{"id":8816,"date":"2026-04-24T03:49:36","date_gmt":"2026-04-24T03:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/8816\/"},"modified":"2026-04-24T03:49:36","modified_gmt":"2026-04-24T03:49:36","slug":"somalia-fortsetzung-der-politischen-transformation-nach-der-wiederwahl-hassan-sheikhs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/8816\/","title":{"rendered":"Somalia: Fortsetzung der politischen Transformation nach der Wiederwahl Hassan Sheikhs?"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/person\/ulf-terlinden\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ulf Terlinden, B\u00fcroleiter, Hbs Horn von Afrika<\/a><\/p>\n<p>Heute wird Hassan Sheikh Mohamoud in Mogadischu offiziell als neuer Pr\u00e4sident ins Amt eingef\u00fchrt. Er hatte Somalia schon von Oktober 2012 bis Februar 2017 regiert. Seiner Wahl durch die beiden Parlamentskammern vorangegangen waren 15 Monate politischer Krise. Das Mandat seines Nachfolgers (und jetzt auch Vorg\u00e4ngers), Pr\u00e4sident Mohammed Abdullahi \u201eFarmajo\u201c, war schon im Februar 2021 abgelaufen. Im April 2021 hatte Farmajo versucht, seine Amtszeit vom somalischen Parlament um zwei Jahre verl\u00e4ngern zu lassen, traf jedoch auf Widerstand und musste dies schlie\u00dflich r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Doch Farmajo versuchte weiterhin mit allen Mitteln, den im Mai 2021 vereinbarten Wahlprozess f\u00fcr Parlament und Senat zu beeinflussen und \u2013wo n\u00f6tig &#8211; zu behindern. Delegierte wurden bedroht oder bestochen, unliebsame Wahlgewinne mit fragw\u00fcrdigen Verfahren annulliert, mitunter Hundertschaften Spezialkr\u00e4fte zur Einsch\u00fcchterung entsandt. <\/p>\n<p>Auch die \u2013 zum Teil Farmajo-loyalen \u2013 Pr\u00e4sidenten der aktuell f\u00fcnf f\u00f6deralen Mitgliedsstaaten Somalias griffen massiv in die Auswahl der neuen Parlamentarier durch Klan-Delegierte auf regionaler Ebene ein. Erst im April 2022 machte schlie\u00dflich der Abschluss des Auswahlprozesses f\u00fcr beide Parlamentskammern den Weg f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl am 15. Mai 2022 frei. Unter 35 Kandidaten und einer Kandidatin setzte sich Hassan Sheikh mit zwei Dritteln der Abgeordneten-Stimmen im dritten Wahlgang gegen Farmajo durch. Dieser erkannte die Wahl an und \u00fcbergab die Amtsgesch\u00e4fte.<\/p>\n<p>Kirsten Krampe: Wie hat Somalia es geschafft, die Krise der letzten 15 Monate zu \u00fcberwinden und einen neuen Krieg um die Macht zu vermeiden?<\/p>\n<p>Ulf Terlinden: Die Situation war zwischenzeitlich wirklich eskaliert und stand vor allem Ende April 2021 \u201eSpitz auf Knopf\u201c. Mogadischu erinnerte \u00fcber Nacht wieder an die Situation des B\u00fcrgerkrieges, kontrolliert von verschiedenen Milizen und Fraktionen der Armee, parzelliert von \u201eCheckpoints\u201c. Kurze Gefechte kosteten etliche Menschenleben. Unmittelbar stabilisiert hat die Situation, dass sich die Streitkr\u00e4fte rasch in Regierungs- und Oppositionslager entlang Klan-Linien spalteten und auch f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten erkennbar war, dass er sich nicht ohne Weiteres h\u00e4tte durchsetzen k\u00f6nnen. Und keine der beiden Seiten hatte ernsthaft Interesse an einer R\u00fcckkehr zum B\u00fcrgerkrieg. Massiver Druck aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft sowie Sanktionsandrohungen aus dem Ausland (das auch die Truppe der Afrikanischen Union finanziert) schafften Raum f\u00fcr Dialog. <\/p>\n<p>Politisch war hierf\u00fcr auch wichtig, dass zwei der drei ansonsten Farmajo-loyalen Regionalpr\u00e4sidenten