{"id":6910,"date":"2026-04-22T02:38:02","date_gmt":"2026-04-22T02:38:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6910\/"},"modified":"2026-04-22T02:38:02","modified_gmt":"2026-04-22T02:38:02","slug":"fussball-im-postkolonialen-namibia-das-spiel-der-versoehnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/6910\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfball im postkolonialen Namibia: Das Spiel der Vers\u00f6hnung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Stadion im Norden von Windhoek, in der Hauptstadt von Namibia. An den R\u00e4ndern eines Fu\u00dfballplatzes wuchert Unkraut. In den Geb\u00e4uden nebenan sind die Fenster zerbrochen. <\/p>\n<p>Auf der kleinen Trib\u00fcne nimmt Lydia Hatzenberg Platz. Die Sozialarbeiterin engagiert sich im Fu\u00dfballverband von Namibia f\u00fcr M\u00e4dchen und Frauen. Es geht ihr um sportliche, aber noch mehr um soziale Anliegen. <\/p>\n<p>Lydia Hatzenberg besch\u00e4ftigt sich auch mit der Kolonialgeschichte ihres Landes: mit den Verbrechen der deutschen \u201eSchutztruppe\u201c Anfang des 20. Jahrhunderts. Und mit der Apartheid, die darauf f\u00fcr Jahrzehnte in Namibia herrschte. Sie erinnert sich: \u201eMeine Gro\u00dfmutter sagte immer zu mir: ,Bring blo\u00df keinen Schwarzen Mann nach Hause, denke an deine Zukunft.\u2018&#8220; <\/p>\n<p>              Je heller die Haut, desto h\u00f6her war der Status<\/p>\n<p>Lydia Hatzenberg ist im unabh\u00e4ngigen Namibia aufgewachsen, aber die Folgen der Kolonialherrschaft sp\u00fcrt sie noch heute. Die Gro\u00dfmutter von Hatzenberg hatte deutsche Vorfahren und war wei\u00df. Ihr Gro\u00dfvater stammte aus Kapstadt und galt nach der Logik des Apartheitsregimes als \u201efarbig\u201c. <\/p>\n<p>Die Mutter von Lydia Hatzenberg heiratete einen Schwarzen S\u00fcdafrikaner und wurde von einem Teil der wei\u00dfen Familie versto\u00dfen, sagt sie: \u201eDie Ablehnung gegen meinen Vater habe auch ich zu sp\u00fcren bekommen. Ich wurde nicht wirklich akzeptiert, weil ich nicht so wei\u00df wie die anderen war.\u201c<\/p>\n<p>Bei Familientreffen f\u00fchlte sich Lydia Hatzenberg gemustert und schikaniert. Einige Angeh\u00f6rige pflegten ein ungeschriebenes Gesetz: Je heller die Haut, desto h\u00f6her der Status. <\/p>\n<p>Hatzenberg glaubt, dass solche Verh\u00e4ltnisse auch viele andere Familien in Namibia pr\u00e4gen:<\/p>\n<p>\u201eJetzt bleibe ich solchen Familientreffen eher fern. Denn ich m\u00f6chte nicht st\u00e4ndig an meine Kindheitstraumata erinnert werden.\u201c<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Lydia Hatzenberg ist Sozialarbeiterin und engagiert sich im Fu\u00dfballverband von Namibia f\u00fcr M\u00e4dchen und Frauen.\" alt=\"Lydia Hatzenberg ist Sozialarbeiterin und engagiert sich im Fu\u00dfballverband von Namibia f\u00fcr M\u00e4dchen und Frauen.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/lydia-hatzenberg-namibia-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Lydia Hatzenberg arbeitet beim Fu\u00dfballverband Namibias.