{"id":7881,"date":"2026-04-23T01:42:10","date_gmt":"2026-04-23T01:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/7881\/"},"modified":"2026-04-23T01:42:10","modified_gmt":"2026-04-23T01:42:10","slug":"afrika-trumps-drohungen-religion-kein-hauptgrund-fuer-gewalt-in-nigeria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/7881\/","title":{"rendered":"Afrika: Trumps Drohungen: Religion kein Hauptgrund f\u00fcr Gewalt in Nigeria"},"content":{"rendered":"<p>Das internationale Anprangern der Verfolgung von Christen geh\u00f6rt seit langem zu den bevorzugten politischen Themen von Donald Trump und seiner Administration. J\u00fcngstes Ziel seiner verbalen Attacken ist nun Nigeria: Die USA stuften das Land vergangene Woche als Country of Particular Concern\u00a0ein \u2013 als Staat, in dem die Religionsfreiheit systematisch verletzt werde. Auf dieser Liste stehen sonst L\u00e4nder wie China, Myanmar, Nordkorea, Russland oder Pakistan. Gleichzeitig drohte Trump, US-Hilfen f\u00fcr Nigeria zu streichen, und stellte sogar milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen in Aussicht, sollte das Land Christen nicht besser sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser f\u00fcr diese Rhetorik scheinen Berichte der United States Commission on International Religious Freedom und anderer Organisationen zu sein. Unbestritten ist, dass in Nigeria seit Jahren zahlreiche christliche Zivilisten durch Gewalt ums Leben kommen. Entscheidend ist jedoch: Das Gleiche gilt f\u00fcr viele Muslime. Die Hauptursache ist nicht religi\u00f6se Verfolgung, sondern die weitreichende Unsicherheit im Land. Nigeria ist von vielen unterschiedlichen Konflikten gepr\u00e4gt \u2013 und Religion spielt dabei meist keine zentrale Rolle. Oft wird sie erst im Nachhinein herangezogen, um die Opfer oder die Konfliktparteien zu beschreiben, ohne dass der Streit urspr\u00fcnglich etwas mit Glauben zu tun gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Im Norden Nigerias fordert der islamistische Terrorismus \u2013 vor allem durch Boko Haram und den westafrikanischen Ableger des Islamischen Staates (IS), der derzeit an Einfluss gewinnt \u2013 zahlreiche muslimische Zivilopfer. Immer wieder werden ganze D\u00f6rfer \u00fcberfallen und Muslime get\u00f6tet, die sich der extremistischen Ideologie der Terrorgruppen verweigern. Durch die jahrelange Vernachl\u00e4ssigung des Nordens und die schwache Pr\u00e4senz des nigerianischen Staates ist dort ein Machtvakuum entstanden. Dieses wird nun vom IS genutzt, der teilweise \u00fcber modernste Ausr\u00fcstung bis hin zu Drohnen verf\u00fcgt und vor allem Polizei- und Milit\u00e4reinrichtungen angreift.<\/p>\n<p>Auch der h\u00e4ufig als religi\u00f6s dargestellte Konflikt zwischen sesshaften christlichen Bauern und nomadischen muslimischen Hirten in Zentralnigeria ist im Kern ein Streit um Acker- und Weideland \u2013 ein Konflikt, der durch den Klimawandel weiter versch\u00e4rft wird. Die Hirten geh\u00f6ren meist der Fulani-Ethnie an, w\u00e4hrend die Bauern anderen Volksgruppen entstammen. In den vergangenen Jahren kam es vor diesem Hintergrund zu brutalen, teils gezielten Angriffen, etwa auf Kirchen. Doch auch diese Gewalt hat eine ausgepr\u00e4gte ethnische Dimension. In einem Land mit mehr als 300 ethnischen Gruppen stiftet die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Volksgruppe oft mehr Identit\u00e4t als die Religion. Die Angriffe \u2013 ebenso wie manche Vergeltungsakte \u2013 lassen sich daher nicht von den tieferliegenden Konflikten um Land und Ressourcen trennen.<\/p>\n<p>In einem Land mit mehr als 300 ethnischen Gruppen stiftet die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Volksgruppe oft mehr Identit\u00e4t als die Religion.<\/p>\n<p>In vielen Landesteilen bestimmen au\u00dferdem Bandenkriminalit\u00e4t und Entf\u00fchrungen den Alltag. Dies ist vor allem eine Folge schwacher staatlicher Kontrolle, fehlender Strafverfolgung und tiefer wirtschaftlicher Spannungen \u2013 und nicht religi\u00f6ser Motive. Die Regierung von Pr\u00e4sident Bola Tinubu, die 2023 mit dem Versprechen angetreten ist, die massive Unsicherheit entschieden zu bek\u00e4mpfen, hat dieses Versprechen bislang nicht eingel\u00f6st. Ihr Umgang mit den zahlreichen Sicherheitskrisen wirkt tr\u00e4ge und selbstzufrieden \u2013 und unterscheidet sich damit kaum von dem fr\u00fcherer Regierungen.