sich gegen die Mandatsverl\u00e4ngerung aussprachen und die Oppositionskandidaten in dieser Auseinandersetzung als eine gemeinsame Kraft auftraten. Nachdem das Parlament die Mandatsverl\u00e4ngerung zur\u00fcckgenommen hatte, wurde mit viel Geduld eine St\u00e4rkung der urspr\u00fcnglichen Vereinbarung vom September 2020 ausgehandelt. Premierminister Mohamed Hussein Roble wurde mit der Aufsicht \u00fcber den Auswahlprozess f\u00fcr das neue Parlament betraut. Dieser nutzte die Chance, sich mit R\u00fcckendeckung nahezu aller Akteure (au\u00dfer Farmajo) politisch zu beweisen. Zwar gab es auch immer wieder R\u00fcckschl\u00e4ge: Bis zuletzt wurde z.B. \u00fcber die Auswahl der Abgeordneten in Garbaharey \u2013Farmajos Klan-Region\u2013 gestritten, und gegen alle Regeln fanden mehr als ein Dutzend Farmajo-getreue Mitarbeiter der National Intelligence and Security Agency (NISA) ihren Weg ins Parlament. Doch so lange der Prozess weiterlief und der \u00f6ffentliche Unmut \u00fcber die Taktik des Pr\u00e4sidenten jeden Tag stieg, so lange \u00fcbte sich die Opposition einschlie\u00dflich der Regionalpr\u00e4sidenten von Puntland und Jubaland in Zur\u00fcckhaltung. Am Ende hatte ein friedlicher Verlauf mit Farmajos zunehmend gewissem Amtsende mehr Priorit\u00e4t, als das Tempo und z.T. die Fairness des Prozesses. <\/p>\n<p>Wie sch\u00e4tzt Du die Bedeutung dieser Wahl f\u00fcr die politische Transformation Somalias ein? <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal ist es gut, dass mit Farmajos Regierungszeit eine Phase dramatischer R\u00fcckschritte zu Ende geht. Mit plumpen nationalistischen und zentralistischen T\u00f6nen hat er nicht nur den F\u00f6deralismus als hart errungenes Leitbild des Friedensprozesses in Frage gestellt, sondern auch eindeutig autorit\u00e4re und autokratische Tendenzen gezeigt. Auch die Politisierung des Sicherheitsapparates im Zuge des Wahlprozesses und die Herausbildung von Spezialkr\u00e4ften mit direkter Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Pr\u00e4sidenten unterstreichen dies. <\/p>\n<p>Zwar vermochte die Regierung mehr internationale Unterst\u00fctzung \u2013 einschlie\u00dflich erstmals Budgethilfe \u2013 zu mobilisieren, als jede Vorg\u00e4ngerregierung. Derweil herrschte bei der politischen Transformation des Landes f\u00fcnf Jahre lang Stillstand. Die Fertigstellung der immer noch vorl\u00e4ufigen Verfassung lag auf Eis. Nichts wurde unternommen, um wie geplant 2021 allgemeine Wahlen abzuhalten, und das indirekte Wahlverfahren 2021\/22 markiert einen erheblichen R\u00fcckschritt gegen\u00fcber dem Ansatz von 2016\/17, bei dem wenigstens 14.000 Delegierte beteiligt waren. Der politische Dialog und die Kooperation mit den f\u00f6deralen Mitgliedstaaten waren weitgehend ausgesetzt, und die Ausgestaltung des f\u00f6deralen Systems \u2013 aus praktischer Governance-Perspektive wohl die dringendste Aufgabe nach der Konstituierung der Mitgliedstaaten bis Ende 2016 \u2013 kam nicht voran. <\/p>\n<p>Derweil hat die Terrormiliz Al Shabaab in den vergangenen f\u00fcnf Jahren stetig an Einfluss gewonnen. Die Gruppe hat nicht nur zus\u00e4tzliches Gel\u00e4nde \u00fcbernommen, sondern vor allem auch ihren Einfluss als \u201eSchattenregime\u201c bis tief in die regierungskontrollierten Gebiete hinein ausgebaut. Al Shabaab unterh\u00e4lt ein paralleles Justizsystem, das zum Teil deutlich wirkungsm\u00e4chtiger ist, als der von Korruption zerfressene Staatsapparat. Und unter Gewaltandrohung erhebt die Miliz mitten in der Hauptstadt Einkommens- und Umsatzsteuern. Vor einigen