\u00a9 Ronny Blaschke<\/p>\n<p>              Der erste V\u00f6lkermord im 20. Jahrhundert<\/p>\n<p>Lydia Hatzenberg absolvierte ein Praktikum beim Fu\u00dfballverband Namibias und erhielt eine Festanstellung. In Workshops spricht sie mit Fu\u00dfballerinnen \u00fcber Mobbing und Sexismus. Und sie diskutieren \u00fcber die Geschichte, \u00fcber die Verkl\u00e4rung der deutschen Kolonialzeit. <\/p>\n<p>Im Jahr 1883 war der Bremer Kaufmann Adolf L\u00fcderitz an der K\u00fcste des heutigen Namibia an Land gegangen. Bald darauf wurde das Territorium \u201eunter den Schutz\u201c des deutschen Reiches gestellt. Zwischen 1904 und 1908 ver\u00fcbten deutsche Soldaten den Genozid an den Herero und Nama.<\/p>\n<p>Lydia Hatzenberg ist vor einigen Jahren mit Fu\u00dfballerinnen in den S\u00fcden von Namibia gefahren, in die Hafenstadt L\u00fcderitz und in die fr\u00fchere Siedlung Kolmanskop. Sie wollten dort \u00fcber die Anf\u00e4nge der deutschen Kolonialzeit sprechen. <\/p>\n<p>\u201eWir wollten uns auch mit Zacharias Lewala besch\u00e4ftigen, einem Schwarzen Arbeiter, der aus dem s\u00fcdlichen Afrika stammte\u201c, erz\u00e4hlt Hatzenberg. \u201eLewala hatte in der Gegend 1908 einen der ersten Rohdiamanten gefunden. Er \u00fcberreichte ihn seinem wei\u00dfen Vorgesetzten, einem Deutschen.\u201c<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfballerinnen nahmen in L\u00fcderitz an einer F\u00fchrung teil. Der Guide zeigte ihnen eine Fleischerei, eine Bibliothek, eine Kirche und Denkm\u00e4ler &#8211; alle waren mit deutschen Namen versehen. Zum Beispiel von gefallenen Soldaten. <\/p>\n<p>Von Zacharias Lewala? Keine Spur, sagt Hatzenberg: <\/p>\n<p>\u201eEs gab nicht ein Foto, das dort an diesen Schwarzen Arbeiter erinnerte. Alles drehte sich um die wei\u00dfe deutsche Vergangenheit. Das hat mich sehr w\u00fctend gemacht. Ich habe den Guide gefragt: Wo haben die Schwarzen Arbeiter gelebt? Wie genau wurden sie von den Kolonialherren misshandelt\u201c <\/p>\n<p>              Historische Ursachen f\u00fcr den Rassismus<\/p>\n<p>Rassismus ist in der namibischen Gesellschaft verwurzelt. Aber was sind die historischen Ursachen? <\/p>\n<p>Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg \u00fcbernahm S\u00fcdafrika die Kontrolle \u00fcber Namibia. Die wei\u00dfe herrschende Minderheit etablierte auch in Namibia die Apartheid. <\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend der Apartheid hatten wir keinen Zugang zu Freizeitanlagen\u201c, erinnert der Journalist Carlos Kambaekua, der ist in Windhoek aufgewachsen ist. In Artikeln und B\u00fcchern beschreibt er den fr\u00fcheren Alltag w\u00e4hrend der Apartheid. <\/p>\n<p>\u201eSchwarze durften sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr im Zentrum von Windhoek aufhalten. Sie h\u00e4tten festgenommen werden k\u00f6nnen.\u201c <\/p>\n<p>Carlos Kambaekua sitzt in einem Caf\u00e9 in der Independence Avenue, die fr\u00fcher einmal Kaiserstra\u00dfe hie\u00df. Er erl\u00e4utert, wie die Kolonialherren aus S\u00fcdafrika in den 1940er- und 50er-Jahre an die deutsche Kolonialpolitik ankn\u00fcpften. <\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Der Journalist Carlos Kambaekua\" alt=\"Der Journalist Carlos Kambaekua\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/journalist-carlos-kambaekua-namibia-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Der Journalist Carlos Kambaekua erinnert sich an die Bedeutung des Fu\u00dfballs w\u00e4hrend seiner Kindheit.