<\/p>\n<p>Die Reaktionen auf Trumps Drohungen fallen in Nigeria sehr unterschiedlich aus. Viele erinnern sich an seine vollmundigen Ank\u00fcndigungen zur Rolle Gr\u00f6nlands, auf die letztlich kaum Taten folgten. Auch jetzt sehen viele seine \u00c4u\u00dferungen eher als innenpolitische Symbolik \u2013 als Signal an seine christlich gepr\u00e4gte, teils fundamentalistische Anh\u00e4ngerschaft.<\/p>\n<p>Angesichts der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der Regierung Tinubu, der es trotz des gro\u00dfen wirtschaftlichen Potenzials des Landes bisher nicht gelingt, die Lebensbedingungen sp\u00fcrbar zu verbessern, \u00e4u\u00dfern manche Nigerianer \u2013 teils sarkastisch \u2013 sogar den Wunsch nach einer externen Intervention. Andere lehnen jede Einmischung von au\u00dfen entschieden ab und verweisen auf die desastr\u00f6se Bilanz fr\u00fcherer US-Eins\u00e4tze im Irak, in Libyen und Afghanistan sowie auf negative Erfahrungen mit dem franz\u00f6sischen Engagement in Westafrika. Vor dem Hintergrund des Ressourcenreichtums Nigerias, insbesondere bei seltenen Erden und anderen Rohstoffen, wirft die pl\u00f6tzliche Aufmerksamkeit f\u00fcr die angebliche Christenverfolgung Fragen auf: K\u00f6nnte sie nicht vielmehr ein Vorwand f\u00fcr geo\u00f6konomische Interessen sein?<\/p>\n<p>Die nigerianische Regierung hat inzwischen deutlich gemacht, dass sie grunds\u00e4tzlich an einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit und an gemeinsamen Milit\u00e4reins\u00e4tzen interessiert ist \u2013 allerdings nur, wenn diese abgestimmt und mit Zustimmung der Regierung erfolgen, ohne die Souver\u00e4nit\u00e4t des Landes einzuschr\u00e4nken.\u00a0Gerade das Thema Souver\u00e4nit\u00e4t ist in Westafrika derzeit besonders heikel: Der Austritt Malis, Burkina Fasos und Nigers aus der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS wurde auch als Protest gegen westlichen Einfluss inszeniert. Im Senegal wiederum verdankt der neue Pr\u00e4sident seinen Wahlsieg nicht zuletzt seiner stark antifranz\u00f6sischen Rhetorik; Frankreich hat inzwischen alle Truppen aus dem Land abgezogen. Ein US-Engagement, das dem fr\u00fcheren franz\u00f6sischen Einfluss in den frankophonen Staaten Westafrikas \u00e4hnelte, ist f\u00fcr die meisten Nigerianerinnen und Nigerianer v\u00f6llig undenkbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland und Europa bedeutet das: Nigeria braucht Respekt, keine Bevormundung. Europas Botschaft sollte eindeutig sein \u2013 uneingeschr\u00e4nkte Unterst\u00fctzung der nigerianischen Souver\u00e4nit\u00e4t und Anerkennung seiner Bedeutung in Westafrika, auf dem afrikanischen Kontinent und weit dar\u00fcber hinaus.\u00a0Der \u201eGigant Afrikas\u201c ist mit mehr als 230 Millionen Einwohnern und seinem gro\u00dfen Rohstoffreichtum nicht nur demografisch und wirtschaftlich ein Schwergewicht, sondern auch ein zentraler Partner bei der Verteidigung einer regelbasierten Weltordnung. Globale Zukunftsfragen in einer multipolaren Welt \u2013 von Migration \u00fcber Sicherheit im Sahel bis hin zu Klimaschutz, Energieversorgung und Rohstoffsicherheit \u2013 lassen sich nur in enger Zusammenarbeit mit L\u00e4ndern wie Nigeria l\u00f6sen, und nicht durch sinnfreie Drohungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das internationale Anprangern der Verfolgung von Christen geh\u00f6rt seit langem zu den bevorzugten politischen Themen von Donald Trump&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7882,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[8],"tags":[1271,205,2859,532,77,1506,4174],"class_list":["post-7881","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-nigeria","tag-christenverfolgung","tag-gewalt","tag-land","tag-militaer","tag-nigeria","tag-trump","tag-ursachen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116451484803495543","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7881","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7881"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7881\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7882"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}