Monaten schlossen H\u00e4ndler am zentralen Bakara-Markt aus Protest ihre L\u00e4den, weil sie unter der Dreifachbesteuerung von Regierung, Al Shabaab und sogar ISIS nicht mehr handeln konnten. Zudem wird berichtet, dass Pr\u00e4sident Farmajo mindestens toleriert hat, dass der Sicherheitsapparat von Al Shabaab durchsetzt wurde. <\/p>\n<p>Die Bedeutung der Wahl und ihres Ergebnisses f\u00fcr die politische Transformation des Landes ist also hoch, weil Somalia nun seinen \u2013 z\u00e4hen aber stetigen \u2013 Reformprozess wiederaufnehmen k\u00f6nnte. Die unmittelbaren Gefahren eines neuen Konfliktes um die Kontrolle des Staatsapparates und \u00a0\u2013 wie von vielen bef\u00fcrchtet \u2013 gar eine Implosion der Institutionen sind abgewendet worden. Vielleicht die beste Nachricht in Richtung Transformation: Der relativ geduldige Prozess der vergangenen 15 Monate bis hin zur friedlichen Macht\u00fcbergabe sind letztlich auch Ausdruck einer \u2013 trotz aller Defizite und Unzufriedenheiten \u2013 breiten Unterst\u00fctzung unter somalischen Eliten f\u00fcr die tragenden S\u00e4ulen des politischen Wiederaufbaus seit 2002: 1. F\u00f6derales System, 2. Machtteilung entlang Klan-Linien, und 3. periodische Mandatserneuerungen durch Wahlen (unterschiedlichster G\u00fcte). Ein bestandener Stresstest also. <\/p>\n<p>Was kann man von Hassan Sheikh Mohamoud erwarten?<\/p>\n<p>Hassan Sheikh kommt urspr\u00fcnglich aus der somalischen Zivilgesellschaft. Er war in den Vers\u00f6hnungsprozessen und in der Friedenskonsolidierung stark engagiert, erlebte den B\u00fcrgerkrieg und den \u00e4thiopischen Einmarsch in Mogadischu unmittelbar. Seine \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen und sein Wahlprogramm betonen die Bedeutung von Vertrauensbildung, Dialog und Ausgleich. Somit bringt er qua Lebenslauf und Pers\u00f6nlichkeit eine gute Grundlage f\u00fcr das Amt unter den gegenw\u00e4rtigen Herausforderungen mit. <\/p>\n<p>Er ist zwar zweifelsohne an einer weiteren St\u00e4rkung der Bundesregierung in Mogadischu interessiert, erkennt aber die Rolle der f\u00f6deralen Mitgliedsstaaten und die Bedeutung des f\u00f6deralen Systems f\u00fcr ein Gelingen des politischen Wiederaufbaus nachdr\u00fccklich an. In einem Artikel von Ende April sagte er: \u201eDer neue Pr\u00e4sident muss verstehen, dass er Teil eines ausgekl\u00fcgelten und komplexen Orchesters ist, das im nationalen Interesse zusammenarbeiten muss.\u201c Auch die starke politische Unterst\u00fctzung, die er insbesondere aus Puntland und Jubaland erfuhr, d\u00fcrfte zu einer Regierungspraxis beitragen, die das riesige Land Somalia nicht allein aus der Hauptstadt heraus begreift und lenkt. Hassan Sheikhs Auftaktreise nach Baidoa und Dusamareeb, noch vor der offiziellen Amtseinf\u00fchrung, setzte hier bereits ein deutliches Zeichen. Auch gegen\u00fcber der international nicht anerkannten Republik Somaliland ist eher mit vers\u00f6hnlichen T\u00f6nen, vielleicht sogar mit einer Wiederaufnahme des Dialogs zu rechnen. <\/p>\n<p>Man darf zudem davon ausgehen, dass es einen Unterschied macht, dass zum ersten Mal ein Pr\u00e4sident wiedergew\u00e4hlt wurde. Er bringt die Erfahrung und das institutionelle Ged\u00e4chtnis seiner ersten Amtszeit mit, was im Kontext des fragilen und d\u00fcnnen Staatsapparates Somalias besonders wichtig ist. Hoffentlich wird dem Land das \u00fcbliche \u201eTabularasa\u201c erspart, mit dem bislang \u00fcblicherweise das erste Jahr jeder Amtszeit vergeudet wurde. Insbesondere die internationalen Partner Somalias sollten einen Pr\u00e4sidenten erwarten, der aus