\u00a9 Ronny Blaschke<\/p>\n<p>              Fu\u00dfball als Ablenkung<\/p>\n<p>Die wei\u00dfe Verwaltung zog Grenzen zwischen den Schwarzen Bev\u00f6lkerungsgruppen und spielte sie gegeneinander aus. So wollte sie ihren Widerstand in Grenzen halten. Polizisten und Sicherheitskr\u00e4fte dr\u00e4ngten Ovambo, Nama oder Herero in getrennte \u201eWohnsiedlungen\u201c, erz\u00e4hlt Carlos Kambaekua, der in den 60er-Jahren aufgewachsen ist.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Unsere Eltern wussten nicht wirklich, was wir Kinder am Tag machten. Sie waren bis sp\u00e4t in den Abend bei der Arbeit. Wir hatten keinen Zugang zu Bibliotheken oder Schwimmb\u00e4dern. Stattdessen wollten sich viele Schwarze das Schwimmen in Fl\u00fcssen und Seen selbst beibringen. Das war sehr gef\u00e4hrlich, viele sind dabei ertrunken. Fu\u00dfball hingegen war ein Zeitvertreib f\u00fcr uns alle. Man braucht nur einen Ball und ein bisschen Platz. Das hat uns ein etwas vom harten Alltag abgelenkt.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Journalist Carlos Kambaekua<\/p>\n<p>              Exklusive Sportarten f\u00fcr Wei\u00dfe<\/p>\n<p>Es waren deutsche Soldaten und Siedler gewesen, die den Fu\u00dfball Anfang des 20. Jahrhunderts in Namibia einf\u00fchrten. Die Deutschen organisierten Turniere, doch die Schwarzen Einheimischen durften nicht teilnehmen. Nicht als Spieler, nicht als Zuschauer.<\/p>\n<p>Doch der Fu\u00dfball setzte sich \u00fcberall durch. Die Schwarzen Namibier steckten sich in ihren Wohnvierteln eigene Spielfelder ab. Dem Fu\u00dfballverband durften sie nicht jedoch beitreten. Spiele mit oder gegen wei\u00dfe Einwohner waren lange untersagt, erl\u00e4utert Carlos Kambaekua: \u201eUnd auch Sportarten wie Hockey, Tennis oder Kricket blieben exklusiv f\u00fcr die Wei\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>In den 1970er-Jahren setzte ein Wandel ein. Neben den Wei\u00dfen etablierten auch Schwarze und so genannte \u201efarbige\u201c Spieler eigene Fu\u00dfballverb\u00e4nde. Die wei\u00dfen Sicherheitskr\u00e4fte lie\u00dfen sie gew\u00e4hren, achteten aber darauf, dass sich Schwarze und \u201eFarbige\u201c nicht gegen sie verb\u00fcnden konnten. Mehrfach l\u00f6sten sie gemischte Teams auf. Auch Schwarze und Wei\u00dfe durften nicht miteinander spielen, aber nun immerhin gegeneinander. <\/p>\n<p>Mitte der 70er-Jahre reisten Schwarze Spieler aus \u201eS\u00fcdwestafrika\u201c, so die damalige Bezeichnung f\u00fcr Namibia, nach S\u00fcdafrika. In Bloemfontein f\u00fchrten sie in einem Spiel gegen wei\u00dfe Polizisten 4:0. Die Polizisten ordneten die Namibier an, dass sie nur aus der eigenen H\u00e4lfte aufs Tor schie\u00dfen d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>              Manipulierte Elfmeter<\/p>\n<p>Und Carlos Kambaekua nennt noch ein Beispiel aus dem Jahr 1975: In einem Rugby-Stadion von Windhoek trafen eine Schwarze und eine wei\u00dfe Mannschaft aufeinander: <\/p>\n<p>\u201eDie Wei\u00dfen wollten ihre \u00dcberlegenheit deutlich machen. Das Schwarze Team f\u00fchrte kurz vor Schluss 3:2. Doch dann gab der wei\u00dfe Schiedsrichter f\u00fcr die wei\u00dfe Mannschaft einen zweifelhaften Elfmeter. Der Elfmeter wurde pariert, doch der Schiedsrichter lie\u00df wiederholen. Der n\u00e4chste Schuss verfehlte das Tor, doch der Schiedsrichter lie\u00df erneut wiederholen. Am Ende stand es 3:3 und das Spiel wurde abgepfiffen.