sie sitzt an seinem Bett, streichelt sanft \u00fcber seinen Kopf. Auch heute Nacht wird sie nicht von seiner Seite weichen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u201eWir sahen sofort, wie schlecht es Edriss geht\u201c, erinnert sich unsere Kinder\u00e4rztin Fa\u00efza Ouedraogo an seine Ankunft. Der Zweij\u00e4hrige war so schwer mangelern\u00e4hrt, dass er keine Kraft mehr hatte, sich gegen zus\u00e4tzliche Erkrankungen zu wehren. \u201eWir gaben ihm schnell Antibiotika und Medikamente gegen Parasiten, zudem Vitamine und Zink.\u201d Edriss brauchte zudem dringend N\u00e4hrstoffe. Das Team auf der Intensivstation legte ihm eine Magensonde und versorgte ihn mit therapeutischer Spezialmilch. \u201eDabei mussten wir ganz vorsichtig vorgehen und mit winzigen Portionen starten, um seinen K\u00f6rper nicht zu \u00fcberfordern\u201c, so unsere Kinder\u00e4rztin.\u00a0<\/p>\n<p>Image<\/p>\n<p>                          <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2022-niger-diffa-mangelernahrung.jpg\" width=\"1000\" height=\"667\" alt=\"Unsere Station in einem Krankenhaus in Diffa, Niger, wo wir insbesondere Kinder behandeln, die von akuter Mangelern\u00e4hrung betroffen sind.\" title=\"Mangelern\u00e4hrung in Niger\"\/><\/p>\n<p>Viele Kinder auf der Intensivstation in Diffa sind lebensbedrohlich mangelern\u00e4hrt. <\/p>\n<p>                  \u00a9 Oliver Barth\/MSF<\/p>\n<p>Immer mehr mangelern\u00e4hrte Kinder\u00a0<\/p>\n<p>Auch drei Tage nach seiner Einlieferung reagiert Edriss kaum auf seine Umgebung. Behutsam ber\u00fchrt Ouedraogo den Jungen und beginnt, seinen Oberk\u00f6rper abzutasten. Sie pr\u00fcft die Haut in seinem Gesicht, an den Armen und Beinen. An vielen K\u00f6rperstellen ist sie wund und br\u00fcchig &#8211; eine typische Folge des N\u00e4hrstoffmangels.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Wie Edriss sind die meisten Kinder auf der Intensivstation schwer mangelern\u00e4hrt. Sie alle sind zus\u00e4tzlich etwa an Lungenentz\u00fcndung oder Malaria erkrankt. \u201eWir haben in den vergangenen Monaten im Schnitt 300 bis 400 akut mangelern\u00e4hrte Kinder behandelt\u201c, so Ouedraogo. Sie ist im vergangenen Jahr aus ihrer Heimatstadt Ouagadougou in Burkina Faso nach Diffa gekommen, es ist ihr erster Einsatz mit \u00c4rzte ohne Grenzen. Gemeinsam mit einem weiteren Kinderarzt leitet sie dort das p\u00e4diatrische Team.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Image<\/p>\n<p>                          <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2022-niger-diffa-arzt-faiza-ouedraogo.jpg\" width=\"1000\" height=\"667\" alt=\"Kinder\u00e4rztin Dr.  Fa\u00efza Ouedraogo\" title=\"Dr. Fa\u00efza Ouedraogo\"\/><\/p>\n<p>Kinder\u00e4rztin Dr. Fa\u00efza Ouedraogo aus Burkina Faso<\/p>\n<p>                  \u00a9 Oliver Barth\/MSF<\/p>\n<p>Krise mit vielen Gr\u00fcnden\u00a0<\/p>\n<p>Auf dem Krankenhausgel\u00e4nde steht die hei\u00dfe Luft, wer kann, sucht im Schatten Schutz vor der sengenden Sonne. Der Boden ist staubig, kaum ein Strauch w\u00e4chst hier. \u201eNormalerweise k\u00f6nnen wir von der Landwirtschaft leben. Aber nicht jedes Jahr. Auch diesmal kam der Regen sp\u00e4t. Dann ernten wir wenig und haben M\u00fche, mit den Vorr\u00e4ten bis in die n\u00e4chste Saison zu kommen\u201c, berichtet Nafisa Mutari, Landwirtin und Mutter eines weiteren kleinen Patienten von uns im Niger.