der Erfahrung sch\u00f6pfend und selbstbewusst agiert. <\/p>\n<p>Als gr\u00f6\u00dftes Manko seiner ersten Regierung in Erinnerung geblieben sind die hartn\u00e4ckigen Berichte \u00fcber Korruption und Diebstahl aus \u00f6ffentlichen Kassen. Hier steht er unter besonderer Beobachtung. Schon die Postenvergabe der ersten Monate und seine \u00f6ffentliche Kommunikation werden zeigen, ob er dies im zweiten Anlauf \u00fcberwinden kann. Angesichts der zwischen seinen beiden Amtszeiten eingef\u00fchrten Budgethilfe und wegen der anstehenden Verhandlungen mit dem IWF ist dies wohl mehr als eine Imagefrage. <\/p>\n<p>Was sind die zentralen Herausforderungen f\u00fcr Somalia und die neue Regierung in den n\u00e4chsten Jahren?<\/p>\n<p>Die dringendste Aufgabe der neuen Regierung liegt aktuell in der humanit\u00e4ren Lage: Somalia erlebt nach drei ausgefallenen Regenzeiten derzeit die schlimmste D\u00fcrre der letzten 40 Jahre. Nach den Jahren der Covid-Pandemie hatten viele Familien ihre Reserven l\u00e4ngst ausgesch\u00f6pft. Die explodierenden Lebensmittelpreise durch den Ukrainekrieg treffen das Land nun besonders hart \u2013 Somalia importierte bislang 92 Prozent seines Weizens aus Russland und der Ukraine. Seit Monaten schlagen die Hilfswerke Alarm. Schon im M\u00e4rz sagte der humanit\u00e4re Koordinator der VN f\u00fcr Somalia, 1,4 Millionen Kinder seien schwer unterern\u00e4hrt, und ohne eine gro\u00dfangelegte Hilfsaktion sei damit zu rechnen, dass 350.000 von ihnen den Sommer nicht \u00fcberleben w\u00fcrden. Hassan Sheikh hat unmittelbar nach der Wahl einen seiner ehemaligen Mitbewerber zum Sonderbeauftragten f\u00fcr die Krise ernannt. <\/p>\n<p>Die zentralen Herausforderungen f\u00fcr die neue Regierung sind von jenen zum Ende seiner letzten Amtszeit vor f\u00fcnf Jahren kaum zu unterscheiden. An erster Stelle steht die Sicherheitslage. Als allererstes wird der neue Pr\u00e4sident den Sicherheitssektor neu aufstellen und F\u00fchrungskr\u00e4fte entfernen m\u00fcssen, die im Verdacht stehen, Verbindungen zu Al Shabaab zu unterhalten. Bereits angek\u00fcndigt hat der Pr\u00e4sident eine gr\u00f6\u00dfere milit\u00e4rische Offensive. Hierzu passt, dass die US-Regierung unmittelbar nach Hassan Sheikhs Wahlsieg ank\u00fcndigte, 500 der von Trump abgezogenen 700 US-Truppen zur\u00fcck ins Land zu verlegen. Das relativ kleine Kontingent gilt als wichtiges, bef\u00e4higendes Element f\u00fcr die ATMIS-Truppe der Afrikanischen Union (AU) und beide zusammen f\u00fcr die somalischen Streitkr\u00e4fte. Aus der Politik seiner ersten Amtszeit und verschiedenen Verlautbarungen ist zugleich erkennbar, dass Hassan Sheikh auch auf Ausstiegsangebote an Al Shabaab-Mitglieder setzen wird. Mit einer politischen Einbindung ehemaliger Anf\u00fchrer der Miliz ist zu rechnen, und selbst ein Dialog mit Al Shabaab wird in somalischen Kreisen \u2013 unter den richtigen Rahmenbedingungen \u2013 immer weniger ausgeschlossen. \u00dcberf\u00e4llig und besonders von Europa und den USA gefordert ist die Entwicklung eines tragf\u00e4higen Prozesses, durch den die somalischen Streitkr\u00e4fte schrittweise die Kontrolle von der AU-Truppe \u00fcbernehmen k\u00f6nnten. Der offiziell avisierte \u00dcbergang Ende 2024 ist zwar kaum einhaltbar, aber mit einem klaren Konzept f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Sicherheitssektor \u2013 eingebettet in einen starken F\u00f6deralismus \u2013 k\u00f6nnte in drei Jahren zumindest eine neue Aufgabenteilung festgelegt werden. <\/p>\n<p>Um mit Al Shabaab nicht nur milit\u00e4risch, sondern auch als Anbieter von