\u201c <\/p>\n<p>Als sich die Nachricht von den manipulierten Elfmetern herumsprach, war Cassius Moeti ein junger Mann. Der Arbeitsplatz von Moeti ist heute das \u201eNFA Soccer House\u201c, das Hauptquartier des namibischen Fu\u00dfballverbandes. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Ordner und Brosch\u00fcren. <\/p>\n<p>Moeti gilt in Windhoek als Fu\u00dfballikone. Seit einigen Jahren verantwortet er das Marketing des Verbandes. <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Die Segregation war allgegenw\u00e4rtig. Erst sp\u00e4t in den 70er-Jahren haben ein oder zwei deutschsprachige Namibier in Schwarzen Vereinen gespielt. Und erst dann durften nur ganz wenige Schwarze in den wei\u00dfen Klubs spielen.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Cassius Moeti vom namibischen Fu\u00dfballverband<\/p>\n<p>              Spione in Schwarzen Vereinen<\/p>\n<p>Etliche L\u00e4nder auf dem afrikanischen Kontinent hatten in den 1960er-Jahren ihre Unabh\u00e4ngigkeit erk\u00e4mpft. Namibia war davon noch weit entfernt, aber die Hoffnung wuchs. Es war die SWAPO, die S\u00fcdwestafrikanische Volksorganisation, die nun f\u00fcr den antikolonialen Widerstand mobil machte, sagt Cassius Moeti: <\/p>\n<p>\u201eWir waren wie eine Bruderschaft. Auch beim Fu\u00dfball haben wir uns auf gemeinsames Ziel eingeschworen: die Befreiung vom Kolonialismus.\u201c<\/p>\n<p>Der Vater von Cassius Moeti geh\u00f6rte 1964 zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern des Fu\u00dfballvereins \u201eBlack Africa\u201c. Zwischen Training und Abendessen diskutierten die Spieler \u00fcber Proteste. <\/p>\n<p>Das Regime schickte Spione in die Schwarzen Vereine. Die Mannschaft der \u201eTigers\u201c musste ihren Namen \u00e4ndern, weil die Beh\u00f6rden darin eine aggressive Symbolik vermuteten. In den staatlichen Medien kam der Fu\u00dfball nicht vor, das Regime pflegte Rugby als wei\u00dfen Nationalsport. <\/p>\n<p>\u201ePolitische Kundgebungen und Streiks waren damals verboten\u201c, erz\u00e4hlt Moeti. \u201eDie Aktivisten wussten, dass sie beim Fu\u00dfball weniger beobachtet wurden als anderswo. Also haben sie sie nach dem Training \u00fcber ihre politische Agenda gesprochen. Und der Sport half, um den Zusammenhalt zu st\u00e4rken.\u201c<\/p>\n<p>              Gef\u00e4ngnis und Exil<\/p>\n<p>1977 fielen die Grenzen: Schwarze, wei\u00dfe und\u201efarbige\u201c Teams konnten nun in denselben Ligen spielen. In der Schwarzen Bev\u00f6lkerung lehnten etliche Aktivisten einen gemeinsamen Spielbetrieb ab. Sie wollten nicht auf Augenh\u00f6he mit Wei\u00dfen spielen, die ihnen sonst in Restaurants oder Schwimmb\u00e4dern den Zutritt verwehrten. <\/p>\n<p>Einige Fu\u00dfballer wurden verhaftet, andere gingen ins Exil, erz\u00e4hlt Cassius Moeti: <\/p>\n<p>\u201eDie M\u00f6glichkeiten unserer Eltern waren damals sehr begrenzt. Sie konnten als Krankenschwestern, Busfahrer oder Reinigungskr\u00e4fte arbeiten, vielleicht als Pastoren oder Sicherheitsleute. Aber wir, die j\u00fcngere Generation, wollten in die Politik und in die Wirtschaft. Wir hatten gro\u00dfe Ambitionen.