\u00a0<\/p>\n<p>Das Land liegt in der Sahelzone, wo Mangelern\u00e4hrung ein wiederkehrendes Problem ist. Weitere Faktoren versch\u00e4rfen die Not: Die Trockenheit nimmt infolge des Klimawandels zu, die W\u00fcste breitet sich aus und l\u00e4sst die Fl\u00e4che fruchtbaren Landes immer mehr schrumpfen. Zugleich treten Starkregen und \u00dcberflutungen immer h\u00e4ufiger auf und vernichten die Ernte. Erschwerend kommt hinzu, dass Lebensmittel aufgrund von Spekulationen auf dem Nahrungsmittelmarkt knapp werden und l\u00e4ngst so teuer sind, dass viele Menschen sie nicht mehr bezahlen k\u00f6nnen \u2013 w\u00e4hrend immer weniger internationale Hilfen den Niger erreichen. Denn w\u00e4hrend der Covid-19-Pandemie flossen viele Gelder in deren Bek\u00e4mpfung. In neuen Krisenl\u00e4ndern wie der Ukraine brauchen Millionen weitere Menschen Hilfe, sodass dringend mehr internationales Engagement n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Zu alledem \u00fcberziehen bewaffnete Gruppen wie Boko Haram oder der sogenannte Islamische Staat weite Teile des Nigers mit Gewalt. \u201eDie Menschen wagen es nicht mehr, ihre Felder zu bestellen \u2013 zu gro\u00df ist das Risiko, dort \u00fcberfallen oder entf\u00fchrt zu werden. Oder aber sie m\u00fcssen fliehen und ihr Vieh zur\u00fccklassen. Dadurch geht ihre wichtigste Lebensgrundlage verloren\u201c, so Ouedraogo. Auch Edriss\u2018 Familie musste vor Gewalt fliehen und lebt in einem Camp, etwa 70 Kilometer n\u00f6rdlich von Diffa. Rund 250.000 Menschen suchen in der Region Zuflucht.\u00a0<\/p>\n<p>Einsatz in drei Kliniken\u00a0<\/p>\n<p>All dies hat zu einer dramatischen Situation gef\u00fchrt: Viele zehntausende Kinder im Niger sind akut mangelern\u00e4hrt. \u00c4rzte ohne Grenzen hilft an drei Orten, in Diffa im Osten sowie in Magaria und Madarounfa im S\u00fcden. Das Einzugsgebiet aller drei Kliniken reicht dabei \u00fcber die Grenzen des Niger hinaus. Viele Eltern bringen ihre Kinder aus dem Tschad oder Nigeria in die Gesundheitseinrichtungen, um sie behandeln zu lassen \u2013 weil es auch in ihrer Heimat an der notwendigen Versorgung fehlt.<\/p>\n<p>\u201eWir hatten gar nicht genug Betten f\u00fcr so viele schwerkranke Kinder\u201c, so unsere Kinder\u00e4rztin. \u201eAlso haben wir zus\u00e4tzlich zu den Krankenstationen Zelte errichtet, um alle Patient*innen versorgen zu k\u00f6nnen.\u201c Die meisten sind zwischen zwei und f\u00fcnf Jahren alt, denn Mangelern\u00e4hrung gef\u00e4hrdet vor allem die Kleinsten. \u201eWir m\u00fcssen zun\u00e4chst den Stoffwechsel stabilisieren. Erst dann kommt der Appetit zur\u00fcck und wir k\u00f6nnen anfangen, gehaltvollere therapeutische Nahrung zu verabreichen.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Mit ganzem Herzen\u00a0<\/p>\n<p>Image<\/p>\n<p>                          <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2022-niger-diffa-untersuchung-mangelernahrung.jpg\" width=\"1000\" height=\"667\" alt=\"Unsere Kinder\u00e4rztin untersucht den kleinen Edriss.\" title=\"Mangelern\u00e4hrung in Diffa, Niger\"\/><\/p>\n<p>Unsere Kinder\u00e4rztin Fa\u00efza Ouedraogo untersucht den zweij\u00e4hrigen Edriss.<\/p>\n<p>                  \u00a9 Oliver Barth\/MSF<\/p>\n<p>Nach zehn Tagen kann das Team auch Edriss von der Intensivstation auf die regul\u00e4re Kinderstation verlegen. Dort setzen unsere Mitarbeitenden die Behandlung fort und gew\u00f6hnen ihn an feste Nahrung. \u201eAls ich heute zur Visite kam, hat Edriss mich sch\u00fcchtern angel\u00e4chelt. Wir werden ihn bald nach Hause entlassen k\u00f6nnen\u201c, so Ouedraogo.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Der Junge wird seine Behandlung noch mehrere Wochen ambulant fortsetzen und f\u00fcr Folgeuntersuchungen in ein nahegelegenes Gesundheitszentrum kommen. \u201eDabei zuzuschauen, wie Edriss mit jedem Tag ges\u00fcnder wird, ber\u00fchrt mich sehr\u201c, sagt unsere Kinder\u00e4rztin. \u201eDies ist es, was mir die Kraft gibt, f\u00fcr meine Patient*innen da zu sein &#8211; mit all meinem K\u00f6nnen und meinem ganzen Herzen.&#8220;\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00a0Edriss Haruna wird von hohem Fieber gesch\u00fcttelt und hat schweren Durchfall. Sein kleiner K\u00f6rper ist ausgezehrt. 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