staatlichen Dienstleistungen konkurrieren zu k\u00f6nnen, muss vor allem die politische Leistungsf\u00e4higkeit und das institutionelle Gef\u00fcge des Staates fortentwickelt werden. Hassan Sheikh hat bereits angek\u00fcndigt, die Fertigstellung der Verfassung im Rahmen einer breiten politischen Einigung aushandeln zu wollen. Kernpunkte d\u00fcrften dabei die Vertiefung des f\u00f6deralen Systems und die Entwicklung eines tragf\u00e4higen Systems der politischen Willensbildung (Parteien, Wahlen) sein. Die ersten Signale machen Hoffnung, dass dieser Prozess diesmal pragmatisch von somalischer Seite gef\u00fchrt und nicht in endlose UN-Projekte delegiert wird, die mangels politischer Akzeptanz wieder ergebnislos enden. <\/p>\n<p>Ein dritter gro\u00dfer Aufgabenbereich liegt sicher im Bereich der Wirtschaft. Nach dem nun endlich erfolgten Abschluss des Wahlprozesses d\u00fcrfte der IWF positiver auf die Erneuerung des Budgethilfeprogramms blicken, in dessen Rahmen Somalia knapp 400 Millionen US Dollar innerhalb von drei Jahren erh\u00e4lt. Von seiner Fortsetzung h\u00e4ngt auch ab, ob und wann die Verhandlungen \u00fcber den \u00fcberf\u00e4lligen Schuldenerlass (von f\u00fcnf Milliarden auf 500 Millionen US Dollar) abgeschlossen werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Was bedeutet der Regierungswechsel f\u00fcr die Region?<\/p>\n<p>Das Ende der trilateralen Vereinbarungen zwischen Eritrea, \u00c4thiopien und Somalia zeichnete sich ja schon ab, seit die politische Allianz zwischen Premierminister Abiy Ahmed (\u00c4thiopien) und Diktator Issayas Afewerki (Eritrea) am Jahresanfang zu br\u00f6ckeln begann. Auch Pr\u00e4sident Hassan Sheikh wird im Unterschied zu Farmajo sicherlich auf Distanz zum regionalen Unruhestifter Eritrea gehen, mit dem gro\u00dfen Nachbarn \u00c4thiopien jedoch pragmatisch und kooperativ verkehren. Die angek\u00fcndigte Teilnahme Abiys an der Amtseinf\u00fchrung in Mogadischu ist ein gutes Zeichen f\u00fcr die bilateralen Beziehungen. <\/p>\n<p>Der Streit um den Verlauf der Seegrenze zwischen Somalia und Kenia ist zwar nach wie vor ungel\u00f6st, aber Hassan Sheikh hat keinen Grund, die aggressive Haltung Farmajos gegen\u00fcber dem wichtigen Nachbarland Kenia fortzusetzen. Farmajo hatte Kenia als Unterst\u00fctzer seiner innenpolitischen Gegner identifiziert und unter anderem gedroht, das kenianische AU-Truppenkontingent des Landes zu verweisen. <\/p>\n<p>Besonders in die Reparatur der Beziehungen Somalias in die Golfregion wird der neue Pr\u00e4sident Arbeit investieren m\u00fcssen. Beg\u00fcnstigt wird dies jedoch durch die Normalisierung der Beziehungen innerhalb des Golf-Kooperationsrates (GCC) seit Anfang 2021. Insbesondere die Fehde zwischen Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte ab 2017 dazu gef\u00fchrt, dass die beiden Golfstaaten rivalisierende politische Lager in Somalia unterst\u00fctzten. <\/p>\n<p>Was sollten Deutschland und die EU in der Kooperation mit Somalia jetzt beachten?<\/p>\n<p>Die erste Wiederwahl eines Pr\u00e4sidenten in Somalia sollte zum Anlass genommen werden, der neuen Regierung den erforderlichen Raum zu geben, zun\u00e4chst ihre eigene Agenda zu setzen. Die erste Regierung von Hassan Sheikh hatte mit der \u201eVision 2016\u201c, dem \u201eWadajir Framework\u201c und anderen Kerndokumenten im Laufe ihrer Amtszeit tragf\u00e4hige, eigene Konzepte entwickelt, an die jetzt angekn\u00fcpft werden kann, statt die Regierung mit Horden ausl\u00e4ndischer Berater\/innen zu \u00fcberfordern und das Rad (\u201eroadmaps\u201c) stets neu zu erfinden. <\/p>\n<p>Wichtig