\u201c<\/p>\n<p>              Unabh\u00e4ngigkeitsfeier im Stadion<\/p>\n<p>Im 21. M\u00e4rz 1990 versammelten sich zehntausende Menschen f\u00fcr eine Feier im gr\u00f6\u00dften Stadion von Windhoek. Als letzter Staat in Afrika erlangte Namibia die Unabh\u00e4ngigkeit. Kirchenglocken und Jubel hallten durch die Stadt. Bald darauf wurde das Stadion in Independence Stadium umbenannt. Doch der Optimismus sollte nicht lange andauern.<\/p>\n<p>Heute leben in Namibia 2,5 Millionen Menschen. Nur rund 14.000 von ihnen haben deutsche Wurzeln. In einigen Medien in Deutschland wird diese Minderheit als verschworene Gruppe beschrieben, die in der Vergangenheit verharrt. Als Minderheit, die sich im deutschen Buchladen mit Kolonialnostalgie eindeckt. Doch es gibt auch Namibier deutscher Herkunft, die sich um Differenzierung bem\u00fchen. <\/p>\n<p>Einer von ihnen ist Harald Hecht. Er sagt: <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Das ist f\u00fcr mich eigentlich die staatsb\u00fcrgerliche Verantwortung, die ich sp\u00fcre. Wir sind zu sehr als Randgruppe marginalisiert worden. Wir Deutschsprachigen haben ganz viel, was wir einbringen k\u00f6nnen. Wir sind wirtschaftlich noch ein Riesenfaktor. Wir haben tolle Verbindungen nach Deutschland. Und das m\u00fcssen wir zum Wohle des Landes Namibia nutzen.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Harald Hecht vom Forum Deutschsprachiger Namibier<\/p>\n<p>Harald Hecht ist einer der pr\u00e4genden K\u00f6pfe im Forum Deutschsprachiger Namibier. Dieses Netzwerk setzt sich f\u00fcr einen \u00f6konomischen und kulturellen Austausch ein. <\/p>\n<p>Harald Hecht spricht ausf\u00fchrlich \u00fcber seine Familiengeschichte: Einer seiner Urgro\u00dfv\u00e4ter war mit der deutschen \u201eSchutztruppe\u201c ins Land gekommen, seine Gro\u00dfeltern wanderten nach dem Ersten Weltkrieg nach Namibia aus. Harald Hecht ist in den 70er-Jahren in Walvis Bay aufgewachsen, einer kleinen Stadt an der Atlantikk\u00fcste. <\/p>\n<p>              Aufruhr bei einem Jugendturnier<\/p>\n<p>\u201eUnd ich habe ja nur Vorteile bezogen aus der Apartheid\u201c, sagt Harald Hecht. \u201eEs wurde damals f\u00fcr ein wei\u00dfes Kind, glaube ich, das Siebenfache in die Schulbildung investiert wie f\u00fcr ein Schwarzes Kind. Ich bin in einem Land gro\u00df geworden mit ganz vielen Privilegien.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Kolonialzeit gr\u00fcndeten in der wei\u00dfen Minderheit auch britische oder portugiesische Siedler eigenen Mannschaften. Zu den deutschsprachigen Klubs geh\u00f6rten der Deutsche Turn- und Sportverein, der Sportklub Windhoek und die Ramblers. Auch der Vater von Harald Hecht engagierte sich als Fu\u00dfballtrainer und nahm seinen Sohn zu Turnieren mit. <\/p>\n<p>Hecht: \u201eIch wei\u00df auch, dass wir 1978 bei einem Jugendturnier mit teilgenommen haben. Und da haben Privatschulen teilgenommen, die damals schon die ,Rassenschranken\u2018 abgebaut haben. Und die hatten zwei oder drei nichtwei\u00dfe Spieler in der Mannschaft. Und dann gab es Vertreter der Regierungsschulen, die gesagt haben: Nein, wir d\u00fcrfen nicht gegen Schwarze Fu\u00dfball spielen. Und dann gab es einen Riesenaufruhr bei einem Turnier.\u201c<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Harald Hecht\" alt=\"Harald Hecht\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/harald-hecht-namibia-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Harald Hecht ist einer der pr\u00e4genden K\u00f6pfe im Forum Deutschsprachiger Namibier.\u00a9 Ronny Blaschke<\/p>\n<p>              Fu\u00dfball f\u00fcr Vers\u00f6hnung<\/p>\n<p>In den 1980er-Jahren setzten sich auch deutschsprachige Namibier f\u00fcr einen Wandel ein. Sie glaubten, dass das Ende der Apartheid und die \u00d6ffnung f\u00fcr Investoren einen Wirtschaftsaufschwung ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Als erster deutsch gepr\u00e4gter Fu\u00dfballklub \u00f6ffneten sich die Ramblers f\u00fcr Schwarze Spieler. Nach der Unabh\u00e4ngigkeit Namibias wollte sich Harald Hecht im Vers\u00f6hnungsprozess einbringen. Dabei halft ihm der Fu\u00dfball. Seit rund 30 Jahren ist er als Funktion\u00e4r bei den Ramblers aktiv. Im Vereinsheim sind die Regale mit Pokalen zugestellt. Zwischen Tresen und Stammtisch h\u00e4ngen alte Wimpel. <\/p>\n<p>Harald Hecht steuert seinen Gel\u00e4ndewagen durch den Pioneerspark, im S\u00fcdwesten von Windhoek. In dieser Gegend leben viele Wei\u00dfe mit h\u00f6heren Einkommen. <\/p>\n<p>\u201eEs ist unbestritten, dass wir zum Beispiel unser Grundst\u00fcck im Pioneerspark 1981 zu Apartheidkonditionen bekommen haben, also zu g\u00fcnstigen Bedingungen\u201c, sagt Hecht. \u201eBlo\u00df man darf nicht vergessen: Wir haben es in den letzten 40 Jahren auch ausgebaut. Wir haben einen zweiten Platz angelegt, wir haben ganz viele Investments gemacht.\u201c<\/p>\n<p>              Stabilit\u00e4t seit der Apartheid<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich der unrechtm\u00e4\u00dfige Profit w\u00e4hrend der Apartheid mit dem Engagement im demokratischen Nachfolgestaat ausgleichen? L\u00e4sst sich das schlechte Gewissen aus der Vergangenheit durch vorbildliches Verhalten in der Gegenwart abtragen? <\/p>\n<p>Im Sport ist es wie in der Wirtschaft oder in der Medienbranche: Oft sind Organisationen in Namibia wirtschaftlich stabil, die schon w\u00e4hrend der Apartheid zur Elite geh\u00f6rten. Vereine, die von Wei\u00dfen gef\u00fchrt werden, wie die Ramblers oder der Deutsche Turn- und Sportverein, verf\u00fcgen \u00fcber gepflegte Rasenpl\u00e4tze. Ihre Mitglieder und Sponsoren stammen eher aus der Mittelschicht. <\/p>\n<p>              Quoten f\u00fcr einen Wandel<\/p>\n<p>Harald Hecht hat eine Steuerberatungsgesellschaft aufgebaut. Bei seinem Klub, den Ramblers, gibt es Mitgliedsrabatte und einen Fahrservice f\u00fcr Schwarze Spieler mit niedrigen Einkommen. Hecht h\u00e4lt auch Quoten f\u00fcr sinnvoll: <\/p>\n<p>\u201eWenn wir einfach mal die s\u00fcdafrikanische Rugbynationalmannschaft sehen. Da gab es jahrelang die Quoten. Ich wei\u00df, die Kritik war immer: Wenn wir jetzt vier, f\u00fcnf Schwarze in unsere Mannschaft aufnehmen m\u00fcssen, dann haben wir einen Qualit\u00e4tsverlust. 2019 dann wurde S\u00fcdafrika Rugbyweltmeister mit einem Schwarzen Kapit\u00e4n, mit f\u00fcnf oder sechs Schwarzen in der Mannschaft. Da war kein Leistungsverlust zu erkennen. Vielleicht muss man manchmal kurzfristig diesen Leistungsverlust absorbieren. Man muss Leuten auch eine Chance geben, dass sie auch Erfahrung bekommen.