ist vielmehr, dass externe Unterst\u00fctzung sich an gemeinsamen Zielvereinbarungen orientiert, die auf einer ehrlichen politischen Rahmensetzung und realistischen Zielen beruhen. \u201eDon\u2019t let the perfect be the enemy of the good\u201c bedeutet einerseits: Erfolge auch dann als solche anzuerkennen, wenn sie nicht gleich im ersten Schritt alle sogenannten \u201einternationalen Standards\u201c erf\u00fcllen. Es hei\u00dft aber auch, ein Sch\u00f6nreden der Verh\u00e4ltnisse vermeiden \u2013 gerade auch, um sich vor \u201e\u00dcberraschungen\u201c wie der Macht\u00fcbernahme der Taliban in Afghanistan zu sch\u00fctzen. <\/p>\n<p>Konkret illustrieren l\u00e4sst sich dies am Beispiel des Demokratisierungsprozesses. Bereits zwei Mal \u2013 2016 und 2021 \u2013 ist die vom UN-Sicherheitsrat und diversen UN-Organisationen propagierte Abhaltung allgemeiner Wahlen binnen einer Amtszeit krachend gescheitert. Jede\/r ernstzunehmende Expert\/in h\u00e4tte zu Beginn der jeweiligen vier Jahre erkennen k\u00f6nnen, dass diese Vorgabe von vorneherein unrealistisch war, wenn die Regierung weite Teile des Landes nicht einmal kontrolliert und der politische Teil der Verfassung eine klaffende L\u00fccke ist. Statt nun mit den somalischen Partnern abermals alles auf diese kaum erreichbare Zielmarke zu orientieren, m\u00fcsste die Diskussion umgedreht werden: Was ist realistisch in den n\u00e4chsten vier Jahren erreichbar in Richtung Demokratisierung, welche Erfolge w\u00fcrden guten und messbaren Fortschritt markieren? Schon zum Beispiel die subsidi\u00e4re Entwicklung von Wahlorganen in allen Mitgliedsstaaten und \u2013wo m\u00f6glich\u2013 sukzessive Kommunalwahlen w\u00e4ren etwa eine radikale Ver\u00e4nderung gegen\u00fcber dem Status Quo. Puntland, der n\u00f6rdlichste Mitgliedsstaat Somalias, hat letzteres 2021 sogar in drei Distrikten schon getestet. Gro\u00dffl\u00e4chig w\u00e4re ein solcher Ansatz aber nur denk- und machbar, wenn man gemeinsam den politischen Mut entwickelt, solche Zwischenschritte als \u201egut genug\u201c f\u00fcr eine Laufzeit von vier Jahren zu deklarieren und dann systematisch darauf hinzuarbeiten. <\/p>\n<p>Ein somalisches Sprichwort sagt, dass eine Wunde immer vom Rand und nie von der Mitte her heilt. Das spricht f\u00fcr schrittweise L\u00f6sungen, die stark aus den Regionalstaaten heraus entwickelt werden, statt landesweiten Master-Pl\u00e4nen, die an den diversen Realit\u00e4ten in den Regionen und den Kapazit\u00e4ten in der Hauptstadt scheitern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Interview mit Ulf Terlinden, B\u00fcroleiter, Hbs Horn von Afrika Heute wird Hassan Sheikh Mohamoud in Mogadischu offiziell als&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8817,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[248],"tags":[29,1300,1096,428,4553],"class_list":{"0":"post-8816","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-somalia","8":"tag-afrika","9":"tag-klimawandel","10":"tag-sicherheit","11":"tag-somalia","12":"tag-wahlen-somalia"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@afrika\/116457646485177927","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8816","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8816"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8816\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8817"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8816"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8816"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8816"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}