\u201c <\/p>\n<p>Aber reicht das? Mehr als 100 Jahre nach der deutschen Herrschaft und mehr als 30 Jahre nach Ende der s\u00fcdafrikanischen Besatzung wirkt der Kolonialismus nach. Der Gini-Index, der die soziale und \u00f6konomische Ungleichheit von Staaten misst, weist Namibia als eines der L\u00e4nder mit dem gr\u00f6\u00dften Gef\u00e4lle weltweit auf. <\/p>\n<p>Und deutlich wird das im Norden von Windhoek, in Katutura. Was so viel hei\u00dft wie: \u201eDer Ort, an dem wir nicht leben wollen\u201c. Mehr als die H\u00e4lfe der Kinder in Katutura leidet unter Mangelern\u00e4hrung. Viele ihrer Eltern sind HIV-positiv. <\/p>\n<p>Diebstahl, Drogen und Gewaltverbrechen sind Themen, die kaum noch Emp\u00f6rung hervorrufen, sagt die Sozialarbeiterin Thuba Sibanda: <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Dieses Viertel wurde w\u00e4hrend der Apartheid geschaffen. Die wei\u00dfe Minderheit hat die Schwarze Bev\u00f6lkerung nach Katutura gedr\u00e4ngt. Schwarze Menschen durften nur f\u00fcr die Arbeit in die Innenstadt fahren. Heute, nach der Apartheid, gibt es keinen Zwang mehr. Aber die Menschen aus Katutura m\u00fcssen ihre Familien ern\u00e4hren. Sie arbeiten weiter als G\u00e4rtner, Reinigungskr\u00e4fte oder Sicherheitsleute f\u00fcr die Wei\u00dfen. Und abends kommen sie zur\u00fcck nach Katutura.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Sozialarbeiterin Thuba Sibanda<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Die Sozialarbeiterin Thuba Sibanda\" alt=\"Die Sozialarbeiterin Thuba Sibanda\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/sozialarbeiterin-thuba-sibanda-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Thuba Sibanda ist Leiterin eines Jugendtreffs in Katutura.\u00a9 Ronny Blaschke<\/p>\n<p>              Auf der Suche nach Vorbildern<\/p>\n<p>Die Sportwissenschaftlerin Thuba Sibanda leitet in Katutura einen Jugendtreff. Am Eingang sind die Mauern mit optimistischen Botschaften bemalt. Neben dem Computerraum laufen Jungen um eine Tischtennisplatte herum. In der K\u00fcche werden Snacks vorbereitet. <\/p>\n<p>Sibanda: \u201eDie Kinder und Jugendlichen in Katutura haben kaum Vorbilder in ihrem Alltag. F\u00fcr viele Jugendliche besteht der Alltag nur aus Problemen. Doch wir m\u00f6chten ihnen Alternativen zeigen, auch mit Hilfe des Sports, damit sie eigene St\u00e4rken entdecken und entwickeln k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>In Namibia ist Sport an \u00f6konomische Verh\u00e4ltnisse gekn\u00fcpft. Je teurer die Ausstattung, desto wohlhabender deren Mitglieder. In Hockey, Tennis oder Rugby sind \u00fcberproportional viele wei\u00dfe Menschen aktiv. <\/p>\n<p>Auch der Radsport blieb Schwarzen Namibiern lange verschlossen. Davon zeugten die Bilder von \u201eDesert Dash\u201c, einem Extrem-Radrennen zwischen Windhoek und der K\u00fcstenstadt Swakopmund. Die Teilnehmenden: mehrheitlich wei\u00df.\u00a0 <\/p>\n<p>Thuba Sibanda wollte sich damit nicht abfinden. Sie vernetzte sich mit Sozialarbeitern und sprach bei Sponsoren vor. <\/p>\n<p>Das Ergebnis l\u00e4sst sich in Katutura neben dem Jugendtreff beobachten. Jugendliche rasen mit BMX-R\u00e4dern \u00fcber einen holprigen Rundkurs. <\/p>\n<p>\u201eIn den Schulen und Jugendeinrichtungen von Katutura konnten Schwarze Sch\u00fcler nur zwischen vier Sportarten w\u00e4hlen: Fu\u00dfball, Laufen, Netball und Boxen. Hockey zum Beispiel wurde nur in Privatschulen angeboten. Aber wir m\u00f6chten den Jugendlichen zeigen, dass sie heutzutage jeden Raum und jeden Sport erobern k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>              Die meisten wollen Fu\u00dfball spielen<\/p>\n<p>Mehr als 120 Kinder und Jugendliche sind in der Begegnungsst\u00e4tte von Thuba Sibanda registriert. Die allermeisten wollen Fu\u00dfball spielen, aber sie k\u00f6nnen zwischen 13 Sportarten w\u00e4hlen. Regelm\u00e4\u00dfig fahren die Fu\u00dfballer aus Katutura mit Minibussen in die wohlhabenden Viertel von Windhoek. Dann nehmen sie an Turnieren teil<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00f6chten ihnen sagen, dass die Welt gr\u00f6\u00dfer ist, als ihnen eingeredet wurde. Mit harter Arbeit und auch mit Stipendien k\u00f6nnen sie es in die Universit\u00e4ten schaffen. Sie m\u00f6chten Lehrer, Mediziner oder Ingenieure werden. F\u00fcr sie muss es zwischen Katutura und dem Rest der Stadt keine Grenze geben.\u201c<\/p>\n<p>Anfang 2024 nahm die Nationalmannschaft Namibias an der Afrika-Meisterschaft teil. Dort besiegte sie in der Vorrunde den Favoriten Tunesien. Der Nationaltrainer Namibias ist Collin Benjamin, der seine Profilaufbahn vor allem in Deutschland verbracht hatte, insbesondere beim Hamburger SV.<\/p>\n<p>Apropos Deutschland: Die Bundesrepublik leistet in Namibia so viel Entwicklungshilfe pro Kopf wie in kaum einem anderen Land. Und der Fu\u00dfball ist daf\u00fcr ein Symbol: Die Bundesregierung entsandte Trainer und Entwicklungshelfer nach Namibia. Und Profiklubs wie Werder Bremen und die TSG Hoffenheim waren f\u00fcr soziale Projekte vor Ort. <\/p>\n<p>              Heimspiele im Land des Besatzers<\/p>\n<p>Und trotzdem: Das Verh\u00e4ltnis Namibias zur Bundesrepublik ist kompliziert. Erst 2015 rang sich die Bundesregierung dazu durch, von einem V\u00f6lkermord an den Herero und Nama zu sprechen. Seither laufen schleppende Verhandlungen \u00fcber Entsch\u00e4digungen, genaue Formulierungen einer deutschen Entschuldigung und Projekte zwischen beiden L\u00e4ndern. <\/p>\n<p>F\u00fcr Namibia ist die schwerwiegendste Konsequenz des Kolonialismus die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, was meist bedeutet: zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen. Die mehrheitlich Schwarze Fu\u00dfballnationalmannschaft hat bis heute kein vorzeigbares Stadion. Sie muss ihre Heimspiele in S\u00fcdafrika bestreiten, im Land der einstigen Besatzungsmacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Stadion im Norden von Windhoek, in der Hauptstadt von Namibia. An den R\u00e4ndern eines Fu\u00dfballplatzes wuchert Unkraut.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6911,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[152,1910,414,412],"class_list":{"0":"post-6910","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-namibia","8":"tag-fussball","9":"tag-kolonialismus","10":"tag-namibia","11":"tag-sport"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116446042660010015","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6910","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6910"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6910\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6910"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6910"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6910"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}